Er ist ausgeruht, er hat sich erfrischt, und er hat gegessen. Es gibt keinen Grund mehr, den Besuch der Moschee des Propheten hinauszuzögern. Es ist Nacht, und nachts ist sie — laut Hamid — am schönsten. Sie bilden, kaum daß sie aus dem Haus getreten sind, eine kleine Gruppe; sie erreichen die Moschee des Propheten in einer dichten Menge. Es wird zum Nachtgebet gerufen. Das Hasten erstarrt, das Gewühl findet zu der einen, der einzigen Öffnung, durch die es in ein anderes Reich rinnen kann. Jeder Pilger nimmt Position ein, jeder sucht die rechte Haltung zu den Brüdern, die ihn umgeben. Eigentlich ist es gar nicht seine Art, freiwillig Teil einer größeren Ordnung zu sein. Nur beim Gebet, da verhält es sich anders. Schon deswegen fühlt er sich nicht als Schwindler. Kaum haben sich alle Pilger aufgereiht, die Füße in gerader Linie, weicht die gedämpfte Vielstimmigkeit einer Stille, in der die Erde innezuhalten scheint, bevor sie von der einsamen Stimme des Imams auf eine andere Umlaufbahn gestoßen wird. Aus der Ruhe schwingt sich sein Singsang hinauf und eröffnet über ihren Köpfen das Gebet. Bevor Sheikh Abdullah seine Stirn zum Boden senkt, fällt sein Blick auf die Sohlen eines Unbekannten, keine Handbreit vor ihm. Jeder verbeugt sich vor Gott, doch unmittelbar hinter den rauhen, aufgeplatzten Sohlen seiner Mitmenschen.
Im Monat von Rajab des Jahres 1273
Möge Gott uns seine Gunst und Gnade erfahren lassen
HAMID: Jeder von Ihnen hätte diesen Mann als seinen Gast empfangen. Jeder von Ihnen hätte ihm sein Haus geöffnet. Er wurde von allen geschätzt. Selbst meine Mutter, deren Urteil selten wohlwollend ausfällt, pries sein Feingefühl.
KADI: Was ist leichter, als eine Frau zu betrügen.
HAMID: Nicht in meinem Haus. Meine Mutter riecht die Lüge. Sie behauptet, sie stinke wie alte Milch. Wenn Sie mein Wort anzweifeln, ich werde Ihnen ein weiteres Beispiel geben, das wird Sie überzeugen. In Medina erfuhren wir, daß Sheikh Abdullah den rechten Glauben mit seinem Schwert verteidigt hat. In seinem eigenen Land. Bei den Gefechten hat er sogar einige Ajami getötet. Deswegen mied er den Umgang mit ihnen. Er wollte sich nicht der Gefahr der Rache aussetzen.
GOUVERNEUR: Wie haben Sie denn das erfahren?
HAMID: Alle wußten es, alle, die ihn kannten.
GOUVERNEUR: Diese Kunde konnte nur von ihm selbst stammen, oder etwa nicht?
HAMID: Sie haben recht. Keiner kannte ihn aus dem Hindustan. Aber ich selbst habe es nicht von ihm erfahren. Außerdem, er war ein bescheidener Mann, er hätte sich mit so etwas nicht gebrüstet.
SHARIF: Was also ließ Sie dieser Geschichte Glauben schenken?
HAMID: Er war ein Krieger, wenn es die Situation erforderte. Außerdem, als wir von seinen Heldentaten erfuhren, haben wir alle angeboten, an seiner Seite zu stehen, sollte er angegriffen werden, und er hat unser Angebot dankbar angenommen. Hätte er so viel Freude und Erleichterung gezeigt, wenn er nichts zu befürchten gehabt hätte? Nein! Sie haben ihn nicht gekannt. Er war ein Fels von einem Mann, und er wußte zu kämpfen. Gott sei gedankt, daß er unser Freund war.
KADI: Sie danken Gott für Ihre eigene Leichtgläubigkeit.
SHARIF: Wir sollten nicht zu rasch urteilen, wahrlich, wir sind diesem Mann nicht begegnet, und wir können nicht wissen, wie er auf seine Begleiter gewirkt hat. Vielleicht war es seine Ausstrahlung?
HAMID: Das Licht des Glaubens, ich sagte es Ihnen schon, nichts anderes.
