«Vielen Dank für alles, Richard. Und wenn’s so weitergeht, kommt ihr nach …«
«Und heute ist Schluß«, sagte Richard.
«Hoffentlich geht nichts mehr schief. Hansi, hast du alles?«
«Heut’ siehst du Jürgen wieder — «
«Ich weiß gar nicht, ob ich lachen oder weinen soll«, sagte Regine.»Diese Zustände! Eine Wut hatte ich, und dann mußte ich heulen … Erzähl mir von der Oper, wie’s war, wie sie gespielt haben, was die Leute gesagt haben … Die Pegasus-Medaillons überm Wallenstein und der Iphigenie, die sind von Jürgen!«
«Ruf an«, sagte Richard.
«Ich werd’ schreiben«, sagte Regine.
Hans tippte vorsichtig mit dem Fingernagel auf seine Uhr.
Richard hob die Arme. Der Leibwächter flöhte ihn ab.»Ich muß Sie bitten, sich auszuziehen, Doktor.«
«Wollen Sie das bei jedem Besucher so machen?«fragte Richard mehr erstaunt als ungehalten, als er in einem Raum neben der Garderobe zuerst von einer Vorhut des ostdeutschen, dann des westdeutschen Personenschutzes untersucht wurde. Sie leuchteten ihm sogar in den Mund, besahen sein Haar und ließen sich auch nicht durch Protest davon abbringen, seine Intimzonen zu inspizieren.
«Glauben Sie, ich habe eine Giftkapsel in meinem Hintern versteckt? Ungeheuerlich, wie ich hier behandelt werde!«
Die Leibwächter blieben unbeeindruckt.»Hat man Sie nicht instruiert?«
«Nicht über Ihre Methoden!«
«Wir haben unsere Befehle. Sie als Arzt könnten in Kontakt mit den Schutzpersonen kommen. Halten Sie sich bitte nachher für eine Inspektion bereit. Die beiden Leibärzte werden mit Ihnen den Krankenraum, Medikamente und den Arztkoffer kontrollieren. — In Ordnung, Sie können sich wieder anziehen.«
Richard hatte sich zwei Stunden vor Premierenbeginn in der Semperoper einfinden müssen. Voller Wut über die entwürdigende Untersuchungs-Prozedur warf er seinen Mantel auf die Garderobentheke. Wie ein Verbrecher! dachte er. Und da wundern die sich, daß ihnen die Leute weglaufen … Er dachte an Regine und Anne, die jetzt unterwegs sein mußten. Bei einigermaßen guten Straßenverhältnissen konnten sie in anderthalb, zwei Stunden in Leipzig sein.
«Wenn Sie wollen, können Sie noch ein wenig durchs Haus gehen, Doktor. Sie kriegen ein Walkie-talkie, wir rufen Sie, wenn der Vorauskonvoi eintrifft. «Das Funkgerät des Leibwächters meldete sich.»Aha. Gut. — Das war er schon. Sie werden gebeten, noch einmal telefonisch sicherzustellen, daß die entsprechenden Krankenstationen in der Stadt vorbereitet sind. Sie werden um Rückruf gebeten.«
«Vom Generalsekretär?«
Der Leibwächter forschte in Richards Gesicht.»Von seinem Leibarzt natürlich. Informieren Sie mich, wenn Sie soweit sind, ich stelle die Verbindung her.«
«Wo kann ich anrufen?«
«Da drüben. «Der Leibwächter wies auf das Zimmer neben dem Untersuchungsraum.»Es sind direkte Leitungen geschaltet.«
«Müller.«
«Hoffmann.«
«Ja, bin bereit, wie oft werde ich heute abend noch angerufen, verdammt noch mal«, knurrte Richards Chef.
«Tut mir leid, ich bin angewiesen worden, die Verbindungen zu prüfen.«
«Hm. Na schön, sie scheinen zu funktionieren. — Und?«
Richard schwieg, er wußte nicht, was Müller meinte.
«Wie sieht sie aus, die Oper?«
«Hab’ noch nichts gesehen.«
«Hm. Ich erwarte morgen Ihren Bericht, Herr Hoffmann, wenn ich schon für meinen Oberarzt Hintergrund schieben soll! Haben Sie genügend Batterien für Herzschrittmacher dabei?«
«Konnte ich noch nicht überprüfen. «Richard mußte lachen.
«Esse gerade ein Stück Kirschkuchen nach dem Rezept Ihrer Gattin«, knurrte Müller.»Sehr gut, aber die Oper wär’ mir lieber! Na, viel Vergnügen. «Und legte auf.
Richard rief die Innere Klinik an. Reucker gab ihm ein paar Tips, was er bei Herz-, Schlag-, Asthmaanfällen tun solle.»Aber Sie werden ja instruiert worden sein, nehme ich an, Herr Kollege? Ich meine, wenn die Traumatologie schon Theaterdienst macht …«
«Ich habe mir einige Notarztfortbildungen — «
«— angeschraubt? Wie damals bei Ihrem Weihnachtsbaum? Naja, hoffen wir, daß nichts passiert.«
Meine Güte, dachte Richard, sind die alle gereizt! Neideten sie ihm den Theaterdienst? Schön! Er hieb auf den Tisch, daß die Telefonhörer tanzten. Reuckers und Müllers Gesicht hätte er sehen wollen, wenn ihnen eine Taschenlampe in den Hintern leuchtete!
