Es häufen sich die Tage, an denen ich es nicht mehr aushalte. Verlassen, verlassen, verlassen bin ich wie ein Stein auf der Straße, so verlassen bin ich, keinen Vater, keine Mutter, kein Feinsliebchen hab ich, jetzt seh ich recht deutlich, wie verlassen bin ich, jetzt geh ich zum Friedhof zum Friedhof hinaus, dort knie ich mich nieder und weine mich aus. Ich bin aus dem Adoptionselternhaus ausgerissen, ich bin der sich unbeherrscht aufführenden Adoptionsmutter entkommen, die an diesem Tag völlig durchgedreht ist, mit ihrem Ausklopfer hinter mir herlief und wie irre schrie: Das sind die Gene. Die Gene schlagen durch. Du bist voller Gene deiner Mutter, die ein Freudenmädchen ist, ein Freudenmädchen, ja, das ist sie, damit du es weißt, was den Vater anbelangt, eingelocht gehört der Verbrecher wie alle Verbrecher seines Schlages, diese Nichtse von Saufausen, von denen du auch einer wirst, wenn du dich von diesen Genen lenken lässt. Sie ringt um weitere Schimpfworte, bringt aber keine Schimpfworte mehr zusammen. Zehn kleine Negerlein, die gingen in einen Hain, der eine hat sich aufgehängt, da warens nur noch neun kleine Negerlein, die haben einmal gelacht, der eine hat sich totgelacht, da warens nur noch acht kleine Negerlein, die gingen mal Kegelschieben, der eine hat sich totgeschoben, da warens nur noch sieben kleine Negerlein, die gingen zu einer Hex, der eine wurde totgehext, da warens nur noch sechs kleine Negerlein gerieten in einen Sumpf, da ist der eine stecken blieben, da warens nur noch fünf kleine Negerlein, die gingen mal zum Bier, der eine hat sich totgetrunken, da warens nur noch vier kleine Negerlein erhoben ein Geschrei, der eine hat sich totgeschrien, da warens nur noch drei kleine Negerlein, die gingen am See vorbei, da kam ein großer Hecht geschwommen, da warens nur noch zwei kleine Negerlein, die gingen zu einem Schreiner, der eine hat sich inn Sarg gelegt, da war es nur noch einer, ein kleines Negerlein, das fuhr mal in ner Kutsch, da ist es hinten rausgerutscht, da warn sie alle futsch.
Verhältnis zu den Verwandten des Annehmenden Die Annahme an Kindes Statt begründet zwischen dem Kind und den Verwandten des Annehmenden wie auch zwischen den Abkömmlingen des Kindes und dem Annehmenden und seinen Verwandten die gleichen Rechte und Pflichten, wie sie zwischen leiblichen Verwandten bestehen. Ein Eheverbot zwischen dem Kind und den Verwandten des Annehmenden wird durch die Annahme an Kindes Statt nicht begründet.
BEI MEINEN AUSFLÜGEN in meine Vergangenheit, am Strand zwischen Meschendorf und Rerik kommt mir die merkwürdigste aller Erinnerungen. Ich habe bis heute für das seltsame Geschehen keine rechte Deutung parat. Ich bin eventuell in eine zeitlose Welt gelangt. Ich bin in einen Raum gebrochen, den es im Leben sonst nicht gibt. Der Himmel steht tief und grau. Die Wolken lasten, als wäre der Beginn einer Finsternis aufgezogen, in die ich gerate, um niemals mehr aus ihr hervor aufzutauchen. Der seltsame Tag zeigt Folgen. Ich erinnere mich an die Speisekammer, in ihr mein Riesentopf, angefüllt mit in alter Omamanier von Hand bereitetem Kraut. Kohlkopfviertel, hauchdünn in Längsstreifen teilen, Streifen in den Topf aus Steingut geben, mit Salzschichten versehen, Steintopf bis an den Rand füllen, der ein großer Steintopf ist, hellbraun und dickbäuchig, von außen glatt, oberhalb mit einer Rille für den Riesendeckel versehen. Unterm Deckel dieser umgedrehte, flachgelegte Speiseteller, von einem faustdicken, flachen Sandstein beschwert, am Ostseestrand nahe meinem Lieblingsplatz aufgelesen. Er thront auf dem Teller überm Kraut, das nun Sauerkraut werden kann und dabei die spermafarbige Sauerschaumschicht ausbildet, die den Kohl eindeckt wie schmutziger Schnee. Eine Gewöhnungssache, der Anblick, zugegeben, nichts für übersensible Geister. Und doch ist in einen Schaum zu blicken, derweil ich die Geschichte überliefere, die mir meinen ersten Schrecken eingejagt hat, als ich eine schöne Strecke gegangen bin, von zu Hause abgehauen, entschlossen, die Adoptionseltern für immer zu verlassen.
