Auf der Terrasse des Hotels Afrika sitzt, wie erwartet, John Hanning Speke, für seine Freunde Jack. Mit einem Sundowner in der Hand betrachtet er genüßlich das Städtchen. Wahrscheinlich amüsiert er die Saufrunde von Landsleuten, Kaufmänner zumeist, Vertreter von Reedereien, mit Jagdgeschichten aus dem Himalaja. Erstaunlich, was er in Tibet alles erlebt hat, wenn man bedenkt, wie gerne er sich auf dieser Terrasse aufhält. Von hier aus wirken die Köter am Strand wie herumtollende Kinder. Wenn er ihm dies vor Augen halten würde, Speke würde ernsthaft erwidern: Sansibar ist zu klein, zu arm an wilden Tieren, was soll ich mich da in der Hitze plagen. Burton hat den ovalen Tisch an der Brüstung fast erreicht, die Kellner stehen starr im Hintergrund — kostümiert wie nach einer flüchtigen Lektüre von Tausendundeiner Nacht —, als Speke seinen Kopf wendet und ihn bemerkt. Sofort unterbricht er seinen Redefluß und ruft einen viel zu lauten Gruß aus, so als wolle er alle am Tisch Versammelten auf den unerwarteten Besucher aufmerksam machen.
— Du bringst uns gute Nachrichten?
— Wir haben gehört, die Expedition steht.
— Da haben wir ja das Problem. Es soll endlich losgehen.
— Na, dann viel Glück.
— Wenn Sie nach Sansibar zurückkehren, werde ich ein Fest veranstalten, Herrschaften, so etwas haben Sie noch nicht erlebt.
— Bei seinem Geiz muß man vermuten, er setzt nicht auf Ihre Rückkehr.
— Ich kann das Mißtrauen der Araber geradezu riechen.
— Wir stehen unter dem persönlichen Schutz des Sultans.
— Das stimmt nur bedingt, Jack. Im Orient ist ein Ehrenwort, feierlich gegeben, eine reine Absichtserklärung, eine Garantie möglichen Verhaltens.
— Wie wahr, wie überaus wahr! Ich würde mich an Ihrer Stelle, Gentlemen, keine Minute auf diese Belutschen verlassen, die der Sultan Ihnen mitgibt. Selbst wenn es gute Männer sein sollten, was ich sehr bezweifele, ich weiß nicht, in welchem Rausch der Sultan auf die Idee kam, ihnen Musketen in die Hände zu drücken, ein jeder von denen arbeitet auf eigene Rechnung.
— Einer meiner Gewährsmänner berichtet übrigens, daß am Hofe eifrig gegen Sie intrigiert wird. Einige seiner engsten Berater haben dem Sultan eingeredet, Ihre Expedition sei für das britische Empire ein Vorwand, in Ostafrika Fuß zu fassen. Langfristig. Am Ende stünde seine Entmachtung.
— Sie fürchten um ihr Handelsmonopol.
— Vor allem fürchten sie um ihren einträglichen Sklavenhandel. Sie verfolgen die Nachrichten aus Europa, sie wissen besser Bescheid, als wir meinen.
— Sollen sich fürchten. Ich bin ein großer Fürsprecher der Furcht.
— Richard, wir haben viel gehört von Ihren erstaunlichen Leistungen. Wir sind voller Bewunderung, das können Sie mir glauben. Aber seien Sie trotzdem auf der Hut. Bislang sind Sie alles in allem durch zivilisierte Gebiete gereist. Da gab es Leute, die schreiben konnten, und Bauten, die älter waren als die letzte Regenzeit. Jetzt steht Ihnen eine Reise in die völlige Wildnis bevor, vielleicht sogar zu Kannibalen.
— Völlige Wildnis, gibt es so etwas überhaupt?
— Sie waren noch nicht in diesem Teil der Welt. Lassen Sie sich von Sansibar nicht täuschen. Hinter der Öde des Festlandes wartet keine geheimnisvolle Stadt auf Sie, kein Mekka, kein Harar oder wie sie sonst noch heißen mögen. Einzig ein wildes Land, das noch nie von Menschenhand gezähmt worden ist.
SIDI MUBARAK BOMBAY
— Heißen alle Menschen, die von diesem Ort dort drüben kommen, Bombay, Großvater?
— Nein, manche von uns nannten sich nach den Orten, aus denen sie stammten, an die sie sich erinnerten, sie nannten sich Kunduchi, sie nannten sich Malindi, sie nannten sich Bagamoyo. Ich aber beschloß, mir den Namen der Stadt anzueignen, in der mein drittes Leben begann: Bombay. Zuvor hatten mich manche Mubarak Miqava genannt, weil ich von den Menschen der Yao abstamme, was ich selber nicht wußte, ich war ein Mensch der Yao, ohne es zu wissen. In meiner Kindheit habe ich nie etwas von Yao gehört. Großvater sagte nie: Wir sind Menschen der Yao, Vater sagte nie: Wir sind Menschen der Yao. Erst als ich Sklave wurde, erfuhr ich, ich sei ein Yao, nur war es mir von keinem Nutzen mehr. Yao, es klang schön, aber ich wollte nicht ein Leben lang an das Land erinnert werden, das für mich untergegangen war, ich wollte nicht mit jedem Ruf daran erinnert werden, schon einmal gestorben zu sein. Der Weg, der mich erwartete, war wichtiger als jener, der hinter mir lag, wenn ihr mich verstehen könnt.
