Ilija Trojanow - Der Weltensammler
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- Название:Der Weltensammler
- Автор:
- Издательство:DTV
- Жанр:
- Год:2007
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Mit dieser einschüchternden Schar im Rücken erreichten sie einen weiteren Einschnitt, zu ihrer Rechten ein hoher Felsen, an seinem Fuß ein Gerinne, und zu ihrer Linken eine jähe Steilwand. Der Weg vor ihnen schien versperrt zu sein von einer Hügelsilhouette, die sich in der blauen Ferne verlor. Die oberen Sphären waren noch von der Sonne beleuchtet, aber unten, wo sie zu reiten hatten, zwischen dem Felsen und der Steilwand, machten sich finstere Schatten breit. Die Stimmen der Frauen und Kinder wurden leiser, die Labbayk-Rufe erloschen allmählich. Eine kleine Rauchlocke war auf dem Gipfel des Felsens zur Rechten zu erkennen, und im nächsten Augenblick krachte eine Gewehrsalve. Ein Dromedar, das nicht weit vor Sheikh Abdullah trottete, knickte seitwärts zu Boden. Die Beine zuckten einige Male, dann erstarrte das Tier, das Gefüge der Karawane explodierte, noch bevor weitere Salven einschlugen, kaum hörbar im Geschrei und Gebrüll. Jeder trieb sein Tier voran, rasch aus dieser Todesenge heraus. Zügel verwickelten sich. Die Köpfe der Tiere stießen aneinander. Keiner kam mehr voran, die Schüsse entrissen dem wütenden Gewühl einzelne Tiere und einzelne Menschen, die tot umfielen oder zu Tode getrampelt wurden. Die Soldaten hasteten hin und her, sie gaben sich gegenseitig Order. Nur die Wahhabi reagierten überlegt und mutig. Sie galoppierten heran, ihre Zöpfe flogen im Wind. Manche hielten an und zielten auf die erhöhte Position der Angreifer; einige hundert von ihnen begannen den Felsen hinaufzuklettern. Bald wurden die Schüsse seltener und verstummten schließlich völlig. Sheikh Abdullah hatte alles nur beobachten können. Salih stand neben ihm. Je näher du dem Ziel deines Lebens kommst, sagte er, desto gefährlicher wird es. Stell dir vor, nur einen Tag von der Kaaba entfernt sterben zu müssen! Sie sprachen ein kurzes Gebet und saßen wieder auf. Eine blindwütige Finsternis drohte die Karawane zu verschlingen. Ohne daß jemand einen Befehl erteilt hätte, wurden die Trockenbüsche entlang des Weges angezündet. Die zerklüfteten Felsen zu beiden Seiten überragten sie wie mißgestimmte Riesen. Vor ihnen öffnete sich ein Abstieg tiefer in die Schlucht hinein. Der Rauch der Fackeln und der brennenden Büsche hing über ihnen wie ein Baldachin, der Feuerschein teilte die Welt in zwei düstere Hälften, auseinandergehalten von einem stygischen Rot. Die Dromedare stolperten, blind in der Nacht und geblendet von dem grellen Licht. Manche rutschten den Hang hinab in das Bachbett. Wenn sie sich verletzten, gab es keine irdische Kraft, sie herauszuholen — das Gepäck wurde umgeladen, wenn Freunde zugegen waren, und die Reise wurde auf dem Rücken eines anderen Tieres fortgesetzt oder zu Fuß. Als sie früh am nächsten Morgen der Schlucht entkamen, waren sie ausgelaugt bis in die Knochen; zu müde, um Erleichterung zu spüren.
Am nächsten Tag ritten sie in Mekka ein.
Im Monat von Shaaban des Jahres 1273
Möge Gott uns seine Gunst und Gnade erfahren lassen
KADI: Wir kommen nicht weiter. Wir sollten uns kostbareren Aufgaben widmen und diesen Fall auf sich beruhen lassen.
GOUVERNEUR: Im Gegenteil. Was wir bisher erfahren haben, zwingt uns geradezu, weiter nachzufragen. Ein dunklerer Fall ist mir noch nie untergekommen.
