Ilija Trojanow - Der Weltensammler

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Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.

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Die Skepsis von Sheikh Abdullah wächst mit jedem Schritt, mit dem er sich von der Kaaba entfernt.

Im Monat von Ramadan des Jahres 1273

Möge Gott uns seine Gunst und Gnade erfahren lassen

GOUVERNEUR: Das ist inakzeptabel. Sie überschätzen sich. Wir werden Sie zwingen, diese Fatwa zurückzunehmen.

SHARIF: Wir können, ich bin zuversichtlich, einen Kompromiß ausarbeiten, der beiden Seiten …

GOUVERNEUR: Alle Verwünschungen Gottes über Ihre faulen Kompromisse.

KADI: Wir werden unser gerechtes Urteil nicht dem Willen eines Pharaos unterwerfen.

GOUVERNEUR: Sie reden im Wahn. Sie zweifeln das Recht des Kalifen an.

KADI: Auch er untersteht den Gesetzen Gottes.

SHARIF: Sie müssen versuchen zu verstehen, Abdullah Pascha, bei mir haben sich, wie auch beim Kadi, alle führenden Händler der Stadt beschwert. Keiner von ihnen billigt Ihre Maßnahmen.

GOUVERNEUR: Aus selbstsüchtigen Gründen.

SHARIF: Sie befürchten die völlige Abschaffung der Sklaverei.

GOUVERNEUR: Sie wissen genau, daß nur der Sklavenhandel verboten worden ist.

SHARIF: Ohne Sklavenhandel kann es langfristig keine Sklavenhaltung geben.

GOUVERNEUR: Selbst wenn wir unterschiedlicher Ansicht sind, der Kadi kann doch nicht öffentlich verkünden, mit diesem Erlaß seien die Türken zu Ungläubigen geworden.

KADI: Was wollen Sie noch einführen? Glauben Sie, wir kriegen nicht mit, was anderswo geschieht? Wenn wir uns nicht wehren, was werden Sie noch alles verbieten, welche unsäglichen Neuerungen erlauben? Wird demnächst statt des Azaans eine Gewehrsalve abgefeuert? Werden sich die Frauen unverhüllt in der Öffentlichkeit zeigen dürfen, werden sie das Recht erhalten, die Scheidung auszusprechen?

GOUVERNEUR: Sie übertreiben maßlos. Nur der Sklavenhandel ist verboten worden.

KADI: Wieso?

SHARIF: Ich habe so meine Vermutungen, daß der Kalif unter Druck steht, weil die Farandjah ihren Teil der Abmachung einfordern, nachdem sie ihm geholfen haben, den Krieg gegen Moskau zu gewinnen.

KADI: Was in Istanbul geschachert wird, kann nicht Maßstab sein für das Wohl der heiligen Stätten.

GOUVERNEUR: Sie können sich dem Lauf der Geschichte nicht verschließen.

KADI: Lauf der Geschichte? Selbst wenn es so etwas gäbe, müßten wir uns dem widersetzen. Wenn es so weitergeht, werden sich eines Tages Ungläubige im Hijaz niederlassen, sie werden Moslems heiraten und schließlich den gesamten Islam unterwandern.

GOUVERNEUR: Das erledigen die Araber schon selbst. Sie leben ohne Ehre. Sie respektieren nicht den Kalifen. Wir versuchen es im Guten, und was geschieht? Wir zahlen den Stammesführern Abgaben in Korn und Stoff, und sie bewaffnen ihre Leute und führen Überfälle auf die Karawanen aus.

SHARIF: Etwas unbedacht Ihrerseits, den eigenen Feind zu füttern.

KADI: Seit sie unser Land erobert haben, gibt es keine Gerechtigkeit mehr. Sie ernten nun, was sie eingeführt haben. Wenn ein Räuber gefaßt wird, trauen sie sich nicht, ihn köpfen zu lassen. Das sendet Signale. Sie haben Willkür zum obersten Richter ernannt.

GOUVERNEUR: Die Hadj ist sicherer geworden, und wenn wir geeint wären in unseren Bemühungen, könnten wir die Herrschaft des Friedens auch den Beduinen im Landesinneren aufzwingen.

SHARIF: Wir unterstützen Sie doch, so gut wir können, aber uns sind die Hände gebunden, Sie dürfen nicht übersehen, daß wir nicht mehr soviel Einfluß haben wie früher.

GOUVERNEUR: Was soll sich denn geändert haben?

SHARIF: Das Schiff ist ein Feind, mit dem wir nicht gerechnet haben. Was waren das für glorreiche Zeiten, über die meine Vorfahren gewacht haben, mit sechs Karawanen, und Völkerscharen, die ihren Herrschern auf Pilgerschaft folgten. Wissen Sie, daß der letzte der Abbasiden mit hundertdreißigtausend Tieren am Berg Arafah kampierte? Und heute, wo stehen wir heute, es ist jämmerlich. Nur noch drei Karawanen erreichen unsere Stadt, möge Gott sie heiligen, mit nur einigen zehntausend Pilgern, und die Karawanen aus Istanbul und Damaskus, das sind bald Karawanen der Zeremonie. Wenn es so weitergeht, werden wir bald nicht mehr über das Geld verfügen, unseren Pflichten nachzukommen.

KADI: Ihre Armut wäre vielleicht ein Segen. Dann würden die Wahhabi nicht mehr von all den Schätzen angelockt werden.

SHARIF: Die Wahhabi würden versuchen, uns zu unterwerfen, selbst wenn wir alle in Fetzen gekleidet wären.

