Ilija Trojanow - Der Weltensammler
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- Название:Der Weltensammler
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- Издательство:DTV
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- Год:2007
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Der Tag erwacht über einem zusammengekauerten Haufen Menschheit. Er richtet sich auf; sie haben sich abwechselnd ausgestreckt, ihm sind die späten Stunden zugefallen. Zum ersten Mal fragt er sich, ob er nicht einen Fehler begangen habe. Eine unbequeme schlaflose Nacht bringt Zweifel mit sich. Mohammed, neben ihm, hält seine Knie umklammert, sein Kopf liegt auf der Brust, seine Augen befreit von jeglicher Überheblichkeit. Seit gestern ist er ihm ein wenig ans Herz gewachsen. Hamid liegt an der hölzernen Schiffsreling. Sheikh Abdullah begreift nicht, wie er es geschafft hat, im Laufe der Nacht dorthin zu kriechen, trotz der vielen, die im Wege liegen. Er leidet, offensichtlich, an einem verdorbenen Magen; er lehnt sich immer wieder über die Reling. Es sind nur einzelne, die dem Morgengebet treu bleiben. Allen anderen ist es Mühsal genug, den Kopf zu heben und mißtrauisch dem Tag ins Gesicht zu sehen, das voller böser Vorahnung ist.
Zu Mittag ist die Sonne sengend, die Matrosen geben ihre Positionen auf und flüchten sich in die schmalen Schatten der Masten. Der Wind, wenn er aufkommt, wirft ihnen das Glühen der Küstenfelsen entgegen. Alle Farbe schmilzt dahin, vererbt dem Himmel ein Leichentuch, und das Meer spiegelt eine glatte Ermattung wider. Der Horizont scheint der Strich zu sein, unter dem Bilanz gezogen wird. Die Kinder haben keine Kraft mehr zu schreien. Neben Sheikh Abdullah, auf dem Achterdeck, ein türkischer Säugling, der still in den Armen seiner Mutter liegt, sich seit Stunden nicht bewegt hat. Er bespricht sich mit den anderen. Sie können das Kleine nicht vor ihren Augen verenden lassen. Ein syrischer Pilger holt eine Scheibe Brot heraus, die er in seinen Teebecher tunkt. Die Mutter schiebt das durchtränkte Stückchen ihrem Kind in den Mund. Hamid reicht ihr einige getrocknete Früchte, und Omar bietet ihr einen Granatapfel an, den er schält und aufbricht. Die Mutter öffnet den Mund ihres Kleinen, Omar lehnt sich vor und drückt die Frucht aus. Einzelne Tropfen fallen hinab auf die zuckende Zunge, dann ein roter Strahl, es ist zuviel, es rinnt dem Säugling aus dem Mundwinkel und über das Kinn. Wenig später lächelt der Kleine zum ersten Mal, mit einem blutroten Mund, und Sheikh Abdullah findet Trost in der Zärtlichkeit, die sich auf dem Gesicht von Omar widerspiegelt.
Wie viele solcher Tage und Nächte werden sie überleben können? Die Pilger, die sich noch aufrichten können, überzeugen den Kapitän, am Abend nahe der Küste zu ankern, so daß sie am Strand nächtigen können. Als Sheikh Abdullah zum Strand watet, tritt er auf etwas Scharfes, er verspürt einen stechenden Schmerz in seinem Zeh. Er setzt sich hin, das Licht ist eine einzige Liebeserklärung, er untersucht die Wunde und zieht einen Splitter heraus. Vielleicht ist er auf einen Seeigel getreten. Er gräbt sich eine Wanne in den weichen Sand. Das Schiff, das vor seinen Augen ankert, ist überwunden, zumindest für eine Nacht.
Im Monat von Jumada’l-Ula des Jahres 1273
Möge Gott uns seine Gunst und Gnade erfahren lassen
GOUVERNEUR: Wir haben Fortschritte erzielt.
KADI: Beachtliche. Soll ich zusammenfassen: Sheikh Abdullah ist ohne Zweifel der britische Offizier Richard Burton, ein gelehrter Mann, vielleicht ein Moslem, vielleicht ein Shia, vielleicht ein Sufi, vielleicht aber auch nur ein Lügner, der sich als dieses und jenes ausgab, um die Hadj zu unternehmen, mit welcher Absicht auch immer. Gewiß, wir wissen mehr als zu Beginn, aber was ist dieses Wissen wert?
GOUVERNEUR: Sagen Sie mir, die Frage hat mich von Anfang an beschäftigt: Halten Sie es für möglich, daß ein Mensch monatelang vortäuschen kann, ein Gläubiger zu sein?
KADI: Der Rubin und die Koralle haben die gleiche Farbe. Eine Kette, auf der sie gemischt sind, besteht scheinbar gänzlich aus Edelsteinen.
GOUVERNEUR: Es gibt bestimmt eine Möglichkeit, sie zu unterscheiden.
KADI: An der Tönung könnte ich sie auseinanderhalten. Dazu müßte ich sie freilich genau betrachten, aus nächster Nähe.
GOUVERNEUR: Mit einer Lupe?
KADI: Am besten mit einer Lupe.
SHARIF: Der Christ ist die Koralle?
KADI: Nein, der Nichtgläubige.
SHARIF: Das meine ich.
