Ilija Trojanow - Der Weltensammler

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Der Weltensammler: краткое содержание, описание и аннотация

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Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.

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Auf den ersten Meilen kann er an nichts anderes denken als an mögliche Versäumnisse. Haben sie genug Tauschmittel mitgenommen? Sollten ihnen Perlen und Stoff ausgehen, wie würden sie sich dann Nahrung verschaffen? Sein Blick verharrt auf den Rollen, die auf den Köpfen der Träger balancieren, Rollen von Merikani — ungebleichter Baumwollstoff aus Amerika —, Rollen von Kaniki — indigogefärbter Stoff aus Indien. Sie müssen ausreichen, sonst würden sie verhungern. Dort, wo die kurze Allee in die Unförmigkeit des Busches biegt, ist das Meer schon Vergangenheit. Sie werden verschluckt von Gräsern, die ihnen bis zur Schulter reichen. Sie folgen einem Fluß, den sie selten sehen können. Der Boden ist fest, der Busch reicht endlos in die Ferne. Die Einheimischen meiden offenkundig die Karawanen. Sie kommen an einer verfallenen Hütte vorbei, an einem ersten Dorf, in dem kleine Fische vor den Hütten getrocknet werden und frisch geerntete Früchte aufgehäuft sind. Außerhalb des Dorfes verschlingt sie der ursprüngliche Raum wieder, diese unförmige Einschüchterung, die einem leicht Angst einjagen könnte. Sie werden sich täglich darin behaupten müssen, denkt Burton, eine Herausforderung, vor der keiner sie gewarnt hat.

Nicht einmal Tulsi, Warnschreier par excellence, einer jener servilen Inder, die vorgaben, ihnen von Hilfe zu sein, während sie die Kasse der Expedition über Gebühr belasteten und im Gegenzug Hiobsbotschaften verteilten, so als wären diese eine wirksame Prophylaxe gegen die Schrecken des Landesinneren. Am Vorabend, in seinem Haus in Bagamoyo, hatte Tulsi zu den süßen Gulab Jamun klebrige Ammenmärchen serviert, von Wilden, die auf Bäumen sitzen und giftige Pfeile in den Himmel schießen, mit solchem Geschick, daß die Pfeile beim Hinabfallen das Hirn der Reisenden durchbohren, bis zum Hals. Die Ahnungslosen sterben mit geschlossenem Mund. Und wie sollten sie sich dagegen schützen, fragte Burton. Meidet die Bäume! Im Wald? Sollen wir auch den Himmel meiden? Tulsi erhielt redegewandte Unterstützung von Ladha Damha, einem weiteren Inder, der im Auftrag des Sultans Zölle erhebt. Einige der Häuptlinge hätten geschworen, keine Weißen in ihrem Reich zu dulden. Tötet die erste Heuschrecke, habe ihnen ein Seher geraten, wenn ihr die Plage vermeiden wollt. Und damit fing die Aufzählung der Gefahren erst an: Ein Nashorn, das in Rage gerät, kann hundert Männer töten. Eine Armee von Elefanten kann das nächtliche Lager überfallen. Nach dem Biß mancher Skorpione bleibt einem kaum noch Zeit, Gott anzurufen. Sie würden wochenlang ohne Nahrungsmittel auskommen müssen.

Die Inder waren sich sicher, daß die beiden Briten nicht einmal die halbe Strecke schaffen würden. Sie hatten sich offen darüber in seiner Gegenwart unterhalten, sie wähnten sich unverstanden in ihrem Dialekt des Gujarati. Ladha Damha fragte: Werden sie den See von Ujiji jemals erreichen? Und sein Buchhalter antwortete, nachdem er seinen Rotz hochgezogen hatte: Natürlich nicht! Wer sind die denn, daß sie glauben, das Land der Ugogo lebend durchqueren zu können! Ihr Gujus, sagte Burton zum Abschied in dem gepflegten Gujarati, das Upanitsche ihm beigebracht hatte, haltet euch für sehr gerissen. Ich werde das Land der Ugogo durchqueren, ich werde den großen See erreichen, und ich werde zurückkommen, und dann werde ich hier noch einmal halten.

