Anarchie in der Domstadt, das Recht der Faust und der Axt. Der Familie, die um den Tisch versammelt war, kamen seine Argumente wohl hinterwäldlerisch oder allzu zartfühlend vor. Und Kornitzer, dem es jetzt auch warm wurde in der großen Runde, räusperte sich, er hätte gerne etwas über das Faustrecht gesagt, denn um das handelte es sich ja, auch über die Verbindlichkeit einer demokratischen Rechtsordnung, fand dies aber vollkommen unpassend als ein Gast der Familie, der sich gerade ordentlich satt gegessen hatte, und schwieg, halb gegen seine eigene Überzeugung. Es war ein diplomatisches Schweigen oder doch eher ein furchtsames. Es stieß sich an der vorläufigen Behaglichkeit, in der er sich eingerichtet hatte. Er sah sich schon selbst mit der Axt durch das Wäldchen streifen, ein Robinson Crusoe im Außenbezirk der Stadt, eine Axt schwingen, die ihm nicht gehörte, er hörte, wie er seltsame indianerhafte Rufe ausstieß, hörte sich seufzen und ächzen. Und was schlimmer war: Er hörte andere Männer und Burschen rufen und röhren und schreien, sich auf die Brust klopfen mit gewaltiger Inbrunst, so daß man das Empfinden hatte, die Lungenspitzen zitterten. Und hörte, wie die Stämme fielen, wie die Spechte pochten, die Eichelhäher schrien, wie andere Holzfäller ihm ins Gehege kamen, wie die Stämme nicht ordentlich in eine geplante Richtung fielen, sondern beinahe den unerfahrenen Holzfäller erschlugen. Dann war es still im Wäldchen, im Gebiet des Großen Sandes, peinvoll still, als horche die ganze Natur auf das Debakel, die Verwüstung, auf den plötzlich gängig gewordenen Holzfrevel. Der Nachbar sagte ganz ruhig: Unten an der Uferpromenade gibt es schon längst keine Aussichtsbänke mehr, sind alle verschwunden über Nacht.
Und dann dachte Kornitzer wieder an sich selbst, gleichzeitig tat er sich sehr leid. Und wie das gefällte Holz, die Baumstämme oder die toten Äste in sein Zimmer karren und schleppen? Leiterwagen gibt’s genügend im Ort, sagte Dreis. Man muß ja doch ab und zu ein Fäßchen Wein holen. Oder in den Garten. Oder einen kleinen Umzug machen. Kornitzer war erschrocken, er sah sich schon einen Leiterwagen mit Holz ziehen und fühlte sich hilflos. Er wollte jetzt nicht an die „Würde eines Opfers des Faschismus“ denken, an die Arbeitslast aus dem Landgericht. Er wollte an gar nichts denken, es graute ihn nur vor der Aussicht, für die Wärme in seinem Ofen selbst sorgen zu müssen.
Kornitzer wünschte allerseits „Gute Nacht“ und schloß die Tür. An die Dunkelheit hatte er sich inzwischen gewöhnt. Sie hatte auch eine Art von Heimeligkeit. Er hörte nur manchmal Evamaria, wenn er die Tür schon geschlossen hatte, rufen: Mir ist so waaam, mir ist so waaam. Das Kind konnte kein R sprechen, während er all die Jahre in Kuba daran laborierte, daß er als Berliner kein rollendes Zäpfchen-R sprechen konnte und alles, was ein schönes, warmes gurrendes R haben sollte, ziemlich gekrächzt aus seinem Mund kam, wofür er sich nicht einmal entschuldigen konnte, wie man sich für seine Hautfarbe, seine mißliche Herkunft (Rasse), seinen dürftigen Status auch nicht hatte entschuldigen können. Es gab Tatsachen, unerfreuliche Tatsachen, die nicht mehr aus der Welt zu schaffen waren. (An die schlimmsten wollte er nicht denken.) Und Evamaria: Ein beneidenswertes Kind in diesem Haus, das auch eine Gemütlichkeit hatte, in dieser Vorstadt, Zickzack und Ruckzuck und irgendwann käme ihr Vater wieder (von wo immer), schwiege über seine Erlebnisse, wie er, Kornitzer, schwieg, striche ihr übers Haar, sie müßte ihn wiedererkennen oder so tun, als würde sie ihn wiedererkennen und nicht schockiert sein über den fremden Menschen. So wäre es ja auch für Selma und Georg. Kämen sie wieder, wollten sie wieder mit ihren Eltern an einem Tisch sitzen, einem Tisch, der noch in den Sternen stand, vielleicht auch mit einer neu gewonnenen Wucht das Treppengeländer herunterrutschen. Aber inzwischen war Evamaria mit ihrer Mutter und den Großeltern und dem jungen Onkel Benno und auch ihm, dem neuen Untermieter, gut bedient, viele Leute gruppierten sich um das hoffnungsvolle junge Leben, daran bestand kein Zweifel. Ein Kind, ein Energiebündel, das seine eigene Wärme durch Hüpfen und Springen und Rutschen über das Treppengeländer erzeugte. Also eine Art von Reibungswärme, die für einen Erwachsenen unangemessen war. Hatte Selma in diesem Alter des Springens und Hüpfens auch nie gefroren? Kornitzer wußte es nicht. Und er hatte auch nicht auf solche elementaren Empfindungen geachtet. Die Kinder litten nicht, da war er sich sicher. Er hatte so unendlich viele Fragen, ängstliche, zaghafte Fragen an Claire, daß die Fragen nach der Erinnerung marginal erschienen: Sind unsere Kinder auch auf dem Treppengeländer gerutscht? Oder war es im feinen Mietshaus in der Cicerostraße strikt verboten? Marginal war auch seine Ängstlichkeit, Claire könnte sich nach allem, was sie erlebt hatte, nicht mehr an ein solches Detail erinnern, wie er die kleine Evamaria auch mit einer freudigen Neugier betrachtete, als könnte das Passepartout der einen Vierjährigen ihm den Schlüssel zu der anderen, der verlorenen, abgestellten Vierjährigen geben, die nun eine Fünfzehnjährige war, die kein Deutsch konnte, wie er nur ein korrektes Buch-Englisch konnte, kein Herzensenglisch, kein Zungenenglisch, und Claire, die überhaupt kein Englisch konnte, aber vorausschauend ein großes Lexikon gekauft hatte, müßte alles richten.
