Als alle gesättigt waren, platzte es aus der jungen Frau Dreis heraus: Herr Dr. Kornitzer, wo haben Sie den Krieg erlebt? Er war es schon gewohnt, daß seine Angaben irritierend waren. Er hatte auf der Rückseite des Krieges vegetiert, in Angst um seine Frau, in Angst um seine Kinder, und die eigene Angst um sich selbst hatte er beiseite gelassen. Und er sagte etwas, das vielleicht nur wie ein Bodensatz einer Verstörung wirkte. Daß er 1933 seine Beamtenstelle verloren hatte und seitdem versuchte, sich und die Seinen vor dem Künftigen, dem notwendigen Angriffskrieg, den Hitler plante, zu schützen. Von der Entrechtung, von der Austreibung sprach er nicht. Und er wollte auch nicht sagen: Frau Dreis, das ist ein deutscher Krieg gewesen, und mir hat man die deutsche Staatsbürgerschaft glattweg entzogen, irgendwann im Jahr 1941, ohne daß ich es wußte, und ich habe sie wieder beantragen müssen, als ich zurückgekehrt war. Ja, man hat sie mir großmütig wiedergegeben. Auf Antrag. Frau Dreis sah ihn sorgenvoll an, malmte mit den Kiefern und steckte einen kleinen Finger in den Mund. Also, Sie haben nicht im Bombenkeller gesessen, während das Haus durchgerüttelt wurde? Nein, er gab eine schlanke und fast nichtssagende Antwort. Und Sie waren nicht in einem Konzentrationslager? Kornitzer sagte, er habe ein Visum für Kuba kurz vor Kriegsbeginn ergattert und sich dort durchgeschlagen. Die Antwort zählte nicht für die um den Tisch Versammelten, also kein Krieg, also keine Kellerexistenz, keine pfeifenden Granaten. Dann sind Sie ein glücklicher Mensch. (Und ein solcher wäre er ja wirklich gerne gewesen, wenn der Jammer nicht so groß gewesen wäre.) Frau Dreis sprach, nachdem das Kapitel des Mieters abrupt abgeschlossen war, von Plünderungen, ein anderer am Tisch von Verhaftungen, wenn man nicht den Mund gehalten hatte, die alte Frau Dreis sprach von Vergewaltigungen und schlug sich mit der Hand vor den Mund, Benno, der am meisten am Tisch getrunken hatte, sagte: Gefallen, zischbum mit einem Schlag, und der, der gefallen war, stand neben mir, mein bester Freund. Herr Dreis, der zum Volkssturm eingezogen worden war, sagte: Eingezogen und nie wiedergekommen und dabei schüttelte er so merkwürdig den Kopf, als bewundere er insgeheim den Mann, von dem er sprach, der nie wiedergekommen war. Als wäre er vielleicht in eine leuchtende Zukunft gegangen, die ihm in dem kleinen Ziegelhäuschen in der Vorstadt verwehrt geblieben war und weiter verwehrt bliebe. Insgesamt schien es, daß alle am Tisch viel Vergangenheit mit sich herumschleppten, an der Gegenwart laborierten (Löwenzahn, eine kalte Waschküche und ein enges Zusammenrücken), aber wenig Phantasie für die Zukunft aufbrachten. Er wiederum war dieser Zukunft wegen nach Deutschland zurückgekommen. Auch Claire und die Kinder, auf denen viel Vergangenheit lastete, waren ja eine Zukunft, die die Dreisens, da die Familie Kornitzer gewiß niemals bei ihnen wohnen würde, nichts anging. Und dann haben die Amerikaner Sie mit einem Schiff nach Deutschland gebracht? Oder mit einem Flugzeug? fragte Benno mit großen Augen. Ich mußte mir die Rückreise nach Deutschland mühsam erkämpfen, antwortete Kornitzer. Sie wollten nicht in Amerika bleiben, wenn Sie schon einmal da waren? fragte Benno zurück. Ich war in Kuba, das ist nicht wirklich Amerika gewesen, nur geographisch, verbesserte er ruhig. Ja, und ich wollte zurückkommen. O. k., sagte Benno sehr neumodisch, ich verstehe. Daß Kornitzer gekommen war, um in leitender Stellung ein demokratisches Deutschland aufzubauen und daß er auf diesem Weg noch nicht übermäßig weit gediehen war, ging dieses schmale Hemd von einem jungen Mann ja nichts an. Aber immer wohl Sonne! schob Benno nach. Sengende Hitze und keine Kühlung und keine Verbindung zur Familie, antwortete Kornitzer knapp. Dann versackte das Gespräch für eine höfliche Weile, die Frauen räumten die Teller zusammen, stapelten sie in der Spüle. Kornitzer wollte sich alles merken, wollte vielleicht noch am Abend Claire einen Brief schreiben wie ein Gedächtnisprotokoll einer gedachten Selbstverständlichkeit: Geplündert — verhaftet — verschollen — vergewaltigt, das waren die Gesprächsthemen an einem Abendbrottisch. Dagegen waren seine Partizipien Perfekt nicht aufzuwiegen: Abgezockt — aus dem Land gejagt — erniedrigt — aus der Staatsbürgerschaft entlassen.
