In den ersten Jahren war er noch so klug gewesen, nur einen halben Lehrauftrag zu übernehmen, aber dann kamen sehr bald die dunklen Jahre der Vollbeschäftigung. Er stellte sein Hobby, das Schreiben und das Konzipieren von Musicals, vollkommen zurück, verkündete, dass er ein, zwei Jahre Pause machen wolle. Schließlich müsse man auch einmal an die Familie denken. Und er hielt dieses Gelübde auch tatsächlich durch — und fand nie wieder richtig zu seinen alten leidenschaftlichen Irrfahrten auf dem Papier zurück.
Dann kam die plötzliche Anerkennung für seine Abschlussrede. Man gratulierte ihm. Und er zog sich zurück und arbeitete mehr an dem Riss als je zuvor.
Früher hatte er in die Gesichter seiner Schüler geblickt, in eine leuchtende Tastatur von Ausdruckslosigkeit, und hatte nur Wissenslücken, Herausforderungen, formbare Geister, junge Menschen auf einer spannenden Reise gesehen, auf einem subtilen Abenteuer von Sinnsuche, Selbstfindung und Identitätsentwicklung. Heute sah er in diesen Gesichtern nur noch den Tod.
Wenn er Hefte korrigiere, erklärte er meiner Mutter, überkomme ihn manchmal die entsetzliche Angst, sein Herz könnte stehen bleiben, mitten im Stapel . Etwa beim Buchstaben L. L wie Linquist, Leitner, Leitgeb, Lachner, LaBionda. Er zählte die Namen seiner Schüler auf, die mit L begannen.
— Ist es nicht entsetzlich, dass ich so etwas auswendig weiß? sagte er.

— Wie kannst du nur so lange ohne Unterbrechung reden? Ohne zu wissen, dass dir überhaupt jemand zuhört?
Lydias besorgtes Gesicht taucht wieder ab, und der Rahmen der Zimmertür ist weiß und leer. Ich höre sie im Nebenzimmer in irgendwelchen Dingen kramen. Wie kannst du nur so lange . Sie weiß nicht, dass der Satz eine Falltür war.
— Weiß nicht, rufe ich. Wahrscheinlich Erbmasse.
Ein glücklicher Abend vor langer Zeit. Mein Vater bringt uns alle zum Lachen, erzählt heitere Geschichten, von seinem ersten Fahrrad-Unfall, während er einen Korb voll Gemüse über eine Landstraße transportiert. Davon rollende Kohlköpfe, ein Eisbergsalat, der im Schnee stecken bleibt.
Er spielte oft ein Spiel mit mir, das hieß Ross-Biss . Damals schrieb man beides noch mit ß und entsprechend gleißender waren die Worte. Das Spiel bestand darin, dass wir uns Auge in Auge gegenübersaßen und seine Hände versuchten, mich in die Knie zu zwicken. Ich war entsetzlich kitzlig und tat alles, um seine blitzschnellen Attacken abzuwehren. Die Regel des Spiels lautete: Ein Angriff und eine Abwehr, dann von vorne. Wenn er mich erwischte, quietschte ich und fiel fast vom Sessel.
Wenn er in Fahrt kam, sagte meine Mutter zu ihm:
— Ich könnte nicht so lange einfach drauflos erzählen … Wie machst du das?
Er schmückte seine Geschichten von Zuhause oft wunderbar aus. Und manchmal schlichen sich in eine witzige Handlung Requisiten, die etwas Trauriges und Mysteriöses an sich hatten, ein mit einem weißen Leintuch abgedeckter Vogelkäfig auf dem Dachboden oder ein kaputter Kompass, den er einmal in einem Fußstapfen gefunden hatte.
Dann, auf einmal sehr ernst, begann er davon zu erzählen, wie er eines Tages, während eine Kuh auf dem Hof seiner Eltern in den Wehen lag und schrecklich brüllte, über die Wiese gegangen war. Er war ganz allein, wie immer, wenn Kühe in den Wehen lagen, und er trat mit seinen Schuhen in Maulwurfshügel und sprach laut mit sich selbst. Da plötzlich begann er zu fliegen.
Meine Mutter veränderte ihre Sitzposition ein wenig, als sie das hörte. Sie richtete sich auf und ihr Blick suchte den meinen. Er verwandelte sich vor unseren Augen von einem amüsierten zu einem leidenschaftlichen Erzähler.
