An den Oberbürgermeister der Stadt, an die ihm zugeordnete Betreuungsstelle „Opfer das Faschismus“ hatte er noch vom Dorf über dem See geschrieben: Für Ihre frdl. Anfrage vom 13. ds Mts betr. meine Wohnung in Mainz danke ich Ihnen verbindlichst. Ich habe bisher noch keine Nachricht über den Zeitpunkt meines Dienstantrittes erhalten. Mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten der Wohnungsbeschaffung schlage ich vor, daß ich zunächst für kurze Zeit allein dorthin komme. Dafür würde ich nur ein möbliertes Zimmer benötigen . Genau so war es gekommen. Die freundliche Hoffnung auf eine komfortable Zweizimmerwohnung, auf eine Intimität zerschlug sich vor seinen Augen, ihm standen zwei Zimmer zu, von einer Wohnung war nicht mehr die Rede, aber auch die zwei Zimmer ohne Abgeschlossenheit, ohne Küche und Bad und ohne ein drittes kleines Zimmer für die inzwischen halbwüchsige Tochter gab es nicht. Damals noch aus dem Dorf hatte er weitergeschrieben: Meine Frau könnte dann zusammen mit meiner 14jährigen Tochter, die ich in Kürze aus der Emigration zurückerwarte, einige Zeit später auch in die Stadt kommen, damit wir alsdann eine gemeinsame Wohnung beziehen. Wir sind dann insgesamt drei Personen. Dafür benötigen wir unter voller Würdigung der Wohnungsnot: ein Schlafzimmer für meine Frau und mich, ein Zimmer für meine Tochter (dieses kann auch kleiner sein) und ein Arbeitszimmer für mich (das zur Raumersparnis auch gleichzeitig das gemeinsame Wohnzimmer sein kann). Meine Frau will den Haushalt zusammen mit meiner Tochter ohne Hilfe besorgen. Es ist also nur noch eine Küche nötig. Wir haben hier nur einige wenige eigene Möbel, insbes. gar keine eigenen Bettstellen .
Meine vordringliche Bitte ist also gegenwärtig nur, daß ich bei Dienstantritt für mich selbst eine für die Arbeit erträgliche Unterkunft finde. Das Weitere wird meine Frau, wie vorstehend angegeben, zusammen mit Ihnen beraten. Sobald ich nähere Nachricht für die Zeit meiner Ankunft habe, werde ich mich sofort melden .
Mit nochmaligem Dank für Ihre freundliche Mühewaltung bin ich
Ihr sehr ergebener
Dr. Richard Kornitzer
Das war ein feiner, keinesfalls unbescheidener Brief, der die Schwierigkeit der Lage für die Stabstelle „Opfer des Faschismus“, den Oberbürgermeister und für das Wohnungsamt gleichermaßen bedachte, ein Brief, der die eigenen Bedürfnisse zurücknahm und die Größe der allgemeinen Probleme nicht in Abrede stellte. Ein einfühlsamer Brief, wie der Oberbürgermeister und seine Stabstelle ihn vermutlich nicht täglich bekamen. (War er deshalb erhalten geblieben?) Und gerade wegen seiner abwägenden Rationalität mußte er hinhaltend, höflich und beiläufig beantwortet werden, damit sich aus der verwaltungsgemäßen Freundlichkeit nicht genuine Ansprüche ableiten ließen, das war Kornitzer klar. Und dann, als Kornitzer eigentlich doch befriedigend geendet hatte, fügte er der Ordnung halber ein P. S. an: Ich bemerke, daß ich noch einen 17jährigen Sohn habe, der sich ebenfalls seit 10 Jahren in England befindet, aber vorerst noch dort bleiben soll .
Bleiben und Nichtbleiben waren in einem empfindlichen Gleichgewicht. Claire blieb vorerst, er konnte ihr nichts Besseres raten, an ein Kommen von Selma war ohne eine entsprechende Wohnmöglichkeit nicht zu denken, das Bleiben von Georg war gar nicht in Erwägung gezogen worden. Richard Kornitzer hatte sich, zurückkehrend auf dem Schiff und bei der langwierigen Bahnreise von der Nordseeküste an den Bodensee, immer einen Tisch vorgestellt, um den er die Familie versammeln wollte, einen Tisch, der ihm viel wichtiger erschien als Betten, als eine Küche, als alles, was „Wohnen“ ausmachte. Würden erst Claire und er, würden sie beide erst mit Georg und Selma um einen Tisch herum sitzen (im Schein der Seidenlampe oder in Erinnerung an die Seidenlampe, auf die es auch in Wirklichkeit nicht ankam), dann wäre alles gut. Es gäbe einen Anknüpfungspunkt an die Zeit vor der Zerstreuung, vor der Zertrümmerung der kleinen Familie, die Claire und er mit eigenen Händen vornehmen mußten. (Als hätten sie sie zerhämmert, wie man Porzellan zertrümmern kann, aber es doch nicht wirklich will, es sei denn symbolisch: am Vorabend einer Hochzeit.) Von einer Wohnung war nicht mehr die Rede. Aber auch die zwei Zimmer ohne Abgeschlossenheit, ohne Küche und Bad und ohne ein drittes kleines Zimmer für die inzwischen halbwüchsige Tochter, gab es nicht. Da war nichts zu machen, was Deutschland zertrümmert hatte, hatte auch seine Nachkriegs-Pläne zertrümmert. Und er war mit viel Optimismus gekommen, mit Plänen, nur fehlte es an einem Feld, an Strategien, diesem Optimismus eine Bahn zu brechen, und so brach von seinem Optimismus Stück für Stück, schmolz in einer Lache dahin. Und was schmolz, war nicht der Rede wert. Es stand in keiner Relation zu den „wirklichen“ Problemen, die zu lösen er angetreten war.
