An diesem Abend ging der neue Mond über Mekka auf. Sie saßen nahe dem Fußabdruck des Urahns Abraham. Was fühlst du jetzt? fragte Mohammed. Und er antwortete, den Erwartungen gemäß: Dies ist der glücklichste Neumond meines Lebens. Er sprach es aus, dann wog er es ab und stellte fest, daß es so falsch nicht war. Und er fügte hinzu, dem jungen Gewährsmann zu Ohren, der nicht aufgeben würde, auf Fehler seinerseits zu lauern: Möge Gott in all Seiner Kraft und Macht uns anregen, Dank zu sprechen für Seine Gunst, und uns bewußt machen, wie viele Privilegien Er uns zum Anteil gegeben hat, bis hin zu der Aufnahme im Paradies und der Belohnung durch die gewohnte Großzügigkeit Seiner wohltätigen Handlungen und der Hilfe und der Unterstützung, die Er uns gnädig gewährt. Amen, murmelte Mohammed kleinlaut. Und Sheikh Abdullah schlug das Buch der Fragen zu mit einem inbrünstigen Amen, das sich in die Lüfte erhob, als sei es eine der Tauben Mekkas.
Später, als Mohammed sich entfernte, um etwas Zamzam-Wasser zu trinken, skizzierte er die Moschee, zerschnitt das Papier in viele kleine Streifen, die er durchnumerierte und in seinen Hamail legte.
Im Monat von Shawwal des Jahres 1273
Möge Gott uns seine Gunst und Gnade erfahren lassen
GOUVERNEUR: Sind Sie bereit, uns bei der Suche nach der Wahrheit behilflich zu sein?
SAAD: Ich kam in Frieden in Ihre Stadt. Um Handel zu treiben. Sie haben mich eingesperrt. Sie haben mich entehrt.
SHARIF: Sie sind einige ehrliche Antworten von Ihrer Entlassung entfernt.
SAAD: Womit habe ich diese Qual verdient?
GOUVERNEUR: Sie haben sich geweigert, uns zu helfen.
SAAD: Ich weigere mich nicht.
GOUVERNEUR: Wir wollen Ihnen glauben, aber Sie müssen uns entgegenkommen.
SAAD: Es gibt etwas, ich habe es zuvor nicht erwähnt.
GOUVERNEUR: Sie haben es uns verheimlicht.
SAAD: Ich wußte nicht, daß es wichtig ist. Er hat auf seinem Ihram gekritzelt.
KADI: Auf dem Stoff selbst?
SAAD: Ja.
GOUVERNEUR: Was hat er aufgeschrieben?
SAAD: Es war nicht zu lesen.
GOUVERNEUR: Du konntest es nicht richtig sehen oder nicht entziffern?
SAAD: Ich habe es nicht versucht.
GOUVERNEUR: Und du hieltest diese Information nicht für bedeutsam genug, um sie uns mitzuteilen?
SAAD: Er war manchmal seltsam. Wie jeder Derwisch. Ich dachte, ein Gebet vielleicht, ein Segensspruch, der ihm vor der Kaaba eingegeben worden ist.
GOUVERNEUR: Hast du ihn nur in der Großen Moschee etwas notieren gesehen?
SAAD: Ein anderes Mal auch.
GOUVERNEUR: Wo?
SAAD: Auf der Straße.
GOUVERNEUR: Wo? Genauer?
SAAD: Nahe der Kaserne.
GOUVERNEUR: Was habt ihr dort getan?
SAAD: Wir gingen spazieren.
GOUVERNEUR: Wieso gerade dort?
SAAD: Nicht nur dort.
GOUVERNEUR: Was noch? Was hast du uns noch verheimlicht? Sprich.
SAAD: Er hat einen Menschen umgebracht.
KADI: Was?
SAAD: Auf der Karawane von Medina nach Mekka. Ich sah, wie er seinen Dolch säuberte. Am nächsten Morgen wurde ein toter Pilger entdeckt, erstochen.
KADI: Ein Mörder!
GOUVERNEUR: Warst du ihm behilflich?
SAAD: Nein!
GOUVERNEUR: Aber du hast es niemandem erzählt?
SAAD: Ich habe nur einen blutigen Dolch gesehen. Vielleicht wurde er angegriffen, vielleicht war es ein gerechter Kampf.
SHARIF: Hast du ihn danach gefragt?
SAAD: Das stand mir nicht zu.
GOUVERNEUR: Wieviel hat er dir gezahlt?
SAAD: Nichts. Wieso sollte er mir etwas zahlen?
GOUVERNEUR: Für deine Dienste.
SAAD: Ich habe ihn aus freien Stücken begleitet, einige Male.
GOUVERNEUR: Um so schlimmer, ein Verräter aus Überzeugung.
SAAD: Wen habe ich verraten?
GOUVERNEUR: Den Kalifen und deinen Glauben.
SAAD: Ich habe niemanden verraten.
GOUVERNEUR: Du lügst.
SAAD: Ich habe niemanden verraten.
GOUVERNEUR: Wir werden dir die Lüge austreiben. Führt ihn ab.