KADI: Wen können wir denn noch befragen?
GOUVERNEUR: Nicht wen, sondern wie.
SHARIF: Durchaus möglich, daß uns der eine oder andere nicht die Wahrheit gesagt hat. Wer höflich fragt, erhält meist eine höfliche Antwort.
GOUVERNEUR: Wir könnten nachdrücklicher fragen.
SHARIF: Wir sollten vorsichtig sein, wen wir zu so einer Befragung zu uns rufen.
KADI: Omar Effendi kommt nicht in Frage, er ist Enkel des Muftis …
GOUVERNEUR: Wissen wir, natürlich.
SHARIF: Salih Shakkar vielleicht?
GOUVERNEUR: Wenn einer die Wahrheit sagt, dann er.
SHARIF: Wieso?
GOUVERNEUR: Er ist Türke, er achtet den Sultan und liebt Stambul.
KADI: Eine Garantie gegen Heuchelei.
GOUVERNEUR: Hamid al-Samman ist gut geeignet. Er hat sein Dach mit dem Fremden geteilt.
SHARIF: Auf mich hat er einen sehr aufrichtigen Eindruck gemacht.
GOUVERNEUR: Er war verschlossen und seine Auskünfte unergiebig wie geräuchertes Fleisch.
SHARIF: Nein, nicht Hamid.
GOUVERNEUR: Wieso nicht?
SHARIF: Nun, wenn Sie es unbedingt wissen müssen, ich habe erfahren, daß er mit einer meiner Frauen verwandt ist, und die Beziehungen zu ihrer Familie, die sind mir außerordentlich wichtig.
KADI: Und Saad?
SHARIF: Ein ehemaliger Sklave.
GOUVERNEUR: Der Schwarze.
KADI: Der Dämon. Das ist kein guter Beiname.
GOUVERNEUR: Er reist viel, auch in die Länder der Ungläubigen. Nach Rußland sogar! Das muß Mißtrauen erwecken. Wer weiß, wem seine Loyalität gilt.
SHARIF: Er wird keine starken Fürsprecher haben.
GOUVERNEUR: Seine Geschäfte führen ihn oft nach Mekka.
KADI: Wir werden sehen, wieviel Gottesfurcht in ihm steckt.
Er war auf alles vorbereitet, selbst daß er entlarvt werde und umgebracht, aber es ist ihm nie in den Sinn gekommen, daß seine Gefühle ihn überwältigen könnten. Er kann nicht weitergehen; er muß immer wieder innehalten. Nichts in ihm widersetzt sich der aufgehenden Beglückung. Um ihn herum tobt Verehrung in allen Gesichtern. Vor ihm steht eine Idee, die Kaaba, eine anschaulich klare Idee, in Schwarz gehüllt, der Stoff ein Brautschleier, die goldene Verzierung ein Liebeslied. Oh höchst glückliche Nacht. Er spricht die zauberhaften Sätze nach, er versteht sie. Braut aller Nächte des Lebens, Jungfrau unter allen Jungfrauen der Zeit. Der Strudel der Pilger fließt gegen den Uhrzeigersinn. Sheikh Abdullah ist erregt. Als würden die Lebensträume, die sich in seiner Nähe verwirklichen, auch ihn aufladen. Er überläßt sich dem Strudel, um den starren Kubus siebenmal zu umkreisen. Seiner Pflicht gemäß. Im Laufschritt zuerst, wie der Führer ihn ermahnt, eher weiter außen als innen, wo das Drängeln gerinnt. Eigentlich dürfte er derweil die Kaaba — unfaßbarer Mittelpunkt — nicht anblicken. Aber er kann seinen Blick nicht von ihr abwenden. Später, als er ihr so nahe ist, daß er wie die anderen Pilger mit ausgestrecktem Arm den Schleier berühren kann, löst er sich auf im Gewühl, ein peinigendes Gefühl, bis er aufhört, sich dagegen zu wehren. Die Strömung bestimmt alles, die Richtung, die Geschwindigkeit, die Pausen, in denen angehalten wird, um die Segnung, die von dem schwarzen Stein ausgeht, zu empfangen, und ein Im Namen Gottes, Gott ist groß auszurufen. Nach der letzten Runde drängt er sich zum Stein vor — Mohammed hilft ihm, seinen Weg zu bahnen —, er beugt sich so weit er kann zum glänzenden Stein vor, berührt ihn, überrascht davon, wie klein er ist, der einst weiß wie Kalk gewesen sein soll, bevor die vielen sündigen Lippen und Hände, die ihn küssen und streicheln, schwarz und schwärzer werden ließen. Die Legende bietet eine Erklärung, die seiner Gemütsverfassung entspricht; am Abend wird er sie aufschreiben und seine Vermutung notieren, daß es sich bei dem Stein um einen Meteoriten handelt.
