Ilija Trojanow - Der Weltensammler
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- Название:Der Weltensammler
- Автор:
- Издательство:DTV
- Жанр:
- Год:2007
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— Wenn du die Geschichte fortführen möchtest, Baba Burhan, so führe du sie fort.
— Nein, nein, ich ergänze sie nur, so wie die Ohren die Zunge ergänzen.
— Wenn ihr euch beide zu Ende ergänzt habt, dürfen wir hören, wie es weitergeht?
— Weißt du das nicht, Baba Ali? Bist du erst vor kurzem in dieses Viertel gezogen?
— Die Geschichte hat jedesmal eine etwas andere Gestalt.
— Woher kommt ihr? Wohin geht ihr? Das waren die Fragen, die im Schatten jedes Mtumbwi und jedes Myombo auf uns warteten. Was für einfache Fragen, werdet ihr sagen, selbst Kinder wissen, wohin sie gehen. Zumindest wissen sie, wohin sie gehen wollen.
— Kinder können so eine Frage beantworten, gewiß, aber Erwachsene?
— Zum großen See! So antworteten die Wazungu, wenn sie überhaupt eine Antwort gaben, aber die Fragenden kannten keinen großen See, und jene, die von einem großen See gehört hatten, die konnten nicht glauben, wie jemand mit hundert Trägern und zwanzig Soldaten durch das Land ziehen kann, sich allen Gefahren des Waldes aussetzen kann, nur um den großen See zu erreichen. Was wollt ihr von diesem See? fragten sie als nächstes. Wir wollen nichts von dem großen See, antwortete Bwana Burton, wir wollen ihn nur mit eigenen Augen sehen, weil wir wissen wollen, wo er liegt und wie groß er ist. Die Menschen im Schatten des Mbuyu, des Mtumbwi, des Myombo, sie schüttelten den Kopf, sie wußten das Gesicht einer Lüge zu erkennen, und ihr Mißtrauen schwoll an. Diese Fremden, murmelten sie, hegen keine guten Absichten, diese Fremden sind gekommen, zischten sie, unser Land zu rauben. Sie hatten Angst, oh ja, sie fürchteten sich vor uns, noch mehr aber fürchteten sie sich vor den Folgen unserer Ankunft. Diese Fremden werden Unglück bringen! In einem der Dörfer starb ein Mann, kurz nachdem wir unser Lager aufgebaut hatten, ein junger Mann, der am Tag zuvor noch auf seinem Feld gearbeitet hatte. Seht ihr, klagten die Menschen, gesteht, dies ist das erste Unglück, das eure Ankunft auf das Land geladen hat. So klagten sie, und in ihrer Klage verschwand allmählich ihre Angst, und Bwana Burton war gut beraten, als er uns am nächsten Morgen zum Aufbruch drängte. Außerhalb der Dörfer begleiteten uns nur die Kinder, sie liefen neben uns her, sie riefen ›Mzungu‹ ›Mzungu‹, sie riefen ›Wazungu‹ ›Wazungu‹, sie lachten und schwenkten ihre Arme. Was bedeutet ›Mzungu‹? fragte mich Bwana Burton. Derjenige, der herumirrt, antwortete ich ihm, derjenige, der sich im Kreis dreht. Das denken sie von uns? Er war erstaunt. Wir steuern doch geradewegs unser Ziel an, sagte er. Für diese Menschen sieht es so aus, sagte ich, als hätten wir uns verirrt.
— Und du? Du warst erstaunt über sein Erstaunen?
— Die Karawane der Erstaunten!
— Wieso hundert Träger? Hattet ihr nicht genug Lasttiere dabei?
— Baba Ishmail hätte dir bestimmt seine drei langbeinigen Mäuler verkauft, die mehr Khat kauen als er selber.