Er zog zu den Dreisens, mit einem Koffer, und bat darum, am Klingelschild seinen Namen anzubringen, denn er erwartete Post, vermutlich viel Post, von den in Kuba gebliebenen und den in alle Winde zerstreuten Freunden, den Mitemigranten — und natürlich von Claire aus der milden Bodensee-Landschaft, in der sie so fremd war wie ein preußischer Meteorit. Die junge Frau Dreis (wo war die alte Frau Dreis, wenn er an den unteren Zimmertüren klopfte, immer im Garten, klopfte sie Steine? Er sah sie selten.) schrieb in netter Handschrift ein kleines Pappschild „Dr. Kornitzer“ und brachte es so neben dem Dreis-Schild an, daß jeder Blinde begreifen mußte, wer der Besitzer des Hauses und wer untergeschlüpft war. Was sollte Kornitzer dagegen haben, er war ja auch wirklich untergeschlüpft. Er wollte nicht wegen einer solchen Kleinlichkeit gekränkt sein, er wollte sich überhaupt nicht kränken lassen. Das hatte er sich vorgenommen.
Das familiäre Haus hatte eine gewisse Dynamik. Nun ja, wie ein Bienenkorb, dachte er manchmal, wenn er abends an seinem Tisch saß, dem Tisch, den er sich gewünscht hatte, oder er dachte: Türenschlagen. Viel Wind um nichts. Oder er korrigierte sich: Viel Lärm um nichts. Das kleine Mädchen — er hatte es gefragt, und es hatte ihm strahlend seinen Namen genannt: Evamaria — polterte im offenen Treppenhaus, rutschte kreischend vor Vergnügen das Treppengeländer hinunter. Das Treppengeländer war sein liebstes Spielzeug, viel anderes hatte es nicht, die junge Frau Dreis klapperte in der Küche mit Töpfen und Sieben und Emailleschüsseln. Die alte Frau putzte am Wochenende die Treppe und stieß mit dem Schrubber an die Treppenstufen, das ergab einen hohlen Ton. Herr Dreis sägte im Garten Holz. Er hatte keine gute Säge, ein Knirschen und Raspeln, ein schmerzhafter Kompromiß zwischen dem schartigen Sägeblatt und dem frischen, biegsamen Holz, aus dem fast noch Saft spritzte, wenn man einen Zweig herunterbog und prüfte. Den Sohn der Familie, seinen Zimmernachbarn, sah er nur flüchtig, er war außer Haus, auch häufig in der Nacht, rumorte dann frühmorgens in seinem Zimmer. Brauchte er das Zimmer überhaupt? fragte sich Kornitzer staunend und schluckte den kleinen Groll hinunter. Er wollte Claire bitten, ein Wochenende zu ihm zu kommen, unterließ es aber doch. Er wollte nicht, daß sie sich, dauernd krank, in der Waschküche wusch. Oder: Er wollte nicht, daß sie, durch die Kälte gegangen, geflüchtet, ihre offenen Wunden an den Füßen fremden Menschen zeigte, Menschen, die ihm nicht mehr so fremd waren. So versprach er, bald an den Bodensee zu kommen, bestimmt, aber der Arbeitsaufwand im Landgericht ließ eine Reise mit verspäteten, überfüllten Zügen nicht zu.
Die alte Frau Dreis hatte ihm fürsorglich eine weiße Decke auf den Bügeltisch aus der Waschküche gelegt. Der Aufwand mit der weißen Tischdecke war eher irritierend für Kornitzer. Abends breitete er Akten auf diesem wackligen, altersschwachen Tisch aus, brütete über der Aktenlage für den morgigen Tag. Und es hätte ihm nichts ausgemacht, einen feuchten Kringel von einem Glas Most oder einer Tasse Tee auf dem Holz zu hinterlassen, das wäre eine kleine vernünftige Veränderung der Ausgangssituation gewesen, nicht befriedigend, aber doch verständlich. Etwas geschah, etwas veränderte sich unmerklich, Gebrauchsspuren, Zeit verging, und das war eine vertraute Sache: Die eine Behelfssituation wog die andere auf. (Sie, die Vermieter, wissen nicht, wie ein Schreibtisch auszusehen hätte, und er duldet, erduldet die wacklige, dem Aktenstudium unangemessene Situation.) Und nun krumpelte jeder Aktenordner, den er mit nach Hause brachte, das gebügelte und gestärkte weiße Tischtuch, es verlor durch die Akten seine spröde Sauberkeit, so daß Kornitzer sich nach einer geringen Zeitspanne schuldig fühlte, nicht sehr, aber immerhin. Er wagte nicht, das Tuch abzunehmen, ehe es wirklich schmutzig war. So klappte er die Aktenordner auf einem reinlichen Tischtuch aus, sorgfältig pustete er, strich den zusammengekrumpelten Stoff wieder glatt, als käme es darauf an, als müßte er sich beliebt machen (der Herr, der das gute Tischtuch achtsam behandelt), aber er war ein Mieter, er war ein Mit-Ernährer der Familie Dreis (jedenfalls halbwegs), und das ganze Problem der Verpflanzung, der Erschütterung der Lebensveränderung auf allen Seiten wollte er nicht ins Spiel bringen, aber dann tat es die Familie Dreis doch.
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