«Als ich davon erfahren habe, war ich völlig zerstört. Obwohl ich es hätte wissen können. Wahrscheinlich wollte ich ihn für stärker halten, als er ist. Weshalb er sich stärker geben musste, als er war, bloß auf die falsche Weise. Erst jetzt, bei unseren kleinlichen Streitereien, wird mir klar, wie wenig er dem Bild entspricht, das ich mir von ihm gemacht hatte.«
«Er hat dich betrogen, zuerst. Warum wollen Frauen immer glauben, dass es ihre eigene Schuld ist?«, fragte Hartmut, als sie vom Parkplatz rollten. Obwohl er einiges getrunken hatte, spürte er nichts mehr davon. Stattdessen erreichte ihn die Vorhut seines schlechten Gewissens, ein kleiner Erkundungstrupp, der das Gelände sondierte, auf dem sich morgen die ganze Mannschaft breitmachen würde.
«In einem Punkt verfüge ich über mehr Lebenserfahrung als du«, sagte Katharina ein wenig kühler als zuvor.»Auch wenn Scheidungen wahrlich keine Seltenheit mehr sind — wer es nicht kennt, versteht die Desillusionierung nicht, die damit einhergeht. Alle sind Zeugen. Die Familien, die Freunde, allen muss man’s erklären, und selbst wenn man das kann, bleibt das Gefühl, auf ganzer Linie gescheitert zu sein. Unseren Sohn gibt es, weil wir einander geliebt haben, und jetzt lebt er abwechselnd bei zwei Menschen, die kleinlich um Besuchszeiten feilschen. Was hab ich damit gewonnen zu sagen: Er hat angefangen?«
«Wahrscheinlich hast du recht. «Hartmut steuerte den Wagen über die Kennedybrücke, dann die verwaiste Adenauerallee entlang. Angestrengt blickte er auf Tachometer und Straße und bog kurz hinterm Bundesrechnungshof ab in die Südstadt. Bei jedem Schalten ging ein Ruck durch den Wagen, und jedes Mal schluckte Hartmut die Entschuldigung hinunter, die ihm auf der Zunge lag. Einmal hielt neben ihnen ein Polizeiauto an der Ampel, und sie beide schauten verkrampft geradeaus, bis es grün wurde. Das Gespräch verebbte. Als sie um halb zwölf in der Lessingstraße ankamen, wurden in einer Eckkneipe die Stühle hochgestellt. Schöne Altbauten und hohe Linden zu beiden Seiten. Katharina dirigierte ihn in die einzige freie Parkbucht, die für sie reserviert zu sein schien, auch wenn er kein Schild sah. Nicht weit von hier, oben im Bonner Talweg, hatten Maria, Philippa und er in den ersten Jahren gewohnt. Ein junges Paar mit kleinem Kind. Jetzt fiel ihm auf, dass er lange nicht mehr in der Südstadt gewesen war und die Gegend als weniger bürgerlich in Erinnerung behalten hatte.
«Bist du mir böse?«, fragte Katharina, als er den Motor abstellte.
«Überhaupt nicht. Es ist besser so.«
«Ich hätte es dir früher sagen sollen. Früher sagen müssen, und das wollte ich auch. Bloß ist es mir noch nie so schwer gefallen. Wenn man alleine lebt, fragt man sich, wozu Prinzipientreue gut sein soll. Außer dass sie das Alleinsein verlängert.«
Wir schulden einander nichts, wollte er sagen und schüttelte den Kopf. Es war bereits etwas falsch an der Art, wie sie jetzt versuchten, alles richtig zu machen, nicht enttäuscht oder gekränkt zu sein, weder Scham noch Reue zu empfinden. Machen wir uns nichts vor, dachte er grimmig, Prinzipientreue ist die Tofuwurst unter den Tugenden. Fleischlos und fade. Stattdessen sagte er lahm:»Ich halte es mir zugute, dass die Anziehung stärker war.«
«Okay.«
In Gedanken legte er beide Hände auf ihre Brüste. In Wirklichkeit verließen sie den Wagen und gingen zum Eingang ihres Hauses. Die letzten Körnchen rieselten durch den Hals der Sanduhr, dann erreichten sie die Tür, und er übergab den Autoschlüssel, wie eine symbolische Kapitulation.
«Na dann. «Mit zerwühlten Haaren stand Katharina vor ihm, und Hartmut steckte die Hände in die Taschen. Nebenan praktizierte das Analytische Gestalt-Institut, an den Zaun des kleinen Vorgartens waren Fahrräder gekettet.