— Wir hatten Tiere, natürlich hatten wir Lasttiere, wir hatten fünf Maulesel und dreißig Esel, dreißig halblahme, störrische und völlig unzuverlässige Esel. Nach drei Monaten war uns ein einziges Tier geblieben, alle anderen waren verendet. Aber ich sage euch, die Menschen waren noch weniger für diese Reise geeignet. Angefangen mit dem Kirangozi, der vorneweg marschierte, der nur sich selbst und dem Sultan diente. Dahinter die Belutschen, die uns eigentlich schützen sollten, doch wie sie uns mit ihrer Feigheit verteidigen sollten, das war am Anfang unklar und blieb es bis zum Ende. Wir erkannten bald, den Belutschen war nicht zu trauen, sie würden ihre eigene Mutter an den Meistbietenden verkaufen. Hinter ihnen liefen die Träger, die ehrlichen Träger, auf die sich Bwana Burton und Bwana Speke auch nicht verlassen konnten, sie trugen zwar viel und ertrugen alles, aber nur bis zu der Nacht, in der sich ihr Blut weigerte und sie wegliefen oder wegzulaufen versuchten. Sie waren von den Menschen der Nyamwezi, wie ihr wißt, sie haben früher Elefanten gejagt, bevor sie den Entschluß faßten, sich ein Leben zu verdienen, indem sie mit einer Last auf dem Kopf durch das Land laufen, und sie wußten, nur die Hälfte von ihnen würde nach Hause zurückkehren, mit einem Sold in der Tasche, der sie nötigte, bald wieder aufzubrechen, mit einem Ballen oder einem Packen auf dem Kopf und mit der Aussicht auf den Tod. Sie hielten sie nicht immer aus, diese Aussicht, sie flohen, manche von ihnen mit dem Ballen, den sie auf dem Kopf zu tragen hatten, sie liefen weg, sie desertierten, so nannten es Bwana Burton und Bwana Speke, und das verwirrte mich, denn in ihrer Sprache bedeutet dieses Wort auch Wüste, und obwohl ich mich angestrengt habe, ich konnte keine Verbindung erkennen zwischen der Wüste und dem Weglaufen. Wenn sie wieder eingefangen wurden, wurden sie ausgepeitscht, im Namen der Gerechtigkeit auf der Karawane der ersten und auf der Karawane der zweiten Reise. Auf der dritten Reise jedoch, unter dem Befehl eines Mannes, der alles zum Tode verurteilte, was sich ihm in den Weg stellte, wurden sie manchmal gehängt.
— Nur weil sie wegliefen?
— Wer in der Wildnis wegläuft, der gefährdet die ganze Karawane, schärfte der Mann uns ein, der alles zum Tode verurteilte, was sich ihm in den Weg stellte. Weglaufen ist ein Versuch, die anderen zu ermorden, sagte Bwana Stanley. Bei der Karawane zu bleiben ist Selbstmord, flüsterten wir hinter seinem Rücken. Ich blieb, ich mußte bleiben, nachdem ich die erste und die zweite Reise überlebt hatte, wußte ich, ich konnte jede Reise überleben. Aber die Träger von den Menschen der Nyamwezi, die stolz waren auf ihre Arbeit und stolz waren auf ihren Ruf, sie hatten weniger Zuversicht, sie liefen in die Nacht davon, und manchmal verfolgten wir sie, manchmal ließen wir es sein, und manchmal wurden sie von einer anderen Karawane aufgegriffen und zu uns zurückgebracht, und dann wurden sie ausgepeitscht, mit einer Karbatsche, geflochten aus rauhem Nilpferdleder, eine schreckliche Waffe, vor allem wenn sie neu ist, zurechtgestutzt und scharf wie eine Messerklinge, sie wurden ausgepeitscht, bis ihnen der ganze Rücken blutete, oder sie wurden gehängt. Ich sage euch, wer das Strafen erfunden hat, der konnte zwischen Klugheit und Dummheit nicht unterscheiden. Kein Peitschenhieb dieser Welt wird dich daran hindern, den Weg zu nehmen, zu dem dein Herz dich drängt. Wenn die Angst oder die Verzweiflung oder der Zorn oder die Sehnsucht stärker werden als die Gedanken, die zählen und abwägen können, dann tust du, was dein Herz dir sagt, selbst wenn alle Höllenqualen dieser und der nächsten Welt auf dich warten. Wer das Strafen erfunden hat, der wußte wenig vom Wert des Menschen.
