DIE ERINNERUNG ist ein Bürgersteig. Erinnern ist wie über Gehwegplatten kommen, die groß sind, manche zerbrochen. Die Abstände wachsen. Zwischenräume werden Mühe. Du kannst nicht mehr von der einen zur nächsten Erinnerung treten. Ich mache mich klein, bin ein Kind mit kurzen Beinen und kindlich bemüht, von einer Gehwegplatte zur nächsten zu kommen, wenn ich mich an meine Kindheit erinnere. Du musst ausschreiten, am Ende in die vage Erinnerung hineinspringen, ohne zu bedenken, wo und wann du wieder heraustrittst. Du willst dich erinnern. Du treibst wie auf Schollen. Es gibt da keinen Halt von Platte zu Platte. Die Bindungen sind gelöst. Die Zeit ist aus den Fugen. Die Geschehnisse, derer du dich erinnern willst, sind Passanten unter Passanten. Wenn zu viele Leute auf dem Bürgersteg sind, kannst du die Erinnerungsmühe vergessen. Nadeln im Heu. Im großen Menschenstrom scheitern all deine Versuche, dich exakt an einen Passanten zu erinnern, der genauso fremd in der Erinnerung ist, wie du dir fremd wirst. In den Nebengassen bist du da sicherer, kannst derlei Übungen ungestörter absolvieren, dir in Ruhe ein System der Überwindung erarbeiten, von rechts nach links springen, flippen, die Gedanken wie Beine des Spagats dehnen. Sind die Gehwegplatten dennoch zu groß, hast du zu passen und sollst dein NichtVermögen hinnehmen. Die Abstände werden weiter, je genauer man sich erinnert. Du musst einzelne Erinnerungen verlassen, bevor sie schmelzen oder untergehen. Du verlierst die Orientierung. Du wirst zu deinem eigenen Erinnerungsspielball. Du springst auf der Stelle. Dir geht die Luft aus. Und doch willst du dich weiter erinnern, weiter verirren. Auffällig ist, wer orientierungslos abseits der Erinnerungen steht. Wer auf dem Bürgersteig die Eilenden zu stoppen, sie zu fragen sucht, mit einer Aufschrift, einem Namen, einem Platz am Ort, einer Adresse. Du bekommst außer Eile, der höchsten städtischen Umgangsnorm, nichts weiter angeboten. Eilende drücken sich an dir vorbei. Denn auch sie suchen sich fortwährend an Vergangenes zu erinnern. Dir bleibt nichts übrig als dich einzureihen, mitzueilen. In die Geschichte aller. In die Vergangenheit aller. In den geschichtlichen Stoff hineingewoben, in dem als Faserfetzen deine kleine Geschichte steckt. Frühmittagsabends. Sich erinnern heißt sich in der eilenden Masse wie in einem Gehege voller klappernder Flaschen zu fühlen, in eilende Blöcke verfrachtet, auf wackligen Füßen unterwegs. Spätere Erinnerungen sind alt und glänzen im Licht. Anders erinnert der Mensch sich nicht, als dass er zum Fußgänger wird. Ich erinnere mich meint: Gelangweilte Fahrer sehe ich, ihre Ellenbogen zu den Fenstern ihrer Fahrzeuge herausstrecken. Alte Damen sehe ich, faltige alte Schachteln, die dich und alle gesellschaftlichen Vorgänge um sich ignorieren, jede Regierung, jedes Regime, jeden Diktator überstehen, an ihren pelzigen Borden nesteln, wenn du sie ausfragen will. Kleine Tierchen, unnatürlich gedehnt, als Ring um den Hals gebunden. Sich erinnern meint, das tote Tierchen, das sich beim Schwanz gepackt hat, den eigenen Schwanz in der Schnauze trägt, aufzuwecken. Du musst ein Büchsenöffner sein, die Erinnerungshaut ritzen. Sich erinnern meint, Kinderspaß zu spielen, das Selbst wie eine Börse an die Angelschnur gebunden auf den Bürgersteig zu legen. Die schlaue Bäuerin tippt ihre Stiefelspitze gegen deine Attrappe, gewahrt die an sie gebundene Schnur. Und alles Erinnern war umsonst. Sich erinnern heißt, sich an den Bettler der Kinderzeit erinnern. Männer, denen ich nicht in die Gesichter schauen konnte, an deren Gesichtern ich vorbeihuschte, wie viele andere Kinder mit mir, ins Gesicht zu sehen, hinter die geheimnisvollen Barte oder Gesichtsnarben blicken. Nachschleifende Beine. Verdrehte Augenpaare. Augenklappen. Ausgefranste Schuhe. Jackenstoffe in Fetzen. Nach außen gekehrte Taschen. Rostige Ösen, knopflose Mäntel. Und Essensreste an der Kleidung, von den Rändern der Specktonnen mitbekommen, in denen der sich Erinnernde nach Essbarem wühlt.