Er habe, so erzählte er, und seine Finger wurden zu flatternden Empfangsantennen, zuerst gar nicht glauben können, was ihm da geschah, dann habe er mit den Armen geflattert und es wieder gelassen, denn es sei gar nicht an den Armen gelegen, nein, er flog einfach drauflos, wie an einer unsichtbaren Schnur hochgezogen. Zuerst habe er natürlich Angst bekommen, dann habe er versucht, sich frei fallen zu lassen, in den Wind, der mit ihm spielte und ihn im Kreis herumwirbelte. Er war ein Herbstblatt, ein von Luftströmungen gefangenes Papierflugzeug, eine wirbelnde Schneeflocke. Er habe versucht, sich zu orientieren, vielleicht war alles am Ende nur ein Schwindelanfall, wie er es schon seit seiner Kindheit kannte, diese plötzlichen Attacken, die wie aus dem Nichts kamen, in denen einem der Boden unter den Füßen schwand und man fiel, gleichzeitig stieg, sich festhielt an seiner eigenen Kleidung, was aber nichts nützte. Aber diesmal sei es etwas anderes gewesen, er habe sich weit, bestimmt an die zwanzig Meter über dem Erdboden befunden, strampelnd und nirgends anstoßend, und es habe ihn zu seinem Entsetzen immer weiter in die Höhe gehoben. Die Wolken, die bedrohlich näher kamen, seien das erste gewesen, was ihm eine Ahnung von seinem nahen Tod eingegeben hatte, und er habe versucht zu schreien, er habe mit winziger Stimme um Hilfe geschrieen, aber natürlich habe ihn niemand hören können, weil alle um die klagende Mutterkuh versammelt waren und ihre Arme — er habe das nie wieder vergessen können — bis zum Ellbogen in ihr versenkt hatten. So wurde er tatsächlich einige Kilometer weit davongewirbelt und auf irgendeiner fremden Wiese vor einem fremden Gehöft ins Gras gesetzt, sodass er sich den linken Knöchel verstauchte, und –
Meine Mutter war aufgestanden, hielt meinen Vater am Knie, er schaute zu ihr auf. Sie schlug vor, in die Küche zu gehen, vielleicht etwas essen, nur eine Kleinigkeit.
— Du hast ja den ganzen Tag gearbeitet, du vergisst immer zu essen, sagte sie lachend.
Aus seiner Geschichte gerissen, starrte er sie entgeistert an.
— Ich kann schon gut auf mich selbst aufpassen, murmelte er. Ich weiß, wann ich esse und wann nicht.
Stille. Ich stand auf.
— Komm, setz dich wieder hin, sagte mein Vater.
Es war eine unsinnige Bitte, so etwas hatte er noch nie von mir verlangt. Ich ignorierte sie und ging aus dem Zimmer. Im Nacken fühlte ich, wie sein Blick mir folgte, mich an den Schultern zurückhalten wollte.
Wenig später sah ich ihn und meine Mutter in der Küche sitzen. Sie plauderten über irgendetwas Belangloses, meine Mutter erzählte einen Witz. In der Hand hielt sie ein Joghurt, mit dem sie meinen Vater fütterte. Dicke weiße Tropfen fielen vom Löffel zurück in den Becher. Hin und wieder kostete sie selbst davon, nur damit er nicht merkte, was mit ihm geschah.
Später musste sie ihm dabei helfen, von seinem Sessel aufzustehen.
Nachdem mein Vater den Lehrberuf ganz aufgegeben hatte, fuhren wir im Sommer zu meinen Großeltern. Im Haus meiner Großeltern gab es einen unbetretbaren Treppenaufgang, der mit einem Band abgesperrt war, das zu einer schwarzen Schleife verschnürt war. Ich freute mich auf diesen Treppenaufgang und seine Schleife, denn vielleicht würde ich dieses Mal mutig genug sein, hinaufzugehen und zu sehen, was sich im geheimnisvollen dritten Stock befand. Diese Hoffnung hatte ich selbst dann noch, als man mir erklärte, dass es dort nur zum Dachboden ging.
Am liebsten hatte ich meinen Großvater, den personifizierten Schaukelstuhl. Sein Leben fand fast ausschließlich in der Z-förmigen Sitzposition statt. Nicht dass er etwa gar nicht oder nur schwer gehen konnte, er ging ohne Probleme überallhin, auf die Toilette, an die Tür, wenn es klingelte, oder zum Fernseher, um das Programm umzuschalten (eine Fernbedienung existierte zwar, aber es war noch nicht ins Bewusstsein meiner Großeltern übergegangen, wozu sie gut war, und so wartete das kleine, schwarze Ding auf einem Fenstersims auf seinen Einsatz und setzte Staub an), aber sonst saß er im Grunde nur herum, und Gelegenheiten dazu gab es viele: Sitzbänke vor dem Haus und auf der Veranda, Küchen-, Wohnzimmer- und Balkonsessel, Gartenmöbel (Stühle wie abstrakte weiße Elefanten), eine Hollywoodschaukel (die streng genommen gar keine Schaukel mehr war, sondern eine steife, knarrende Erinnerung daran), eine Kloschüssel, ein Bidet, ein langes Sofa, das direkt auf den Fernseher blickte, und ein kleineres, das im rechten Winkel dazu stand, und diverse Hocker (besetzt von Blumentöpfen und Stapeln alter Zeitungen). Mein Großvater konnte nur schwer dazu gebracht werden, sich hinzulegen. Wenn er es einmal tat, weil er krank war oder dem Drängen meiner Großmutter nachgab, sah man auch, warum. Er wirkte auf sonderbar vervielfachte Weise erlegt und hilflos, so wie ein auf den Rücken gedrehter Käfer auf dem Bauch einer auf den Rücken gedrehten Schildkröte. Es hatte einige Versuche gegeben, ihn zum Liegen zu verführen: auf dem Sofa erschienen über Nacht plötzlich hübsche, kleine Plüschpolster, eine weiche Decke legte sich über die Holzbretter der Verandabank, und zwischen zwei besonders kräftigen Baumstämmen im Garten grinste eine weiße Hängematte, die sich im Wind hin und her wiegte wie eine geheimnisvoll winkende Jungfrau.
Читать дальше
Конец ознакомительного отрывка
Купить книгу