— Eitelkeit war es nicht , schrieb Meno, jedenfalls nicht allein, denn die meisten Gäste, die mit dem Apparat auf diese Weise Bekanntschaft schlossen, hatten selbst einen zur Verfügung und schüttelten die Köpfe über Londoners merkwürdige Sitte, und auch, wenn ich die schauspielerischen Talente meines ehemaligen Schwiegervaters keinesfalls unterschätze — er hatte Vergnügen an jeder Art von Theater, liebte Vaudeville-Stücke und Shakespeare, den er im Original, eine englische Pfeife zwischen den Zähnen, mit jener Neigung zur Systematik, zum Ordnungschaffen und dem Mut zum Angriff auf uneinnehmbar scheinende Bastionen studierte, die ihm eine gewisse Berühmtheit im Land verschafft, seinem oft gedruckten und im Ohr der Mächtigen nachklingenden Wort spezifisches Gewicht verliehen hatten; auch wenn er gern Dramatikerjamben rollen und seine Augen dabei Flammenblitze der Leidenschaft oder den Samt der Einschmeichelung verausgaben ließ, und Eschschloraque, den Klassizisten und sozialistischen Marschall des Maßes, nicht nur zu einem der unvermeidlichen Ostrom-Umtrünke einlud, sondern gern auch sonst, privatim, um sich an der Lesung eines Stücks mit verteilten Rollen zu erlaben —: seine eigenen histrionischen Gaben schätze ich nicht so hoch ein, daß er dem Gast hätte Verlegenheit, gar leise Scham, angesichts des Umstands hätte aufbinden können, daß er, Jochen Londoner, das Privileg eines eigenen Telefons besaß, wenn er» nicht die Bohne«— hätte er zu dieser Situation gesagt — verlegen gewesen wäre; er war es, und genau deshalb stellte er das Telefon so gut sichtbar in den Flur, wie ein Neureicher sein Geld blinken und protzen läßt — allerdings kaum aus Verlegenheit —, stellte es in den Flur, um damit zu sagen: Es ist nun einmal so, ja, ich habe ein Telefon, tut mir leid; aber da ihr es viel eher entdecken würdet, hätte ich es dezent in eine Ecke gestellt — denn ihr würdet sagen: Ah, er hat schon einen solch selbstverständlichen Umgang mit dem Telefon, daß er es sich leisten kann, es nicht mehr zu beachten —, konnte ich es euch gleich unter die Nase wenden; also bitte entschuldigt schon, daß mir dieses verdammte Ding zugeteilt worden ist. Für eine gespielte Verlegenheit faßte er sich zu oft an die Oberlippe, wenn Besuch gekommen und Irmtraud damit beschäftigt war, Schal und Mantel auf dem Kleiderständer zu verstauen; hob er zu oft die Hand, um sich — über etwas nachdenkend, sich an etwas erinnernd? — an die Stirn zu fassen und dabei das Telefon im Schatten seines Tweedsakkos zu lassen, das Schneider Lukas aus englischem Harristweed gemessen und in mehreren gleichen Exemplaren hergestellt hatte. Vielleicht war die Prominenz, mit der das untere Telefon vor der Wand residierte, nur als eine Art von Köder gedacht, den hungrige und sensationslüsterne Beobachter schlucken sollten, indem sie Londoner Eitelkeit und einfältigen Stolz unterschoben: Da hat er’s nun endlich auch zu einem Telefon gebracht, und um es uns auch ja recht zu präsentieren, schiebt er es in den Flur vor, daß man sich daran die Beine stößt! Der hat’s also nötig! — ein Köder, mit dem er vom weitaus wichtigeren zweiten Telefon, dem oberen in seinem Arbeitszimmer, ablenkte, das nicht über den gleichen Anschluß wie das untere lief — so daß er, hätte er von oben anrufen wollen, die Leitung des unteren aus der Anschlußbuchse hätte ziehen müssen —, sondern Extra-Anschluß und — Telefonnummer besaß, die nur wenige kannten. Er stellte, so schien es mir, sein Licht unter den Scheffel, wurde auch ungehalten und nervös, wenn während einer Unterhaltung das Telefon oben klingelte; strikt hatte er es uns: Hanna, Philipp und mir, verboten, ihn privat über das obere Telefon anzurufen. Dafür gab es den Apparat in der Diele. Er gehörte zu Irmtrauds Bereich: Sie war es, die abnahm, deren Stimme man hörte; wenn es für Jochen Londoner war, ließ er sich rufen; nach Stimmung oder Namen, den Irmtraud bei zugehaltener Muschel nannte, auch verleugnen. Ich zögere, überlese die vorstehenden Zeilen und bin mir nicht sicher, ob ich Londoner nicht überschätze, ob die psychologischen Pirouetten, die