— Baba Sidi, du kennst den Wert des Menschen, gewiß, keiner von uns hat das je bezweifelt, aber auch du erkennst nicht alles, was du erkennen könntest. Ohne die Drohung der Höllenstrafen wäre der Mensch ohne Ehre und ohne Maß.
— Ich habe mit eigenen Augen erlebt, Baba Yusuf, wie die Bestraften bei der nächsten Gelegenheit wieder das taten, weswegen sie gezüchtigt wurden. Die Peitsche hinterläßt keine dauerhaften Spuren auf einer Haut, die abgeworfen wird. Glaubt mir, meine Freunde, der Mensch häutet sich wie eine Schlange. Es gibt nur eine Möglichkeit, ihn mit völliger Sicherheit von einer Tat abzuhalten: Du mußt ihn töten.
— Das hatte Bwana Stanley offensichtlich begriffen.
— Aber was nutzte es ihm? Er hatte danach einen Träger weniger.
Von Kingani nach Bomani, von Bomani nach Mkwaju la Mvuani, jeden Abend notiert er die Namen mit Sorgfalt, die Namen der Orte grundieren seinen Bericht; von Kiranga-Ranga nach Tumba Ihere, von Tumba Ihere nach Segesera, noch befinden sie sich in der Region der etablierten Namen, bestätigt von seinen Unterlagen, von Gewährsleuten entlang des Weges — in Küstennähe herrscht Eintracht über die Nomenklatur; von Dege la Mhora nach Madege Madogo, von Madege Madogo nach Kiruri in Khutu, jeder Ort geometrisch und hypsometrisch erfaßt — die ordentliche Liste läßt keine Unklarheit aufkommen, sie bannt das Unheil. Sie stehen noch am Anfang, er stellt sich jedem Problem, voller Zuversicht, es mit einigen Handgriffen, mit einer kleinen Anpassung, lösen zu können. Alles kann noch ins Lot gebracht werden. Die Natur bietet einige Entdeckungen. Die Bäume, die sich an lange Trockenzeiten so hervorragend adaptiert haben, sie heißen Miombo, und er kann drei Arten unterscheiden, die Julbenardia, die Brachystegia und die Isoberlinia, letztere dient den Elefanten als Futter. Die hohen Bäume mit den geraden Stämmen und der gelben Rinde (Taxus elongatus oder damit verwandt); die zwergwüchsigen Fächerpalmen (Chamaerops humilis, mit Sicherheit); der chinesische Dattelbaum (Zizyphus jujuba, umgangssprachlich der Jujube-Baum); die einheimischen Sorten der Hyphaena und der Nux vomica, die verschiedenen Laubbäume: die Sterculia mit der hellgelben Rinde und der dichten, runden Krone; die Kapok, mit den großen Schoten, außen dunkelbraun, innen weiß und flauschig. Bei seinen Beobachtungen erlaubt er sich keine Nachlässigkeit: Die gelben Früchte werden nicht gepflückt, sehr wohl aber vom Boden aufgelesen, das Fleisch ist in Farbe und Geschmack mit der Mango verwandt, die großen Samen giftig oder bitter — warnte die Natur nicht mit Bitternis vor Gift? — , sie werden von allen ausgespuckt. Grün ist in diesen ersten Wochen eine Farbe der Kultivierung, die Parzellen zu beiden Seiten des Flusses dichtbepflanzt mit Reis, Mais, Maniok, Süßkartoffeln und Tabak. Es ist ein fruchtbares Land — Burton kann seine glückselige Entwicklung mit offenen Augen vorhersehen, es bedarf dazu nur einer ordnenden Hand.
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