Manchmal nahm er einen von Christians Briefen, die Anne in einer Mappe bei den Sachen aufbewahrte, die im Fall eines Brandes (eines Bombenangriffs, so war es bei Emmy und Arthur gewesen; einer Verhaftung: bei Kurt und Luise) sofort griffbereit sein mußten. Er las einen oder zwei Briefe und legte sie wieder weg. Er hätte sie gern zerrissen oder dem Jungen so, daß es ihn nicht kränkte oder niederschlug, zu verstehen gegeben, daß er keine mehr schreiben solle, denn es quälte ihn zu sehen, wie Anne litt. Er wußte nicht, ob alles stimmte oder der Junge aus bestimmten Gründen übertrieb — Hang zur Interessantmacherei, Einforderung von Liebesbeweisen, verbunden mit einem gewissen Erpressertum, eine masochistische Ader (seht her, wie ich leide)? Richard hatte seiner Verletzung wegen nicht dienen müssen, Ulrich und Meno hatten in Schreibstuben gehockt, Niklas war nur zum Reservistendienst einberufen worden und hatte acht Wochen die Rollbahnen eines Militärflugplatzes gefegt.
Wahrscheinlich war er ungerecht gegen den Jungen.
Wenn er Motorgeräusch hörte, erschrak er, wartete. Die Haustür war abgeschlossen, dafür sorgte Griesel, aber das würde sie nicht stören, die kamen in jede Tür. Sie kamen nachts, wenn alles schlief, wie ihre in Blousons und Bügelfaltenhosen gekleideten Brüder überall auf den Inseln des Sozialistischen Archipels.
Seitdem sich Josta von ihm getrennt hatte, hörte er nichts mehr von ihnen. Keine Vorladung, keine vertrauliche Mitteilung, kein Anruf, bei dem der Anrufer seinen Namen nicht nannte und man nur den Atem hörte; niemand, der eine Zeitung zusammenfaltete, wenn er die Klinik verließ, und ihm folgte, bis ein Wagen an den Straßenrand fuhr und bei laufendem Motor eine Tür geöffnet wurde. Sie schienen zu warten. Aber worauf? Ließen sie es Christian entgelten? Der Posten bei den Sanitätern, vom Mann einer ehemaligen Patientin, der im Wehrkreiskommando arbeitete, ihm fest zugesichert, war auf dubiose Weise weitergeschoben worden … Bereiteten sie etwas gegen ihn vor? Gegen Robert? Anne? Würden sie sich an Lucie vergreifen? Er zermarterte sich den Kopf. Manchmal, wenn er das Zimmer dunkel ließ und die Straße beobachtete, hatte er den Eindruck, eine Zigarette vor dem gegenüberliegenden Haus aufglimmen zu sehen … Das hieß, daß sie ihrerseits ihn beobachteten, wußten, daß er nicht mehr schlafen konnte. Angst hatte. Und sie wollten, daß er sie bemerkte, sie kontrollierten das Terrain und wiesen ihn nicht einmal besonders diskret darauf hin. Wenn sie sich zeigten, konnten sie es sich leisten … Dann ging er in den Flur und öffnete leise den Kleiderschrank vor Roberts Tür, wo er, ohne Anne etwas davon zu sagen, eine seiner Arzttaschen versteckt hatte. Sie war mit allem gefüllt, was er für notwendig hielt, und wenn sie kamen, würde er bereit sein. Manchmal glaubte er es nicht mehr aushalten zu können, wäre am liebsten auf die Straße gerannt, um den Aufpasser zu stellen und ihm zu sagen, er solle sich zum Teufel scheren. Aber er wußte nicht, ob er sich diesen Aufpasser einbildete, die aufglimmende Zigarette konnte eine Täuschung sein, die Sicht war durch Hecken und Bäume eingeschränkt. Und selbst wenn er sich nicht getäuscht hatte: Vielleicht rauchte dort jemand, der von ihm gar nichts wissen wollte. Vielleicht hatten sie ihn sogar aufgegeben, stillschweigend und ohne ihn davon zu informieren … Josta hatte sich von ihm getrennt, die Erpressung zog nicht mehr. Und inzwischen glaubte er, daß Anne alles wußte, zumindest ahnte: ein anonymer Brief, zugestellt, wenn sie zu Hause und er in der Klinik war, würde wie naßgewordenes Pulver nicht mehr zünden. Aber wer weiß: Er mußte mit Glodde sprechen, dem schieläugigen Briefträger.
