Bald nach seinem Einzug klopfte die junge Frau Dreis an seine Zimmertür, er öffnete, in Gedanken bei der Sache, die er bearbeitete, starrte in die Dunkelheit des Treppenhauses und erkannte sie eigentlich erst an ihrer Stimme: Wollen Sie morgen Abend oder übermorgen Abend bei uns essen? Er hatte keine Ahnung, was diese Einladung bedeutete, aber er nahm sie an. Er hätte eine Einladung in einen Löwenkäfig angenommen oder in die Bischofsresidenz, wäre sie ausgesprochen worden. Eine solche Einladung und ihre Befolgung, wo immer sie stattfände, hätte er, seit er in Deutschland war, als hilfreich und lebensrettend für alle Seiten befunden. Das fremde Milieu, der andere Stallgeruch, ein Glück des Beginnens, ein Zelt, ein Einstand, der vielleicht zu feiern gewesen wäre. Ein Zirkus und ein Zirkusdirektor, Löwen waren nicht in Sicht, der Landgerichtspräsident, der ihn eingestellt (angefordert?) hatte, der Oberbürgermeister und der Bischof und seine Entourage waren an ihm und seinen Lebensbedingungen und Fluchtnotwendigkeiten vollkommen desinteressiert.
So bedankte er sich übermäßig und sagte nicht ganz ehrlich, er freue sich zu kommen. Und das war schon rührend, ja überwältigend. Landgerichtsrat Kornitzer wurde also an einem einfachen Abend an einen großen Tisch gebeten, die alten Dreisens saßen da, der Sohn Benno und die junge Frau Dreis, ihre dichten Augenbrauen schienen ihm heute in einem hochmütigen Bogen nach oben gespannt zu sein, und sie schaffte es, sich neben ihn zu plazieren, ohne die Augenbrauen zu bewegen, also mit einer gewissen Anspannung, und auf der anderen Seite saß Evamaria, der fast die Augen zufielen, dann wurde ihm ein Nachbar vorgestellt, der Tauben hielt und ein Freund der Familie war, auf den die Dreisens sichtlich stolz waren. Der Tisch war gedeckt mit einem hartleibigen Tuch, es war dem auf seinem Arbeitstisch ähnlich, eine knattrige Brettsteife, eine kalte Pracht. Offenbar machte es Frau Dreis Freude, in den harten Zeiten, die sie getroffen hatten, nicht nur Stärke zu demonstrieren, sondern die Packung Hoffmann’s Reisstärke, die in der Waschküche neben dem großen Bottich lag, auch exzessiv einzusetzen.
Es gab Brühwürfelsuppe und danach Löwenzahngemüse und Kaninchen mit Bratkartoffeln. Kornitzer erkannte sofort das weiche, etwas labbrige, faserige Fleisch. Des Kindes wegen fragte er nicht, ahnte sofort, eine der drei Kisten hinter dem Haus mußte leergeräumt geworden sein. Eine Schlachtung, ein Tiermord mußte am Vormittag stattgefunden haben und die kleine Evamaria vom Ort des Geschehens entfernt worden sein, mit einem netten, unverfänglichen Alibi: Blumen pflücken auf dem Großen Sand. Und tatsächlich stand ein Väschen mit Butterblumen, die schon die Köpfe hängen ließen, auf der Anrichte. Die alte Frau Dreis schöpfte aus dem Topf das Gemüse, das bitter schmeckte; Evamaria wolle es keinesfalls essen. Ihre Lippen biß sie aufeinander, und sie kreuzte auch instinktiv ihre Beine, als könnte das ihr eklige, bittere Gemüse durch alle möglichen Körperöffnungen in sie eindringen und dort ein Unheil anrichten, dessen Tragweite sie nur so ungefähr begriff. Sie hielt sich nah an ihre Mutter, die sich wiederum nah an Kornitzer hielt, der so tat, als bemerke er das nicht.
