— Oh, für Witze bin ich also wieder gut genug? Zum Autofahren und Witze reißen. Sicher, hab schon verstanden.
— Nein, ich glaub eher, du hast da was total falsch verstanden.
— Dann erklär’s mir, wir haben ja Zeit.
— Mir wäre ehrlich gesagt lieber, du würdest mir sagen, was dich stört.
— Ich hab dir schon gesagt, was mich stört.
— Ehrlich? Wann?
— Noch deutlicher geht’s nicht.
— Wann denn?
— Grad eben.
— Was? Im Ernst? Grad eben? Wann?
— Du wiederholst dieselben Wörter, immer und immer wieder, bis sie einen Sinn ergeben, oder?
— Jetzt warte mal … Grad eben? Ich komm nicht drauf. Sag’s mir noch einmal.
— Nein, du hörst mir ja doch nicht zu.
— Stimmt doch gar nicht, ich war mit den Gedanken nur irgendwo –
— Bestimmt.
— Was bestimmt?
— Bestimmt ist das die Lösung … ist das ein verdammter Idiot …
— Was?
— Ich meine den Eierkopf da vor uns.
— Fährst du wegen dem so langsam?
— Was glaubst du, warum ich so auf ihm draufklebe? Der fährt hier mitten in der Einöde fünfzig. Und hat natürlich einen Hut auf. Dann ist ja alles klar.
— Und? Sagst du mir jetzt, was ich verbrochen habe, dass du so gereizt auf alles reagieren musst?
— Ah! Ich hab’s gewusst! Immer drehst du alles um, immer in deine Richtung!
— Was? Wieso umdrehen, ich will doch bloß wissen, was ich falsch gemacht habe. Mir geht’s nicht darum, Recht zu haben.
— Nein, über haupt nicht.
— Nein, ganz genau, aber –
— Mein Gott, lass mich doch in Ruhe damit!
— Aber wieso? Wenn ich nicht weiß, was es ist, dann –
— Dann stirbst du eben blöd, ist das so eine Tragödie?
— Wenn ich dafür erst sterben muss, ja.
— Es wäre dir ja sowieso egal, wie alles, was mit mir zu tun hat.
— Also, das ist jetzt wirklich nicht fair. Also –
— Was also? Scheiß auf dein Also! Es gibt keine Alsos mehr, die hast du bereits alle bei unserem letzten Streit aufgebraucht. Die rettende Keksdose mit den Alsos für den Notfall ist leer!
— Unser letzter Streit? Wann war das? Meinst du –
— Nein, meine ich nicht. Das haben wir besprochen. Geklärt. Persönlicher Freiraum ist nie ein Thema gewesen, das weißt du genauso gut wie ich.
— Also was war es dann?
— Oh, du willst dich daran nicht erinnern? An deiner Stelle wäre ich vorsichtiger!
— Wieso ich? Sei du lieber vorsichtiger, sonst fährst du dem noch hinten rein!
— Warum muss der auch so langsam fahren!
— Pass wenigstens auf, wo du hinfährst … die Straße …
— Ah, das ist es also, worauf wir fahren! Endlich sagt mir das einer! Eine Straße also … tender irgendwas …
— Na ja, bei den Schlaglöchern –
— Lenk nicht vom Thema ab.
— Wir haben doch gar kein Thema. Dazu müsstest du mir zuerst verraten, worüber wir überhaupt reden.
— Ist es jetzt plötzlich meine Schuld, dass du dich nicht erinnern kannst, was vor zehn Minuten gewesen ist?
— Das hab ich nicht gesagt. Aber wie soll ich, wenn ich schon bereit bin, dazuzulernen, wenn du –
— Dazulernen, da zu lernen? Also, ich bitte dich, aber wir sind hier wirklich nicht in der Schule.
— Ich offenbar schon.
— Ja, tolle Antwort.
— He, ich bring alten Leuten bei, wie ihre Handys funktionieren. Zumindest hab ich das getan.
— Und schon fühlst du dich als Lehrer! Großartig.
— Ach, lass mich doch in Ruhe.
— Als Lehrer sehen sich auch immer nur die, die irgendwann in ihrer Entwicklung stehen geblieben sind.
— Lass mich in Ruhe, habe ich gesagt.
— Und versuchen dann, sich irgendwie wieder salonfähig –
— Schon gut, zieh ruhig über diesen Berufsstand her. Geht mich ja nichts an.