Der Groll gegen die Besatzer war am Eßtisch groß. Am 9. Juli 1945 hatten die Amerikaner den Franzosen Mainz übergeben. Fahrräder wurden requiriert und Fleisch. Die Metzger durften nur die Knochen und die Innereien zur Wurstherstellung behalten. Auch Holz aus den Wäldern wurde im Auftrag der Franzosen vermehrt geschlagen und abtransportiert. Der gesamte Weinbestand des Jahres 1947 war beschlagnahmt worden. Man munkelte, so erzählte man am Tisch bei den Dreisens, der Befehlshaber der 1. Französischen Armee residiere in Baden-Baden wie ein ungekrönter Operettenkönig und lasse sich von zweitausend fackeltragenden marokkanischen Reitern heimleuchten. Seltsam, im unzerstörten Lindau hatte Kornitzer solche Schauergeschichten nicht gehört. Das kleine Mädchen schlief vor Langeweile ein, darin war auch etwas Befreiendes, und Evamaria mußte von Benno ins obere Stockwerk getragen werden. Die Erwachsenen sprachen lang und breit am Küchentisch: nicht über die Ursachen der Misere, sondern über ihre natürlichen Konsequenzen.
Ehe das Schweigen peinlich werden konnte, fragte der Freund der Familie, der mit großem Respekt behandelt wurde: Seid ihr denn mit Brand versorgt? In seinem Ton war eine Art von Fürsorglichkeit, die auffallend war. Kornitzer verstand nicht gleich, was er damit meinte. Das Wort „Brand“ war für ihn ein Feuerwehrwort. Ein Brand brach aus, aber ein Brand war nichts, das man im Haus hütete, mit dem man „versorgt“ war. Dann begriff er doch. Es ging darum, ob es genügend Heizmaterial gab für den kommenden Herbst und Winter. Nein, sagte der alte Dreis mit Würde, wir haben nichts, keine Kohlen, auch keine Zuteilung. Den alten Tisch, den wir als letztes hätten verheizen können, haben wir unserem Mieter ins Zimmer gestellt. Nicht wahr, Herr Dr. Kornitzer? wandte er sich plötzlich an den Gast. Sollen wir denn unser Treppengeländer verheizen, damit wir uns alle im Dunklen zu Tode stürzen? Und dann blickte er in die Runde: Ich gehe wohl in den Wald.
War das ein Vorwurf, oder mußte Kornitzer sich sofort bedanken, daß er einen Tisch bekommen hatte, einen Tisch, von dem er den Eindruck hatte, er müsse ihn schonen, damit er nicht unter der Aktenlast zusammenbrach, damit er nicht zum Heizmaterial erklärt wurde, Tischtuch hin oder her? Ja, mischte sich Kornitzer ein, was wird, wenn es richtig kalt wird? Er hatte bis jetzt den kleinen Ofen und das lange Ofenrohr mit Respekt und Sympathie betrachtet, wie ein dunkles Schmuckstück, aber er hatte niemals in Berlin einen Ofen geheizt. Die eheliche Wohnung in der Cicerostraße hatte Zentralheizung, an Studentenbuden erinnerte er sich nicht mehr wirklich, und früher in seiner Kindheit in Breslau hatte ein Mädchen die Öfen bedient. Ja, was wird? sagte bedenkenträgerisch der alte Herr Dreis. Ich habe eine Axt, die kann ich Ihnen leihen, und dann gehen Sie auf den Großen Sand und holen sich Holz. Kornitzer war ein bißchen fassungslos. Er hatte noch nie eine Axt in der Hand gehabt, er hielt eine Axt eher für ein feindliches, aggressives Instrument, das nur in die Hand (Faust?) von Spezialisten gehörte, Holzfällern. Ist das denn ein Gemeindewald auf dem Großen Sand? Ist er freigegeben? fragte er. Die alte Frau Dreis hob eine Hand und ließ sie resignativ auf das gestärkte Tischtuch fallen, ein Klecks Löwenzahngemüse fiel dabei vom Schüsselrand auf die Decke, aber das machte nichts. Kornitzer fragte noch einmal nachdrücklich, wie er in einer Gerichtsverhandlung die Prozeßgegner fragen würde: Ist es ein Gemeindewald, und ist er zum Fällen freigegeben? Wer weiß, sagte der alte Dreis und lachte. Und Benno: Wer will das jetzt wissen? Jedenfalls gibt es genügend Holz, und es ist nicht weit.
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