GOUVERNEUR: Sie können davon nichts wissen, weil Sie sein Buch nicht gelesen haben, aber dieser britische Offizier, er urteilt viel und gerne, er urteilt manchmal überlegt und manchmal mit unbeherrschter Abneigung. Ich weiß nicht, ob Sie in diesen Urteilen Ihren Freund wiedererkennen würden. Er schreibt an einer Stelle, der Tag werde kommen, an dem die politische Notwendigkeit die Briten zwingen werde, die Quelle des Islam mit Gewalt zu besetzen. Uns interessiert insbesondere eine seiner Ansichten, die er in dem Kapitel über Medina vorbringt. Eine erstaunliche Ansicht, ich werde sie Ihnen vorlesen: ›Es bedarf keiner prophetischen Gabe, um den Tag vorherzusehen, an dem die Wahhabi in einem Massenaufstand das Land von seinen schwachen Eroberern befreien werden.‹ So schreibt Ihr Sheikh Abdullah. Teilen Sie mein Entsetzen darüber? Können Sie uns erklären, wie er zu dieser Schlußfolgerung gelangt ist, in den Tagen, in denen er Ihre Gastfreundschaft genossen hat?
HAMID: Ich weiß es nicht. Ich habe diese Meinung nie geäußert, und bestimmt auch keiner aus meiner Familie.
SHARIF: Was hat er denn in Medina getan?
HAMID: Was jeder Pilger zu tun hat. Alle Gebete verrichtet in der Moschee des Propheten, möge Gott ihm Frieden und Segen schenken. Die heiligen Orte aufgesucht, die Moschee von Kuba, den Friedhof von Al-Bakia, das Grab des Märtyrers Hamzah.
GOUVERNEUR: Mit wem haben Sie ihn in Verbindung gebracht?
HAMID: Mit niemand Bestimmtem. Ich bin ein angesehener Mann, es kennen mich viele in Medina, viele suchen mich auf, wenn ich von einer langen Reise zurückkehre.
GOUVERNEUR: Hatte er Gelegenheit, mit allen zu reden?
HAMID: Er war mein Gast, er saß im Empfangszimmer, er war ein einnehmender, ein schöner Mann.
GOUVERNEUR: Worüber wurde gesprochen?
HAMID: Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, es ist lange her, war der Krieg gerade ausgebrochen. Wir waren uns alle einig, daß unsere Armee die Moskowiter rasch besiegen würde. Es gab sogar Stimmen, die vorschlugen, danach gleich gegen alle Götzenanbeter vorzugehen, gegen die Engländer, die Franzosen und die Griechen.
GOUVERNEUR: Und Burton?
HAMID: Sie meinen Sheikh Abdullah?
GOUVERNEUR: Ein und derselbe.
HAMID: Ich kenne keinen Burton.
GOUVERNEUR: Dann Sheikh Abdullah, wenn Sie es so wollen!
HAMID: Er sprach vernünftig wie kein zweiter. Er sagte, daß es niemand mit unserem Glauben aufnehmen könne, aber leider hätten die Farandjah starke Waffen entwickelt, als Entschädigung für ihren schwachen Glauben, und wenn wir das Schlachtfeld siegreich verlassen wollten, müßten wir soviel wie nur möglich über diese Waffen lernen, in ihren Besitz gelangen und sie eines Tages selber herstellen. Dann — im Glauben stark und bestens ausgerüstet — wären wir unschlagbar.
KADI: Glauben Sie, Gott steht auf der Seite der besseren Waffe?
HAMID: Sie wissen besser als ich, auf wessen Seite Gott steht.
SHARIF: Auf der Seite aller Rechtschaffenen, natürlich, und wir bemühen uns, nicht wahr, wir bemühen uns. Aber sagen Sie mir, an den Tagen, die er in Ihrem Haus verbracht hat, war er öfter alleine. Ist er ausgegangen, ohne daß Sie wußten, wohin?
HAMID: Nie. Mit Sicherheit nicht. Mohammed, der Junge aus Mekka, er war immer an seiner Seite, ich habe auch ihn untergebracht, obwohl ich das Gefühl hatte, Sheikh Abdullah wäre ihn gerne losgeworden.
GOUVERNEUR: Wieso?
HAMID: Er nahm Anstoß an den schlechten Sitten dieses Kerls.
KADI: Schlechte Sitten?
HAMID: Sie wären erstaunt, was er sich alles leistete. Er war vorlaut und unbekümmert. Er vernachlässigte die Zeremonien, er erlaubte sich, ohne seine Jubbah die Moschee des Propheten zu betreten, und bei einem der Gebete hat er mich von der Seite angestoßen. Ich habe ihn natürlich ignoriert.
SHARIF: Etwas übermütig, wie er immer noch ist, es entspricht seinem Alter.
HAMID: Er bildete sich viel darauf ein, aus Mekka zu stammen.
SHARIF: Das wollen wir ihm nicht verdenken. Aber sagen Sie, was ist mit den Darlehen geschehen, die dieser Sheikh Ihnen allen so bereitwillig gewährt hat.
HAMID: Seine Großzügigkeit, davon spreche ich, seine einzigartige Großzügigkeit. Beim Abschied, der uns Messer in die Brust trieb, erklärte er, daß er uns allen die Schulden erlasse, um unsere Freundschaft noch einmal zu ehren und damit wir im Guten an ihn denken.
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