«Balkonien«, sagte er und wies mit dem Kinn aufwärts.»Welcher ist es?«
«Dritter Stock. Wegen der Beurlaubung werde ich mich erkundigen und dir Bescheid geben. «Katharina hielt den Schlüssel in beiden Handflächen wie einen aus dem Nest gefallenen Vogel.»Es ist wegen deiner Frau, richtig?«
«Ja«, sagte er ohne Widerwillen. Entweder riet sie oder konnte es spüren, oder sie hatte an der Uni den üblichen Tratsch aufgeschnappt.»Vor allem ist es kompliziert. Aus vielen Gründen, nicht nur wegen meiner Verpflichtungen hier. Vielleicht reden wir darüber ein andermal.«
«Okay. Tun wir das.«
Mit dem letzten Kuss sagten sie einander gute Nacht, dann konnte er nur noch Bedauern lesen aus der Art ihres Gangs und dem kurzen Gefecht mit dem Türschloss. Er sah ihren Schemen im Flur verschwinden und verwarf den Gedanken, ein Taxi zurück nach Beuel zu nehmen. Hinter ihm lag ein langer Tag, und er musste zu Hause ein paar Dinge erledigen, zum Beispiel noch was trinken. Das Auto konnte er morgen holen. Langsam lief er die Lessingstraße hinauf und bog nach rechts ab, auf die Strecke, die er früher zur Uni gefahren war. Vor dem Eingang einer Kneipe verabschiedeten sich junge Leute voneinander, mit Küssen und innigen Umarmungen, als würden sie einander nie wiedersehen. Hartmut ging vorbei und fühlte sich aufgehoben im Gleichgewicht widerstreitender Gefühle. Einsam auf ebenso wohltuende wie schmerzliche Weise. Enttäuscht und erleichtert, aufgekratzt und müde. Als ihn in der Weberstraße ein leeres Taxi überholte, hob er die Hand und sah die Bremslichter aufleuchten. Im Fond empfing ihn der angenehme Geruch von Vanille und Leder. Dazu ein fragender Blick im Rückspiegel.
«Venusberg, bitte. «Hartmut schloss die Tür und schnallte sich an. Merkwürdig, wie der Entschluss vor ihm stand, ohne gefasst worden zu sein. Sandrine würde sich zwar wundern und zuerst misstrauisch nachfragen, aber wohin sollte er sonst fahren? Das letzte Zusammentreffen lag so viele Jahre zurück, dass ihm nicht auf Anhieb einfiel, wie viele es waren. Sie hatten im Au Relais gegessen, unweit ihrer Wohnung. Eine Mahlzeit in freundschaftlicher, leicht melancholischer Atmosphäre. Gemeinsam hatten sie eine Flasche Wein getrunken und das Gespräch ferngehalten von allem, was ihnen auf dem Herzen lag. Vielleicht dachte er daran, weil er auch damals nicht gewusst hatte, warum sich sein schlechtes Gewissen nur zögerlich einstellte. Als absolvierte es eine lästige Pflichtübung.
«Schöner Abend«, murmelte er vor sich hin.
Nach dem Essen hatte Sandrine ihn zur Métro gebracht, mit vor der Brust verschränkten Armen und so schweigsam, wie sie nur wird, wenn sie traurig ist. An ihrem Haus vorbei, die Rue Lamarck hinunter. Er hatte die Fassade hochgeblickt und sich gefragt, ob er je wieder ihre Wohnung betreten würde. Sieben Jahre lag es zurück, oder acht?
«Sind Sie Professor Hainbach?«Die Frage riss Hartmut aus seinen Gedanken. Automatisch setzte er sich aufrecht hin und hob den Kopf.
«Das… Der bin ich, ja.«
«Sie erinnern sich nicht an mich. Ich hab nur ein Seminar bei Ihnen besucht. Vor zehn Jahren. Wittgenstein. «Das Gesicht, das der Fahrer ihm kurz zuwendete, kam Hartmut nicht bekannt vor. Ein Mann Anfang dreißig, mit randloser Brille und bereits schütterem Haar, dessen Miene auf zufriedene Weise gelangweilt wirkte.
«Sie haben Philosophie studiert?«, fragte Hartmut.
«Architektur. Philosophie war nur ein Hobby.«
«Verstehe. «Er hätte es vorgezogen, in Ruhe seinen Erinnerungen nachzuhängen, aber da er nun mal zu einem ehemaligen Seminarbesucher ins Taxi gestiegen war, versucht er, das Beste aus der Situation zu machen. Den Tractatus hatten sie gelesen, erfuhr er auf Nachfrage. Sein Fahrer hieß Meier. Die Welt ist alles, was der Fall ist, wusste er, das habe ihm seinerzeit zu denken gegeben. Während er den Wagen durch Poppelsdorf lenkte, wo die Kneipen noch belebt waren, sprach Herr Meier in den Rückspiegel wie in eine laufende Kamera. Im Grunde so etwas wie ein Gestrüpp aus Tatbeständen, auch wenn Wittgenstein es anders ausgedrückt habe. Der Versuch, das in eine endliche Zahl von Sätzen zu fassen, sei allerdings hoffnungslos. Genial und auf seine Weise heroisch, aber undurchführbar. Habe Wittgenstein wohl später selbst eingesehen. Das Gesicht im Rückspiegel schien auf eine Beurteilung zu warten.
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