— Natürlich verstehen wir dich, es ist wie mit der Richtung des Gebets.
— Wenn die Sonne aufgeht, denkt keiner an ihren Untergang.
— Baba Ilias, deine Sprüche sitzen so schlecht wie die Gewänder von Baba Ishmail.
— Die anderen Sklaven blieben in Bombay, sie nahmen sich Frauen von dort, sie waren zufrieden mit ihrem Leben als Sidis.
— Als Sidis? Ich wußte nicht, daß du aus deinem Namen ein ganzes Volk gezaubert hast.
— Sidis heißen dort jene, die eine dunkle Haut haben und von jenseits des Meeres stammen. Darunter waren Menschen, die mir so fremd waren wie die Einheimischen in Bombay, aber die dortigen Menschen, sie sahen uns vereint in einer Hautfarbe und einem Gesicht, egal, woher wir stammten.
— Waren alle von ihnen Rechtgläubige?
— Wenn ich nur wüßte, wie der rechte Glauben aussieht, dann könnte ich deine Frage beantworten, Baba Quddus. Sie achteten die Gebete, unregelmäßig, sie lasen im Glorreichen Koran, gelegentlich, wenn es sie drängte, und zu den Festen kamen wir zusammen in einem Haus, und in der Mitte des größten Zimmers in diesem Haus lag das Grab eines Mannes, bedeckt mit einem grünen Stoff, und an der Wand hingen Keulen, Kalebassen, die jenen, die ich aus meinem Dorf kannte, nicht unähnlich waren, Werkzeuge eines heiligen Mannes, der die Sidis seit geraumer Zeit schützt. Das Fest begann, als die Trommeln geschlagen wurden, die nur seine Nachfahren schlagen durften, wir tanzten um das Grab herum, und wir sangen, und wir strömten in die enge Straße, und tanzten und sangen weiter, und es klang wie Kindheit für mich, es hörte sich an wie mein erstes Leben, ich fühlte mich auf einmal heimisch in dieser fremden Stadt.
— Und die Gebete?
— Wir sprachen Gebete, aber es waren Gebete, die sich nicht an Gott richteten, nein, sie richteten sich an einen, zu dem ihr nie gebetet habt, dessen bin ich mir sicher, dessen Name euch nicht einfallen wird, auch wenn ich euch den ganzen Abend Zeit gebe. Obwohl er naheliegend ist, wenn ihr darüber nachdenkt.
— Hältst du unser Gedächtnis für so schlecht?
— Nicht verraten. Mir fällt der Name gleich ein.
— Wie kannst du ihn vergessen. Neulich, da fiel er Baba Sidi selbst nicht ein, und du hast ihm vorgesagt.
— Das war neulich.
— Sag schon!
— Wir beteten zu Bilal, denn Bilal galt uns als der erste und mächtigste Ahne.
— Das ist Shirk!
— Ach, Baba Quddus, was ist schon Shirk und was nicht, was war von Anfang an wahr und was bleibt für alle Zeiten wahr?
— Der Glorreiche Koran, das weißt du selber.
— Bilal ersetzt doch nicht den Glorreichen Koran, er ergänzt ihn, er ist ein Gefährte jener Menschen, die Sklaven sind oder Sklaven waren, Menschen, die einige eigene Strophen der Ermutigung und des Trostes benötigen. Du solltest nicht vergessen, bei den Sidis, bei diesen Menschen, die deiner Ansicht nach Frevel begehen, habe ich das Gebet gelernt, bei ihnen habe ich die Suren gelernt, bei ihnen habe ich Menschen getroffen, die mir Teile des Korans erklärten.
— Großvater, wie bist du zurückgekommen von dort?
— Der Banyan, er wurde krank, an einem Tag hatte ihn die Krankheit kaum berührt, am nächsten Tag packte ihn schon der Tod, und am übernächsten Tag wurde er verbrannt, am Strand von Bombay, und ich habe darauf bestanden, dabeizusein, obwohl mich der Anblick traurig stimmte. Ich dankte ihm, während er von den Flammen verschlungen wurde, trotz allem dankte ich ihm, während er schrumpfte und platzte und schließlich zu Asche verbrannte, langsam, es dauerte von der Mittagszeit fast bis zum Sonnenuntergang, eine lange Zeit, in der ich ihm zum letzten Mal diente, und selbst danach war er nicht vollständig verbrannt, der Beckenknochen, der war noch übrig.
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