Das macht nichts, hat die Adoptionsmutter gesagt, da wächst einer sich rein. Die Badehose kann meinen Hodensack nicht immer richtig bewahren, wenn ich nicht achtsam bin, rutscht er seitlich hervor. Also renne ich nicht wild umher, sondern gehe mit engen Schritten und stehe auf dem Bild seitlich an den Strandkorb gelehnt, so seltsam klemmig, wie mir in der Dreiecksbadehose ist. Im Strandkorb sitzt die Cousine bei der Adoptionsmutter, die einen seltsamen Badeanzug am Leibe hat, ihr Gesicht dem Fotoapparat präsentiert. Auf allen Bildern immer wieder dieses künstliche Lächeln und ihre weißen Zähne, auf die sie stolz war, die sie allen zeigen musste; immer wieder für Fotos aufgesetzt. Ich überwinde der Cousine zuliebe meine Abneigung gegen das Wasser, laufe ihr nach ins Wasser und bin dann auch ein eifriger Taucher, betätige mich als unterseeischer Seesternesucher, hole für sie mehrere Seesterne vom tiefen Grund. Ich treibe mit einem großen Luftring auf dem Wasser. Ein Schlauch, vielleicht von einem Traktor. Mit Füßen und Händen strampel ich, lasse die Wasser schäumen. Auf einem anderen Bild trage ich eine Kofferheule. In der vorpubertären Ära gab es nichts Schöneres als mit der Kofferheule auf der Seebrücke stehen und Eindruck bei den Mädchen schinden. Mein Radio stammt aus Russland, heißt Roter Stern, Sputnik oder sonst was Russisches. Ein äußerst robust gebautes Gerät, mit dem wir die aktuelle Beatmusik dudeln konnten, über Radio Luxemburg auf Mittelwelle gesendet. Ich halte die Kofferheule zwischen Hand und Oberarm an die Hüfte gequetscht. Den schmächtigen Brustkorb halte ich für v-förmig geformt, wenn ich den Bauch einziehe und den Rücken durchdrücke, mit meiner Kofferheule paradiere.
Wir Hänflinge von Jungen bildeten uns mächtig was auf unsere Körper ein, dabei hatten wir noch nicht einmal Haare auf der Brust. Wir gingen wie mit Brennnesseln unter den Achseln angeberisch umher. Die Mädchen gackerten. Die Brücke war unsere Flirtmeile, von der die anderen Jungen ununterbrochen runtersprangen, um den Mädchen zu gefallen; über die Brückenbretter laufen, nahe an die Mädchen im Wasser herantauchen, an ihnen vorbei, die Mädchen streifend und absichtsvoll zur Seite zwingend, dass sie kreischen müssen.
EIN SPÄTENTWICKLER, was die Liebesbelange angeht, eine Null, sitze ich mit einem Mädchen an der Steilküste mucksmäuschenstill, starre bis zur Halsversteifung auf den Horizont, verweile so ach wie bist du schön, den anschließenden Sonnenuntergang zu sehn, der ein anhaltender, zäh ablaufender Ewiguntergang ist. Und zucke nicht. Und muss dauernd daran denken, wie ich mit der Cousine hier sitzen würde. Und frage mich, wie das Mädchen an meiner Seite das alles ohne Halssteife erträgt. Und schließlich erheben wir uns dann. Das heißt, das Mädchen hat von meinem ausdauernden Sitzen und Stieren gehörig die Faxen dicke und stößt mich von sich. Ich höre es herzhaft lachen, kann das Mundinnere des Mädchens einsehen, wie sie zu mir böse Worte sagt. So sehen und gehen sie aus, meine wenigen Versuche, dem anderen Geschlecht wohl zu sein. Ich bin verliebt in das ausdauernde Mädchen und liebe aber auch die ferne Cousine und trolle mich weinend nach Hause, beklage meine unentschiedene Lage, weil es so keinen Menschen für mich gibt, ich nicht einmal die Großmutter zu der Qual befragen kann, so niemandem das Herz ausschütten kann und darüber reden. Und die Adoptionsmutter wedelt mit einem Kuvert, wirft mir den Brief hin, von dem Mädchen geschrieben, das so ausdauernd gewesen ist, mich ausgelacht hat. Das Mädchen hat jeden Buchstaben meines Namens auf dem Umschlag in einer anderen Buntstiftfarbe ausgeführt. Die Briefmarke hat das Mädchen unten links auf den Kopf gestellt aufgeklebt, was in unserer geheimen Sprache so viel wie: du hast mich durcheinandergebracht, heißt. Der Brief an mich ist von der Adoptionsmutter bereits geöffnet worden. Viel im Kopf kann die nicht haben, lästert die Adoptionsmutter. Die Jugend von heute. Sie dagegen habe, wie es sich für junge Mädchen von damals geziemte, eine Ausbildung an der Höheren Töchterschule absolviert. Freilich, höre ich sie hauchen, habe sie es besser als andere Frauen im Ort, einen treu für sie und uns alle sorgenden Mann zur Seite, dem das Wohl der Familie über alles geht, der sein Frauchen umhegt und pflegt, ein Mann, mit dem sie sich im Ort sehen lassen kann. Gell, fragt sie mich mit dem Brieflein in der Hand, wir machen was her, der Vati und ich?
