Ursula Krechel - Landgericht

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Landgericht: краткое содержание, описание и аннотация

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Nach "Shanghai fern von wo" geht Ursula Krechel noch einmal den Spuren deutscher Geschichte nach. Ihr neuer Roman handelt vom Exil und von den fünfziger Jahren, von einer Rückkehr ohne Ankunft.Was muss einer fürchten, was darf einer hoffen, der 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrt? Nach ihrem gefeierten, 2008 erschienenen Buch "Shanghai fern von wo" geht Ursula Krechel mit ihrem neuen großen Roman "Landgericht" noch einmal auf Spurensuche. Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaasschen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna. Ursula Krechels Roman lässt Dokumentarisches und Fiktives ineinander übergehen, beim Finden und Erfinden gewinnt eine Zeit atmosphärische Konturen, in der die Vergangenheit schwer auf den Zukunftshoffnungen lastet. Mit sprachlicher Behutsamkeit und einer insistierenden Zuneigung lässt "Landgericht" den Figuren späte Gerechtigkeit widerfahren. "Landgericht", der Roman mit dem doppeldeutigen Titel, handelt von einer deutschen Familie, und er erzählt zugleich mit großer Wucht von den Gründungsjahren einer Republik.

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Es war bekümmernswert, als die Glocken konfisziert worden waren, aber darüber konnte man nicht trauern. Und nun waren sie wieder da, kurz vor Weihnachten, um genau zu sein, am 22. Dezember um 13 Uhr, auf den hohen Wellen des Flusses gekommen, vor dem Eis und bevor die Schollen sich übereinanderschoben wie Blätter aus einem Block, die abgerissen worden waren. Ein Schiffer legte die Bohlen aus — vom Schiff auf das trockene Land. Es war so kalt, daß kaum andere Schiffe löschten, zu laden war nichts. Auch die Lagergebäude am Hafen waren stark beschädigt, aber die Schienen der Kräne waren noch da. Auf Pferdefuhrwerken holten die Gemeinden ihre Glocken im Hafen ab. Das war ein schönes Spektakel in der gleißenden Winterkälte. Die Pferdeleiber dampften, die Pferdenasen schnaubten, die Pferdehinterteile äppelten, all das war warm und strahlte in der bitteren Kälte eine Art von gewohnter Sicherheit aus. Kräne, Flaschenzüge waren mit den einfachsten Mitteln in Bewegung gesetzt worden. Es war ein archaisches Bild: Erwartung und Heimkehr.

Festlich holten die Gemeinden die Glocken aus dem Rhein-Hafen heim , so berichtete am nächsten Tag die Zeitung, und so war es auch, obwohl Kornitzer nicht übermäßig festlich gestimmt war, aber das Empfinden der Menge, in der er fröstelnd stand, ließ ihn nicht unbeeindruckt; es vereinsamte ihn auch. Der Priester stand im Ornat an der Kaimauer, unter dem Chorrock war eine dicke Wolljacke sichtbar, nun traten die Meßdiener etwas verspätet an das Ufer, sie mußten sich durch die Menge kämpfen, und alle standen bibbernd und fröstelnd da, manche mit einem Schal, der aus der Meßdienertracht hervorschaute, eine sorgsame Mutter hatte ihn wohl rasch umgebunden, sie starrten auf das erste Schiff und das zweite in der Mitte des Flusses, das noch nicht anlegen konnte und im Hintergrund wartete. Der Priester sprach Worte der Begrüßung, der Hoffnung, daß mit den alten Glocken ein neuer Ton angeschlagen würde, wieder ein Gebet, ein Meßdiener trug den Weihwasserkessel, in dem das Weihwasser in der Kälte beinahe gefror, ein anderer schwenkte einen Weihrauchkessel, Weihwasser und Weihrauch, eine Übermacht der Feierlichkeit. Schließlich stimmten weiter hinten zwei Frauen mit kräftigen Stimmen ein Kirchenlied an:

Gro-ßer Go-hott, wir lo-ho-ben dich,

He-herr, wir prei-hei-sen dei-hei-ne Stä-ärke,

Vor dir nei-heigt die E-her-de sich

Und bewu-hun-dert dei-hei-ne We-erke …

Es war eine Woge, die die Menge überrollte, und das Singen wurde lauter, es war eine Befreiung von der Kälte und von der Beklommenheit, eine Erleichterung. Masse und Macht in der beißenden Kälte. Schön war’s, sagte Herr Dreis später, als am Abend Kornitzer in das Siedlungshaus kam, und Kornitzer hatte keinen Grund zu widersprechen.

