Von diesem Tag an war ich allein. Nachts war es am schlimmsten, nachts schlichen die Hyänen um uns herum, und wir hörten sie, auch die Araber hörten sie, sie warfen Steine in die Dunkelheit, die mal holperten und mal japsten, dann legten die Araber sich schlafen, um das sichere Feuer herum, und wir schrien, unsere Schreie waren unsere einzige Waffe gegen die Hyänen, die herumschnüffelten, eine stumpfe Waffe, die nur unsere Angst wachsen ließ, während die Hyänen näher schlichen, du glaubst nicht, mein Freund, wie der Mensch schreien kann, bevor seine Stimme abgebissen wird und du etwas hörst, das du nie zuvor gehört hast, das du nie hören solltest. Wir konnten dem nächsten Morgen nicht ins zerfetzte Gesicht sehen, unsere Brüder waren keine Menschen mehr, Fetzen Fleisch von ihrem Körper abgerissen, Aas, und ihre Geister gingen auf dem Kopf oder fuhren wie Blitze in Bäume hinein, verkrüppelten sie und jeden, der an ihnen vorbeikam. Als wir die Küste erreichten, waren wir alle tot, geistertot, totlebendig, Tote auf lebenden Beinen, Tote mit Augen wie zermatschte Früchte. Ich roch nicht das Meer, ich roch nicht die faulenden Algen, ich hörte nicht das Tosen der Wellen, ich schmeckte nicht die salzige Luft … Hier in dieser Stadt, auf dem Platz, auf dem die Wazungu heute ihr Gebetshaus bauen, wurde ich ausgestellt, und es dauerte drei gnadenlose Sonnen, bis mich jemand kaufte, ein Banyan für ein paar Münzen. Er nahm mich in sein Haus, wo andere wie ich, mit denen ich kein Wort wechseln konnte, mir etwas zu essen gaben und mir zeigten, wo ich mich waschen konnte.
Der Mann, der mein zweites Leben in Besitz nahm, war ein vornehmer Mann, mein Junge, dem seine eigenen alten Gesetze nicht erlaubten, mit Tieren zu handeln, wie sie ihm so manches untersagten. Er lebte inmitten so vieler unsichtbarer Gesetze, die ihn schützen sollten wie das Drahtseil, das wir über unserem Tor gespannt haben, um unser Haus vor Dieben zu bewahren, aber seine Gesetze schützten ihn, indem sie ihn einsperrten, seine Gesetze schwiegen wie ertappte Betrüger, wenn er einen Menschen kaufte, als würde er Fleisch kaufen, Gesetze, die ihm verbaten, mit Kaurimuscheln zu handeln, weil er den Tod einer Molluske verursachen könnte, und daran hielt er sich, aber er handelte mit den Hörnern des Rhinos und mit der Haut des Hippos, und er handelte mit Elfenbein, und damit verstieß er gegen seine Gesetze, doch wenn er Menschen kaufte, war er im Recht, denn darüber schwiegen seine Gesetze. Dieser Banyan verkaufte mich nicht weiter, er ließ mich nicht auf irgendeiner Plantage schuften, er behielt mich in seinem Haushalt. Er gab mir Arbeit, die mich wieder erstarken ließ, und eines Tages nahm er mich mit in die Stadt seiner Herkunft, jenseits des Meeres, viele Tage feuchten Essens und modriger Träume entfernt, und wenn du den Namen dieser Stadt wissen willst, mein Glücksbringer, mußt du nur den Namen deines Großvaters aussprechen. Nein, den anderen … den letzten! Bombay, genau. Den Ahnen sei Dank für diesen Segen, für diesen milden Mann mit seinen seltsamen Gesetzen, denn sonst säße ich heute nicht hier, auf dieser Baraza. Wir segelten auf einer großen Dau, nicht eine von diesen kläglichen Mtepe, wie du sie kennst, keines von diesen Booten, die nach Changanyika segeln, nein, ein großes mächtiges stolzes Schiff, das auf den Wellen ritt …
— So als gehörten ihm alle Pferde dieser Welt.
— Assalaamu-aleikum, Baba Ilias. Wir haben schon auf dich gewartet.
— Soso, Baba Ilias, du hast dir nun Wasserpferde ausgedacht.
— Schiffe reiten nicht auf Pferden, und Pferde galoppieren nicht über das Meer, aber es läßt sich sagen, ich sage es, und andere wissen es zu schätzen, nur nicht Baba Ishmail, dessen Ohren mit Eisen beschlagen sind. Anstatt einer Zunge bräuchte man Nägel, um zu ihm durchzudringen.
— Du weißt zu reden, Baba Ilias, es grenzt an Verschwendung, daß du nicht die Khutbah hältst.
— Gott schütze mich vor solchen Versuchungen.
