«Danke, Karlfriede Sinner-Priest. Es spricht Kollege Altberg.«»Meine Damen und Herren, ich habe kein vorbereitetes Redemanuskript, denn das Thema unserer Jahresvollversammlung ist mir erst hier bekanntgeworden, und wie mir könnte es den meisten von Ihnen gegangen sein. Freilich hat die ungewöhnliche Bestimmtheit des Einladungsschreibens mich in ahnungsvolle Aufregung versetzt. Ich sehe unter Ihnen viele Gesichter, die ich in unserem Verband noch nie gesehen habe, frage mich, ob sie zu Autoren gehören — und was diese Autoren, wenn es welche sind, veröffentlicht haben mögen. Der Verdacht beschleicht mich, daß es um Abstimmungsmehrheiten geht. Geht es auch um Literatur? Literatur ist nicht die Magd der Politik, die Illustratorin des gerade aktuellen Zeitgeists. Nur Dummköpfe oder böswillige Untersteller glauben, Figurenmeinung sei Autorenmeinung — nun, es gibt Figuren im Leben, die ich nicht mag, für die ich aber dennoch Interesse aufbringen muß, wenn ich das Leben nicht nur in seinen mir genehmen Aspekten darstellen will. Nur Einfaltspinsel glauben, Judith Schevolas graues Haar oder die Anzahl der Haare auf Georg Altbergs Nasennebenwarze sage auch nur das geringste über ihre Bücher aus. Nicht, nicht? Literatur heißt Lyrik, Essay, Roman, Drama; es heißt nicht: Interview. Es gibt Kollegen, deren Interviewtätigkeit ihre literarische Produktion um vieles übertrifft, und oft nicht nur an Umfang. Sie wissen über alles und jedes Bescheid, äußern sich mit der unbefangensten Miene zu Raumflug und Abrüstung, Frauenfragen und Kulturpolitik; aber ihre Romane und Gedichte sind dünne Produkte, arm an Leben, arm an Welt. Wir, deren Aufgabe die Sprache und das Wort ist, sollten nicht mitfahren im bunten Karussell der Meinungen. Das ist der Platz der Schauspieler, der Politiker und Sportler. Ich möchte nicht mißverstanden werden. Es ist ja eine hierzulande beliebte Übung, die Arbeiter des Worts, des Geists als publicitysüchtige Hampelmänner abzukanzeln, wenn sie gewisse Probleme ansprechen, die nach Meinung gewisser Funktionäre unterm Teppich bleiben müßten. Das ist Denunziation. Denunziation ist es meiner Meinung aber auch, lieber David, Herrn Mellis mit der Formulierung, Moment, ich habe mir das notiert, ›Wer in der falschen Uniform, unter falschem Abzeichen in ein falsches Lager geriet‹ zu antworten. ›Ich brauche mich meiner Vergangenheit nicht zu schämen‹, sagtest du. Ich sage: Ich schon. Und ich glaube, Günter Mellis tut es auch. Beide haben wir für die Irrtümer und Verblendungen unserer Jugend schwer bezahlen müssen, und der Alptraum der Vergangenheit ist für mich eine nächtlich wiederkehrende Heimsuchung. Jeder muß für sich mit dem fertigwerden, was er getan oder nicht getan hat, jeder hat seine Gespenster im Schrank — und jeder sollte sich hüten, dem anderen als Besserwisser oder gar als Richter gegenüberzutreten. Wir werden alle gerichtet — anderswo.
Toleranz: Das Wort, das heute, glaube ich, noch ungesagt geblieben ist. Es gibt das Gesetz, und es gibt die Menschen, doch das Gesetz ist für die Menschen gemacht, nicht die Menschen für das Gesetz. Ich weiß, daß meine Worte bei manchen hier im Saal auf taube Ohren stoßen, das sind jene, die Verluste für unumgänglich halten, die sie manchmal — einige dieser Menschen, ich hoffe, es sind nicht allzu viele — womöglich sogar erhoffen, weil sie glauben, ihre eigene Geltung würde steigen, wenn andere nichts mehr gelten. Judith Schevola muß man nicht mögen, aber sie ist eins der bedeutendsten Talente des Ostens, neben einem, der als Abräumer in einer Ausflugsgaststätte tätig ist. Haben wir so viele Talente, daß wir es uns leisten können, sie zu vertreiben? Ist Diffamierung, Intoleranz, Beschränktheit die angemessene Weise, mit Talenten umzugehen? Muß unsere Gesellschaft, will sie für die Menschen attraktiv bleiben, nicht lernen, ihre Kritiker zu ertragen?