Sehnsucht

Als Kornitzer Bettnang verlassen hatte, überfiel Claire die Einsamkeit wie ein feuchtes Tuch. Sie blieb tagelang im Bett, betrachtete finster ihre Füße mit den Frostbeulenschäden und verkroch sich. Frau Pfempfle, die genügend in der Küche, im Stall und auf den Obstwiesen zu tun hatte, brachte ihr Essen, Apfelpfannkuchen mit Zucker und Zimt, Dickmilch mit Apfelmus, eine geräucherte Wurst mit Kartoffelschnee, und als Nachtisch wieder ein Apfelmus, in dem ein paar frisch geerntete Brombeeren steckten. Schönes, einfaches Essen, das Claire mit Rührung erfüllte, das sie aber kaum anrührte: Nur aus Höflichkeit stocherte sie ein wenig darin herum. Dann schickte Frau Pfempfle ihren jüngsten Sohn, den Tänzer, mit einem an Claire adressierten Brief hinauf in die Dachkammer. Es war wie eine Steigerung, eine einfach strukturierte Inszenierung: Nun stehen Sie endlich wieder auf.

Schon den Absender des Briefes zu entziffern, elektrisierte sie. Sie riß den Umschlag auf und las. Die Kinder waren gefunden worden. Das Rote Kreuz, an das sie sich gleich nach Kriegsende gewandt hatte, ebenso wie sie den Aufruf zur Meldung deutscher Bürger jüdischer Konfession des Landkreises beantwortet hatte, war nach dem Anschreiben der ersten Pflegefamilie in England fündig geworden, und es hatte die Auskunft erhalten, die Kinder seien von dort in ein Heim gekommen. (Davor graute Claire: Die Kinder in einem Heim.) Aus diesem Heim seien sie zu einer zweiten Familie übergesiedelt, und nun lebten sie seit vier Jahren, also etwa seit Kriegsende, bei einer dritten Familie in einem Dorf in Suffolk. Diese Familie, so stand es in dem Brief, habe den Wunsch geäußert, Georg und Selma zu adoptieren. Doch das sei nur möglich, wenn Gewißheit darüber herrsche, daß die Eltern der Kinder tot seien. (Oder aus Mangel an Gewißheit für tot erklärt werden müßten.) Die nüchterne Anfrage nach dem Überleben, dem eigenen und dem ihres Mannes, machte Claire auf einen Schlag lebendig, aber nicht gesund.

Es war eine gewaltige strategische und logistische Arbeit, die die jüdischen Hilfsorganisationen vor dem Krieg und die das Internationale Rote Kreuz zusammen mit ihnen seit dem Kriegsende leisten mußten. Zehntausend Kinder waren 1938/1939 nach England gebracht worden, orthodox erzogene jüdische Kinder, Kinder aus liberal jüdischen Häusern, Kinder, die kaum etwas von ihrem Judentum wußten, und solche wie Selma und Georg, die die Rassegesetze erst gegen den Willen ihrer Eltern zu Juden gemacht hatten. Längst nicht alle konnten in eine Situation vermittelt werden, die halbwegs den früheren Erziehungszielen entsprach. Für viele Kinder, besonders die offenkundig traumatisierten, fand sich keine Pflegefamilie, sie wurden in Heimen untergebracht, und natürlich waren jüngere Kinder beliebter als solche, die die Verfolgungen ihrer Eltern hautnah erlebt und verstanden hatten. Ältere Jungen waren mit ihren Vätern nach den Novemberpogromen in die Konzentrationslager verschleppt worden, manche wurden nur freigelassen, weil für sie gefälschte Aufnahmepapiere der University of London vorlagen. Dann fiel Paris, und Hitler drohte England mit einer Invasion. In der Folge wurden alle Deutschen in England in Lagern interniert, hochqualifizierte deutsche Oxford-Professoren und auch diese älteren Jungen. Als Glück galt es, nur in Liverpool oder irgendwo in einer aufgelassenen alten Fabrik zu sein, 1.200 Männer in einer Halle, ein atmendes, schnaufendes, ächzendes Knäuel. Oder sie landeten in einem Zeltlager; in Viererzelten mußten acht Männer und Jungen liegen, die Füße im Freien. Wenn sie Pech hatten, wurden sie nach Australien deportiert. Den Traum von der University of London oder ihre Sehnsucht nach einem geordneten Studium konnten sie zwei Jahre lang durch den Stacheldraht betrachten.