Er wartete, fixierte die Standuhr, die Zeiger mit den herzförmigen Spitzen, das gewölbte Glas über dem Ziffernblatt. Der obere Haken an der Perpendikeltür, die man zum Aufziehen der drei Bleizapfen öffnen mußte, durfte nicht geschlossen werden. Es sei Druck auf dem Glas, es könne springen, wenn man den Haken schließe und Temperaturschwankungen im Raum die Elastizität des Glases veränderten, hatte sein Vater gesagt. Richard trat vor die Uhr. Das Glas übte einen Sog auf ihn, aber es würde zerspringen, sobald er den Finger ausstreckte, davon war er überzeugt.
Weihnachten verging in gedrückter Stimmung. Anne weinte, weil Christian nicht da war, bei eisigem Wind auf dem Wachtturm hocken oder mit schrecklichen Menschen in Feldlager fahren mußte.»Wenn dem Jungen was passiert … Er hat doch von diesen technischen Dingen gar keine Ahnung. Diese fürchterlichen Panzer, ich kann mir Christian gar nicht darin vorstellen, und dann trainiert er, auf andere Menschen zu schießen …«
Arthur Hoffmann lag nach einem unglücklichen Sturz (sonntags zog er alle Uhren seiner Sammlung auf, zu den Kuckucksuhren mußte er auf eine Leiter steigen) mit gebrochenem Knöchel im Glashütter Krankenhaus. Er wollte nicht von Richard operiert werden:»Bei deinem Vater zittert dir die Hand, und wer weiß, vielleicht willst du dich an mir, wenn ich wehrlos bin, auch für dies und jenes rächen!«kommentierte er mit grimmigem Humor.»Außerdem will ich keine Sonderbehandlung. Hab’ ich nie gebraucht! Lehne ich ab!«Im Glashütter Kreiskrankenhaus war die Versorgungslage, da es sich tief in der Peripherie befand, spürbar schlechter als in den Kliniken der Bezirkshauptstadt. Richard sprach mit dem Leitenden Chirurgen und erreichte, indem er den Akademie-Apotheker mit einigen von Meno gestifteten» Hermes«-Büchern bestach, daß wenigstens einige wichtige Medikamente aus den Depots der Akademie in die der Station, auf der Arthur Hoffmann lag, wanderten.
Emmy malte den ganzen Heiligabend über schwarz, ließ sich weder von den Sphärenklängen des Kreuzchors unter Mauersberger noch durch einen Einkaufsrolli mit Schottenmuster-Stoffbespannung davon abbringen, daß alles bald in die Luft fliegen werde und ihre Nachbarin eine Hexe und neidische Henne sei, die sich gegen sie verschworen habe und ihr nach dem Leben trachte.»Wirklich, so wahr ich hier sitze! Nachm läbändschen Lähm trachtet se mir, die Gewiddermuhme!«Außerdem finde die Nachbarin» alleweil «Geld, was ihr, Emmy, noch nie gelungen sei. Aber die Nachbarin habe auch den ganzen Tag ihre Nase auf dem Trottoir, ihre Ohren an der Wand, ihre Finger in fremder Leute Briefkästen und an fremder Leute Obst, auch wenn es nicht über den Zaun ihres Gartengrundstücks hänge. Als Robert, von Richard leidenschaftlich gebeten, eine Folge von heiteren Klarinettenpiècen spielte, winkte sie ab und bemerkte grämlich, der Junge werde es nie und nimmer zu etwas bringen, er sei nun einmal ein Hoffmann, und die Hoffmanns blieben immer stecken. Und außerdem habe Arthur sie verlassen.