ihn einzukreisen versuchen, in Wahrheit ein Phantom umfahren, denn warum kann ein Gelehrter wie er, Mitglied verschiedener Akademien, geschätzter Beiträger in Tageszeitungen und gelesenen Wochenzeitschriften, warum kann er, der die Feinheiten der Sonette des Schwans von Avon kennt, er, hinter dessen warm blickenden braunen Augen, eingefaßt von bemerkenswert ausgeprägten Tränensäcken, soviel Marxismus und soviel englische Lebensart zu Hause ist — warum kann er nicht einfach eitel sein? Fang die Fische nicht auf Bäumen, pflegte Vater zu sagen. Denn wie Londoner die Zeitungen zusammenraffte, wenn das charakteristische Klingelgeräusch des grünen» RFT«-Apparats ertönte, wie er sich aus dem Schaukelstuhl herausarbeitete, in dem er, eingewickelt in eine Decke, die Artikel weniger gelesen als durchbrummelt hatte, Kommentare und ausschweifende Erwägungen anstellend, minutenlang den anderen im Raum, ob sie es wollten oder nicht, schlechtes Journalistendeutsch zitierend, wie er die Zeitungen von sich warf — wobei er aus dem Schaukelstuhl nach vorn schwankte und balancierend die Arme auswerfen mußte wie ein Schwimmer, der sich kopfüber ins Wasser stürzt — und elektrisiert nach oben stürmte, als hinge von diesem Anruf die Welt ab, wenn nicht gar Dresden: all das sprach von Gier, mit der Süchtige nach dem Gegenstand ihrer Sucht lechzen, eine verblüffte, vielleicht sogar über sich selbst erschrockene Gier; wie der Schaukelstuhl noch geraume Zeit vor- und zurückpendelte, bis es Irmtraud oder Hanna zuviel wurde: die bühnenhaft aus dem Halbdämmer des Zimmers auftauchende Hand, die den Schaukelstuhl stoppte, so daß sich die Stille vertiefte und etwas Beklemmendes erhielt, Irmtrauds banger Blick, den sie zu kaschieren versuchte, Philipps herausforderndes Räuspern und genüßliches» Ach, übrigens, Meno, kennst du den?«-Witzeerzählen justament dann, wenn die Stille am tiefsten und, so empfand ich, am verletzlichsten war, als wäre sie eine weiße Fläche, auf der, schwarz, ein Urteil erscheinen würde — Irmtraud wagte nicht einmal, die Studienjahres-Broschüren der Partei weiterzulesen oder eine von Philipps Veröffentlichungen; sie rührte nichts an während des Telefonats, als wäre der Sherry eine Belohnung, die ihr womöglich nicht zustand, woran sie das Klingeln des Apparats und, davon losgelöst, komplizierte psychologische Prägungen gemahnt hatten, die sonst, im Alltag, in Vergessenheit geraten waren wie schlechte Träume, die man beim Erwachen, froh und beruhigt angesichts des beginnenden Tages, abschüttelt, bis man einen Gegenstand aus dem Traum auf der Kommode im Flur entdeckt —; wie Jochen Londoner dann wiederkehrte, das Gesicht undurchsichtig, der Blick gleichgültig, wie er in die Küche ging, um sich ein Glas Wasser einzuschenken, das er in Schlucken trank, die mit Kosten, Abschmecken, umsichtiger Beobachtung langsam an der Wasserhahntülle nachreifender Tropfen verbrämt waren, wie er zurück ins Wohnzimmer kam, ohne sich um die Stille, um Irmtraud, die das Sherryglas abgestellt hatte, um Hanna oder Philipp zu kümmern, die das Spiel — aber war es eines? — mitspielten, was mich immer aufs neue verwunderte; Hanna starrte auf den Tisch, Philipp hatte das Kinn gereckt und die Witze — herrliche jüdische Witze, die mich trotz Irmtrauds vorwurfsvollem Blick in der Zeit der Stille zum Lachen brachten, was Irmtraud wahrscheinlich als Ohrfeige empfand; aber diese Witze, besonders die mit Rabbinern, besaßen köstliche Pointen —: diese Witze hatte Philipp entschieden, wie unwillig über sich selbst, beiseite gewischt, wenn sein Vater ins Zimmer zurückkam; und wie Londoner dann an den Tisch trat, sich nicht in den Schaukelstuhl, sondern neben seinen Sohn auf die Couch setzte, bedächtig, die breiten Hände auf den Knien, die Beine einknicken ließ: das konnte man, glaubte ich in kühleren Minuten, durchaus als eitel bezeichnen, auch alle nun folgenden Räusperer und Gesichtsmuskelspiele wiesen darauf hin, daß das eben geführte Gespräch am» oberen Telefon «von ungeheurer Wichtigkeit gewesen war —
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