Clemens Setz - Die Frequenzen

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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Als ich sicher war, dass sie nicht mehr kommen würde, machte ich einen Spaziergang. Ich konnte Lydia unmöglich bitten, mich früher zu holen. Also überstand ich eine ziemlich unsinnige Unterhaltung mit einem Obdachlosen, der in der Nähe des Parks herumstreunte und mit den Sternen redete.

— Viel zu tun? fragte er mich, als ich schnell an ihm vorbeiging.

— Ja, sagte ich.

— Aber, aber … aber nicht zu viel, oder?

— Nein.

— Weil von zu viel wird einem nur … zu viel bringt einen nur durcheinander, die ganzen Satelliten …

— Sicher, sagte ich.

Er hielt die Hand auf. Ich schaute hinein. Sie war leer, also ging ich weiter. Rechtzeitig zum Ende der Oper war ich wieder am verabredeten Ort und wartete. Wenn wir uns durch einen unsinnigen Zufall verpasst hatten, würde ich sie jetzt wenigstens herauskommen sehen. Sie würde sich bei mir entschuldigen und mich fragen, wo ich denn gewesen sei, und ich würde antworten: Hier natürlich, direkt vor deiner Nase, was bin ich doch für eine — und ich würde sie küssen und bei ihr einziehen, noch heute Nacht.

Menschen strömten an mir vorbei, dieselben weit entfernten, unwichtigen, unbekannten, scheintoten Menschen, die sich in den nächtlich glitzernden Windschutzscheiben der parkenden Autos spiegelten. Keiner davon war Valerie. Wieder wartete ich eine halbe Stunde. Bis niemand mehr kam.

Neben mir hupte es.

Für einen Augenblick dachte ich tatsächlich, Valerie fährt dasselbe Auto wie — dann fuhr das Seitenfenster herunter.

— Komm, ich fahr dich nach Hause, sagte Lydia.

— Was zum Teufel machst du hier? schrie ich sie an.

— Ich wollte sie sehen. Das ist alles. Mehr wollte ich nicht. Dass ich jetzt hier stehe, ist nur Mitleid. Komm, dir ist sicher eiskalt inzwischen.

— Du wolltest sie sehen? Hast du den Verstand verloren? Und jetzt lauerst du mir auch noch auf!

— Ich lauere dir nicht auf, sagte sie gekränkt. Ich will dich nur nach Hause fahren. Es ist ja niemand mehr da. Es war kaum noch mit anzusehen, wie du da auf und ab gelaufen bist.

Ich hatte Lust, sie aus dem Wagen zu zerren und zu verprügeln. Ich machte einen mutigen Schritt auf sie zu und — hätte mich fast leise bei ihr entschuldigt. Ich atmete tief durch. Kalte Nachtluft.

— Was geht es dich an, ob ich irgendwo in der Kälte stehe? fragte ich.

Meine Stimme gehorchte mir nicht mehr.

— Alex, ganz ruhig. Du bist ja total durchgefroren.

— Was willst du von mir? sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen.

— Nichts. Ich will dich nur nach Hause fahren. Das ist alles.

Entschuldigung , sagte die hässliche Stimme, die sich in meinem Kopf eingenistet hatte. Für alles . Ein seltsamer, farbloser Gedanke von der Form eines vom Himmel fallenden Zeppelins. Außerdem wurde ich das Gefühl nicht los, froh und erleichtert zu sein, dass Lydia hier war (meine Zehen waren inzwischen taub und verlangten nach einem warmen Nest). Als ich neben ihr im Wagen saß, begann ich sofort von irgendetwas Belanglosem zu reden, von Wörtern, die man nicht eins zu eins übersetzen konnte. Weiß der Teufel, wie ich auf dieses Thema gekommen war. Lydia tat so, als hörte sie mir zu (und auch ich tat so, als hörte ich mir zu), aber kaum hatte sie den Wagen gestartet, läutete ihr Handy und ich verstummte. Lange sagte sie nichts, das Telefon hatte sie zwischen Schulter und Kinn eingeklemmt. Mir war immer noch eiskalt, trotzdem nahm ich die Haube ab, weil ich wissen wollte, mit wem sie sprach. Aber ich hörte nur den farblosen Rest einer Stimme, dünn wie ein verbrannter Kerzendocht.

— Aha, sagte sie. Ja. Aha.

Ihre freie Hand drehte das Lenkrad weiter. Dann lachte Lydia plötzlich hell auf, und das Lachen klang so fremd, dass ich zusammenzuckte.