Schnee fiel in weichen, großen Flocken, hing wie Grießbrei in den Bäumen, bedeckte die ascheverschmierten Straßen. Die Schwestern Stenzel holten ihre Stahlkantenskier vom Dachboden, die Tropfenspitzen und Federbindungen hatten und Innsbruck gesehen, das Norwegen der Telemarkschwünge und des Kristianiabogens, die Loipen Oberwiesenthals und Oberhofs, wo Kitty im Leichtsinn noch jungen Rentnerdaseins und mit der Tapferkeit einer Voltigierreiterin vom Zirkus Sarrasani heimlich von der Schanze gesprungen war.
Meno saß abends im Tausendaugenhaus im Mantel an der Schreibmaschine oder am Mikroskop, trug Handschuhe mit abgeschnittenen Fingerspitzen, tüftelte an Gutachten und an Judith Schevolas Prosa, studierte zoologische Präparate, die ihm Arbogast geliehen hatte. Im Land schien etwas vorzugehen, die Starre und Trägheit war nur noch eine dünne Schicht, unter der sich etwas regte, ein Embryo mit noch unscharfen Konturen, der in der Gebärmutter aus Gewohnheit, Resignation, Ratlosigkeit reifte, manchmal schienen die Menschen die Fruchtbewegungen zu spüren, die Schwangerschaft der Straßen, der rauchverhangenen Tage. Angeregt von Ulrich hatte Meno begonnen, Bücher über Ökonomie zu lesen, eine Materie, die ihn nie sonderlich interessiert hatte und deren zahlenklirrende Exaktheit, mathematische Profile und scheinbar unumstößliche Selbstgewißheit ihn ebenso abstießen wie die Nüchternheit, mit der Menschliches, also Fehlbarkeit, Verliebtheit und Inkonsequenz, auf das sternenkalte Reißbrett der Naturgesetze gespannt wurden. Aber er begann etwas zu ahnen … Die Furcht der Menschen, daß diese kristalline Wissenschaft, ihre Axiome, gegen die sich das hiesige Gesellschaftssystem seit fünfunddreißig Jahren stemmte, recht behalten könnte … Die Pro-Kopf-Kohlenzuteilung war gekürzt worden. Meno als Junggeselle, der nur Bücher zum Bestechen bieten konnte (die Autoersatzteile mußten für dunklere Zeiten aufgehoben werden), hatte bei Hauschild schlechte Karten. Man konnte auch nicht zu einem anderen Kohlenhändler gehen, um dort fehlende Zentner zu kaufen: die Händler arbeiteten nach dem Stadtteilsystem und verfügten über Listen der dort gemeldeten Einwohner. Meno heizte mit Holz, das Ingenieur Stahl und er im Wald illegal geschlagen hatten; sie machten sich strafbar, aber Stahl sagte, das sei ihm gleichgültig — wenn es der Staat nicht fertigbringe, seinen Kindern Heizmaterial zur Verfügung zu stellen, müsse eben er, Gerhart Stahl, sich selbst bedienen. Die Kaminski-Zwillinge bemerkten diese Waldgänge, warteten, die Hände in den Hosentaschen, im Flur und fragten, ob sie sich ebenfalls nützlich machen könnten. Stahl blieb mißtrauisch, aber vier Hände und vier Ohren mehr konnte man gut brauchen. Förster Busse und sein Hund bekamen ein schweres Amt, denn natürlich wurde der große, mit einer Plane bedeckte Schlitten, mit dem die Männer aus dem Tausendaugenhaus ihre Beute transportierten, auch in der Dunkelheit von nachdenklichen Augen bemerkt.
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