— Kaum gehen wir auseinander, legen die Knaben als allererstes die Uniform ab und ziehen sich eine luftige Kurta über. Was wissen wir über sie? Wir hätten kein Recht, erstaunt zu sein, wenn sie eines Tages ihre Waffen gegen uns richten, wir hätten kein Anrecht, fassungslos zu sein, nur weil wir uns einbilden, wir würden sie gut behandeln und hätten daher ihre Treue verdient.
— Und wie oft sehen Sie Ihre Schafe, Reverend? Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie diese Leute die restliche Zeit verbringen? Wie verhalten sie sich, wie reden sie über uns, was hecken sie aus?
— Ich fürchte, ich habe mich an diesen trunkenen Gesprächen satt gehört. Ich werde mich verabschieden.
— Hören Sie mir zu, Reverend. Unsere Macht beruht allein darauf, daß die Einheimischen eine hohe Meinung von uns und eine niedrige Meinung von sich selbst haben. Sobald sie uns näher kennenlernen, und das würde geschehen, wenn sie in Massen konvertieren, dann verlieren sie jeglichen Respekt. Sie überwinden ihr Minderwertigkeitsgefühl. Sie beginnen Widerstand zu leisten. Sie trauen sich einen Sieg zu, anstatt davon auszugehen, daß sie für alle Zeiten besiegt sind, wie es jetzt der Fall ist. In einer Generation könnten wir vor einem Desaster stehen. In einem sind wir uns doch einig: Wenn die Inder sich für einen einzigen Tag vereinen und mit einer einzigen Stimme sprechen könnten, dann würden sie uns wegfegen.
— Solange sie uns fürchten, besteht kein Grund zur Sorge?
— Angst führt zu Mißtrauen, Mißtrauen zu Falschheit. Der Schwächling und der Feigling wissen genau, wieso sie ihren Nachbarn nicht trauen.
— Völliger Quatsch! Wirklich, ich muß mich sehr wundern. Selbst wenn Sie aus politischer und militärischer Sicht recht haben sollten, so können wir die Heiden doch nicht der ewigen Verdammnis überlassen. Sollen wir ihnen unsere Zivilisation aus solch opportunistischen Gründen vorenthalten? Nein — die Missionierung wird voranschreiten, Sie werden sehen, und selbst wenn es ein Jahrhundert dauert, Britisch-Indien wird christlich werden, und erst dann wird dieses Land wirklich erblühen. Nun entschuldigen Sie mich bitte, meine Herren, Sie haben mich auf einen guten Gedanken für meine Sonntagspredigt gebracht.
43.
NAUKARAM
II Aum Avighnaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Er wußte nicht, daß sie früher eine Devadasi war?
— Nein.
— Er muß etwas vermutet haben?
— Nein. Bestimmt nicht.
— Dann hat also nichts seine Gefühle überschattet?
— Ich habe seine Gefühle erst zu spät erkannt. Ich habe unterschätzt, wieviel sie ihm bedeutet hat. Das wurde mir erst bewußt, als sie tot war.
— Er trauerte?
— Auf seine eigene schiefe Art. Er tat nichts wie andere Menschen. Als erste Aufgabe nach der Nacht ihrer Verbrennung sollte ich ihm Affen besorgen. Egal, was für Affen, im Gegenteil, es sei gut, wenn die Affen von unterschiedlicher Art seien oder unterschiedlichen Alters. Auch verschiedenen Geschlechts. Ich dachte, er würde verrückt werden. Ich konnte ein halbes Dutzend Affen auftreiben, zusammen mit einigen der anderen Diener brachte ich sie auf einem Karren zum Bungalow. Sie bellten, gackerten und jaulten, die Gärtner aller Häuser traten heraus, um uns zu begaffen. Ich habe mich so geschämt. Der nächste Befehl von Burton Saheb war der endgültige Beweis, er war verrückt geworden. Er verlangte, daß wir die Affen im Bubukhanna unterbringen. Dann teilte er mir mit, er erwarte an diesem Abend Besuch, ich solle für sechs Gäste decken lassen und dafür sorgen, daß die entsprechende Anzahl an Dienern aufwarte. Ich war dumm, ich bin nicht darauf gekommen, sechs und sechs zusammenzuzählen. Wie hätte ich auch vermuten können, was geschehen würde? Keiner von uns hat damit gerechnet.
— Das Ungewöhnliche erklärt sich immer erst im nachhinein.
