«Dann bete doch.»
«Ihr müsst anhalten.»
«Bist du irre, Mann? Mitten in der Stadt, mit einer Geisel hintendrin, die nicht mal einen Knebel im Mund hat, nur damit du Vogel beten kannst?»
«Ich kann ihm was reinstopfen.»
«Bete gefälligst im Auto.»
«Das ist nicht statthaft.»
«Natürlich ist das statthaft. Jetzt halt die Klappe.»
«Ah», sagte der Syrer mit deutlich erzwungener Selbstgewissheit. «So ist das also. Ich soll die Klappe halten.» Er kramte mit einer Hand in der Tasche und streckte den Arm nach vorn. «Dann steig ich jetzt aus. Die hundert und die zwanzig. Halt an.»
«Behalt das Scheißgeld, du kannst jetzt nicht hinschmeißen.»
«Und ob ich das kann.»
«Du kannst auf der Rückbank beten. Leier deinen Text runter, buckel da rum und nerv nicht.»
«Das funktioniert nicht. Selbst wenn ich wollte. Siehst du nicht, wo wir hinfahren?»
«Genau dahin, wo wir hinwollen.»
«Wir fahren nach Westen. Mekka ist —»
«Großer Gott, nach Westen! Dann bete halt nach Westen», blaffte der Bassist. «Die Erde ist schließlich rund.»
«Das muss ich mir nicht bieten lassen.» Angestrengte Pause. «Das ist eine Unverschämtheit.»
«Was ist eine Unverschämtheit? Dass die Erde rund ist?»
«Halt an.»
«Fahr weiter.»
Während des Wortwechsels spürte Carl den Druck der Hand in seinem Nacken schwinden. Er hob vorsichtig den Kopf und sah hinaus. Die Häuser der Ville Nouvelle. Schreiend fuhr der Bassist herum und hämmerte mit dem Griff der Waffe auf Carls Kopf.
«Mach. Deinen. Job.»
«Dann haltet an. Wenn ich nicht beten kann, steig ich aus.»
«Willst du mehr Geld?»
«Eure ganze Beschränktheit.»
«Was?»
«Ich sagte: eure ganze Beschränktheit.»
«Was ist damit?»
«Eure jüdische Wertschätzung des Geldes! Ihr denkt, mit Geld könnt ihr alles regeln! Geld, Geld, Geld.»
«Du kannst gern umsonst für uns arbeiten.»
«Ich habe noch keinen Ami getroffen, der anders war. Alles, was für euch zählt, ist der Mammon. Ihr betet nicht, ihr kennt nicht die fünf Säulen, euer Seelenheil ist —»
«Fünf Säulen, erzähl doch keinen Mist.»
«Es ist eine heilige Pflicht, und die heilige Pflicht —»
«Aber doch nicht in jeder Situation?», schaltete Dr. Cockcroft sich ein. «Ihr betet doch auch nicht im Krieg, wenn gerade ein israelischer Panzer auf euch zurollt?»
«Obwohl das einiges erklären würde», murmelte der Bassist.
«Ich habe kein Gebet versäumt, seit zwanzig Jahren. Und wir sind auch nicht im Krieg.»
«Darüber lässt sich streiten.»
«Euer Krieg vielleicht. Ich bin nur euer Angestellter. Ihr bezahlt mich — aber mit der Sache hab ich nichts zu tun.»
«Wow, mit der Sache hat er nichts zu tun!» Mit gespielter Begeisterung wandte der Bassist sich an Dr. Cockcroft. «Wir engagieren den Mann, den sie Zange nannten, und er hat mit der Sache nichts zu tun! Sein Seelenheil hat mit der Sache nichts zu tun.»
«An der nächsten Ampel steige ich aus.»
«Da ist keine Ampel mehr.»
«Ich steig trotzdem aus. Halt an.»
Eine Weile passierte nichts, dann öffnete der Syrer auf seiner Seite die Tür. Carl hörte die Fahrbahn vorbeirauschen. Ein Tumult entstand, an Carls Kleidern wurde gezerrt, und er nutzte den Moment, um erneut den Kopf zu heben und sich umzusehen. Sie fuhren auf dem sechsspurigen Boulevard der Mai-Revolution, der das Handelsministerium mit dem Zivilflughafen verband. Gerade passierten sie eine Bushaltestelle, und für den Bruchteil einer Sekunde sah Carl in die Augen einer Frau, die dort wartete und den Verkehr anstarrte. Dauerwelle, adrette Kleidung und ein biederes, reizloses Gesicht. Die Frau aus Tindirma. Er winkte ihr verzweifelt mit dem Kopf zu. Sie tat, als sehe sie ihn nicht.
