Ich nicke nur, was soll ich auch sagen? Auf der einen Seite kann ich die Karnevalisten ja schon verstehen, auf der anderen Seite gehört das Sterben nun mal zum Leben dazu, und man muss sich damit auseinandersetzen.
Ich denke, wir haben einen guten Kompromiss gefunden.
Wenden wir uns den meistgestellten Fragen zu: Haben Sie schon einmal etwas Unheimliches erlebt? Gibt es Gespenster in den Leichenhallen? Ich kann den Leser beruhigen, es gibt keine Gespenster, zumindest nicht nach meiner Erkenntnis. Aber unheimliche Sachen passieren doch hin und wieder.
Letztes Jahr zu Halloween:
Es ist neblig, sehr neblig. Das hatte der Wettermann im Radio ja schon so angekündigt, aber bis zu uns in die Stadt kommt der Nebel ja sowieso nie. Der einzige Nebel, den ich dort in den letzten Jahren erlebt habe, sind die stinkenden Schwaden, die ab und zu aus der Kanalisation emporsteigen.
Wir sind ja Nachtwanderer, Bestatter müssen sehr oft nachts raus und fahren dann durch die Einsamkeit der Städte. Ich finde, nachts sieht alles ganz anders aus. Vor allem in der Innenstadt. Tagsüber pulsiert hier das Leben, eine Straßenbahn jagt die andere, die Händler haben vor ihren Läden allerhand Ständer und Schilder aufgestellt, und Tausende kaufwilliger Menschen schieben sich durch die Fußgängerzonen.
Wie anders sieht das mitten in der Nacht aus. Leergefegte Straßen, Tristesse allenthalben. Für uns ist das gut, so können wir ohne Hunderte von Gaffern direkt in der Fußgängerzone parken und unsere Arbeit erledigen.
Aber jetzt bin ich nicht in der Großstadt, sondern ein Anruf hat uns tief in die waldreiche Region weit vor den Toren der Stadt geführt. Schwester Klara ist verstorben, eine Ordensfrau. Ich weiß gar nicht, seit wann die Nonnen dieses Klosters ihre Toten durch unser Haus bestatten lassen, und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass das jemals anders war, vermutlich ist das schon seit Generationen so.
Verdienen können wir an so einem Auftrag nicht viel, aber diese Aufträge haben etwas Besonderes. Denn sie finden nach einem mittelalterlich anmutenden Bestattungsritus statt, der so gar nichts mit unserer normalen Arbeit zu tun hat. Hier ist noch der ganze Bestatter gefordert.
Bevor jedoch mein Mitarbeiter, Herr Flensen, und ich zur Tat schreiten können, müssen wir das vermaledeite Kloster finden. Es liegt auf einer kleinen Anhöhe mitten im Wald, wenigstens fünf Kilometer entfernt von der nächsten Ortschaft. Selbst bei Tageslicht und guter Sicht hätte ich Mühe, das Kloster zu finden, aber jetzt ist es neblig.
Abzweigungen, die ich weit voneinander entfernt vermute, tauchen urplötzlich direkt nacheinander aus dem Nebel auf, andere die direkt beieinanderliegen müssen, sind jetzt weit voneinander entfernt. Im Nebel sieht alles anders aus.
Das Navigationssystem hat schon vor drei Kilometern jeglichen Versuch, diese Adresse zu finden, entnervt eingestellt, und nachdem die blöde Tussi 22-mal »Wenn möglich, bitte wenden!« gekräht hat, habe ich es abgeschaltet.
Langsam tasten sich die Nebelscheinwerfer wie zwei helle Finger durch das weiße Gewaber, und Flensen neben mir meint: »Sie sind vorbeigefahren, Sie sind ganz bestimmt vorbeigefahren, die Abzweigung da hinten hätten wir nehmen müssen.«
Ich brumme nur, vielleicht hat er ja recht, aber zugeben will ich das jetzt noch nicht. Zumindest ist noch nichts am Wegesrand aufgetaucht, was mir vollkommen fremd gewesen wäre, aber ehrlich gesagt sind da auch nur Bäume, und die stehen erschreckend nahe an der Straße, näher als sonst.
»Der Weg wird immer enger«, sagt Flensen, »da kommen wir gleich nicht mehr weiter.«
Ich entgegne: »Wir sind schon richtig, da müsste jetzt irgendwo das kleine blaue Schild mit dem Pfeil kommen, und da müssen wir dann rechts ab.«
»Bei dem Nebel haben wir nicht die geringste Chance, diesen kleinen blauen Pfeil zu finden«, gibt Flensen zu bedenken, und ich weiß, dass er recht hat.
