Ilija Trojanow - Der Weltensammler

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Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.

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Ich bin der Frij, ich bin der Frij,

mein Bruder Spek, mein Bruder Spek,

ist hin und weg, ist hin und weg,

wir spenden ihm ’ne fette Kuh,

damit er findet seine Ruh’.

Und am Ende des Liedes riefen wir alle inbrünstig aus: Amiiiiiin! Als hätten wir ein Gebet vernommen, das alle Dschinns besiegt. Als er unseren Gesang hörte, und natürlich nicht verstand, dachte Bwana Speke wohl, es handele sich um ein Loblied zu seinen Ehren, denn er richtete sich vor seinem Zelt auf, kam zu uns ans Feuer und sang uns eines seiner Lieder, ein Lied, das sich auf den Schultern eines Trauernden aufrichtete, ein Lied, das gut zu einer Beerdigung gepaßt hätte. Aber er sang aus vollem Hals und aus vollem Herzen, und am Ende seines Liedes zeigten wir laut unsere Begeisterung, worauf er einige Tanzschritte vorführte, die er leider bald unterbrach, wahrscheinlich weil er unser Lachen hörte. Ja, meine Brüder, das hat uns Stärke gegeben, als wir erfahren durften, wie lächerlich die Wazungu sein können.

Sie dringen ein in den Regenwald. Danach ist nichts mehr wie zuvor. Der Horizont, geschluckt. Der Pfad ist vergittert von Lianen, jede einzelne dick wie ein Tau. Die ausladenden Kronen haben sich zu einem dunkelgrünen Dach verflochten, gestützt von grauen Pfeilern, wie in einem heiligen Hain, zu dem nur die schattige Seite der Geräusche durchdringt. Die schwarze glitschige Erde unter dem dichten Gestrüpp schluckt jeden ihrer Schritte. An sumpfigen Stellen können sie sich nur auf Baumwurzeln verlassen. Die Grasbüschel sind so scharf wie frisch geschliffene Klingen, die Bäume von Epiphyten befallen, reptilienhaften Schmarotzern, die an den Wipfeln zu falschen Vogelnestern ausästen. Der Pfad wird von Kriechern und Kletterern erdrosselt. Wer den Weg tötet, murmeln die Träger, tötet auch den Wanderer. Und es stinkt, als läge hinter jedem Baum die Leiche eines Unglücklichen. Die Packen fallen von den Eseln, die Belutschen verfluchen das Unglück und überlassen das Aufladen den anderen. Wenn sie vom Himmel mehr sehen als Fetzen eines verschmutzten Leichentuches, ist er dicht und grau und niedrig, wie Rauch, der nicht abziehen kann. Die Luft überzieht ihre Haut mit einem Miasma, ein Schmutzfilm, der sich nicht abwaschen läßt, auch wenn sie Wasser fänden und sich eifrig abschrubben würden.

Sie wußten von Anfang an, es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten Krankheiten einnisten würden. Aber sie hatten nicht vorhergesehen, daß die Malaria sie beide gleichzeitig überwältigen würde. Sie machen halt knapp hinter der Baumgrenze, wo sich erste Lichtungen zur Steppe ausdehnen. Burton liegt auf dem Boden, unfähig, sich zu bewegen, und er spürt im Inneren ein anderes, ein feindselig gesinntes Wesen, das seine Pläne durchkreuzen will. Irgendwann schreit er: Bevor ich weitermache, will ich wissen, um was es geht. Ihr könnt mich nicht zu diesem endlosen Kampf zwingen, ohne etwas in Aussicht zu stellen. Jene, die ihm antworten, ohne ihm eine richtige Antwort zu geben, die Köpfe, die aus Brüsten wachsen, die mit behaarten Zungen nach ihm lecken, runzlige Weiber, die ihn auspeitschen, und er schreit, sie hätten ihn verwechselt, und sie grinsen hämisch und krächzen ein Lied, das er nicht versteht, zuerst, dann erfaßt er Bruchstücke, die Wörter stürzen herab wie Schmetterlinge ohne Flügel, und er versucht, sie mit einem Netz einzufangen, das aus seinen Händen wächst, und wenn er alle flüchtigen Wörter eingefangen hat, muß er lange in das Netz starren, bis er sie zu einem Sinn zusammenstecken kann: Es gibt kein schöneres Entzücken, es gibt kein größeres Glück als das Krachen der Knochen, die wir brechen, von morgens früh bis spät am Tag. Er blickt auf, die Hexen nicken verzückt, du hast uns verstanden und jetzt gib uns deine Glieder. Wir werden Löcher in sie bohren, wir spucken in sie hinein, du bist so schön behaart, jedes Härchen werden wir dir ausreißen. Gib uns deine Glieder, wir versprechen dir vollendeten Schmerz.