Von vorn prügelte der Bassist mit dem Pistolengriff auf Carl und den Syrer ein. Dr. Cockcroft beschleunigte den Wagen. Der Syrer schloss die Tür.
«Ich bin ein gläubiger Mensch und guter Moslem —»
«Auch ein gläubiger Mensch und guter Moslem wird das Gebet wohl einmal ausfallen lassen dürfen. In zwei Stunden kannst du es nachholen.»
«Das ist gegen das Gesetz.»
«Und Leute entführen und foltern ist nicht gegen das Gesetz?»
«Ihr macht es doch auch.»
«Was machen wir auch? Was ist denn das für eine Scheißlogik?»
«Ja, ist es mit eurer Religion vereinbar?»
«Ich bin Atheist.»
«Du hast gesagt, du bist Jude.»
«Ich hab gesagt, meine Mutter war Jüdin. Aber die hat an Gott ungefähr so geglaubt wie an die Überlegenheit der arischen Pimmel. Und jetzt erklär mir mal, wie du deinen Job machen und gleichzeitig glauben kannst, dass ein vergessenes, popliges Gebet deinen Allah gegen dich aufbringt? Glaubst du, du wirst deinem Schöpfer eines Tages gegenübertreten und sagen: Hey, ich bin der Mann, den sie Zange nannten, aber was ich gemacht hab, ist verzeihlich, weil, ein atheistischer Jude und ein Scheißpsychiater mit Vollbart haben das Gleiche gemacht?»
«Ihr Amerikaner könnt das nicht verstehen. Das Gebet ist heilig. Euch ist nichts heilig.»
«Die Frage ist nicht, was uns heilig ist», sagte Dr. Cockcroft. «Die Frage ist, ob du noch zu uns gehörst.»
Lange Zeit hörte Carl nichts mehr, und er konnte nur ahnen, was über ihm mit Blicken verhandelt wurde. Schließlich die Stimme des Arztes: «Und wenn ich kurz wende? Ist das ein Kompromiss? Wir könnten da vorne abbiegen. Dann fahren wir auf der Allee ein paar Minuten nach Osten, und du kannst hier vorneraus beten, und dann wenden wir wieder. Reicht das? Hier mitten in Targat anhalten, das geht jedenfalls nicht.»
Zwanzig Sekunden, um das Gesicht zu wahren. Dann: «Ich brauche absolute Ruhe.»
«Klar, Ruhe, kein Problem!», brüllte der Bassist, und zwischen den Sitzen hindurch sah Carl, wie Dr. Cockcroft den Unterarm des Bassisten mit den Fingerspitzen berührte.
Dann blieb es lange still. Der Jeep bog rechts ab. Und noch mal rechts. Carl hörte auf die veränderten Geräusche. Dichterer Verkehr. Bauarbeiten. Hupende Mopeds.
Nach einigen Minuten die mühsam beherrschte Stimme des Bassisten: «Was ist jetzt? Fängst du langsam an oder hast du schon? Noch mehr nach Osten geht nicht.»
«Die Sonne scheint noch.»
«Was?»
Der Syrer tippte gegen das Seitenfenster. «Ein rötlicher Schein.»
«Hast du sie noch alle? Der Kompromiss war, wir wenden. Jetzt haben wir gewendet, bete gefälligst!»
«Erst wenn die Sonne untergegangen ist.»
«Was, was, was, was, was? Du hast gesagt, es ist Zeit fürs Scheißabendgebet.»
«Ich habe gesagt, gleich . Gleich ist es so weit. Wenn die Sonne untergegangen ist.»
«Die Sonne ist untergegangen, Mann!»
«Der rötliche Schein muss verschwunden sein.»
«Und die da? He, guck! Was machen die da?» Der Bassist drehte sich aufgeregt herum.
«Das sind keine Dschafariten.»
War der Ton des Bassisten bisher eine Mischung aus drohend und hysterisch gewesen, wurde er jetzt fassungslos.
«Weißt du, wo wir hier hinfahren? Glaubst du, wir machen eine Vergnügungsreise? Wenn wir noch fünf Minuten so weiterfahren, stehen wir in Targat-Ost.»
«Wo ist das Problem? Ich halt ihn doch unten.»
«Cockcroft, dreh den Scheißwagen um.»
«Ich kann hier nicht wenden.»
Carl hörte das Spannen eines Hahns.
«Bete!»
«Mach dich nicht lächerlich.» Der Syrer bekam jetzt erkennbar Oberwasser. «Man kann nicht beten, solange ein roter Schein am Himmel ist. Es ist haram.»
«Haram!»
Die ebenfalls nicht mehr ganz so ruhige Stimme Dr. Cockcrofts: «Und warum ist es haram? Die da draußen können es doch auch.»
«Es ist so.»
«Aber warum ist es so? Steht das im Koran?»
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