Ilija Trojanow - Der Weltensammler
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- Название:Der Weltensammler
- Автор:
- Издательство:DTV
- Жанр:
- Год:2007
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— Oh, das hieße, sie haben das ganze Land durchquert, wenn Bwana Stanley oder Bwana Cameron das wüßten, diese Nachricht würde mehrere Töpfe ihres Stolzes vergiften. Sie könnten sich nicht mehr damit brüsten, als erste das Land von Osten nach Westen durchquert zu haben, sie müßten lernen, Fußstapfen in anderen Fußstapfen zu sein, sie müßten die Vorstellung ertragen, Nachzügler zu sein. Für sie war jedes Dorf, jeder Fluß, jeder See, jeder Wald wie eine Jungfrau, und sie hatten Begierden von Riesen, die nur zufriedenzustellen waren, wenn sie sich all dieser Jungfrauen bemächtigen konnten. Um diese Gelüste zu befriedigen, nahmen sie alles auf sich, sie erlitten die Kälte, sie erlitten das Fieber, sie erlitten die Bisse und Stiche von Zecken und Mücken und Fliegen, Stiche, die Schwellungen verursachten, die über Nacht wuchsen, bis sie so juckten, daß wir glaubten, wahnsinnig zu werden. Und alles, was die Wazungu erlitten, mußten auch wir erleiden. Das war die schreckliche Erkenntnis, die sich mir aufdrängte, meine Freunde, bald nachdem wir aufgebrochen waren. Wir waren Gefangene einer Karawane, die dem Wahn zweier Wazungu ausgeliefert war, dem Wahn, durch die Hölle zu marschieren, um an ein Ziel zu gelangen, von dem keiner genau wußte, wo es war, wie es war, was es war. Und für uns gab es keine Aussicht auf Erlösung, nur einen Sold, einen kleinen Sold, der zur Hälfte schon bezahlt war und den jene, die in Sansibar Familie hatten, bei ihren Kindern und Frauen zurückgelassen hatten. Mit jedem Stich der stacheligen Kugeln des Akazienbaums wurde mir klarer, auf was ich mich eingelassen hatte. Und für mich gab es keinen Weg zurück. Die Träger, sie konnten versuchen wegzulaufen, weil sie den Weg nach Hause kannten, weil wir ihrem Zuhause entgegengingen, weil keiner in ihrem Dorf sie später zur Rechenschaft ziehen würde, aber ich, selbst wenn ich es alleine durch die Wälder und die Steppen bis zur Küste zurück schaffen sollte, wenn ich auf dieser einsamen Reise nicht verenden, nicht von einem wilden Tier gerissen und nicht in die Fänge der Sklavenhändler geraten würde, ich könnte mein Gesicht nicht mehr hier in Sansibar zeigen, ich war von dem Sultan selbst dazu auserkoren worden, diese Wazungu zu begleiten und ihnen zur Seite zu stehen, bis zu ihrer Rückkehr oder bis zum Ende. Ich mußte weitergehen, ich mußte die Stiche weiter ertragen, für mich gab es nur einen Ausweg, den Weg durch die Hölle.
— Spuckst du wieder große Töne, du alter Schwadroneur. Trägst du wieder mal dick auf?
— Was hast du schon gehört, Frau?
— Wenn du irgendwann in deinem Leben auf etwas anderes achten würdest, als auf deine eigenen Geschichten, dann würde dir auffallen, wie du und deine Freunde die Gasse verstopfen.
— Die Fensterläden knacken unter deinen Tiraden. Wovon sprichst du?
— Es kleben so viele Zuhörer an deinen Lügengeschichten, kein anderer kann mehr durch die Gasse kommen. Da ist eine Wagenfuhre, wenn du dich mal aufrichtest, siehst du sie, der arme Mann wartet schon ewig auf das Ende deines Geschwafels.
Abwechslung, immer wenn sie sich einem Dorf nähern. Die Musketen werden in die Luft gefeuert, selbst der erschöpfteste Träger reißt sich zusammen und reiht sich ein in den Stolz der Karawane, die beäugt wird von den Kindern und den Frauen — mit Sicherheit sind im Hintergrund auch die Augen der Männer auf sie gerichtet. Bei diesen Einmärschen hat Burton das Gefühl, alle Beteiligten führen eine szenische Inszenierung auf, ein dramatisches Gehabe, das ihnen vergeht, sobald sie dem Dorf den Rücken kehren: die Schultern sinken, die Füße schlurfen, die Stimmung schleift über den Boden.
