Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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Carl warf sich flach auf den Bauch. Lehm platzte aus einer Hauswand direkt vor ihm und spritzte ihm ins Gesicht. Eine Maschinengewehrgarbe ging über ihn hin. Er riss die Arme über den Kopf und sah sich unter seiner Achselhöhle hindurch nach seinen Verfolgern um.

Momentaufnahme: die aus der Waagerechten gekippte Straße. Der eigene Körper von der Achselhöhle abwärts. Ein verlorener Schuh lag im Bild, nicht sein eigener. Eingangs der Sackgasse hing der Körper des Kleinen in der Luft, die eingeknickten Knie knapp über der Erde, die schwerelose Uzi über hoch in die Luft geworfenen Händen, die berühmte Fotografie aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Daneben Adil Bassir, mit dem ungelenken Schwung einer Marionette gegen die nächste Hauswand geprallt. Seine rechte Gesichtshälfte drückte eine Mischung aus Entspanntheit und Überraschung aus, die linke Gesichtshälfte flog gerade als Hackfleisch davon. Der Schwarze war nicht zu sehen. Der Verfolger, der am nähesten an Carl herangekommen war, Julius, lag zwei Meter hinter ihm im Sand, die leblose Hand wie nach Carls Fuß ausgestreckt. An seinem Mund kirschrot eine Blutblase.

Unpassend zum Standbild lief die Tonspur weiter: Maschinengewehrsalve, Schüsse aus einem Kleinkaliber, Schreie. Eine Neun-Millimeter. Breites Amerikanisch. Zwei Uniformierte rissen Carl hoch und schleiften ihn zu einem grünen Jeep Wagoneer. Oder er lief ihnen hinterher, so genau nahm er das nicht mehr wahr. Er kam zu sich, während er auf das eingestanzte Karomuster einer Gummimatte zwischen seinen Füßen starrte. Die Gummimatte lag zwischen Fahrersitz und Rückbank des Jeeps. Auf dem Karomuster: Sand, Papierkügelchen, Haare und ein festgeklebter Kaugummi. Und seine eigenen Füße.

Sand und Papierkügelchen hopsten und sprangen im Rhythmus des Jeeps. Eine Hand in Carls Nacken verhinderte, dass er den Kopf hob. Die Hand gehörte einem der Uniformierten, einem Mann mit bräunlichem, fast olivfarbenem Teint und der Statur eines Kleiderschranks. Er sprach zwei Sätze Arabisch mit Carl, Hocharabisch, leicht syrischer Einschlag. Der andere Uniformierte, der Amerikanisch gesprochen hatte, saß auf dem Beifahrersitz und schien das Kommando zu haben. Vier Sterne auf den Schulterklappen: War das wirklich Militär? War das nicht einer der Musiker von Marshal Mellow? Der Bassist?

Den Fahrer konnte Carl als Einzigen nicht sehen. Er bemerkte nur zwischen den Sitzen hindurch, dass der keine Uniform trug, sondern gestreifte Hosen. Eine mädchenhaft schmale, behandschuhte Hand lag auf der Gangschaltung. Ein unbehaartes Handgelenk … in seiner Einfältigkeit glaubte Carl für eine Sekunde, es sei Helen, die gekommen war, ihn zu retten.

Der Beifahrer brüllte. Der Syrer drückte Carls Kopf tiefer nach unten, der Jeep legte sich in die Kurven.

«Alles klar?»

«Hast du ihn?»

«Bist du verletzt?»

«Hast du ihn?»

«Ich hab ihn.»

«Bei dir alles klar?»

«Ja. Und bei euch?»

«Yep.»

«Jemand hinter uns?»

«Alle tot.»

«Ich hab gesagt: Jemand hinter uns?»

«Nein.»

«Sicher?»

«Ich hab sie alle erwischt.»

«Sind Sie verletzt?»

«Wer, ich?», fragte Carl.

«Ob Sie verletzt sind?»

«Nein.»

«Da vorne rechts.»

«Wer sind Sie?»

«Da kommt eine Brücke, hinter der Brücke noch mal rechts.»

«Wer sind Sie?»

«Fahr langsamer.»

«Wohin fahren wir?»

Carl versuchte, den Kopf zu heben. Der Syrer drückte ihm die Hand fester in den Nacken und sagte einen Spruch zum Thema Sicherheit auf. Carl fügte sich, obgleich nicht so recht klar war, warum er als Einziger geduckt im Wagen saß. Fahrer und Beifahrer, das konnte er zwischen den Sitzen hindurch erkennen, saßen aufrecht, und auch der Syrer, der mit halbem Körper über ihm hing, befand sich nicht in Deckung. Offenbar war sein Leben wichtiger als ihres.