Von der Buntheit der Buchstaben strahlt so viel Wärme auf mich aus, dass ich das Mädchen im Herzen mag, es als meinen Herzschlag in mir wissen will und in das Mädchen mehr verliebt bin als in die Cousine. Die Adoptionsmutter entfaltet den Brief, hält mir den mit rotem Stift behandelten Brief hin; jeder Fehler dick unterstrichen. Es wimmelt am Rand von Frage- und Ausrufezeichen. Falsch, schlecht, schlecht steht dort mehrfach geschrieben, am Ende des Briefes sind Noten wie für ein Diktat aufgeführt. Rechtschreibung/Grammatik: Fünf. Inhalt: Völlig am Thema vorbei. Form: Fünf minus. Den Brief, bestimmt die Adoptionsmutter, schmeiße ich für dich ins Feuer. Ich muss sie gewähren lassen. Sie verbrennt ihn im Küchenofen, der Kochmaschine. Ich soll zusehen, wie sie den Brief verbrennt. Die Großmutter steht hinter mir, ist auf meiner Seite, nur helfen kann sie nicht, so viel weiß ich in dem Moment. Mit der Zeit verliert man die Bindung an Dinge, die wichtig scheinen, sagt sie mir zum Trost, rät, den Brief im Herzen aufzuheben.
Die Großmutter sitzt eines schrecklichen Tages den Tag lang im Lesesessel. Ihr Mund steht offen. Sie schläft, denkt man. Sie ist gestorben. Sie sagt von der einen Minute auf die nächste kein Sterbenswörtchen mehr, liegt teilnahmslos im Sessel. Ich muss mich nahe an sie heranbewegen, ihre Augenlider betrachten, meine Hand an ihren Mund halten, herauszubekommen, ob sich ein Atemlüftchen bewegt. Sie atmet, obwohl sie tot scheint. Sie erhebt sich, obwohl sie leblos scheint. Sie wechselt vom Wohnzimmer in die Küche über, nimmt die auf dem Treppengeländer abgelegte Kittelschürze, bindet sie vor dem Flurspiegel nach Vorschrift um, dass die gestärkten Bänder ihre Hüften steif und glatt umschließen, sich hinterm Rücken kreuzen und vor dem Bauch zur wunderschönen Schleife gebunden den würdigen Abschluss bilden. Sie sitzt auf dem Küchenstuhl. Sie hat die Hände ineinandergefaltet, lehnt den Kopf an die Wand, wenn ich am Küchentisch Schulaufgaben erledige, macht nichts mehr, rührt keinen Finger. Sie wäre nicht mehr bei sich, sagt die Adoptionsmutter, hat Tränen im Gesicht, schämt sich für die eigene Mutter, dass sie alt ist und zusehends abbaut. Die Großmutter ist bei sich, wenn sie nicht bei sich ist, sage ich mir. Braucht keine anderen Leute, ruht in sich, hat aufgehört, sich mit Arbeiten im Haushalt zu zerstreuen, lebt in der Gewissheit des nahen Todes. Wir sträuben uns gegen den Tod, wir dummen Menschen, sagen immerzu ja zum Leben. Dabei regiert der Tod von Geburt an, macht am Ende seinen Schnitt, der Schlaue. Ich stelle mir den Tod als Gerippe vor. Die Großmutter sagt, der Tod wäre eine Frau, eine Mutter, die Leben gibt, Leben nimmt. Im Krieg bin ich so einige Tode gestorben, zum Glück die Tode der anderen, sagt die Großmutter, der fremden Personen, die einsam starben und nicht begraben werden konnten. Über die Todesangst sagt sie, dass ihre Überwindung gleichsam die erste Pforte sei, die es aufzustoßen gilt, wenn man zum Bewusstsein des Todes gelangen wolle. Ich bin ein heranwachsender Junge. Ich gehe in die Schule. Man lernt nicht für die Lehrer, man lernt für das Leben. Man lernt auch für den Tod. Ich beende die Hausaufgaben. Die Großmutter sitzt still und steif auf dem Küchenstuhl. Dann bleibt die Großmutter eines Tages im Wohnzimmersessel sitzen und der Küchenarbeit fern, sieht fern, auch tagsüber, lacht, obwohl es nichts zu lachen gibt. Ich mache die Schularbeiten im Wohnzimmer.
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