Ilija Trojanow - Der Weltensammler

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Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.

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— Das ist abscheulich!

— Stellt euch vor, wie er in der Hölle herumirrt, ein Becken nur, von dem bei jeder Bewegung Asche hinabrieselt.

— Wie soll er sich bewegen, wenn er nur aus einem Becken besteht?

— Verrückt.

— Gott gebe diesen Armen mehr Verstand.

— Ich weiß nicht, ob ihr recht habt. Mit den Hyänen zu heulen erscheint nur dann verrückt, wenn man selber keine Hyäne ist.

— Baba Ilias, vielleicht erklärst du uns eines Abends, was Hyänen mit der Verbrennung von Leichen zu tun haben.

— Und ich weiß immer noch nicht, wie du nach Sansibar zurückgekehrt bist.

— Mein Herr hatte verfügt, in seinem Letzten Willen, ich solle nach seinem Tod die Freiheit …

— Kaffee, wie viele Kaffee?

— Es gibt nur eine, die mir so ins Wort fällt.

— Du kommst genug zum Reden. Laß uns unseren Gästen auch etwas geben, das sie unbeschwert genießen können. Madafu, wer möchte Madafu? Unser Sohn hat heute frische Kokosnüsse gebracht.

— Sagt schon, was ihr wollt. Ich werde keine Ruhe finden, bis sie nicht von euch allen Antwort erhalten hat.

Die Boote sind eingelaufen, eng liegen sie beieinander, wie Ziegen im Kral. Wolkensträhnen fallen über den Himmel, Stimmen balgen sich um das beste Geschäft. Frauenhände säubern die kleinen Makrelen, werfen die Gedärme neben die trocknenden Netze und den restlichen Fisch in den Korb. Einige Männer verarzten ihre Boote mit langsamen Bewegungen, als müsse im Tageslicht alles neu abgesichert werden. Mittendrin steht der Fremde. Er steht einfach da, regungslos. Er muß schon lange dagestanden haben, denn die Fischer und Marktfrauen beachten ihn nicht mehr. So als gehöre er dazu. Nur einige Kinder hängen an ihm; sie versuchen das Ende seiner Jacke umzustülpen, um Abkürzungen zu seinen vielen Taschen zu finden. Er ist ein Schwamm, der alles aufsaugt; angespannt, voller gieriger Achtsamkeit. Er hat eine unruhige Nacht verbracht. Es ist sein letzter Tag auf dieser Insel. Er ist früh aus dem Haus gegangen, aus dieser graubraunen Weinkiste, in der das britische Konsulat untergebracht ist und die im Inneren nach dem Konsul riecht, der sich nicht dazu durchringen kann, seinem eigenen Tod davonzusegeln. Als Burton das Gebäude verließ, hatte ihn seine Stimme aufgehalten. Der Konsul lag auf der Veranda, in Decken gehüllt.

— Einen schönen guten Morgen, Dick.

— Schön daran ist höchstens, daß er die Nacht beendet hat.

— Schlechte Träume?

– Überhaupt keine Träume.

— Vielleicht ein gutes Zeichen.

— Zeichen? Ich ziehe es vor, Zeichen zu setzen. Freue mich übrigens über Ihren Entschluß, nach Hause zurückzukehren.

— Nach Hause? Gewiß, eines Tages werde ich heimkehren.

— Eines Tages? Gestern abend waren Sie drauf und dran, den Befehl zum Einpacken zu geben.

— Wir haben uns etwas in Ekstase geredet, mein Lieber. Ich muß doch erst einmal dafür sorgen, daß Sie gut auf den Weg gelangen.

— Sie müssen einzig und allein dafür sorgen, daß Sie gesund werden. Heimkehr ist die beste Heilung.

— Die Gesundheit, ja, der ist in den Tropen so gar nicht wohl. Wissen Sie übrigens, woran die wohlhabenden Sansibari sterben, ich meine, wenn sie nicht erwischt werden von der Cholera, den Pocken oder der Malaria?

— An Vergiftung?

— Nein, mein Guter. Sie neigen zur Dramatik. An Verstopfung. Vor Jahren hatte ich einen französischen Freund, ein Doktor, er erklärte mir, der Grund sei ihre Trägheit. Sie sterben an Trägheit, und diese Trägheit können sie sich nur leisten, weil sie reich sind. Sie werden Opfer ihres Standes. Wenn sich darin nicht Gottes Gerechtigkeit spiegelt.

— Vielleicht gibt es eine andere Erklärung. Prosaischer. Moralisch weniger ergiebig. Die vielen Aphrodisiaka, die sie schlucken, die dürften nicht ganz unschuldig sein.

— Ihre Spezialität, Dick, ihre Spezialität.

— Die Reichen dieser Insel? Süchtig nach Muntermachern. Als liege Sansibar unter einer Glocke der Impotenz. Ihr Lieblingspräparat? Eine Pille aus drei Einheiten Ambra und einer Einheit Opium, wobei die Opiumesser dieses nach dem Maß ihrer Abhängigkeit dosieren müssen. Jeder nimmt es ein, egal, ob er es braucht oder nicht.

