Ilija Trojanow - Der Weltensammler

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Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.

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Im Monat von Dhu’l-Qaadah des Jahres 1273

Möge Gott uns seine Gunst und Gnade erfahren lassen

MOHAMMED: Ich habe ihn nie aus den Augen gelassen. Ich war mir sicher, er würde sich eines Tages eine Blöße geben. Ich wollte ihn entlarven. Ich habe einen meiner Onkel gebeten, uns nach Arafah und Mina zu begleiten, damit er mir zur Seite stünde. Das war auch gut so. Auf dem Berg Arafah habe ich die anderen aus den Augen verloren. Ich hatte mich der Predigt genähert, weil sie von unserem Zeltplatz aus nicht zu hören war, aber Sheikh Abdullah hatte wohl Sorge, daß wir zu spät aufbrechen würden, er ließ die beladenen Dromedare abreiten. Als ich zu unserem Platz zurückkam, waren sie nicht zu finden. Ich mußte zu Fuß nach Mina gehen. Ich habe die anderen einige Stunden lang gesucht, dann gab ich auf und legte mich im Sand schlafen. Kalt war es, nur im Ihram. Aber mein Onkel war in der Sänfte zusammen mit Sheikh Abdullah, und er hat ihn beobachtet. Etwas Seltsames geschah, etwas Überraschendes. Sheikh Abdullah begann sich hin und her zu werfen, als leide er unter all den Sünden, die er gerade gestanden hatte. Er babbelte vor sich hin, immer heftiger wurden seine Zuckungen, die Sänfte war in Gefahr, mein Onkel versuchte ihn zu beruhigen, redete auf ihn ein. Aber Sheikh Abdullah war nicht zu bremsen. Er schrie ihn an, er spuckte die Worte geradezu aus. Du bist schuld, bei Gott, du bist schuld. Strecke deinen Bart hinaus, gib mir Frieden, und Gott wird es uns beiden leichter machen. Mein Onkel gab seinem Wunsch nach, er blickte hinaus, nach vorne, und horchte, was hinter seinem Rücken geschah. Sheikh Abdullah war noch ein wenig unruhig, dann ließen die Zuckungen nach. Ich habe ja immer bezweifelt, daß Sheikh Abdullah ein Derwisch ist. Aber diese Erfahrung, sie hat mich verunsichert.

GOUVERNEUR: Dein Onkel verfügt offensichtlich nicht über deinen scharfen Verstand. Der Anfall des Sheikhs war vorgespielt!

MOHAMMED: Woher wissen Sie das?

GOUVERNEUR: Es steht in seinem Buch. Er hat ihn vorgetäuscht, um in Ruhe nach hinten zu schauen und den Berg Arafah zeichnen zu können.

MOHAMMED: Dann war mein Verdacht richtig, von Anfang an. Wieso habe ich ihn nicht erwischt, ich hätte ihn erwischen müssen.

KADI: Immerhin war er gezwungen, vorsichtiger zu sein.

GOUVERNEUR: Vorsichtiger? Er scheint sich völlig frei bewegt zu haben. In seinem Buch gibt er sogar genaue Maße und Entfernungen an. Er scheint die Große Moschee, Gott möge sie heiligen, ausgemessen zu haben. Kannst du uns erklären, wie das möglich war?

MOHAMMED: Ich habe keine Ahnung.

SHARIF: Vielleicht hat er seine Schritte gezählt?

GOUVERNEUR: Zu ungenau und bei dem Gedränge schwer durchzuführen.

SHARIF: Denk nach, du bist ein kluger Junge, denk nach.

MOHAMMED: Oh Gott, er hat alles mit dem Stock ausgemessen, auf den er sich stützte. Er hinkte ein wenig, er hat behauptet, er sei auf der Reise von Medina nach Mekka vom Dromedar gestürzt. Ich habe das nicht gesehen, aber er war ein erbärmlich schlechter Reiter. Diesen Stock, er ließ ihn oft fallen, er setzte sich hin, und schob ihn herum. Er wollte eine ganze Nacht bei der Kaaba verbringen. Wir haben lange gebetet und mit einigen der Händler geredet. Mir fielen die Augen zu. Als ich aufwachte, stolperte jemand über mich, und Sheikh Abdullah war nirgendwo zu sehen. Ich stand auf und sah mich um und entdeckte ihn schließlich nahe der Kaaba, er schlich um sie herum. Er faßte die Kiswah immer wieder an, unten, wo sie schon zerfranst ist, und ich hatte den Eindruck, er wollte ein Stück abreißen. Er blickte sich immerzu um nach den Wachen, aber Sie wissen ja, wie aufmerksam die sind, sie wollen das Geschäft selber machen, einer von ihnen kam näher, er hob drohend seine Lanze. Ich zog Sheikh Abdullah am Arm weg von der Kaaba. Ich weiß, viele reißen kleine Fetzen des Stoffes ab, es gilt als Bagatelle, aber trotzdem, wie kann ein respektierter Mann so etwas tun?

KADI: Erstaunlich ist nur, daß dieser Fremde in seinem Buch schreibt, du habest ihm ein Stück von der Kiswah geschenkt?

MOHAMMED: Das schreibt er?

KADI: Ja. Er schreibt einiges über dich.

MOHAMMED: Es stimmt, aber das war später, zum Abschied.