In diesem Moment holpert es, der Wagen wird durchgeschüttelt, und irgendetwas schlägt von unten gegen den Wagenboden. Ich bremse scharf, zu scharf. Das Auto rutscht mir nach links weg, wie auf weichem Pudding. Instinktiv schließe ich die Augen und sehe uns vor meinem geistigen Auge schon mit dem schweren langen Volvo einen Baum rammen. Aber wir rutschen nur einen halben, vielleicht einen ganzen Meter, was mir aber im nächtlichen Nebel viel länger vorkommt. Dann steht der Wagen, und wir steigen aus.
»Schöne Scheiße«, meint Flensen, und ich sehe, was er meint. Die Hinterräder stecken bis zur Hälfte im matschigen Untergrund fest. Ich muss über einen dicken Ast gefahren sein.
»Ich geh mal gucken, über was wir da …«, sagt Flensen, mehr verstehe ich nicht, denn dann ist er verschwunden, und seine Stimme wird vom Nebel verschluckt.
So stehe ich kurz vor Mitternacht völlig allein im Wald, neben mir der brummende Volvo, dessen Scheinwerfer den dichten Nebel grell beleuchten. Irgendwo in dieser Suppe liegt ein Kloster, in dem die Schwestern darauf warten, dass wir ihre Mitschwester Klara beerdigen, und ich stecke mit dem Auto mitten im Wald fest. Schöne Scheiße!
Es ist saukalt, und außerdem drängt die Zeit. Um das zu verstehen, muss ich kurz auf das besondere Ritual eingehen, das in diesem Kloster seit Jahrhunderten gepflegt wird. Zunächst einmal ist es so, dass wir immer einen weißen Sarg liefern müssen. Allerdings darf der keine Griffe und keine Schrauben haben. Mit diesem Sarg fahren wir dann zum Kloster. Üblicherweise ist das am frühen Abend, und es erwartet uns ein gutes Abendessen. Dann dürfen wir auf den gar nicht so kleinen Friedhof der Klosteranlage und müssen dort nach alter Manier mit Hacke und Schaufel ein Grab ausheben. Zwei Meter lang, achtzig Zentimeter breit und einsachtzig tief.
Das ist immer eine elende Plackerei, denn das Grabschaufeln gehört normalerweise nicht mehr zu den Arbeiten eines modernen Bestatters. Aber es ist auch klar, dass die allesamt schon sehr betagten Klosterfrauen das nicht selbst machen können. Diese Arbeit müssen wir abends machen, das ist wichtig, denn die Verstorbene muss, so will es die Regel, bis zum Anbruch des nächsten Tages unter der Erde sein. Während wir schaufeln, versorgen die Schwestern im Kloster die Verstorbene und wickeln sie in weiße Tücher. In ihrer Kapelle nehmen sie dann von ihr Abschied. Später können wir die eingewickelte Tote mit einem klapprigen Handwagen abholen und auf den Friedhof bringen.
Ganz wichtig ist das weitere Vorgehen, und ich habe schon mehrmals versucht herauszufinden, warum man das so haben will, aber die Schwestern sind sehr geschickt darin, einfach nur milde zu lächeln, »Vergelt’s Gott« zu sagen und sich ansonsten in freundliches Schweigen zu hüllen. Jedenfalls stellen wir das Unterteil des Sarges in das Grab, lassen die eingewickelte Verstorbene an zwei Stricken hinunter und legen dann den Deckel auf. Anschließend schaufeln wir das Grab zu. Das alles machen wir ganz alleine, von den Schwestern ist da nie jemand zu sehen. Überhaupt macht der ganze Friedhof, im Gegensatz zur übrigen Klosteranlage, nicht den Eindruck, als würde er besonders gepflegt.
Nun gut, ich stehe also im Wald, Flensen ist im Nebel verschwunden, und ich merke, wie mir die Kälte den Rücken hochkriecht.
Hoffentlich kommt der bald wieder, wir haben noch viel zu tun. Erst mal den Wagen flottkriegen, dann den Weg zum Kloster finden, und so ein Grab ist auch nicht in zehn Minuten geschaufelt.
Ich rufe: »Flensen! «, bekomme aber keine Antwort. Es ist so, als würde mein Rufen von einem dicken Kissen erstickt, so dicht ist der Nebel.
Da steh ich also bei Nacht im Nebel und rufe »Flensen«. Irgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl. Kalt ist es, dunkel ist es, der Nebel umwabert mich, und das einzige Licht sind die zwei Lichtfinger vom Volvo, die nach erschreckend kurzer Strecke vom Nebel verschluckt werden.
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