Ilija Trojanow - Der Weltensammler

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Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.

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KADI: Das wird er entscheiden müssen. Wir müssen nur sicherstellen, daß er beten könnte, wenn er wollte.

Labbayk Allahumma Labbayk. Die Rufe wurden Tag und Nacht wiederholt, sie waren in aller Munde, sie erklangen zu jedem Anlaß und an jedem Ort. Mit ihnen näherten sich die Pilger der Großen Moschee, mit ihnen traten sie ein beim Barbier, mit ihnen begrüßten sie Bekannte auf der Straße — Labbayk war der Ton einer Fanfare, die zur kleinen und zur großen Pilgerreise ertönte, ein Ton, der selbst die Pausen dazwischen erhellte. Aber am achten Tag des Monats Zuul Hijjah erklangen die Rufe wie der Marschgesang einer Armee. Die vielen brachen auf aus Mekka, auf zum Berg Arafah, zum Gipfel der Pilgerreise, wo sie vor Gott stehen würden, um seine Gegenwart zu schauen, ungeachtet der Hitze und Schwäche.

Sheikh Abdullah erwartete, daß auf den Aufenthalt in der Großen Moschee, daß nach der Sicht auf die Kaaba, auf den Hängen des Berges Arafah und im staubigen Weltdorf Mina weitere Höhepunkte folgen würden, Steigerungen des Erlebten, doch was in der Wüste außerhalb der heiligen Stadt geschah, ließ ihn bedauern, Mekka verlassen zu haben. Obwohl sie in einer komfortablen Sänfte aufbrachen, zu früher Stunde, der Empfehlung des jungen Mohammed folgend. Wer den Berg Arafah zu spät erreiche, der finde keinen Platz in der Nähe, um sein Zelt aufzuschlagen. Die vielen toten Tiere am Wegrand waren nicht zu übersehen. Unzählige Kadaver waren einfach in die Gräben geworfen worden. Die Beduinen in ihrer Gruppe schoben sich Baumwollstücke in die Nasenlöcher, andere hielten sich Handtücher dicht über Mund und Nase. Sie erreichten Arafah, ein Hügel in den Atlanten, ein gewaltiger Berg der Metaphysik. Die Öde, die ihn umschlang, war aufgekratzt von den vielen Pilgern. Sie errichteten ihre Zelte am Fuße des Hügels und überließen sich jenen halbstummen Zwiegesprächen, die sie aus diesem Tag herausführen würden. Manche Pilger murmelten, andere bewegten still ihre Lippen. Gewiß listeten ihre Gedanken jede Schwäche und jeden Fehler auf, gewiß korrigierten sie diesen persönlichen Mängelkatalog, erweiterten ihn um einige Nachzügler im Bekenntnis. Erschraken sie über das Angesammelte? Waren sie um Aufrichtigkeit bemüht? So sehr, daß sie die Liste ihrer Vorsätze kürzten, um nicht etwas zu versprechen, aufrecht vor Gott, dem sie nicht gewachsen waren, an diesem Tag der ungeschönten Bilanz.

Eine Kanone platzte in die massenhafte Einkehr hinein. Sie kündigte das Nachmittagsgebet an. Schon hörten sie Trommeln und gleißende Klänge. Komm mit, rief Mohammed, die Prozession des Sharifs trifft ein. Sie drängten sich vor, bis sie die Prozession erblickten, wie sie einen Pfad erklomm, der den Berg hinaufführte. Angeführt von einer Kapelle aus Janitscharen, denen die Träger des Amtsstabes folgten, die gereizt den Weg freiräumten. Ihnen folgten mehrere Reiter, ein jeder von ihnen hielt einen überlangen, mit Quasten versehenen Speer in der Hand, mit dem sie die Zuchtpferde des Sharifs antrieben, vollblütige Araber mit alten und abgenutzten Schabracken. Hinter den Pferden gingen schwarze Sklaven mit Luntenmusketen, offensichtlich in Begleitung der grünen und roten Flaggen in ihrem Windschatten, zum Schutz der hohen Herren, des Sharifs von Mekka samt Höflingen und Familie. Mohammed konnte jeden in dieser erlauchten Gruppe identifizieren. Der Sharif erwies sich als alter Mann, ein Asket von ziemlich dunkler Hautfarbe, was er seiner Mutter, einer Sklavin aus dem Sudan, verdanke — Mohammed schien über die Familienverhältnisse bestens informiert zu sein. Er sieht nicht nach viel aus, aber keiner kann es mit ihm an Schlauheit aufnehmen, sagte er voller Bewunderung. An der Seite des Sharifs, dessen verharrende Augen auf einmal über die Menge huschten wie ein Skorpion über den Sand, schritt ein Mann, der ihn um einen Kopf überragte und dessen grobschlächtige Figur von seinem Ihram kaum bedeckt wurde. Sein modisches kleines Bärtchen stand im Gegensatz zum vollen Bart des Sharifs. Das ist der türkische Gouverneur, sagte Mohammed. Keiner mag ihn. Und ich glaube, er will es so haben. Im Gegensatz zum Sharif schien der Gouverneur die versammelten Menschen zu ignorieren. Einige Schritte hinter diesen beiden hielt sich ein jüngerer Mann mit rundlichem Gesicht und weichen Gesichtszügen, deren Weiblichkeit von seinem ungleichmäßig wachsenden Bart betont wurde. Als einziger in der Gruppe schien er in sich selbst versunken, Teil der Prozession und ihr doch enthoben. Über ihn wußte Mohammed nichts zu sagen, außer daß es sich um den Kadi handelte, Protegé des wohl mächtigsten Alim in der jüngsten Vergangenheit der Stadt und daher schon in jungen Jahren zu Ehren gelangt, die das Schicksal überflügelten. Die Prozession wurde geschluckt von der dichten Menschenmenge, hinter der das Granitgestein von Arafah als karge Erinnerung an den Anlaß aufragte. Die Pilger kletterten die Flanken des Hügels hinauf. Plötzlich trat eine völlige Stille ein, das Zeichen, daß die Predigt begonnen hatte, doch ihr Gehalt drang nicht bis dort vor, wo sie standen. Sheikh Abdullah sah einen alten Mann auf einem Dromedar, der gelegentlich seine Hände zur Unterstützung seiner Worte benutzte. Die Predigt habe, so erfuhr er später, wie jedes Jahr Adam und Hauwa ins Gedächtnis gerufen, die Tränen, die Adam an diesem Ort in einem monatelang dauerndem Gebet vergossen hatte, bis ein Teich entstanden war, an dessen süßem Wasser die Vögel sich gelabt hatten. Teile der Rede wurden hervorgehoben durch die Rufe der aufrecht stehenden Pilger, durch ihre Amins und Labbayks, die zuerst einzeln, leise und bedächtig erklangen, um sich in Lautstärke und Intensität zu steigern, bis sie selbst jene mitzogen, die von der Rede weit entfernt waren. Schließlich waren alle, die Sheikh Abdullah umgaben, den Tränen nahe — Mohammed versenkte das Gesicht in ein weißes Tuch —, und viele schluchzten, obwohl keiner von ihnen ein einziges Wort verstanden hatte. Der emotionale Gehalt der Predigt war allen vertraut. Was als Strohfeuer begonnen hatte, wuchs sich zu einer Feuersbrunst aus. Je rötlicher der späte Nachmittag wurde, um so mehr verdichtete sich das Flehen der Pilger. Sie beteten um Vergebung, um Gottesfurcht, um einen leichten Tod, um eine positive Bilanz am Tag des Gerichts, um die Erfüllung ihrer Gebete im Leben. Kaum einer der vielen stand in dieser Stunde außerhalb des Gebetes.