— Er kann uns manchmal mit seinen Worten verführen, der Baba Ilias, aber die Worte selbst fügen sich seinem Willen nicht.
— Vielleicht fügt sich Mama Mubarak unserem Willen und bringt mir den versprochenen Kaffee?
— Vielleicht, vielleicht.
— Warst du nicht traurig, Großvater, als du deinen Namen verloren hast?
— Traurig? Wieso sollte unser Baba Sidi traurig gewesen sein? Er hat sich einfach selbst einen neuen Namen gegeben.
Burton steht knöcheltief im Wasser und wartet auf den nächsten Aufbruch, wartet seit seiner Ankunft in Sansibar vor mehr als sechs Monaten. Sie müssen endlich aufbrechen, ins Landesinnere, zum ehrgeizigsten Vorhaben seines Lebens. Die höchste Anerkennung lockt. Belohnt mit einem Adelstitel, einer Lebensrente. Das Rätsel der Nilquellen zu lösen, das seit mehr als zweitausend Jahren alle Erstaunten beschäftigt. Und damit einen ganzen Kontinent zu öffnen. Er hat keine Angst vor seinem Ehrgeiz. Es darf kein anderes Ziel geben, als den weißen Flecken auf den Karten einen Sinn einzuschreiben. Dieses verfluchte Warten, es würde bald vorbei sein, bald würde all das müßige Verhandeln ein Ende finden. Mit einem Schlag wären dann die Fußfesseln der Gewohnheit, die Lasten der Routine, die Sklaverei des festen Heims abgeworfen.
Es ist kaum möglich, eine Expedition besser vorzubereiten. Sie haben alles getan — nein, er hat alles getan, was in seiner Macht stand. Sein Kompagnon, John Hanning Speke, hat sich bislang vornehm der Mitarbeit enthalten. Wegen mangelnder Kenntnisse, angeblich. Ein aristokratischer Kopf. Einfach wird es mit ihm nicht werden. Die Erfahrung in Somalia, als sie nachts überfallen wurden und geradeso mit dem Leben davonkamen, war eine erste Warnung gewesen. Speke hatte allen anderen Vorwürfe gemacht, nur sich selber nicht. Er ist ein harter Bursche, ein exzellenter Schütze, und unter dem Strich scheint er Burton — als Reisenden mit größerer Erfahrung, als Anführer der Expedition — zu respektieren. Er wird seine Autorität nicht in Frage stellen. Zudem, er ist gutsituiert, er bürgt für einen bedeutenden Teil der Finanzen aus eigener Tasche. Sie sind knapp bei Kasse — was für eine lächerliche Situation: das Ausschraffieren der weißen Flecken droht am Kleingeld zu scheitern. Das hat man davon, wenn man die Eroberung der Welt den Krämern überläßt. Sie werden stets am falschen Ort sparen.
Er spaziert den Strand entlang. Die Sonne geht im Wasser unter. Der Strand sieht aus wie feingemahlenes Meersalz, golden getränkt. Er taucht seine Hände in eine lange Welle und befeuchtet sein Gesicht. Dann streicht er mit den Fingern über sein Haar, bis zum Hinterkopf. Er steht knöcheltief im Indischen Ozean, und sein Blick reicht hinaus über die Kränze der Gischt, über den verworfenen bläulichen Rücken, der in die Unfaßbarkeit eines Versprechens verschwimmt, über die Krümmung der Erde hinaus, zu den Häfen von Bombay und Karachi, zu den Buchten von Khambhat und Suez, zum Arabischen Meer. Burton hat so viel erfahren, so viel geschrieben, den Zuständigen übergeben, der Öffentlichkeit. Und ist er je belohnt worden? Diejenigen, die Urteil fällen über den Wert eines Untertans, schweigen sich aus über ihn und seine Leistungen.
Der Strand ist von der Sonne verlassen; ein sich ausdehnendes Grau. Er ist nicht mehr alleine, er nähert sich einem Rudel Hunde, deren Pfoten vom Meerwasser umspült werden. Ihre Schnauzen sind blutverschmiert, und bevor er sich über den Grund Gedanken machen kann, sieht er die verwesende Leiche, auf die sie sich gestürzt haben, dankbar für das Geschenk, ihre Augen voller Argwohn, ob ihre Beute, hell wie ein Thunfisch, vor diesem Eindringling sicher sei. Verdorbene Ware werfen Sklavenhändler über Bord, denkt er. Das Sterben und Beerben überlassen sie dem Meer. Wer auf einem Boot ans Land gebracht wird, ist geldgesund. Der einkalkulierte Verlust wird mit Verspätung angeschwemmt. Burton wendet sich ab — es ist höchste Zeit, sich von Sansibar zu verabschieden.
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