— Berufsstand !
— Ja, so was gibt’s tatsächlich, auch wenn’s dir vielleicht schwer fällt, das zu glauben. Es gibt tatsächlich Leute, die Berufe haben. So wie ich zum Beispiel. Bis vor einer Woche.
— Toll, ich bin beeindruckt. Und, wieso willst du dann wieder studieren, wenn dich dieser Berufsstand nichts mehr angeht?
— Ich habe nicht gesagt, dass er mich nichts mehr angeht. Ich habe gesagt, dass er mich noch nichts angeht.
— Hast du nicht.
— Doch. Und vielleicht ist das der wichtigste Beruf überhaupt, wenn es darum geht, wie man die Gesellschaft am Leben erhält.
— Als wäre das dein persönliches Anliegen!
— Und das war schon im neunzehnten Jahrhundert so.
— Und, was beweist das? Hat es sich etwa durchgesetzt, dein großartiges neunzehntes Jahrhundert? Wo ist es jetzt?
— Vorbei natürlich.
— Eben.
— Na, dann gratuliere. Der Punkt geht an dich.
— Was macht dieser Idiot da vorne eigentlich? Dauernd fährt er an den Straßenrand. Was soll das?
— Ist vielleicht ein nervöser Fahrer.
— Nein, nein — ich bin eine nervöse Fahrerin, ich erkenne einen nervösen Fahrer, wenn ich ihn sehe. Der sucht irgendwas.
— Vielleicht einen Platz zum Halten?
— Hier?
— Ist vielleicht ein Waldfreak.
— Ja, genau, bei dir ist jeder, der in den Wald geht, gleich ein Freak.
— Natürlich, ich bin ein desillusionierter, demaskierter, desintegrierter ehemaliger Altenpfleger, der nebenbei –
— Ja, der nebenbei?
— Seine Freundin dazu missbraucht –
— Endlich redest du Klartext, nur weiter.
— Der seine Freundin gelegentlich dazu missbraucht, ihn irgendwohin zu fahren, weil er immer noch keinen Führerschein hat.
— Ein Mann ohne Führerschein!
— Was so viel heißt wie ohne Existenzberechtigung . Ein würdeloser Zustand.
— Das einzig Würdelose daran ist, dass du deinen großartigen Pflegerberufsstand mit Händen und Füßen verteidigst, aber jede Kritik an deiner Person einfach seelenlos hinnimmst.
— Seelenlos?
— Kritiklos. Achselzuckend. Du hältst die andere Backe hin. Seelenlos eben.
– Übertreibst du jetzt nicht ein bisschen?
— Ja, sicher, bestimmt übertreibe ich. Das muss das Lenkrad sein. Eine Frau am Steuer, so viel Verantwortung auf einmal, du weißt ja.
— Ich will gar nicht wissen, was das wieder heißen soll — Ah!
— Scheiße!
— Hast du das gesehen? Bleibt einfach stehen!
— Verdammtes Arschloch!
— Hup doch einmal.
— Hast du das gesehen? Der hat irgendwas –
— Was?
— Er hat was aus dem Fenster geworfen!
— Hat er?
— Ich hab’s genau gesehen.
— Ah, jetzt kann er auf einmal! Schau an!
— Jetzt drückt er plötzlich aufs Gaspedal! Nachdem er das Ding aus dem Fenster geworfen hat … oder die Frau am Beifahrersitz, die hat –
— So genau hast du das gesehen?
— Ich bin ja auch nicht Brillenträger und nachtblind so wie du, sondern deine Chauffeuse, Exfreundin … treu und tender irgendwas bis ans Lebensende …
— Schon gut, schon gut, schon gut!
— Es muss irgendwo da vorne liegen. Weißt du, was ich glaube? Das war ein Hund. Der hat einfach einen Hund aus dem Fenster geworfen.
— Was? Unsinn. Doch nicht hier.
— Doch, ein kleiner Hundewelpe. Ist einfach da hinten ins Gebüsch gesegelt.
— Was? Ja, aber –
— Ich hab’s genau gesehen. Segelohren.
— Ja, aber warum fährst du dann weiter, verdammt noch mal? Halt an! Fahren wir zurück!
— Nur keine Panik. Hilft jetzt auch nichts mehr.
— Was?
— Atme einfach ruhig durch.
— Ah! Das tust du nur, um mich zu bestrafen, oder? Halt gefälligst an, wenn da was war!
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