GOUVERNEUR: Sie sagen, du bist reumütig und willst uns alles gestehen.
KADI: Bringen wir es hinter uns.
SAAD: Ich habe ihm geholfen.
GOUVERNEUR: Womit?
SAAD: Er hat Fragen gestellt, ich habe sie beantwortet. Wenn ich die Antwort nicht wußte, habe ich versucht, sie herauszufinden.
GOUVERNEUR: Fragen worüber?
SAAD: Über alles. Er war sehr neugierig.
GOUVERNEUR: Beispiele, gib uns Beispiele, bevor wir dir die Schmerzen zurückgeben.
SAAD: Unsere Sitten, unsere Gewohnheiten, die Geheimnisse der Karawanen und des Handels.
GOUVERNEUR: Waffen?
SAAD: Ja, an Waffen war er sehr interessiert.
GOUVERNEUR: Was für Waffen?
SAAD: Goldverzierte Dolche.
GOUVERNEUR: Du machst dich lustig über uns.
SAAD: Nein, glauben Sie mir. Alte Dolche, meisterlich gearbeitet, die erregten seine Aufmerksamkeit.
GOUVERNEUR: Wann hat er dich angesprochen?
SAAD: Kurz bevor wir Medina erreichten. Er hatte Wache, ich war früh auf. Er begann ein Gespräch.
GOUVERNEUR: Wieso hast du es getan?
SAAD: Ich hatte keinen Grund.
GOUVERNEUR: Wolltest du dich rächen?
SAAD: An wem?
GOUVERNEUR: An uns allen.
SAAD: Was für eine Rache wäre das?
GOUVERNEUR: Du mußt einen Grund gehabt haben, verfluchter Neger.
SAAD: Für Geld?
GOUVERNEUR: Ja, bestimmt war es Geld …
SAAD: Meine Geschäfte, sie gingen schlecht.
KADI: Ich hatte von Beginn an so ein Gefühl, daß du deine Treue und deine Ehre an den Meistbietenden verschacherst.
GOUVERNEUR: Siehst du, was du uns alles verraten kannst, bei gutem Willen.
SAAD: Ich habe guten Willen.
GOUVERNEUR: Hat er erwähnt, wer ihn geschickt hat?
SAAD: Er hat nie etwas gesagt. Er hat Moskau kein einziges Mal erwähnt.
GOUVERNEUR: Moskau? Wieso denn Moskau?
SAAD: Ich meine, von seinen Auftraggebern, er hat nichts erzählt von denen.
GOUVERNEUR: Was! Hat er dir gegenüber angedeutet, er sei ein Russe?
SAAD: Nein, er war doch Inder. Aber wenn er spioniert hat, dann doch …
GOUVERNEUR: Für Moskau?
SAAD: Nicht für Moskau?
GOUVERNEUR: Sag uns die Wahrheit …
SAAD: Ich sage doch, ich bestätige alles, er war ein Spion. Ich weiß nicht genau, was für ein Spion. Wenn nicht für Moskau, ich dachte, für den Vizekönig vielleicht?
SHARIF: Er weiß nichts!
GOUVERNEUR: Wie bitte?
SHARIF: Es ist offensichtlich, daß er nichts weiß. Alles was er erzählt hat, entstammt seiner Phantasie.
GOUVERNEUR: Stimmt das? Ich werde dich häuten lassen, du dreckiger Hund.
SAAD: Die Schmerzen haben danach verlangt. Sie haben mich dazu gezwungen.
GOUVERNEUR: Du hast uns zweimal belogen!
SAAD: Was Sie sagen. Was Sie sagen.
GOUVERNEUR: Ich will endlich die Wahrheit wissen.
KADI: Sie ist nicht schwerhörig, Sheikh, die Wahrheit.
GOUVERNEUR: Das befriedigt Sie, nicht wahr? Sie ergötzen sich an unseren Schwierigkeiten.
KADI: Die Wahrheit zu finden, das ist unser aller Schwierigkeit, Sheikh. Niemand ausgenommen, und an dieser mißlichen Lage kann keiner von uns Gefallen finden.
SHARIF: Sein Geständnis, es ist nutzlos.
KADI: Es war gut erdichtet, wenn schon nicht gut erdacht. Eine wahrhaft Mekkanische Offenbarung.
GOUVERNEUR: Was soll das bedeuten?
KADI: Ach, ich hatte vergessen, daß die Kenntnis der Klassiker nicht mehr erforderlich ist für ein hohes Amt. Es bedeutet, sein Geständnis ist so einseitig, daß nur er selber und Gott es verstehen können.
SHARIF: Es ist Zeit für das Zohar-Gebet.
KADI: Und dieser Mann?
GOUVERNEUR: Was ist mit ihm?
KADI: Ich bestehe darauf, daß er gewaschen wird und anständige Kleidung erhält. Soll er so seine Gebete sprechen? Wir wollen keine Schuld auf uns laden!
GOUVERNEUR: Ich bezweifele, daß er körperlich in der Lage ist, das Gebet auszuführen.
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