Ilija Trojanow - Der Weltensammler
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- Название:Der Weltensammler
- Автор:
- Издательство:DTV
- Жанр:
- Год:2007
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GOUVERNEUR: Wir waren weniger um sein Seelenheil besorgt, als um seinen geheimen Auftrag. Ich denke, wir haben mit Sicherheit feststellen können, daß er unter den Männern des Hijaz keine Helfer und keine Helfershelfer gefunden hat. Das sollte uns zufriedenstellen. Aber wir haben trotz aller Bemühungen nicht herausfinden können, ob er Informationen gesammelt hat, die uns schaden können.
SHARIF: Und weil wir das nie ergründen werden, sollten wir unseren Verstand ein klärendes Wort sprechen lassen. Dieser Fremde, er war nur ein einzelner. Was immer er erfahren haben mag, was kann ein einzelner Mensch schon ausrichten? Selbst wenn er ein Spion war, ein besonders geschickter und gerissener Spion, was kann ein einfacher Pilger schon beobachtet haben, wie könnte er die Zukunft des Kalifats und der heiligen Stätten, Gott möge sie noch ehrenvoller und erhabener machen, gefährden.
KADI: Ruhm an Gott, der ihre Ehre aufrechterhält bis zum Tage der Wiederauferstehung.
GOUVERNEUR: Hoffen wir, daß Sie recht haben, Sharif. Denn wenn das Kalifat seinen Einfluß im Hijaz verlieren sollte, werden Mächte einspringen, die weitaus weniger Verständnis haben für unsere Traditionen.
KADI: Dagegen werden wir uns wehren.
GOUVERNEUR: Mit Waffen oder mit Gebeten?
KADI: Mit Waffen und mit Gebeten, so wie es unser Prophet, möge Gott ihn mit Frieden beschenken, getan hat. So ein Kampf würde unseren Glauben erneuern.
SHARIF: Besser, es kommt nicht dazu. Wir sollten uns hüten vor überhasteter Erneuerung.
GOUVERNEUR: Wir sollten nie vergessen, wieviel wir alle zu verlieren haben.
Der Vollmond befreit ihn von der Achtsamkeit, die die unbeleuchteten Straßen von Mekka ihm ansonsten abverlangen. Er kann seinen Gedanken ohne Ablenkung folgen. Er verläßt Mekka mit Erleichterung und mit Bedauern. Die aufdringliche Begleitung von Mohammed wird er nicht vermissen. Erst am Abend zuvor hatte er ihn zum Geständnis gedrängt, daß er nicht derjenige sei, für den er sich ausgebe. Habe ich mich jemals für einen guten Menschen ausgegeben? hat er ihm geantwortet. Mohammed hat die Hände nach oben geworfen und ausgerufen: Euch Derwischen ist mit Worten nicht beizukommen. Vermissen wird er die Ruhe in der Großen Moschee, in der er sich hätte länger aufhalten wollen. Nicht ewig, wie manch ein anderer Pilger, aber einige Tage oder Wochen mehr. Ihm steht die Rückkehr bevor, wie bei jeder Rückkehr eine Reise ohne Höhepunkte. Ein schneller Ritt nach Djidda. Keine Gefahren auf dem Weg, Mohammed hat mal wieder Bescheid gewußt, hüte dich vor den Zöllnern, sie haben den Moskitos das Blutsaugen beigebracht. Dann die Überfahrt nach Suez, die hoffentlich bequemer sein wird als die Unbill auf dem Silk al-Zahab . Er gedenkt eine Weile in Kairo zu bleiben. Um sich langsam von der Hadj abzunabeln. In Kairo wird er seine Notizen dechiffrieren, die zerschnittenen Zettel zusammenkleben, die Beobachtungen in gebotener Länge aufzeichnen. Wenn es etwas gibt, auf das er sich freut, so ist es dieses schriftliche Vergegenwärtigen. Er wird nicht alles aufschreiben, nicht alles dem Manuskript anvertrauen. An äußeren Details wird er nicht sparen, der Naturwissenschaft breiten Raum einräumen, um die Fehler zu beseitigen, die seine Vorgänger in die Welt gesetzt haben. Ungenauigkeiten sind ihm ein Dorn im Auge. Aber seine Gefühle wird er nicht verraten. Nicht alle. Zumal, er ist sich seiner Gefühle nicht immer sicher gewesen. Er will nicht weitere Unklarheit in die Welt setzen. Es wäre unangemessen; zudem kann er es sich nicht leisten. Wer in England wird ihm ins Dämmerreich folgen können, wer wird verstehen, daß die Antworten verschleierter sind als die Fragen?
OSTAFRIKA

~ ~ ~
In der Erinnerung verschwimmt die Schrift
SIDI MUBARAK BOMBAY
Sansibar, die Insel, war dem eigenen Hafen zum Opfer gefallen. Das Riff öffnete sich wie ein Tor in einem Wall aus Korallen. Fremde hatten nur die Segel einzuziehen, ihre Flaggen zu hissen. Die Segel wurden geflickt und verschnürt, bis zum nächsten Auslaufen. Die Flaggen flatterten vorläufig, bis sie von anderen Flaggen vertrieben wurden. Die Standarte des Sultans wurde eingeholt, und Sidi Mubarak Bombay, der an seinem angestammten Platz am Kai saß, kicherte in sich hinein, als könne er es nicht fassen, wie vielen Dummheiten er in seinem Leben schon begegnet war. Alles geht unter, sagte eine Stimme zu seiner Linken. Nichts wird sich ändern, widersprach eine ältere Stimme zu seiner Rechten. Ein neues Banner wurde hochgezogen; flott, wie eine Absichtserklärung: Rot dankte ab, an seine Stelle traten pfeilspitze Sonnenstrahlen, die über einen blauen Himmel in alle Richtungen jagten, und daneben, wohl zu Ehren der großen, schweren Schiffe, die vor dem Hafen ankerten, ein schwarzes Kreuz, die Standarte jenes Herrschers, den die Weißhäutigen Kaiser nannten. Wahrlich, murmelte der alte Mann, kein Tag setzt sich dort hin, wo ein anderer schon gesessen hat. Er verabschiedete sich von den Männern, mit denen er sein Staunen geteilt hatte, und zog sich in die Altstadt zurück, deren enge Gassen die Einladung des Riffs zurücknahmen.