Erst jetzt, Minuten nach seiner Rettung, spürte er den kribbelnden Auflösungsprozess in seinen Knochen und wie die überstandene Todesangst seinen Körper verflüssigt hatte. Mit einem hysterischen Aufschluchzen und in einem Tonfall, der ihm selbst jämmerlich vorkam, dankte er seinen Rettern. Sie gingen nicht darauf ein.

«Da links?»

«Ja, da links, würd ich sagen.»

«Und die breite Straße da?»

«Ist falsch, glaub ich.»

«Glaubst du?»

«Neunzig Prozent.»

«Dann fahr ich links.»

«Da ist die Synagoge.»

«Das ist eine andere Synagoge.»

«Und wenn ich einfach rechts abbieg?»

«Nein.»

«Sagst du nein?»

«Würd ich auch sagen.»

«Würdest du auch sagen?»

«Wollen Sie mir nicht sagen, wer Sie sind?»

«Bleiben Sie ruhig.» Das kam von vorn.

Als Carl erneut versuchte, den Kopf zu heben, drehte der Syrer ihm einen Arm auf den Rücken. Er wehrte sich und bekam zuerst einen Schlag gegen die Rippen, dann spürte er, wie seine Hände hinter dem Rücken mit Handschellen gefesselt wurden.

«Macht er Schwierigkeiten?»

«Sekunde.»

«Schaffst du das?»

«Klar schaff ich das.»

«Wenn er Schwierigkeiten macht, die Spritze ist hinten auf der Ablage.»

«Die ist vorhin zerbrochen. Egal, er macht keine Schwierigkeiten.»

«Er soll nicht schreien.»

«Er schreit ja nicht.»

«Wenn er schreit, stopf ihm was in den Mund.»

«Was soll das?», rief Carl.

Der Syrer presste ihm ein zusammengeknülltes Taschentuch aufs Gesicht und versuchte, es ihm in den Mund zu schieben. Carl drehte den Kopf hin und her. «Ich sag ja nichts», sagte er durch die zusammengebissenen Zähne.

«Ruhig, ganz ruhig», murmelte der Fahrer mit einer Stimme, die Carl vage bekannt vorkam.

Er dachte kurz nach und sagte dann zum Fahrersitz: «Ich kenne Sie.»

«Wär ja auch komisch, wenn nicht. War ja keine anterograde Amnesie. Und jetzt bleiben Sie ruhig.»

«Sie sind das? Warum machen Sie das? Was wollen Sie?»

«Ruhig.»

«Was wollen Sie von mir?»

«Was wollen Sie von mir?», äffte der Beifahrer ihn mit alberner Stimme nach.

«Ruhig, hab ich gesagt.»

«Ich weiß nicht, was das soll?»

«Okay», sagte Dr. Cockcroft. «Stopf ihm den Mund.»

«Ich krieg das nicht rein. Er beißt die Zähne zusammen.»

«Er soll da nicht rumzappeln.»

«Aber ich krieg es nicht rein.»

«Dann lass es, solange er still ist. Sind Sie jetzt still? Oder wollen Sie weiterquatschen?» Dr. Cockcroft machte ein paar Lenkbewegungen, die Carl den Kopf hin und her schütteln ließen.

Er schwieg und konzentrierte sich auf die Geräusche draußen.

Trotz der Hitze waren alle Fenster geschlossen. Gedämpfter Verkehrslärm der Hauptstraße, vorüberziehende Musik, Schreie eines Wasserverkäufers. Pferdegetrappel. Beim Halt an einer Kreuzung das Stimmengesumm vieler Menschen, dazu besonders kräftig die Hand des Syrers im Nacken.

Irgendwann erkundigte der Syrer sich, wie lange es noch dauern werde, und der Beifahrer nuschelte etwas. Carl sah von unten sein kantiges Kinn und war nun vollkommen überzeugt davon, dass es der Bassist war.

«Ungefähr», sagte der Syrer.

«Etwa eine Stunde, um aus der Stadt zu kommen. Dann noch knapp zwei. Und wenn der Weg vor der Mine aufhört, brauchen wir vielleicht die ganze Nacht.»

«Es ist gleich Zeit für das Maghrib.»

Niemand erwiderte etwas auf diese Feststellung, und der Syrer ergänzte: «Wir müssen dann kurz halten.»

Ein paar Straßenzüge lang fuhren sie schweigend. Dann wieder der Syrer: «Wenn die Sonne untergegangen ist. Dann müssen wir kurz halten.»

«Du hast sie wohl nicht mehr alle.» Der Bassist. «Sieh zu, dass du deinen Job machst.»

«Das geht nicht.»

«Was geht nicht?»

«Dann steige ich aus.»

«Was?»

«Wenn ich nicht beten kann, steige ich aus.»

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