Ich war das Heimkind. Ich war so frei im Heim, unendliche Wochen, Monate, Jahre in kindlicher Seligkeit. Immer draußen unterwegs, um nicht drinnen sein zu müssen. Spiele spielen, die auf nichts Besonderem beruhten. Es gab ausgeklügelte Techniken, Dinge zum Spielen zu verwenden, die nicht für das Spielen gedacht sind. Ich erinnere mich nicht im Detail, wie wir es schafften, an der Lieblingslaterne hoch oben unsere Seile zu befestigen, sie so zu drehen und verwirken, dass wir mit ihnen den Pfahl umwinden konnten und nach einer gewissen Weile dann von den Seilen um uns und um andere Kinder herumgeschleudert wurden, wie auf einem Kettenkarussell ohne Ketten. Ich weiß ein großes Kind, abseits stehend, das uns den nötigen Schub erteilt, und dass die einzelnen Drehs, wie lange ich sie auch in Erinnerung habe, nur kurze glückliche Drehmomente waren. Ein kurzer, kostenloser Zeitvertreib. Ein Kind nach dem anderen, alle fünf Kinder, fliegen wir um den Lampenpfahl herum, sind für die kurze Frist kleine Sterne am Kinderspielhimmel.
Und dann ist uns schwindlig, und alles fängt von vorne an. Ein Steinchen wird ins Feld geworfen. Man muss hüpfen und zum Ende der auf das Pflaster gezeichneten Figur kommen, den ausgeworfenen Stein nach einem System im Feld überspringen, was im Einzelfall bedeutet, dass du dabei eine komische Figur machst, am Spagatschritt zerbrichst. Lasst uns schweifen ins Gelände, über Täler, über Höhn, wo sich auch der Weg hinwende, wir sind jung, und das ist schön, geht darob der Tag zur Neige, leuchtet uns der Sterne Schein, Bruder, schnell, den Rucksack über, heute solls ins Weite gehn, Regen, Wind, wir lachen drüber, wir sind jung, und das ist schön. Aber bist du adoptiert und nicht mehr im Heim, so hast du kein Eigen mehr, bist Teil geworden von einem kleinen Ganzen, der Familie, ein Familienmitglied neben anderen Familienmitgliedern und anderen Familien in der Straße, in der ganzen Stadt. Wenn wir die bessere Sonntagskleidung tragen, vor dem gemeinsamen Ausgang stehen, verbieten sich derartige Spiele. Wir stehen im Freien vor der Haustür, den Hecken zur Straße hin und haben abzuwarten, dass die Familie eine Gruppe bildet und alle beisammen sind, der Onkel auf Besuch, die geschwätzigen, immer trödelnden Tanten, Cousin, Cousinen. Wir sehen uns an, der Nachbarjunge, das Nachbarmädchen und ich und es ist uns peinlich, so hergerichtet und angezogen gesehen zu werden. Zum Ausgang gekleidet, kannst du als Familienmitglied Kurzweil nur vorsichtig abhalten und eben nur zum Schein takeln, schubsen, auf dich aufmerksam machen, weil die Anzugsordnung zu schonen ist beim Kinobesuch. Man gibt sich ein bisschen ausgelassen, riskiert die sanfte Form des Tobens, ohne Hinfallgefahr und aus ihr resultierendes Verschmutzen. Wenn es regnete und sich die Rinnsale an den Bürgersteigkanten ausbreiteten, falteten wir aus Papier kleine Boote, die sich von den Wassern mitreißen ließen, beim Wettrennen unserer Papierboote bemerkten wir, dass wir uns beeilen mussten. Um nur nahe am Geschehen zu bleiben und am Ende des Unterfangens zu sehen, wessen Schiffchen jedweder Gefahr ausgesetzt zum Sieger geworden war, verhedderten wir uns im Geäst, patschten durch große Wasserpfützen, machten uns barfüßig, in bis über die Knie umgekrempelten Hosen steckend. Und träumten alle vom eigenen Schiff, dem kleinen Segelboot mit Leinensegel, Seilen, Pinne, Vorschot und einer Kajüte, die Platz für uns alle bietet, deren Segel sich blähen. Das Boot der Träume, das es aufnehmen kann mit anderen Traumschiffen.
Trieb, von August Stramm:
Schrecken Sträuben, Wehren Ringen, Ächzen Schluchzen, Stürzen, Du!