KADI: Woher hattest du es?

MOHAMMED: Gekauft von einem der Offiziere.

KADI: Du hattest so viel Geld?

MOHAMMED: Meine Mutter hat es mir gegeben, sie wollte, daß wir ihm etwas Bleibendes schenken.

KADI: Und da hat sie all das Geld, das dieser Besucher für die Übernachtung in eurem Haus gezahlt hat, für ein Abschiedsgeschenk ausgegeben? Außergewöhnlich großzügig.

MOHAMMED: Sie war sehr von ihm angetan. Mir fällt noch etwas ein, das muß ich Ihnen erzählen, das ist bestimmt wichtig. Eines Tages, auf der großen Straße in Mina, sahen wir einen Offizier von den irregulären Truppen, der völlig besoffen war, er gab jedem, der ihm im Weg stand, einen Stoß mit dem Ellbogen, und er beschimpfte jene, die sich beschwerten. Als wir an ihm vorbeikamen, hielt er inne, gab einen Schrei von sich und umarmte Sheikh Abdullah, der ihn wegstieß. Was ist, mein Freund? schrie der Besoffene, und Sheikh Abdullah drehte sich sofort um und eilte davon. Er stritt ab, daß er ihn kannte, aber mir kam es seltsam vor.

GOUVERNEUR: Er kannte ihn.

MOHAMMED: Das wissen Sie?

GOUVERNEUR: Aus Kairo.

KADI: Sie haben dort zusammen getrunken.

MOHAMMED: Ich wußte es.

GOUVERNEUR: Es ist nicht so einfach, leider. Dieser Mann hat offensichtlich so viele Stärken, daß seine Schwächen ihn nie gänzlich entlarven. Du darfst jetzt gehen, junger Mann. Du hast Gott und deinem Herrscher gut gedient. Wir werden dich entsprechend belohnen.

GOUVERNEUR: Übrigens, stimmt es, daß Saad, der Neger, wieder verhaftet worden ist?

SHARIF: Wir wissen nicht, was wir mit ihm machen sollen; ich fürchte, sein Verstand ist zu sehr durcheinandergeraten. Die Wachen haben ihn in der Großen Moschee aufgegriffen, weil er die Kaaba ohne Unterlaß umrundete, bei Tag und bei Nacht, was übertrieben ist, aber für sich genommen nicht so schlimm wäre, aber bei jedem Schritt hat er geschrien wie eine Bestie: Ich habe mich an der Wahrheit vergriffen, schrie er, ich bin kein Mann mehr, das schrie er immer wieder. Niemand konnte ihn von diesem Verhalten abbringen, das wirklich unangebracht ist, es hat auch die anderen Pilger gestört. Er schrie mit einem Schmerz, berichtete mir Hoheit Sheikh al-Haram, und ich kann Ihnen sagen, das Oberhaupt der Eunuchen war sehr erregt, der Schwarze schrie mit einem Schmerz, als habe er die Hölle gesehen.

Heute, sagte Mohammed nach dem Morgengebet zufrieden, heute werden wir den Teufel steinigen. Die Steine, die sie in der Nacht zuvor aufgesammelt hatten, lagen in Häufchen zu je sieben vor ihnen, und Sheikh Abdullah mußte ein Schmunzeln verbergen, als ihm auffiel, daß die von Mohammed zusammengetragenen Geschosse von übereifriger Größe waren. Es war ihm von Anfang an schwergefallen, die Lapidation des Beelzebubs ernst zu nehmen. Mit diesem Brauch war die Klarheit der Rituale entschwunden, sie befanden sich auf einmal im Kuddelmuddel einer Kirmes, mit einem Schießstand als Hauptattraktion, wo einem sieben Würfe auf einen steinernen Pferdefuß gewährt wurden. Verliere sie nicht auf dem Weg, und wenn doch, hebe ja nicht Steine auf, die von anderen schon geworfen worden sind, belehrte ihn Mohammed. Das hat so zu sein, weil schon einmal verwendete Steinchen dem Teufel nicht weh tun können, dachte sich Sheikh Abdullah, blickte Mohammed aber mit den unverschleierten Augen eines Strebers an. In den zwölf Monaten zwischen zwei Pilgerzeiten, da laden sie sich wieder auf, die Steinchen, denn es ist nicht vorstellbar, daß jedes Jahr jungfräuliche Steine zum Einsatz kommen. Selbst in der Wüste ist der Vorrat an Steinen endlich. Stelle sicher, fuhr der junge Einpeitscher fort, daß du die Säule mit jedem deiner Würfe triffst. Halte die Steine so zwischen den Fingern … Sheikh Abdullah verspürte — noch bevor er ihm in dem bösartig engen Tal von Mina begegnet war — fast ein wenig Mitleid mit diesem Teufel, dessen Rumpf alljährlich von Hunderttausenden von Steinen traktiert wurde. Aber da der Teufel aus Felsgestein bestand, traf Gleiches auf Gleiches, so daß keine grundsätzliche Veränderung drohte. Das Gleichgewicht der Kräfte blieb erhalten, mit den Steinen konnte der Teufel so wenig getroffen werden wie die Wüste mit einer Handvoll Wasser befruchtet werden konnte. Laß uns endlich gehen, sagte er voller Eifer, und Mohammed belohnte ihn mit einem zufriedenen Blick.

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