Wer in Sansibar landete, war noch lange nicht angekommen. Dafür bedurfte es Zeit, und an Zeit mangelte es den Weißhäutigen. Ihre Neugier verflog, bevor ihnen der Appetit verging. Dem Wind und den Wellen waren sie eher gewachsen als dem Labyrinth der Fassaden. Der alte Mann krauchte entlang verkrusteter Korallensteinbauten, bedrängt von Gestalten, die den späten Nachmittag durcheilten. Er machte einen Bogen um den geschäftigen Salzmarkt, nahm eine Abkürzung durch den Fleischmarkt, der von allem verlassen war außer dem Gestank. Die Gassen waren nun weniger voll, die Gestalten, die ihm entgegenkamen, grüßten im Vorbeigehen. Er erreichte die Moschee seines Viertels. Die vielstimmige Rezitation einer Sure drang aus der benachbarten Medresa. Der alte Mann blieb stehen und stützte sich mit seinen Händen an die Hauswand. Der Stein war runzelig, kühl; beruhigend wie ein vertrautes Gesicht. Er schloß die Augen. Die Rezitation der Ikhlas-Sure, ein schönes Plätschern, ein leeres Versprechen: Es gab nichts Ewiges, selbst wenn es mit Kinderstimmen beschworen wurde. Die Wahrheit, über Nacht verflogen, mußte jeden Morgen neu gesucht werden. Jemand trat neben ihn. Es wäre an der Zeit, daß du die Moschee von innen erblickst. Die Stimme des Imams war belegt. Der alte Mann öffnete seine Augen nicht. Das würde den Imam, der auf die Wirkung seiner hell leuchtenden Augen vertraute, verunsichern. Hast du nie Angst, Baba Sidi? Der Tod wird dich bald abholen. Der alte Mann rieb seine Handflächen über die rauhe Wand. Ich bin verwirrt, sagte er nach einer Weile, langsam, als würde jedes seiner Worte zaghaft auftreten. Ich weiß nicht, ob ich mich in eine Leiche verwandeln werde oder in einen Geist. Deine Gedanken sind blind, Baba Sidi, sie führen dich in den Abgrund. Der alte Mann öffnete die Augen. Ich kenne die Moschee von innen. Wie das? Ich habe in ihr gebetet, da warst du noch in Oman. Aber ich mußte auf eine Reise gehen, drei Jahre lang war ich unterwegs, zu Fuß habe ich die halbe Welt durchquert … Ich weiß, jeder weiß von deinen Geschichten, Baba Sidi. Nein, du kennst die Geschichte nicht, nicht wirklich, und ich werde sie dir nicht erzählen. Wovor hast du Angst, Baba Sidi? Vor der Sprache der Einfaltspinsel, in die du und deinesgleichen jede Erfahrung übersetzen. Was ich alles gesehen habe, das findet keinen Platz in den kleinen, kahlen Räumen, die du einrichtest.
Der alte Mann drehte sich um und ging die Gasse hinab, die zu seinem Haus führte. Die Ungläubigen haben dir den Kopf verdreht, rief ihm der Imam hinterher, das wissen alle! Du hast zu lange mit ihnen verkehrt, zu eng, du warst ihnen ausgeliefert, das ist dir schlecht bekommen. Deine linke Schulter wiegt schwerer als deine rechte. Der alte Mann schritt außer Hörweite. Zu allen anderen Unklarheiten gesellte sich nun diese: Wieso lauerte ihm der Imam immerzu auf, als sei er die einzige offene Rechnung in seiner Gemeinde. Er grübelte und geizte derweil mit Grüßen, bis er vor einer gewölbten Tür stehenblieb, deren linker Flügel offenstand. Auf dem Holz schwammen Fische zwischen Wellen, geschnitzt von einer beherrschten Hand, ruhig wie die Flaute. Dattelpalmen zierten den Rahmen, und in Augenhöhe seines jüngsten Enkels blühte eine Lotosblume. Mit jeder Frage des Kleinen erkundete er die Tür von neuem. Von dem Bogen hingen einige Papierfetzen herab, die seine Frau jeden Morgen mit Gebeten eng beschrieb, als würde sie der unveränderten Kalligraphie auf dem Holz nicht zutrauen, die Dschinns fernzuhalten. Der alte Mann rief seinen Wunsch durch den Innenhof, in dem sich alles sammelte, was für den ersten Stock nicht rein genug war, und setzte sich auf die steinerne Bank an der Außenwand. Es war noch früh, die Freunde würden sich später einfinden, aber er verspürte kein Bedürfnis, sich wie gewohnt hinzulegen und ein wenig zu dösen vor den Anstrengungen des Abends. Bald würde ihm Salim etwas Kokosmilch bringen. Er würde seinen jüngsten Enkel zu sich ziehen, sich eine Weile an seiner Frechheit erfreuen. Dann würde er sich auf der Bank ausstrecken und seinen Kopf auf die steinerne Lehne legen.
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