BEIM RÜBENHACKEN geht uns Roswitha in der Ackerrille voran. Wir halten absichtlich Abstand. Es ist uns zusätzlich zur Hitze vom Anblick der Roswitha heiß. Wir sind für die Erntehilfe abgestellt. Der Rücken schmerzt vom Mühen und Bücken. Wir hacken die Setzlinge ohne Konzentration. Roswitha steckt in nichts als ihrer Haut, die mit einem Badeanzug überzogen ist, der in ihrer Arbeitshose verschwindet, besser aus ihr hervor aufblüht, hell und grün. Hinter der Roswitha gehend, sind ihre großen Titten als Überbreite auszumachen. Die zierlich gebaute Roswitha hat die dicksten Brüste aller Mädchen auf dem Erntefeld, die Jungen drängeln sich in ihrer Rille und laufen ihr nach wie Schafböcke, dicht nacheinander. Ich schlage mir den Knöchel auf mit meiner Hacke. Heinz schwindelt beim Anblick der Wölbungen, die Verlockung wird bei ihm so groß, dass er am liebsten hingehen, die unfassbar fernen Busen ergreifen und drücken würde. Roswitha schuftet und kommt zügig voran. Roswitha ist am Tagesende die beste Rübenhackerin der Riege und hat von dem Aufruhr hinter sich nichts mitbekommen. Ich sehe mich wieder in der Kammer hinter der Toilette, wo der Adoptionsvater schulische Akten in Regalen verbirgt. Dort halte ich mich versteckt, in der kurzen Zeit, die Roswitha bei der Adoptionsmutter Nachhilfe bekommt. Ich sehe wieder, wie sie sich die Hände wäscht, das Haar kämmt, auf dem Klo sitzt. Ich mache mich schmal. Ich halte die Luft an. Ich belausche das Tun der Roswitha in der Toilette. Ich bilde mich auf dem Bücherdachboden weiter fort, durchsuche die Bücher nach erregenden Bildern, erforsche den Mund-zu-Mund-Kuss, lese von Dingen, die obszön genannt und tabuisiert worden sind. Das Füßeküssen. Der Kuss beim Akt. Der Judaskuss, das Zeichen des Verrates. Eine Schlange kommt aus einer Säule hervorgekrochen und sagt: Das Mädchen, das dich küsst, wird deine Königin sein. Brutus fällt auf die Knie, rutscht auf den Bauch, küsst die Mutter Erde, wird von ihr geküsst, steht in dem Buch beschrieben, wo es heißt, auch Brutus werde töten, was ihn zuerst umfasst und küsst. Dornröschen wird wachgeküsst. Der Wunsch zu küssen lenkt mein sexuelles Erwachen. Ich will bei den Mädchen landen. Dornröschen, nimm dich ja in acht, Taler, Taler, du musst wandern, von der einen Hand zur anderen, da kam die böse Fee herein, Dornröschen, schlafe hundert Jahr, Brüderlein, komm tanz mit mir, beide Hände reich ich dir, einmal hin, einmal her, rundherum wuchs die Hecke riesengroß, Dornröschen, wache wieder auf, wieder auf, wieder auf. Die Mädchen stehen in Gruppe und versuchen einen langen Faden aufzugreifen, weiterzureichen, der sich durch ihr Tun vernetzt und Muster annimmt, die in immer komplizierter werdender Greiftechnik mit den Fingern übernommen werden müssen. Wir Jungen zeigen Gegenstände her, Zeitungsausschnitte, Feuerzeuge, Spielkarten, mit denen wir spielen. Einer muss die Hand hinhalten, einer macht den Rücken für uns krumm. Wir messen unsere Kräfte, wir fangen an zu lachen, wiehern, benehmen uns wie betrunken, stieben auseinander, halten uns die Bäuche, kriegen uns ein, sind mit einem Mal wieder ernst und beherrscht, als wäre eben nicht Tobsucht, Albernheit angesagt. Wir sind in dem Alter, in dem wir lieber murmeln; uns auf den Boden werfen, mit den Augen auszumessen, wessen Glaser näher am Loch liegt. Wir möchten unser Springseil durchs Leben schleppen und sind dem Springseil entwachsen. Doch mittendrin wird uns das Springseil peinlich, wir lassen es liegen, wo wir es fallen lassen, werfen es nicht fort, sondern übergeben es an die nachfolgende Generation. Wir sind unterkühlte Jungen auf dem Weg zum Mann. Die wenigen nahen Momente mit den Mädchen beginnen wir zu genießen, wenn eines uns berührt, werden wir abwesende Geschöpfe, auf das andere Wesen eingenormt, das Mädchen, mit dem wir über ein Seil springen, von anderen Mädchen geschwungen. Mädchen, deren Nähe wir so intensiv spüren, für deren Nähe wir alles hingeben, jede Achtsamkeit uns gegenüber verwerfen, das einigende Jungengefühl aufgeben, uns sticheln, in Grund und Boden kommentieren, was manchen von uns aufbringt, rot werden und hinreißen lässt, Dinge zu tun, die man von uns nicht kennt, wie sich wegen einer Nichtigkeit kloppen.
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