Entschädigung gibt es abends am Lagerfeuer. Manchmal kann er sein eigenes Wort im Gespräch mit Speke nicht verstehen unter dem Lärm der Lieder und des Gelächters. Trommeln werden geschlagen, Glocken erklingen und altes Eisen klappert. Einer der Belutschen, Ubaid, holt eine Sarangi hervor und versammelt alle Halunken des Lagers um sein kräftiges Gekratze herum, so als würde er die Schuppen eines riesigen Fisches abschaben. Hulluk, der Narr der Karawane, übernimmt die Rolle eines Nautsch-Mädchens und tanzt mit vortrefflicher Liederlichkeit. Nach einer großzügigen Gabe an Verrenkungen und Grimassen scheint er entschlossen, mehr zu wagen, seiner Figur mehr Tiefe zu verleihen. Er stellt sich auf den Kopf und beginnt mit seinen Hüften zu wackeln, zu zucken, die Fersen wölben sich von den dürren Knochen wie Fladenbrote, denen zuviel Hefe beigemischt worden ist. Dann verschränkt er, immer noch kopfüber, die Beine im Schneidersitz, und in dieser Position imitiert er den Ruf eines Hundes, der hungrig, einer Katze, die traurig, eines Affen, der dreist, eines Kamels, das bockig ist, und die Rufe eines Sklavenmädchens, das alle Männer des Lagers in dieser Nacht mit lustvollen Versprechen zu sich lockt. Schließlich rollt sich Hulluk in einer unvermittelten und erstaunlich flüssigen Bewegung über den Boden, bis er gekrümmt wie die Verlegenheit vor Burton zu sitzen kommt und auch diesen nachahmt, mit bellender Befehlsgewalt, so unnachgiebig ausdauernd, bis er einen Dollar erhält für seine unverschämte Mühe, den Burton gerne gibt, weil das Lager im gemeinsamen Lachen den Tagesmarsch vergessen hat. Als der Narr allerdings eine weitere Münze fordert, erhält er einen Tritt — er rauscht davon, mit einer Stimme, die so übertrieben von den Enttäuschungen der Liebe piepst, daß alle Lacher ihr hinterhereilen wie herrenlose Köter.
SIDI MUBARAK BOMBAY
Es waren anstrengende Tage, meine Brüder, hinterhältige Tage, als wir die Wunden unserer heutigen Narben erhielten, Tage, die uns in noch qualvollere Nächte zogen. Die Luft stand, die Moskitos schwirrten, die Kälte befingerte uns mit rauhen Händen, ein Räuber, der sein Opfer immer wieder filzt. Es war, als wollte die Nacht uns all dessen berauben, was in uns war. Einmal trieben uns Heerscharen von schwarzen Ameisen aus den Zelten, sie bissen zwischen unsere Finger und zwischen unsere Zehen, sie bissen in jede weiche Stelle unserer Körper. Die Maulesel, die noch dünnhäutiger sind als Baba Ali, sie schrien und schrien, bis sie wahnsinnig wurden, und jeder von uns glaubte, der nächste Biß werde auch ihn in den Wahnsinn treiben. Der Jemadar, der ansonsten herumstolzierte, als sei er der kleine Bruder der Wazungu, schlich durch das Lager wie ein Vorfahre, der in Vergessenheit geraten war. Nicht nur er, alle waren kopflos, die Belutschen und die Träger. Es wurde geflüstert am Feuer, es wurde beraten, und die Lösung, die aus diesem Flüstern herauskroch, sie lautete: Flucht. Ich schwieg und wandte meine Ohren ab, denn ich wollte mich daran nicht beteiligen, und ich wollte Bwana Burton nicht anlügen. Als wir endlich Schlaf fanden, ein Schlaf, der so schmeckte wie kalter Tschai ohne Zucker, wußten wir, was uns erwartete: Der nächste Morgen würde aufgehen in neuer Verzweiflung, in neuer Einsamkeit.
— Einsam wie eine Witwe.
— Wie eine Witwe, deren zweiter Mann soeben gestorben ist, und die beschlossen hat, nie wieder zu heiraten.
— Baba Ilias, welche Erleuchtung ist in dich gefahren? Ein Bild von dir, das ich mir tatsächlich vorstellen kann.
— Es ist nicht von mir, es ist von einem Somali-Freund.
— Dann rufe bitte künftig die Weisheiten deiner Freunde herbei, anstatt dich auf deine eigenen zu verlassen.
— Wie ist das möglich, Baba Sidi? Habt ihr die ganze Zeit gelitten? Kenne ich dich so schlecht? Ich kann mir nicht vorstellen, du hättest nicht auch dein Vergnügen gehabt?
— Natürlich, du hast recht. Die Leiden des Tages und der Nacht, wir hätten sie nicht überstanden ohne die Freuden des Abends. Ich spreche nicht von dem Essen, oh nein, das Essen war am Anfang ausreichend, nicht mehr als ausreichend, und wer so viel läuft und so viel schleppt wie wir, der ißt viel und rümpft nicht die Nase über das, was in seinem Blechteller liegt, nein, ich denke an die Zeit nach dem Essen, als wir all das Glück nachholten, das uns unter der Sonne versagt geblieben war. Wir tanzten und wir sangen, und als wir merkten, wie gering Bwana Burton und Bwana Speke unsere Tänze und Gesänge schätzten, begannen wir, über sie zu spotten. Einer der Träger war ein Mann mit krummen Beinen, die er beim Tanzen in alle Richtungen schüttelte, wir lachten über seine ungelenke Gelenkigkeit und über seinen schiefen Gesang, der etwa so ging:
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