Dann war es Winter geworden, ja, ein übermäßig kalter Winter, die toten Flußarme froren zu, aber die Kälte hatte, wenn er mit der Tram in die Innenstadt — oder was von ihr übriggeblieben war — fuhr, auch eine schöne Klarheit. Der scharfe Geruch der Essigfabrik, der beißende der Schuhwichsefabrik waren von der kalten Winterluft „wie verschluckt“, warum das so war, wußte er auch nicht. Aber nach so viel sengender Hitze machte ihn die klirrende Kälte auch fröhlich. Und dann wußte er es: Die Kälte roch nicht, schwitzte nicht, und man mußte den Schweißgeruch, den eigenen und den der anderen Fahrgäste, in der Tram nicht ertragen. Sie klärte ihm den Kopf, natürlich fror er in seinem zu dünnen Zeug, kaufte sich einen teuren Wintermantel mit schönen Hornknöpfen, aber er dachte an Claire, an die aufplatzenden Frostbeulen an ihren Füßen, die Beschämung, mit der sie ihm ihre nackten Füße gezeigt hatte, als könnte er seine Liebe zu ihr verlieren, wenn er die offenen Wunden sah. (Seine nicht so offenliegenden Wunden sah sie nicht gleich, und das hatte auch etwas Gutes, Beruhigendes.)
Alles war ein bißchen besser geworden, als Kornitzer es sich an dem Abend ausgemalt hatte, während er die Fasern des Kaninchenfleisches zwischen den Zahnlücken hervorpulte. Ihm stand nun überraschenderweise als Landgerichtsrat ein Deputat an Brennstoff zu, das anderen Opfern des Faschismus sicher zur gleichen Zeit fehlte. Sie können sich nach allem, was sie erlebt oder erduldet haben, mit einem kalten Ofen oder dem Nichtvorhandensein eines Ofens abfinden, dachte er. Für die Kohlen mußte er zwar einen Teil seines Gehalts hinblättern, aber er mußte wenigstens nicht in den Wald — wenn überhaupt noch etwas von dem Wäldchen in der Gemarkung übrig war, nasse Zweige im Ober-Olmer Wald, die die Franzosen liegen gelassen hatten, und das war durchaus strittig, wenn jeder, der wollte und konnte, die Axt schwang. Er hatte die Dreisens bitten müssen, ihm eine Ecke im Keller für seine eigenen Kohlen einzuräumen, eine Ecke, die aber nicht abtrennbar war. Auf einem Verschlag, der auch kostbares Holz gekostet hätte, konnte er nicht bestehen. So war er auf Vertrauen angewiesen, daß sie sich nicht an seinem Eigentum vergriffen. Daß da Kohlen lagen, die sein Eigentum waren, ein kostbares Gut, sein eigentliches Eigentum, kam ihm selbst seltsam vor. Und seine Furcht vor dem Autoritätsverlust, er könne als Richter bestohlen werden, verbannte er. Er mußte die Aktenlage kennen, das Landgericht war ungeheizt, die Finger froren, die Nase lief, er hatte ja keine festen Arbeitszeiten, nur die Sitzungen und Konferenzen, da schien es ihm billig, daß er seine Vorbereitungen auf die Sitzungen im Dachstübchen bei den Dreisens zumindest nicht froststarrend bewältigen mußte. Wenigstens mußte er nicht die Axt schwingen. Und das ließ ihn doch eine ganze kalte Nacht lang nach dem schwierigen Gespräch gut schlafen.
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