Ursprünglich hatte die Jewish Agency geplant, jüdische Kinder nach Palästina in Sicherheit zu bringen, aber die britische Regierung, unter deren Protektorat Palästina stand, erlaubte dies nicht. Mit Rücksicht auf die arabische Bevölkerung sollten keine weiteren Flüchtlinge ins Land gebracht werden. So blieb England … Niemals hätten Claire und Richard Kornitzer ihre Kinder nach Palästina reisen lassen, hingegen England, ein so kultiviertes Land, das Claire und Richard aus der Ferne bewundert hatten. Für Georg und Selma und die anderen Kinder, die ohne ein wirklich jüdisches Familienleben aufgewachsen waren, erklärten sich die Quäker zuständig, aufrechte Leute mit einem sozialen Gewissen und zupackenden Händen. Leute, die ihr Christentum eher mit Schaufel und Spitzhacke und mit einer Suppenkelle praktizierten, bevor sie ins Gebetbuch schauten. So schien es. So war es Richard und Claire Kornitzer sympathisch, als sie der Hilfsorganisation der Quäker die Kinder anvertrauten.

Seit dem Kriegsbeginn hatte Claire Kornitzer den Kontakt zu den Kindern verloren, ein Briefwechsel zwischen England und Deutschland war unmöglich. Selma und Georg hätten noch fünfundzwanzig Wörter im Monat schreiben können auf Formulare des Roten Kreuzes und ebenso viele oder so wenige Wörter hätten sie zurückerhalten dürfen, aber das wußten sie nicht, oder die Pflegeeltern hatten kein Interesse daran, es ihnen mitzuteilen. Viele deutsche Eltern beklagten sich über die Untreue ihrer Kinder, solange sie das noch konnten. Aber warum die Kinder nicht schrieben, wußten sie nicht. Richard hatte ihnen noch von Kuba aus geschrieben, vage, hoffnungsvoll formell, er hatte keine Ahnung, was die Nachrichten über die Bombardements englischer Städte durch die deutsche Luftwaffe für Georg und Selma bedeuteten, die von ihren Eltern in eine trügerische Sicherheit gebracht worden waren und noch zu klein waren, diesen Betrug (die Kehrseite des Trügerischen) zu begreifen, bis der Kontakt durch den Wechsel der Pflegefamilie abbrach. Was Georg mit sieben, acht Jahren von den Briefen des Vaters buchstabieren konnte, ob ihm jemand dabei half, wußte Kornitzer nicht. Das war schmerzlich, aber auch erleichternd. Was hätte er den Kindern schreiben, welche unrealistischen Hoffnungen machen sollen? Was von der Mutter schreiben, die er durch die Briefzensur-Sperre nicht mehr erreichen konnte, von der er auch nichts wußte? Nichts hätte er ihnen schreiben können außer Lügen, galliger Schwärze oder billigem Trost. All das war vollkommen ungeeignet, hatte mit der Lebenswirklichkeit der Eltern ganz und gar nichts zu tun. Insofern war das auferlegte Schweigen, der Abbruch des Kontakts, das vage Driften der Gefühle das Richtige.

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