KADI: Ein großer Unterschied. Ich denke, dieser Mann steht außerhalb des Glaubens. Nicht nur unseres Glaubens. Das erlaubt ihm, hinzugehen, wohin sein Wille ihn treibt. Ohne Gewissensbisse. Er kann sich an dem Glauben anderer bedienen, er kann annehmen und verwerfen, auflesen und weglegen, wie es ihm beliebt, als wäre er auf einem Marktplatz. Als wären die Mauern, die uns umgeben, weggefallen, als stünden wir draußen auf einer endlosen Ebene und hätten Sicht in alle Richtungen. Und weil er an alles und an nichts glaubt, kann er sich, zumindest dem Äußeren nach, nicht aber in der Festigkeit, in jeden Edelstein verwandeln.
GOUVERNEUR: Das hört sich fast an, als würden Sie ihn beneiden?
Die Zeit des Schachers. Um jedes Dromedar herum Männer. Flache, ausgestreckte Hände. Die Schatten zusammengedrückt, als müßten sie in den Truhen Platz finden. Gespannte Seile. Sie sind angekommen im Heiligen Land. Gestalten in Weiß und Gestalten in Schwarz. Aufgerichtet, auf Fersen gehockt. Sie schlürfen Tee, zwischen den Abdrücken im Sand von Hufen und Geduld. Der unmarkierte Eingang zur Wüste. Sein geschwollener Zeh, ein hinderlicher Schmerz, den er ignorieren muß. Ein Junge, der ihm Süßigkeiten anbietet. Mohammed, der seine Nützlichkeit beweist. Seit dem Sonnenaufgang verharren sie im achtsamen Nichtstun. Tauschen Nachrichten aus. Reden und reden. Das Geschäft, das sich anbahnt, kommt am Rande zur Sprache. Wie unbeabsichtigt. Erwartungen werden abgesteckt, erste Vorschläge auf den Sand gelegt. Der Junge, der seine braunen, verkrusteten Süßigkeiten erneut anbietet. Sie einigen sich auf drei Dromedare, auf einen deftigen Preis. Die Tiertreiber sind allesamt Diebe und Räuber, flüstert Mohammed ihm zu. Das Dromedar befolgt nur ihren Befehl, und sie erkennen keine anderen Herren an. Wieder der Junge mit den Süßigkeiten. Er kauft ihm drei Stück ab und bezahlt mit großzügiger Münze. Der Junge grinst, als wolle er sagen: Ich habe gewußt, daß du schließlich nachgeben wirst. Der Zeitpunkt des Aufbruchs wird vereinbart und der Abschied in eine respektvolle Länge gezogen. Tags darauf sind sie wieder unterwegs.
Es erregte Aufmerksamkeit, wenn er etwas zu Papier brachte. Wenn er Argwohn vermeiden wollte, durfte er sich nicht mit einem Stift in der Hand überraschen lassen. Er mußte sich zurückziehen zum Schreiben. In Kairo ein leichtes, auf der Reise jedoch gab es selten Möglichkeit zum Rückzug. In Gegenwart anderer zu schreiben, der Beduinen insbesondere, war nur ratsam, wenn er vorgab, ein Horoskop oder eine Zauberformel zu formulieren, Fähigkeiten, die von einem Derwisch erwartet wurden.
Anfänglich hatte er seine Notizen, die unverfänglichen wie auch die geheimen, zwar auf englisch, aber in arabischer Schrift verfaßt. Bevor er seine Eindrücke in das Notizbuch übertrug, vergewisserte er sich zunächst, daß ihn niemand beobachtete. Mit der Zeit, seines Ansehens sicher und im Gefühl, über jeden Verdacht erhaben zu sein, begann er, diese Vorsichtsmaßnahme zu mißachten. Die Schrift nahm lateinische Form an, und manchmal notierte er etwas bei Tageslicht, unauffällig auf dem Rücken des Dromedars, einen Papierstreifen in seiner Handfläche versteckt. Was schreiben Sie auf, Sheikh, mitten in der Wüste? Hamid hatte heimlich sein Dromedar von hinten herangetrieben. Ach, mein Freund, ich halte eine weitere Schuld fest. Damit wir am Tag der Rückzahlung nicht in Verlegenheit geraten. Ein Mann wie Sie, sagte Hamid, bevor er sich wieder entfernte, findet für alles seinen eigenen Nutzen.
Auf Reisen wie dieser war jeder oft allein mit sich selbst und mit seinem Dromedar, diesem mürrischen, widerspenstigen Tier, dessen einzige freundliche Geste aus einem gelegentlichen Furz bestand. Sheikh Abdullah feindete sich umgehend mit seinem Dromedar an, das seinem Ruf als geduldigem Wesen widersprach. Es war bösartig, unbeherrschbar, manchmal sogar gefährlich. Es mißtraute allem Unbekannten, und die Laute, die es von sich gab, ob das schnaubende Stöhnen oder das teils wehleidige, teils verdrießliche Blöken, waren unerträglich. Es beschwerte sich über jedes Kilo, das ihm aufgeladen wurde. Am ersten Abend richtete Sheikh Abdullah einige abfällige Bemerkungen über das Reittier an den Tiertreiber. Sie können doch gut mit Menschen umgehen, Sheikh, antwortete ihm dieser, Dromedare sind nicht anders als Menschen. Wenn sie jung sind, wissen sie nicht, wie sie sich zu benehmen haben. Als Erwachsene sind sie gewalttätig und unkontrollierbar, in der Brunftzeit, da wittert das Männchen ein williges Weibchen aus zehn Kilometer Entfernung, da wird es bockig, seine Zunge bibbert. Und mit dem Alter werden sie zänkisch, rachsüchtig und verdrossen.
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