Kollegen! Ich fordere euch auf, ich bitte euch inständig, einem Ausschluß nicht zuzustimmen! Es wäre eine Katastrophe mit unabsehbaren Wirkungen, sollten unsere Kollegen ausgeschlossen werden. Sie alle wissen, daß ihre Existenzen dadurch zerstört werden würden, daß es für sie nahezu unmöglich wäre, hier weiter ihrem Beruf nachzugehen. Ein Ausschluß wäre nicht das Ende unserer Sorgen, sondern der Beginn der nächsten Schraubendrehung.«
«Es spricht Eduard Eschschloraque.«
«Schwer ist’s die Wahrheit sagen, wenn / die Lüge hoch im Ansehn steht. / Wer schätzt die Sonne, die verbrennt? / Die Wüste ohne Schatten und Oase, / die reine, echolose Schiefertafel, / den Spiegel, der zurückschenkt nur das Nichts? / Ein Ding allein ist sinnlos nur und traurig, / erst zwei zusammen tauschen ihre Stimmen / und stützen gegenseitig ihre Schwäche. / Nun will ich böse sein und gute Fragen stellen: / Was Freiheit sei, wenn alle Schranken fallen, / denn Goethe sagt es vom Gesetz: / Nur dieses kann uns Freiheit geben. / Was die Verfassung sei, die als ein Eisenring / sich um die Zungen schnürt und Menschenfleisch, / das alt wird und vergeht. / Was uferloses Meer dem Schiff, / gesteuert nach der Hand / der Galionsfigur am Bug?«
«Mensch, auswendig.«
«Schlechte Leute sind’s — und gute Musikanten, / sagt Brentano, Ponce de Leon. / Und traten wir nicht an, einander uns zu lieben / jedoch: ›Was halten Sie von ihm … so unter uns? / Ist eine Kröte voll Juwelen, die verwest. / Da kommt er, Achtung. — Mein lieber Eschschloraque / schon lang verlangte mich zu sagen / wie tief ich Ihre Sch…tücke schätze /, wie sehr auch Ihren Mut, den Zeitgeist / als Wasserspiegel eines Klos zu sehen, / und was drin schwimmt, ist wert, daß man’s hinunterspült.‹ / — Die Heuchelei zum Beispiel. / In meinen Händen seht ihr einen Katalog / voll Klassenfeinde stecken, hübsch gedruckt / von einem garstigen Verlag im Westen. Mittendrin / steckt unser lieber Günter Mellis; und andres / Staatsgefieder sah ich auch. Bestrafung: ja. Doch / fordre ich sie ebenso für Mellis und Genossen / denn Schweine sind’s, die andre Schweine nennen / und selber aus den Schweinetrögen fressen.«
«Unverschämtheit! Raus, raus!«
«Verwirrt sind Tag und Zeit, / doch ich bin treu den Vatersitten / halt die Gesetze eng, das macht die Träume weit / und Menschenwesen unzerstritten. / Süßer Honig oft aus bittren Waben! / Den Widersinn durchbrechen! — Indem wir uns Verfassung gaben: / Die Küche lebe — Tod den Küchenschaben! / Ordnung muß selbst Ordnung haben / Der Streit wird nie vom Streit begraben. — Übrigens, Herr Schade, sollten Sie Ihr Deutsch prüfen. ›Waffe, von der Bleistiftspäne hobeln‹ — die Sprache ist ein Affe, um den Flöhe knobeln.«
«Herr Rohde, Herr Groth, als Diskussionsleiter ist es meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß das Mitstenographieren von unseren Protokollführern besorgt wird! Nach Herrn Eschschloraques Beitrag, der hilf- und geistreich war wie immer, spricht als letztes vor der Pause Judith Schevola. Danach ist am hinteren Ausgang das Büfett eröffnet.«
Bildhauer Dietzsch kickte gegen das Schloß, eins der waffenbraunen, käferförmigen» aus der guten alten Zeit«-Stücke, wie es sie bei Eisen-Feustel in der Nähe der Rothenburger Straße für besondere Kunden hin und wieder gab; ein Schloß mit fingerdickem Bügel, der erst beim vierten oder fünften Schlag von unten mit dem Pinnhammer aufschnappte» wie die Kinnlade eines Krokodils, das den Widerstand eines Kaugummis überwunden hat«: sagte Dietzsch; Richard fand den Vergleich kindlich und hatte Vergnügen daran; der Maler ließ das Schloß noch mehrmals auf- und zuklacken, es mußte ein gutes Gefühl sein, Sicherheit, Gediegenheit, Teile, die glatt verklinkt ineinanderpaßten; manche Menschen wurden Gefängniswärter für dieses Gefühl. Ingenieur Stahl war ein Stück zurückgegangen, was Richard wunderte — interessierte er sich gar nicht dafür, was Dietzsch ihnen zeigen wollte und wofür sie einige Kilometer gefahren waren; der Steinbruch befand sich in Lohmen, einem kleinen Ort bei Pirna. Dietzsch hatte viel Wesens gemacht und die Miene eines Mannes angenommen, der beschließt,»jetzt mal wirklich etwas kucken zu lassen«, wie gesagt wurde,»ich weiß ja von Ihrem Hobby, Doktor Hoffmann, und Sie haben mir dieses schreckliche Karpaltunnel-Dingsda prima wegoperiert; ich glaube, ich hab’ da was für Sie«. Stahl beobachtete zwei Bildhauer, die am anderen Ende des Steinbruchs arbeiteten.»Jerzy, unser Pole, und Herr Büchsendreher«, rief Dietzsch ihm zu, wies auf einen Felsen über ihnen, der mit bärtigen Gesichtern bemalt war,»Jerzys Arbeit, Kunst ist Waffe; aber er tut niemandem etwas.«
Читать дальше