GOUVERNEUR: Übertreiben Sie nicht Ihre Not? Sie erhalten doch ein Viertel der Abgaben. Und wenn ich mich nicht irre, bringen jene, die mit dem Schiff anreisen, Geschenke mit für die Große Moschee, möge Gott sie ehrenvoller und erhabener machen. Und was ist mit den Lizenzen, die Sie den Führern erteilen, ist das etwa kein einträgliches Geschäft mehr? Der Sultan ist gar nicht so glücklich über die weitreichenden Rechte, über die Sie noch immer verfügen.

SHARIF: Wenn Ihre Soldaten wenigstens die Wege sicherhalten könnten. Die Karawanen werden so oft ausgeraubt, es ist, als würden wir Eiswürfel durch die Wüste transportieren. Für uns bleiben nur noch einige Tropfen übrig.

KADI: Wir müssen den Glauben erneuern. Wenn die Renegaten die Welt regieren, müssen wir zu dem Weg des reinen Gehorsams zurückfinden.

GOUVERNEUR: Genug palavert. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, die unser Sultan sehr schätzt. Ein Löwe, ein Wolf und ein Fuchs gehen gemeinsam auf die Jagd. Sie erlegen einen Wildesel, eine Gazelle und einen Hasen. Der Löwe bittet den Wolf, die Beute zu verteilen. Der Wolf zögert nicht: Der Wildesel geht an dich, die Gazelle an mich und der Hase an unseren Freund, den Fuchs. Der Löwe holt aus und schlägt mit einem Hieb seiner Tatze dem Wolf den Kopf vom Leib. Dann wendet er sich an den Fuchs und sagt: Du wirst jetzt die Beute aufteilen. Der Fuchs verbeugt sich tief vor dem Löwen und sagt mit sanfter Stimme: Eure Majestät, die Aufteilung ist denkbar einfach. Der Wildesel wird euer Mittagessen sein, die Gazelle euer Abendessen. Und was den Hasen betrifft, so wird er euch als Leckerbissen zwischen den Mahlzeiten sicher willkommen sein. Der Löwe nickt zufrieden: Was für einen Takt und Wohlverstand du an den Tag legst. Sag, wer hat dir das beigebracht? Und der Fuchs antwortet: Der Kopf des Wolfes.

Am Tage sind die Farben in der Wüste wie weggewischt, und die Wüste ist in Mekka, trotz der hohen Bauten und der engen Gassen. Kurz ist der Übergang zur Nacht, bei dem die Wiederkehr der Farbnuancen mit der Kargheit des Tages versöhnt. Es scheint Sheikh Abdullah, der sich einen guten Platz unter den Kolonnaden ausgesucht hat, als wäre ein Farbfächer aus der Hand einer ganz in Weiß gekleideten Gestalt gefallen. Und er staunt über die verschiedenen Weißtöne, die er auf einmal in den Ihrams entdeckt. Wenig später werden Fackeln angezündet, die Große Moschee erstrahlt, und der Himmel schwärzt sich ein. Die Gebete, die ihn umgeben, wirken ansteckend. Er möchte sich auch versenken, nur weiß er nicht, worin. Bei der Rezitation des Korans stolpert er immer wieder über seine Gedanken nach dem Sinn der Sure. Er versucht zu beten, aber bricht bald ab, weil ihm klar wird, daß er das Gebet nur als gemeinschaftlichen Akt akzeptieren kann. Es kann sich nicht zum einsamen Gebet zwingen. Er richtet sich auf und sucht eine erhöhte Stelle, von der aus er über die Köpfe der Kreisenden auf die Kaaba blicken kann. Wenn schon die Zunge sich den Gebeten verweigert, wird er mit den Augen beten. Die Menschheit rotiert um den vermeintlichen Kern, in einem gleichmäßigen Tempo, als stünde sie auf der Töpferscheibe Gottes. Er könnte dieses Drehen stundenlang betrachten. Mal scheint es ihm ein Perpetuum mobile der Hingabe, mal ein blinder Tanz.

Er fühlt sich von diesem Ort aufgenommen. Zur Ruhe gebettet. Wie ausgehebelt von allen Fallen und Stricken des Lebens. Er ist in al-Islam hineingewachsen, schneller als erwartet, er hat Buße und Entbehrung übersprungen und gleich Eingang in diesen Himmel gefunden. Keine andere Tradition hat eine so schöne Sprache für das Unsagbare geschaffen. Von dem Gesang des Korans bis hin zu den Dichtungen aus Konya, Bagdad, Shiraz und Lahore, mit denen er begraben werden möchte. Gott ist im Islam aller Eigenschaften enthoben, und das erscheint ihm richtig so. Der Mensch ist befreit, keiner Erbsünde untertan und dem Verstand anvertraut. Natürlich ist diese Tradition wie alle anderen kaum in der Lage, den Menschen zu bessern, den Gebrochenen aufzurichten. Aber in ihr läßt es sich stolzer leben als in den schuldbeladenen, freudlosen Niederungen des Christentums. Wenn er glauben könnte, an die Details der Tradition — an das Allgemeine zu glauben ist nicht nötig, das ist die höchste Erkenntnis —, und wenn er sich frei entscheiden könnte und wenn er sich frei bedienen dürfte, so würde er sich für den Islam entscheiden. Aber es ist nicht möglich, zuviel steht im Wege — das Gesetz seines Landes, das Gesetz von al-Islam und seine eigenen Bedenken —, und in Augenblicken wie diesem bedauert er es. Er genießt das Paradies, das ihn umgibt, aber ein Leben nach dem Tod ist bei bestem Willen nicht annehmbar, ebensowenig die Bilanzen, die Gott angeblich zieht, um sein Reich zu bevölkern. Gott ist alles und nichts, aber er ist kein Buchhalter.

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