— Zum Abendessen befahl er, wir sollen die Affen in das Haus bringen. Er stand an einem Ende des Tisches und begrüßte die Affen herzlich, wie alte Freunde. Keinem der anderen Offiziere hatte er je so einen Empfang bereitet. Er ließ sie auf den Stühlen am großen Eßtisch Platz nehmen und verkündete, er werde mit ihnen dinieren. Er stellte sie uns vor, auf englisch, die anderen Diener verstanden nichts. Sie waren vollauf damit beschäftigt, die Affen aufzugreifen und wieder auf die Stühle zu setzen. Der große Pavian, das sei Doktor Casamaijor, der kleinere Pavian sei Sekretär Routledge, beide in Begleitung ihrer Ehefrauen, ein dritter Affe wurde als Adjutant McCurdy vorgestellt, und der häßlichste Affe von allen war Pastor Posthumus. Ich lachte, so als würde ich mein Lachen aus einem angebrannten Topf herauskratzen, die anderen Diener lachten daraufhin mit. Eigentlich wollte ich mich abwenden, ich dachte, wenn ich den Scherz anerkenne, findet dieser Unsinn ein schnelleres Ende. Er aber schrie uns an, wir sollten gefälligst unseren Gästen aufwarten, er werde keine Insubordination dulden. Er drohte, uns alle aus dem Haus zu jagen, wenn wir seine Gäste nicht respektvoll behandelten, und ich merkte seiner Stimme an, wie ernst er es meinte. Ich bedeutete den Dienern, mit dem Auftischen des Abendessens zu beginnen. Natürlich blieben die Affen auch danach nicht auf ihren Stühlen sitzen, immer wieder mußte einer von ihnen aufgehoben und an seinen Platz zurückgebracht werden. Burton Saheb tat so, als merke er nichts davon, er spielte den Gastgeber, er redete auf sie ein, er diskutierte mit ihnen die neuesten Intrigen am Hof, es war so schwer, den eigenen Augen und Ohren zu trauen. Er wetterte gegen die Clique von Nagar-Brahmanen, die damals fast alle Berater des Maharaja stellte, alle Minister zumindest. Er spielte den Versuch der Angrezi durch, deren Vormachtstellung am Hofe zu durchbrechen. Er fragte seine Gäste nach ihrer Meinung, und wenn einer der Affen grunzte oder bellte, rief er entzückt aus: Hört, hört, meine Herren, meine Damen, was für eine bestechende Replik! Die Affen warfen das Besteck herum, sie verschütteten den Wein, sie tapsten mit ihren Pfoten in die Suppe, sie probierten einige Erbsen, dann bewarfen sie sich damit. Erst als der Braten kam, wurden sie etwas friedlicher. Es schmeckt, rief Burton Saheb aus. Halleluja, es möge ewig schmecken. Wir mußten ihn ins Bett tragen, so betrunken war er am Ende dieses Abends. Wir schämten uns für ihn, aber wir waren froh, diesen Wahnsinn überstanden zu haben. Wir wußten nicht, daß er sich jeden Abend wiederholen würde. Und jeden Abend betrank sich Burton Saheb, allein hätte er nicht in sein Bett gefunden. Es war so häßlich, was ich in diesen Tagen miterleben mußte, ich habe den Anblick kaum ausgehalten.
— Schlimmer noch als häßlich, es war gegen die Natur.
— Und es wurde noch schlimmer. Eines der Tiere war eine Äffin. Er hat behauptet, er habe sie dem Sekretär Routledge ausgespannt. Sie sei nun seine Geliebte, er schminkte sie, legte ihr Ohrringe an und eine Kette um ihren schrumpeligen Hals. Sie war so klein, wenn sie saß, verschwand sie unter der Tischkante. Er hat sich von einem der anderen Offiziere einen Kinderstuhl ausgeliehen, auf dem sie beim Essen Platz nehmen durfte. Er begann, sie Liebling zu nennen. Sie zu umgarnen. Er bezog den Kedmutgar mit ein, in seine Scharade. Er fragte ihn immer wieder: Ist sie nicht umwerfend? Ist sie nicht reizend? Soll ich sie nicht fragen, ob sie eine Schwester hat, für dich? Es war so entwürdigend, der Kedmutgar ist weggelaufen. Obwohl er keine andere Arbeit hatte.
— Und tagsüber, was hat er tagsüber mit den Affen gemacht?
— Er gab vor, ihre Sprache zu lernen. Er begann die Laute aufzuschreiben. Er fragte mich eines Tages nach meiner Meinung. Ob denn die Devanagari-Schrift oder die Gujarati-Schrift oder gar die lateinische Schrift am besten geeignet sei, die Sprache der Affen wiederzugeben.
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