Er wacht auf. Er hat das Gefühl, alles ausgeschwitzt zu haben, was er je getrunken hat. Seine Zunge ist wie eine Raupe, eingesponnen in Bitterkeit. Seine Beine gehorchen ihm nur widerwillig. Er streckt sie wieder aus. Er ruft nach Bombay, der ihm Wasser bringt. Er erkundigt sich nach Speke. Der sei schon aufgestanden.

Burton schleppt sich zum Zelteingang und blickt hinaus. Der Himmel ist verhangen. Er hat das Gefühl, als sei ihm eine gewaltige Schuld erlassen worden. Speke ist in der Nähe. Es ist tröstlich, ihn zu sehen. Er grüßt ihn. Die Wörter rinnen ihm zäh aus dem Mund. Spekes Gesicht ist so straff, als sei seine Haut zum Trocknen auf eine Trommel gespannt worden. Er kommt ans Zelt, beugt sich zu Burton hinab. Wir haben die erste Attacke zurückgeschlagen, sagt er. Dann streckt er seine Hand aus und berührt sanft Burtons Wange. Es wirkt ungelenk, aber es ist ein Zeichen der Verbundenheit. Burton schöpft Hoffnung. Ich werde mich ein wenig ausruhen, sagt er. Dann können wir weiter. Wir sehen uns. Und er kriecht in sein Zelt zurück.

Speke, mein verwirrendes Rätsel Speke, denkt er in der zerbrechlichen Stille, die dem Fieber folgt. Er darf ihn nicht ungerecht beurteilen, weil er so schwer einzuschätzen ist. Er hat sich bislang bewährt. Er erledigt seine Aufgaben zuverlässig; er beschwert sich nie über die Härten des Reisens — wenn es einen spartanischen und einen athenischen Grundtypus von Menschen gibt, dann ist Speke eindeutig der spartanischen Seite zuzurechnen. In sich gekehrt, ruhig und ausgeglichen. Er ist zwar selten gutgelaunt, aber auch nie mißmutig, nie verdrießlich. Gewiß, es gibt manches an ihm, was ihn ärgert. Von Anfang an hat ihn das grenzenlose Desinteresse gestört, das Speke seiner Umwelt gegenüber an den Tag legt. Alle Landschaften, die sie bislang durchschritten haben, fand er fad, die Menschen uninteressant — das einzige, was Leidenschaft in ihm weckt, sind die wilden Tiere, die er erlegen kann. Als könne er sich dem Leben nur nähern, indem er sich seiner bemächtigt.

Burton war vorgewarnt: Kurz nachdem sie sich kennenlernten, als Speke von einem Ausflug ins Landesinnere an die Küste Somalias zurückkehrte, trugen seine Träger so schwer, als sollten sie eine weitere Arche Noah beladen. Eine Reprise unter umgekehrten Vorzeichen, denn von jedem Tier gab es ein einziges prächtiges Exemplar, und dieses war nicht nur tot, sondern auch schon aufgebrochen und ausgeweidet. Ich bin ein Jäger, hatte Speke erklärt, als er an Bord kam, und ein Sammler. Deswegen gefällt es mir in diesen Breiten so gut.

Leider hat sich dieses Gefallen rasch abgenutzt. Es ist kein gutes Zeichen, daß ihm schon nach wenigen Wochen langweilig ist. Wie wird es erst in einigen Monaten sein? Speke hat ihn angelächelt, er hat ihn tatsächlich angelächelt, das ist gut, er hat sich doch bewährt, alles ist gut, wieso nagt es in seinem Inneren, wieso sieht er nur Enttäuschungen voraus, die seine Menschenkenntnis bloßstellen werden, zum wiederholten Male.

Das Fieber wallt wieder auf. Er trinkt einige Schlucke und macht sich auf den Anfall gefaßt.

SIDI MUBARAK BOMBAY

Es gab Tage, an denen wir frühmorgens aufwachten, lange vor Sonnenaufgang, und das erste, was wir fühlten, war der Schmerz, den der Tag uns bereiten würde. An einem solchen Morgen aufzustehen, das erfordert Mut, in der Kälte verhöhnen dich deine eigenen Hoffnungen, du spürst das Gewicht der Ballen, die auf die Schultern deiner Mitleidenden gehievt werden, du kämpfst im Getümmel um den leichtesten, du spürst, wie verwachsen deine Füße sind, du möchtest dich zusammenkauern wie ein Wehrloser, der die Schläge der Tage nicht mehr erträgt, und du sehnst dich nach einem Abgrund, der alles verschluckt. An solchen Morgen sahen wir klar, wir hatten den Anfang weit hinter uns gelassen und wir waren noch weiter vom Ende entfernt, und wir sahen, wie verkümmert wir waren, und wir erkannten, wie sehr wir Hilfe brauchten. Die Erde lächelte uns nicht mehr an, es war an der Zeit, einen Mganga aufzusuchen.

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