Als einer von vielen, deren Gedanken und Gebete sich um die Kaaba drehen, ist er Teil eines Kreises, der sich zu weiteren Kreisen ausdehnt, die sich über Mekka ziehen, über die Wüste und ihre Stationen, die bis nach Medina reichen, nach Kairo, und darüber hinaus, nach Karachi und Bombay und weiter noch. Ein Stein ist in den Ozean der Menschheit gefallen, und die Wellen schlagen bis in die fernste Einöde. Er hat seine sieben Umrundungen vollbracht. Das Gebet beim Fußabdruck Abrahams. Er trinkt Wasser vom Zamzam-Brunnen. Pilger, Pilger aus Indien, beglückwünschen sich. Sie schließen ihn ein in ihre Umarmungen. Er gibt sich wortkarg. Mohammed beobachtet ihn. Gewiß ist es schön, sich alle Menschen als Brüder und Schwestern vorzustellen. Aber ein Verdacht beginnt um die Kaaba zu kreisen, er verdichtet sich mit jeder Rotation. Wenn jeder Mensch einem nahestünde, um wen würde man sich kümmern, mit wem leiden? Das Herz des Menschen ist ein Gefäß von begrenztem Fassungsvermögen, das Göttliche hingegen ein Prinzip ohne Maß. Das geht nicht gut zusammen. Die Ordnung, die von der Kaaba verheißen, erscheint ihm auf einmal suspekt. Er dreht allen Nächsten den Rücken zu und trinkt ein zweites Glas Zamzam. Wieso muß es ein Zentrum geben? Wegen der Sonne? Wegen des Königs? Wegen des Herzens? Zeige mir die Richtung, in der Gott nicht weilt, hatte der Guru gesagt, als ihm vorgeworfen wurde, seine Füße würden respektlos gegen Mekka zeigen. Ganz im Sinne des Erfinders, oder noch genauer ausgedrückt: ganz im Sinne des Unerfundenen, des Ungeschaffenen. Die oberflächliche Form ist nötig für jene, denen es an Phantasie mangelt. Die sich das Allgegenwärtige nur in Stein gefaßt, in Stoff gestickt, auf Leinwand geworfen vorstellen können. Das Wasser schmeckt brackig, schwefelig. Aber es versiegt nicht. Das Wasser hat diesem Ort das Leben geschenkt und ist dafür folgerichtig in dessen Mythologie aufgenommen worden. Erneut wird er es nicht trinken, wenn er es vermeiden kann, nicht wie der Mann auf dem Pflaster vor der Moschee, auf den Mohammed ihn hinweist, ein Kranker, der sich geschworen hat, soviel Zamzam-Wasser zu trinken, wie es bedarf, um wieder zu Kräften zu kommen. Und wenn er nicht wieder gesundet? fragt er Mohammed. Dann liegt es gewiß daran, daß er nicht imstande war, genug Wasser zu trinken, lautet die Antwort, und wie so oft ist er sich nicht sicher, ob dieser junge Kerl die Dummheit seiner Altvorderen nachplappert oder sich über sie mokiert. Es gibt viele Hadjis, fügt Mohammed hinzu, die sich das Zamzam-Wasser in Eimern in ihr Quartier tragen lassen und dort über ihren Körper gießen, weil es ihr Herz ebenso wie ihren Körper reinigt. Von außen nach innen. Wir in Mekka machen es umgekehrt.
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