Er läßt sich zurückfallen. Er kann es sich erlauben, nun, da jeder zu wissen scheint, welche Position er beim Marsch einzunehmen hat. Er verlangsamt seinen Schritt, bis er den letzten Träger noch hören, aber nicht mehr sehen kann. Hundertundzwanzig Mann, unter seinem Befehl. Diese Expedition muß einfach gelingen. Um so weit zu gelangen, daß er nur noch die Hand ausstrecken muß nach dem Ruhm, der ihm gebührt, hat er Befehle mißachtet, Befehle seiner Vorgesetzten in der Ostindischen Gesellschaft, er hat sich schwer verschuldet, und er hat das Risiko eines unsicheren Kantonisten als Reisegefährten auf sich genommen. Der Konsul hatte nicht so unrecht, die Zeichen hätten im Vorfeld der Reise besser stehen können. Ein Freund, ein hervorragender Arzt, der ihn begleiten sollte, war unpäßlich geworden; Sultan Sayyid Said, ein verläßlicher Verbündeter, war kurz vor ihrer Ankunft in Sansibar gestorben; und der Konsul, der sich als so hilfsbereit wie kein zweiter erweist, liegt in der Todesschaukel. Im Falle eines Scheiterns — er darf nicht daran denken, wenn man ansonsten keine Angst kennt, muß man auch die Angst vor dem Scheitern unterdrücken — wartet das Regiment in Indien auf ihn. Dorthin zurück? Nein, niemals.

Sie überqueren zügig ein sattes Buschland, aber dieses Tempo werden sie nicht halten können. Die Beine werden erlahmen, die Landschaft wird sich ihnen in den Weg stellen. Sie werden stolpern, ausrutschen, einsinken, durch Schlamm waten. Ihre Füße werden sich in Schlingen verfangen. Noch eine Stunde vielleicht, dann wird das Signal zum Halt ertönen. Er beschleunigt seinen Schritt.

Said bin Salim hat das Lager für die erste Nacht gut ausgesucht. Eingekerbte Baumstämme, verkohlte Äste, eine erweiterte Lichtung — es haben vor ihnen schon andere hier übernachtet. Als sie alles ausgepackt und das Inventar der Expedition noch einmal überprüft haben, stellen sie fest, daß sie einen der Kompasse in Bagamoyo zurückgelassen haben. Nur Burton weiß, wo er den Kompaß finden kann. Er muß den ganzen Weg zurückgehen. Zu seiner Überraschung bietet Sidi Mubarak Bombay von sich aus an, ihn zu begleiten. Obwohl es sich um einen Marsch von etwa sechs Meilen handelt. Bombay — so nennt er ihn in seinen Gedanken, so spricht er ihn an — ist kein Unbekannter, sie haben sich schon einige Male unterhalten, aber jetzt, auf diesem Gewaltmarsch, der ihr Tagespensum verdreifachen wird, sind sie zum ersten Mal für längere Zeit unter sich. Ein Gespräch unter vier Augen, denkt Burton, was für eine Rarität im Orient. Die erste halbe Stunde laufen sie schweigend nebeneinander, Burton mit langen Schritten, Bombay in einer höheren Frequenz. Er bedaure, eröffnet Burton das Gespräch, daß er Kisuaheli nicht ausreichend beherrsche, um sich in der Sprache von Sidi Mubarak Bombay unterhalten zu können. Es ist nicht meine Sprache, sagt Bombay, meine Sprache ist verlorengegangen. Bombay schmunzelt freundlich. Wenn seine Gesichtszüge sich in Bewegung setzen, egal in welche Richtung, verlassen sie den Hafen der Häßlichkeit. Es ist, als würde Bombay mit jedem Lächeln sein Gesicht reparieren. Abgesehen von seinem Gebiß — die Zähne sind zur ewigen Fäulnis verdammt. Er ist ein untersetzter Mann, ein ungewöhnlicher Kerl, unter diesen Leuten. Einer, dem die müßiggängerische Natur irgendwo auf einer seiner Reisen durch die Fremde abhanden gekommen ist. Natürlich, Sklaverei ist eine unschöne Sache, eigentlich untragbar, aber ohne sie wäre Sidi Mubarak Bombay einer dieser dumpfen Gestalten geblieben, die am Wegrand hocken und sich gerade einmal einen müden Gruß abringen.

SIDI MUBARAK BOMBAY

Es gibt Fragen, die drängen sich vor, Fragen, die ihre Neugier mit sich schleppen wie Feuerholz. Woher kommt ihr? Das war leicht zu beantworten. Aus Sansibar, von der Küste, aus Bagamoyo. Aber auf Fragen folgen immer wieder weitere Fragen, das ist ein Pfad, der kein Ende findet, und schon auf die zweite Frage wußten Bwana Burton und Bwana Speke keine rechte Antwort: Wohin geht ihr? Im Schatten jedes Mbuyu und jedes Mtumbwi und jedes Myombo begegnete uns diese Frage, sie flatterte auf wie ein Vogelschwarm, der erschreckt worden ist, sie folgte dem Gruß so selbstverständlich wie die nächste Welle, so sicher wie der Kazi auf den Kazkazi. Es gibt Fragen, die sind wie kläffende Hunde, und es gibt Fragen, die sind wie eine Dornenspitze, die sich in die Haut bohrt und sich nicht herausziehen läßt, Fragen, die einem keine Ruhe lassen.

— Fragen der Frauen an ihre Männer.

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