Ich beschreibe den Strand, den zerzausten, über den ein Sturm gewütet hat, der sich eben legt. Wie ausgerissenes Haar ist Gras und Meergeschling in breiten Mehrfachstreifen auf den Küstensand geworfen. Ich komme an meinen Lieblingsstacheldrahtzaunpfosten, um auszuruhen, mir Gedanken zur Adoption und der Möglichkeit zu machen, endlich alles hinter mich zu lassen, eine eigene Mutter zu besitzen. Hinter mir das militärische Sperrgebiet. Vor meinen Augen horizontloser, nebliger Dunst. Der Tag hüllt sich in diese unvergessliche, so abnorme Trübung, die nicht Tagesanbruch, nicht Tagesausklang ist, eher die Vorstufe zur Hölle, wie ich den Zustand nennen möchte, wenn auch das Bild abgegriffen ist und nicht ganz stimmig. Ich habe über die Jahrzehnte kein besseres Wort gefunden, das Erlebnis zu beschreiben. Ich werde es als meine Höllenvorstufe mit ins Grab nehmen. Die Welt hält Unmengen von Begriffen parat, dass ich mich nicht schämen muss, mal keinen geeigneten Begriff für ein so tiefes Erleben zur Hand zu haben. Ich sitze da und blicke in diese schwammige Begriffslosigkeit, diesen Dunst. Fragt nicht, wie lange ich dort sitze, ehe ich mich erheben kann, den Weg fortsetzen. Aus dem Nichts taucht, wie absichtlich in Schaum gelegt, ein grober, grauer Klump auf, der sich erst bei näherer Begutachtung als ein Kadaver, ein totes Wildschwein herausstellt. Von einem tektonischen Vorfall aus der steilen Küste gelöst und auf den Strand geworfen, denke ich. Ich stehe dem Urtier gegenüber. Ich stucke meine Schuhspitze in die Vergangenheit. Das tote Vieh stinkt nicht. Es ist von keinerlei Konsistenz. Da ist nur dieser ekelerregende Schaum auf dem Tier und die aufkommende Düsternis; beides zusammengenommen zeichnet für jene kindlich scheuen Regungen, die in mir aufsteigen, blicke ich in einen Sauerkrauttopf. Der Stein auf dem Teller ist das Wildschwein am Strande im Schaum.
Ich werde bei dem Anblick unruhig. Ich nehme dem Jungen gleich, der ich gewesen bin, meine Beine in die Hand und laufe fort. Besser gesagt, ich laufe immer noch, das ganze Leben hindurch laufe ich ständig von mir fort, will raus aus diesem Bild, raus aus allen anderen Bildern, weg von diesem Erdenleben, ab durch die Hemisphäre, durch den Schaum, in die weite Unendlichkeit, wo es keinen Kadaver, keinen Schaum, mich nicht und niemanden sonst gibt. Ich fühle, wie ich gefühlt haben muss. Ich spüre das rasende, kleine Herz pochen. Ich stelle Sauerkraut her. Bekannte, Freunde müssen mein Kraut im Topf ansehen, sollen es riechen, sich zum Essen von mir einladen lassen. Kraut aus fahlgrünen Weißkohlköpfen, aufgewachsen beim schleswig-holsteinischen Bauern, der mich über Alexandre Dumas aufklärt, dessen Beschreibung, wie Choucroute herzustellen ist, mit Essig und Wein aus Frankreich konserviert und Meersalz versehen, der Kohl in dünne Streifen geschnitten, auf einer Meersalzmatratze schichtweise gebettet, mit Einstreusein von Wacholderbeeren, Kümmel aromatisiert, in gleichmäßigen Verhältnissen übereinandergelegt, zum Ende hin von grünen Kohlblättern bedeckt, auf sie den Stein zu legen, alles mit einem großen, feuchten Tuch bedeckt, unterm großen Deckel bewahrt. Von Zeit zu Zeit das saure, schmutzige Wasser mit der Schöpfkelle abschöpfen, die Masse durch die Salzlauge á la Dumas ersetzen bis jedweder störende Gestank gewichen ist. Bei der Arbeit ins Schwitzen kommen, eine Frage der Ehre, Schweiß eintropfen lassen, Kohl erwartet Schweiß, Schweiß macht den Kohl fett. Das Kraut wird mit nackten Armen gepackt, über den Rand eines Riesenfasses verbracht, vor die nacktfüßigen Helferinnen geworfen, die im Fass spazieren gehen, mit den Füßen den frisch geschnittenen Kohl verdichten. Hört, wie sie lachen; und trinken den Wein aus Flaschen, absichtlich und reichlich verschüttet, was dem Kraut zugutekommt.
Ihr halbes Leben trug die heute vierundfünfzigjährige Taminah die Leiche ihres Babys in ihrem Bauch, weil sie sich eine Operation nicht leisten konnte. Ärzte in Surabaya auf der Insel Java befreiten die Frau jetzt in einem dreistündigen Eingriff von dem 1,6 Kilo schweren Leichnam. Das Kind sei vor seiner Geburt gestorben, nachdem es sich außerhalb der Gebärmutter entwickelt habe, sagte der behandelnde Arzt Urip Murtejo. Die Frau sei ins Krankenhaus eingewiesen worden, nachdem sie über gelegentliche Bauchschmerzen geklagt habe. Murtejo lag allerdings falsch mit der Vermutung, es sei möglicherweise das erste Mal, dass eine Frau ein vollständig entwickeltes totes Baby über einen derart langen Zeitraum in sich getragen habe. Im Januar hatten Ärzte in Vietnam im Unterleib einer Frau einen fünfundvierzig Zentimeter langen Fötus entdeckt, der fünfzig Jahre zuvor gestorben war.
Читать дальше