An diesem Abend lernte er auch den Sohn der Dreisens näher kennen, ein nervöses Bürschchen mit schwarzem, zurückgekämmtem Haar, er hatte die flinken, unruhigen Augen seiner Mutter. Kornitzer mußte sich selbst zur Ordnung bei dem Gedanken rufen; ja, er verbat ihn sich: Er sah für sein Empfinden dem jungen Goebbels ähnlich, so weit sich Kornitzer noch an eine Bildlichkeit erinnerte. Kornitzer hatte gehört, daß er häufig spätabends erst die knarzende Treppe heraufschlich und sich bemühte, wenig Lärm zu machen. Und Evamaria öffnete die Tür im ersten Stock und trompetete: Benno kommt! Das war ein Kinderglück und eine erwachsene Irritation zugleich. Er kam spät und ging früh. Warum? Eine Arbeit hatte er nicht, es gebe keine Arbeit für ihn, sagte er. Er ging und kam, wie es ihm tunlich erschien. Alles roch danach: Er machte dunkle Geschäfte. Und wenn er kam, blinkerte auch seine Mutter nervös mit den Augen, als gäbe es etwas zu sehen, als müßten die Augen von Mutter und Sohn sich rasch auf ein Versteck einigen. Ein Akt, der dem neuen Mieter möglichst verborgen bleiben sollte. Kornitzer empfand die plötzliche Hektik und sagte sich: Ich bin nicht die Polizei, ich urteile nicht über Eier- und Kohlendiebe, ich bin auf einer höheren Stufe angekommen. Und er empfand das Landgericht als ein atmendes Organ, einen Blasebalg. Es dehnte sich, zog Fälle an sich, beatmete, behauchte, bearbeitete sie, und wenn sie nicht für seine Kiemen (Kammern) taugten, spie es sie wieder aus. Insofern war er endlich am richtigen Platz, so fremd ihm der Platz auch erschien. Und wenn er sich sehr mutig fühlte, zum Beispiel morgens in der Trambahn zwischen den Frauen, die zum Steineklopfen fuhren, und den Arbeitern und Arbeiterinnen, die zur nahezu unzerstörten Waggonfabrik fuhren, zur Essigfabrik oder zur Schuhwichsefabrik, dachte er, der richtige Platz, an dem er war, verändere die falschen Menschen, sie begriffen, warum er „so“ hier war und keine Kommentare zu seinem Hiersein geben wollte.
Was Benno, den Sohn seiner Vermieter betraf, sagte er sich: Er ist noch jung, ein halbes Kind, aber auf merkwürdige Weise verhärtet. Benno war aus keiner Gesellschaft ausgestiegen und offenkundig an keiner neuen Gesellschaft interessiert. Etwas ging für ihn weiter, das namenlos war. („Das Leben geht weiter“ war eine dumme Formel, wenn es für so viele nicht weitergegangen ist.)
Benno steckte sich zwischendurch eine ziemlich kostbare Zigarette an (jedenfalls duftete sie so), während eine neue Pfanne mit Bratkartoffeln auf dem Herd schmurgelte. Kornitzer war dem Freund der Familie als „unser neuer Mieter“ vorgestellt worden, und er murmelte seinen Namen. Daß er promoviert war, daß er Landgerichtsrat war, spielte keine Rolle. Auch seine Kleidung war bescheiden, mehr als bescheiden, und das schien ihm angemessen. Er selbst hätte ein großes Pfauenrad drehen müssen, hätte von der sich entfaltenden Justiz, ja, von dem Ringen um Gerechtigkeit nach den Jahren des grassierenden Unrechts sprechen müssen, eine Predigt, er hätte von sich sprechen müssen, wie er verjagt wurde, wie er seine Frau verloren hatte und wie er sie wiedergefunden hatte (vielleicht), aber dazu bestand kein Anlaß. Es war in Ordnung zuzuhören, sich einzufinden in die Überlebensgemeinschaft des Stadtteils, in dem er gelandet war. „Wenn es uns gelingt, von der großen Herde der Andersdenkenden und Nichtdenkenden den einen oder den anderen fortzuziehen, dann halte ich das für ein kleines nützliches Werk“, hatte er an das Landratsamt am Bodensee geschrieben, als er zusagte, im Untersuchungsausschuß für die politische Säuberung den Vorsitz zu führen. Und so hatte man ihn angefordert mit Hilfe seiner Frau, so hatte man ihn eingestellt. So erwarb er sich Meriten. Und so kam ihm auch diesesb Essen als ein kleines nützliches Werk vor, abgesehen davon, daß er satt wurde. Die alte Frau Dreis nahm seinen Teller noch einmal in die Hand und legte ihm ein zweites Stück des faserigen Kaninchenfleisches auf und fragte: Auch noch Bratkartoffeln? Und er hatte keinen Grund abzulehnen, denn die Bratkartoffeln aus der großen, heißen Pfanne waren knusprig und wirklich sehr gut. (Wann hatte er zuletzt Bratkartoffeln gegessen? Das wäre eine Forschung, eine Gewissenserforschung gewesen, auf die es jetzt nicht ankam. Claire im Dachstübchen in Bettnang konnte nicht brutzeln.) Und Frau Dreis war sehr großzügig, wie mit der Tischdecke, so mit den Bratkartoffeln. Kornitzer bedankte sich, indem er dauernd nickte und dann doch auf seinem Teller die Bratkartoffeln zu einem breiten, befriedigenden Hügel zusammenschob, damit sie warm blieben und ihn auch innerlich weiter wärmten, wenn er später die Treppe in sein Dachzimmer hinaufkletterte.
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