Urologie. Der breite, behäbige Baß Professor Leusers dröhnte im Telefonhörer.»Wenn die ’n Nierenstein ha’m, lassense se mal vom Stuhl springen; ne Phimose is’ kein Notfall, und wenn der Mast juckt, isser entweder ungewaschen oder ’s klettern ’n paar Sackmatrosen droff rum! Ooch kee Notfall, Herr Hoffmann! Un’ wennse mehrstrahlig pinkeln, würdsch ma’ empfehln, ’n Hosenstall offzumachn! Katheter wird ja wohl da sein, meine Güte, so ’n Affentheater!«
Sogar die Gynäkologische Klinik hatte man in Alarmbereitschaft versetzt; es hieß, daß eine Frau aus dem Troß des Alt-Bundes- kanzlers schwanger sei. Richard informierte den Leibwächter, daß die Leitungen stünden und alle Ärzte sich in Bereitschaft befänden. Er rief den Vorauskonvoi an, in dem der ost- und der westdeutsche Leibarzt saßen. Der Garderobenbereich war jetzt voller gestikulierender, telefonierender, wichtigtuender Menschen. Richard lief ins Vestibül. Als er die mit rotem Teppich bespannte Treppe sah, die zum I. Rang führte, hatte er Lust, hinaufzustürmen, zwei, drei Stufen auf einmal zu nehmen, vor Freude an den roten Kordeln zu zerren, die man als Geländer links und rechts angebracht hatte, einen Jubelruf auszustoßen, so überwältigt war er von der Pracht des Hauses, die er kostbare Minuten, vielleicht nur Augenblicke (er hörte Schritte und Stimmengemurmel) für sich allein haben konnte. Was er kannte, war die Ruine des Opernhauses, die bäumchenbewachsen, mit eingestürztem Giebel, ausgebranntem Zuschauersaal und vermauerten Türen über Jahrzehnte das Bild des Theaterplatzes bestimmt hatte. Mit offenem Mund blieb er auf der Treppe stehen und sah sich um. Dann lief er die Treppe wieder hinunter, um die festliche Perspektive des Aufgangs noch einmal auf sich wirken zu lassen, lief hinauf, tastete über die Marmorsäulen, verschlang Bilder, Ornamente, die im wie Champagner moussierenden Licht hunderter Lampen frisch gewaschen und neugeboren ihre Augen öffneten, mit hungrigen Blicken. Da war dieses Bild, dieses Blau, dort eine Szenerie aus Gralsrittern, beflügelten Madonnen und Schwänen; in den Lünetten bukolische Landschaften; Namen von Opern blinkten in Blattgold, wetteiferten mit Komponistenbüsten um seine Aufmerksamkeit, hell und dunkel geflammter Marmor (vieles Imitat, wie Richard aus Zeitungsberichten wußte) vermittelte ihm das Gefühl, inmitten einer blendenden, gediegenen, zugleich gefährlichen Kraft zu sein, einem durch starken Willen gebändigten Feuer, das nach hierhin und dorthin leckte, den Glanz der Lüster, Spiegel, polierten Simse befachte, an den Fensterscheiben der Galerie in tausende schöne Scherben zerbrach. Er hatte das Gefühl, getragen zu werden, von dieser großen, sonnenmähnigen Kraft bis in die Fingerspitzen aufgeladen zu werden; er federte, lachte, drehte sich wie ein Kreisel nach links und rechts, soff mit den Augen, spürte seine Schuhe nicht mehr. Ihm war nach Tanzen zumute — wie gern hätte er jetzt mit Anne hier einen Walzer hingelegt! Er steckte das Walkie-talkie in die Tasche, sah sich um.
Arbogast stand hinter der Biegung der Galerie; Richard schlitterte auf ihn zu. Der Baron lächelte.»Da wird man wieder jung, Herr Hoffmann, nicht wahr? wenn man all das hier sieht. Sind Sie zum ersten Mal drin?«
Richard nickte, noch ein wenig atemlos und beschämt. Der Baron erwähnte den Brief, den er an Verwaltungsdirektor Heinsloe geschrieben und den Richard beiseite gelegt und schließlich vergessen hatte. Arbogast sprach von Sauerstoff und Wundheilung.»Atmen! Herr Hoffmann, wer leben will, muß atmen!«verkündete er in offensichtlich aufgeräumter Laune, schlug Richard vorsichtig und kameradschaftlich auf den Rücken.»Vielleicht können wir mit Sauerstoff den Krebsgeschwüren zu Leibe gehen. Mitarbeiter meines Instituts forschen an dem Problem … Eine lohnende Aufgabe. «Er trat ans Fenster, winkte Richard. Auf dem Theaterplatz hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Eine Tribüne war aufgebaut worden, die Polizei hatte einen Kordon gezogen. Barsano sprach, aber niemand schien ihm zuzuhören; die Augen der Versammelten waren auf die Oper gerichtet, bewunderten den reichen, feuerfischenden Bau.
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