— Trägheit und Trieb, da haben Sie es. Zwischen diesen beiden Polen stirbt man dahin.

— Fahren Sie heim, Konsul. Fahren Sie endlich heim.

SIDI MUBARAK BOMBAY

— Sag, Baba Sidi, ich habe nie richtig verstanden, was du getan hast auf der Reise?

— Eine gute Frage.

— Du hast nicht getragen …

— Richtig.

— Du hast nicht gekämpft …

— Richtig.

— Du hast nicht gekocht …

— Richtig.

— Du hast nicht gewaschen …

— Es gab andere für solche Dienste.

— Was hast du dann getan?

— Ich habe sie geführt!

— Sag das bitte noch einmal, Bruder.

— Ich habe die Expedition geführt.

— Du? Du warst doch nie zuvor an diesem großen See, den sie suchten.

— Nein.

— Und du hast sie hingeführt?

— Wenn keiner den Weg kennt, kann jeder führen.

— Ich kannte den Weg zwar nicht, aber er war nicht schwer zu finden. Es gab nur einen Weg durch das Land, den Weg der Karawanen, die mit Menschen handeln. Ihr dürft nicht denken, was ihr selber nicht kennt, kennt kein anderer. Es gab Araber, die so häufig auf diesem Weg gereist waren wie manche unserer Händler nach Pemba. Es gab Träger, die sich und ihre Nächsten ernährten, indem sie Ballen schleppten, von der Küste aus ins Landesinnere, fünfzig oder hundert Tage lang, und wieder zurück. Vergeßt nicht, der tägliche Weg braucht keine Wegweiser. Ich hatte viele Aufgaben, mehr als genug Aufgaben, ich mußte vermitteln und auskundschaften, ich war die rechte Hand von Bwana Speke, ich war das Binokel von Bwana Burton …

— Was ist das?

— Ein Gerät, mit dem all das, was weit weg ist, nahe kommt.

— Wie die Zeit also?

— Kannst du dir die Zeit ans Auge halten?

— Könnt ihr euch vorstellen, wie Bwana Speke mit seiner rechten Hand nach dem Binokel von Bwana Burton greift, und, oh weh, es ist der schwere Sidi?

— Kannst du deinen Spott nicht einmal auf dich selbst richten?

— Nein, du weißt doch, das Rasiermesser kann sich nicht selbst rasieren.

— Oh ja. Es gab eine weitere Aufgabe, die sehr wichtig war, ich mußte übersetzen, denn Bwana Burton und Bwana Speke konnten sich nicht mit den Trägern verständigen, wir hatten nur eine Sprache gemein, die Sprache der Banyan, und unter den Menschen von Sansibar sprach nur ich diese Sprache …

— Wieso konnten die Wazungu die Sprache der Banyan, Großvater?

— Sie hatten beide in der Stadt gelebt, in der ich auch …

— Die Stadt, die so heißt wie du.

— Ja, mein Liebling, gut aufgepaßt, die Stadt, deren Namen ich trage. Bwana Burton, er sprach wie ein Banyan, schnell und richtig, er konnte seine Zunge so krümmen, wie die verrückten Nackten im Land der Banyan ihre Körper krümmen konnten. Bwana Speke hingegen sprach wie ein Tattergreis, er suchte nach den Wörtern wie nach einem Geldstück, das man in einer Truhe verlegt hat, er konnte die Wörter nicht miteinander verbinden. Ihr könnt euch vorstellen, wie langsam, wie beschwerlich die Gespräche zwischen Bwana Speke und mir verliefen, am Anfang zumindest, bevor er ein wenig lernte und ich ein wenig lernte, und der Eintopf unserer gemeinsamen Sprache reichhaltiger wurde, denn er war schwer zu verstehen, sein Hindustani war schlechter noch als mein Hindustani. Ich übersetzte das, was ich begriffen zu haben glaubte, ins Kisuaheli, und im Landesinneren mußten wir jemanden suchen, der des Kisuaheli mächtig war und die Fragen von Bwana Speke in die Sprache der Einheimischen übersetzen konnte, jemand, der viel guten Willen aufbringen mußte und der trotzdem nicht alles verstehen konnte. Also ließ er aus, was er nicht verstand, oder ergänzte es mit seinen eigenen Annahmen, und so waren die Antworten, die wir schließlich erhielten, manchmal mit den Fragen nicht einmal mehr entfernt verwandt. Es dauerte und dauerte, und wem es an Geduld fehlt, der hätte den bedächtigen Schritt dieser Gespräche nicht ausgehalten. Es war eine einsame Reise für Bwana Speke, er konnte sich nur mit einem einzigen Menschen in seiner eigenen Sprache unterhalten, mit Bwana Burton, und als ein Streit die beiden entzweite, redeten sie nicht miteinander, monatelang. Also schwieg er, Bwana Speke, und ließ allein sein Gewehr reden.

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