Mit dem Sonnenuntergang erklangen die Glückwünsche … Id kum Mubarak … Id kum Mubarak . Die Hadj war mit dem Ende dieses Tages erfüllt. Die Sünden waren vergeben, die Pilger waren neugeborene Kinder, und sie durften sich von nun an Hadjis nennen. Sheikh Abdullah umarmte Saad, Mohammed und seinen Onkel. Er fühlte einen reinen Stolz, an dem er sich ohne Hintergedanken berauschte. Alle wirkten ausgelassen und schienen zu schweben. Schon zogen die ersten Pilger ab. Jeder räumte hastig zusammen, warf die notdürftig zusammengeschnürten Zelte auf die Lasttiere und schlug auf sie ein. Wir nennen es das Rennen von Arafah! Mohammed gefiel sich in der Rolle des abgeklärten Kommentators. Die Pilger rannten den Hügel hinab mit schwungvollen Schreien. Ich stehe vor dir, Gott, ich stehe vor dir. Obwohl alle in ihrer Gruppe mithalfen, waren ihre Dromedare erst nach Einbruch der Dunkelheit abmarschbereit. Alles strömte zur Straße nach Mina. Die Erde war gespickt mit zurückgelassenen Zeltpflöcken. Sheikh Abdullah sah, wie im Gedränge eine Sänfte zerdrückt wurde, wie einige Fußgänger unter die Hufe gerieten, wie ein Dromedar zusammenknickte, wie sich Pilger mit Stockhieben gegen andere Pilger wehrten, er hörte Stimmen, die nach einem Tier suchten oder nach Frau und Kind. Die Pilger drängten sich durch das Tal, das in der einfallenden Nacht enger und tiefer wirkte, sie erreichten den Hohlweg, der al-Mazumain genannt wurde, markiert von unzähligen Fackeln, die so heftig brannten, als würden sie von der Erregung der Masse genährt werden. Die Feuerfunken flogen weit über die Ebene hinweg wie irdische Sternschnuppen. Die Artillerie feuerte eine Salve nach der anderen ab, Soldaten ließen ihre Flinten feiern, und die Kapelle des Paschas spielte auf, irgendwo tief hinter ihrem Rücken. Raketen stiegen auf, von der Prozession des Sharifs abgeschossen, wie Mohammed eifrig berichtete, aber auch von begüterten Pilgern, die dem Himmel mitteilen wollten, daß sie Hadjis waren, und vielleicht war die Botschaft der Explosion zu sehen in den Orten ihrer Herkunft. Der Trab der Tiere war schnell, es gab ebenso viele Gründe für die Eile wie für das ohrenbetäubende Geschrei, mit dem die Menge durch den Paß von Mazumain nach Muzdalifa und Mina einzog. Sie mußten keine zwei Stunden reiten, bis sie ein völlig ungeordnetes Lager erreichten. Jeder ließ sich auf dem nächstbesten Fleck nieder. Es wurden keine Zelte aufgeschlagen, außer jene der Paschas, denen auch die hochragenden Lampen gehörten, die durch eine Nacht brannten, in der die Artillerie weiterfeuerte, ohne Unterbrechung, wie ein Ausgesang, der sich nicht erschöpfte. In der Verwirrung, die der Abzug vom Berg Arafah verursachte, hatten viele Pilger ihre Dromedare verloren, und während Sheikh Abdullah, eingewickelt in seinen Ihram und eine rauhe Decke, vergeblich den Schlaf suchte, hörte er ihre heiseren Stimmen umherirren.

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