— Wie ein Grammophon? fragte Lydia. Um den Hals? Wie niedlich.

Sie legte auf und warf das Handy in meinen Schoß.

— Du sollst nicht telefonieren, wenn du fährst, sagte ich. Das ist verboten und außerdem gefährlich. Warum stellst du nicht auf Lautsprecher?

— Musst du schon wieder mit mir streiten? sagte sie. Ist dir beim Warten der Verstand eingefroren? Außerdem, was hast du da eben gesagt? Ich hab kurz nicht aufgepasst, weil ich mich aufs Fahren konzentriert habe.

— Ach so, ich habe nur gesagt, ein Wort wie –

— Was für ein Wort zum Beispiel?

— Das Wort Tenderness .

— Wieso? Tenderness … Zärtlichkeit … ist doch übersetzbar. Ich seh da gar nichts.

— Aber es ist nicht übersetzbar in dem Sinn wie zum Beispiel cat oder house , weil verschiedene Dinge im Englischen tender sein können, die im Deutschen nie als zärtlich beschrieben werden würden.

— Zum Beispiel?

— Eine Straße.

— Unsinn! Es heißt doch gar nicht zärtlich , sondern sanft . Eine Straße kann sehr wohl sanft sein.

— Aber die Art, wie … wenn es zum Beispiel eine hügelige Straße ist und … das Auto federt diese kleinen Hügel ab beim Fahren, diese niedrigen Geschwindigkeitshügel, die man in der Magengrube spürt, dann kann man das tender nennen, auch im Sinne von zärtlich … Ach, was weiß ich … the tender irgendwas of the car … oder of the street …

— Na ja, trifft auf diese Straße jedenfalls nicht zu.

— Kommt ganz auf den Fahrer an.

— Die Fahrerin.

— Okay, Fahrerin.

Chauffeuse .

— Ist ja gut.

— Wovon reden wir eigentlich?

— Weiß ich doch nicht.

— Geh ich dir auf die Nerven?

— Warum, was ist denn?

— Ich frag ja nur. Geh ich dir auf die Nerven? Wenn ja, kann ich auch einfach stehen bleiben.

— Wieso, was hab ich denn gesagt? Du hast davon angefangen.

— Ich fahr dich immer überall hin. Ist dir das schon einmal aufgefallen?

— Ja, stimmt, du lässt immer alles stehen und liegen.

— Nur damit du überall hinkommst.

— Ja. Sag ich ja. Ist mir aufgefallen.

— Dann ist ja gut … the tender irgendwas of the car … so wie jetzt?

— Nein, das war eher unangenehm.

— Was? Wie ich fahre?

— Nein, aber mir hebt’s immer die Eingeweide, wenn du –

— Sag’s nur, ich weiß schon, was du sagen willst.

— Ach, meine Güte.

— Was? Murmel nicht irgendwas in deinen Dreitagebart. Das Auto ist zu klein für solche Versteckspiele.

— Wer spielt denn Versteckspiele? Mein Gott, müssen wir uns unbedingt streiten?

— Wir haben nicht gestritten. Ich habe es nur ge wagt — und ich bitte um Entschuldigung —, ich habe es gewagt zu bezweifeln, dass eine Straße oder das Federn oder was auch immer zärtlich sein kann.

— Aber genau darum geht es ja! Kann es auch nicht!

— Werd nur laut.

— Jetzt hör doch auf, ich bin ja deiner Meinung! Kann sie eben nicht. Aber im Englischen –

— Oh, ent schuld ige bitte, dass ich nicht so per fekt Englisch kann wie du! Aber dafür fahre ich ganz gut Auto, oder?

— Was ist denn los?

— Gar nichts.

— Du bist heute so –

— Gar nichts ist los. Wir fahren jetzt einfach schweigend weiter durch die Landschaft.

— Was hab ich denn falsch gemacht? Wenn du mir das einfach sagen könntest, wären wir schon einen Schritt weiter.

— Einfach schweigend nebeneinander herfahren, du und deine treue Chauffeuse … jaja. Ein Mann und seine Chauffeuse kämpfen gegen das Unrecht.

— Haha, sehr witzig.

— Ein Mann und seine Chauffeuse. Ohne lästige Kinder auf dem Rücksitz. Was ist so komisch?

— Was? Ich hab nur –

— Du willst keine Kinder, weiß ich. Aber ist das ein Grund zu lachen?

— Ich hab doch nur über den Witz gelacht!

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