Hassan lässt eine Münze in die lederne Handfläche fallen. Ich folge seinem Beispiel. »Im Namen Allahs, überaus wohltätig, überaus gnädig«, flüstert der alte Wahrsager. Er ergreift zuerst Hassans Hand, lässt seinen hornartigen Fingernagel über dessen Handfläche kreisen, immer und immer wieder. Dann schwebt der Finger zu Hassans Gesicht hinauf und verursacht ein trockenes, kratzendes Geräusch, als er langsam der Wölbung seiner Wangen folgt, dem Umriss seiner Ohren. Die schwielige Haut seiner Fingerspitzen streicht über Hassans Augen. Die Hand erstarrt. Verharrt dort. Das Gesicht des alten Mannes verdüstert sich. Hassan und ich schauen uns an. Der alte Mann nimmt Hassans Hand und legt die Rupie zurück in dessen Handfläche. Er wendet sich mir zu. »Was ist mit dir, junger Freund?«, sagt er. Auf der anderen Seite der Mauer kräht ein Hahn. Der alte Mann greift nach meiner Hand, und ich ziehe sie weg.
Ein Traum:
Ich habe mich in einem Schneesturm verirrt. Der Wind pfeift, bläst mir das stechende Schneegestöber in die Augen. Ich stolpere durch Schichten von sich wandelndem Weiß. Ich rufe um Hilfe, aber der Wind erstickt meine Schreie. Ich falle und liege keuchend im Schnee, verloren im Weiß, und der Wind heult in meinen Ohren. Ich sehe, wie der Schnee meine frischen Fußspuren auslöscht. Jetzt bin ich ein Geist, denke ich, ein Geist, der keine Spuren hinterlässt. Ich rufe wieder, doch die Hoffnung schwindet wie meine Fußspuren.
Aber dieses Mal ist da eine gedämpfte Antwort. Ich versuche meine Augen vor dem fallenden Schnee zu schützen und schaffe es, mich aufzusetzen. Inmitten des wilden Schneegestöbers entdecke ich eine Bewegung, das Aufblitzen von Farbe. Eine vertraute Gestalt erscheint. Eine Hand streckt sich mir entgegen. Ich erkenne tiefe, parallel verlaufende Schnitte in der Handfläche, aus denen Blut tropft, das den Schnee rot färbt. Ich ergreife die Hand, und plötzlich ist der Schnee verschwunden. Wir stehen auf einer Wiese mit apfelgrünem Gras, über uns ziehen zarte Wolkenfetzen hinweg. Ich blicke auf und sehe, dass der Himmel voller Drachen ist — grün, gelb, rot, orange sind sie, und sie schimmern im Nachmittagslicht.
Ein Chaos aus Abfall, Schrott und Schutt übersäte die Gasse. Abgefahrene Fahrradreifen, Flaschen mit abgezogenen Etiketten, zerrissene Hefte, vergilbte Zeitungen, und all das verstreut zwischen einem Haufen Ziegelsteinen und einigen Zementplatten. Ein verrosteter, gusseiserner Ofen mit einem klaffenden Loch an der Seite war gegen eine Mauer gekippt worden. Aber es gab zwei Dinge inmitten dieses Mülls, die meinen Blick magisch anzuziehen schienen: Das eine war der blaue Drachen, der an der Mauer, ganz in der Nähe des gusseisernen Ofens lehnte, und das andere Hassans braune Cordhose, die achtlos hingeworfen auf einem Haufen bröckeliger Ziegelsteine lag.
»Ich weiß nicht«, sagte Wali gerade. »Mein Vater sagt, es ist eine Sünde.« Er klang unsicher, aufgeregt und ängstlich zugleich. Sie hatten Hassan bäuchlings zu Boden geworfen und hielten ihn dort nieder. Kamal und Wali hatten jeweils einen Arm gepackt und ihn am Ellbogen nach oben gedreht, sodass Hassans Hände auf seinen Rücken gepresst wurden. Assef stand über ihnen und quetschte den Absatz seines Schneestiefels in Hassans Nacken.
»Dein Vater wird es doch gar nicht erfahren«, sagte Assef. »Und was kann schon sündhaft daran sein, einem respektlosen Esel eine Lektion zu erteilen?«
»Ich weiß nicht so recht«, murmelte Wali.
»Wie du willst, was ist mir dir, Kamal?«
»Ich… na ja…«
»Das ist doch bloß ein Hazara«, sagte Assef. Aber Kamal wich seinem Blick weiter aus.
»Na schön«, bellte Assef. »Ich verlange nichts weiter von euch Schwächlingen, als ihn festzuhalten. Schafft ihr wenigstens das?«
Wali und Kamal nickten. Sie wirkten erleichtert.
Assef kniete sich hinter Hassan, packte dessen Hüften mit den Händen und hob so sein nacktes Hinterteil. Er ließ eine Hand auf Hassans Rücken liegen und öffnete mit der anderen seine Gürtelschnalle. Dann machte er den Reißverschluss seiner Jeans auf. Zog seine Unterhose herunter. Brachte sich hinter Hassan in Stellung. Hassan wehrte sich nicht. Gab keinen Laut von sich. Er bewegte nur einmal kurz den Kopf, und ich erhaschte einen Blick auf sein Gesicht. Sah die Resignation darin. Ich hatte diesen Ausdruck schon einmal gesehen. In den Augen des Lamms.
Morgen ist der zehnte Tag des Dhul-Hijjah, des letzten Monats des muslimischen Kalenders; er ist zugleich der erste der drei Tage des Eid Al-Adha oder Eid-e-Qorban, wie es die Afghanen nennen — ein Tag, der der Erinnerung an den Propheten Abraham dient, der Gott einmal beinahe seinen eigenen Sohn geopfert hätte. Baba hat das Schaf dieses Jahr wieder einmal selbst ausgesucht, es ist schneeweiß, und seine schwarzen Ohren sind nach vorn geknickt.
Wir stehen alle im Garten: Hassan, Ali, Baba und ich. Der Mullah trägt das Gebet vor, streicht sich über den Bart. Baba murmelt in sich hinein. »Jetzt mach schon.« Das endlose Beten, das Ritual, um das Fleisch halal, rein, zu machen, scheint ihn aufzuregen. Baba macht sich lustig über die Geschichte, die hinter diesem Eid steht, wie er sich über alles Religiöse lustig macht. Aber er respektiert die Tradition des Eid-e-Qorban. Der Brauch sieht vor, das Fleisch zu dritteln: ein Teil für die Familie, einer für Freunde und einer für die Armen. Baba gibt jedes Jahr alles den Armen. »Die Reichen sind schon fett genug«, sagt er.
Der Mullah beendet das Gebet. Ameen. Er greift nach dem Küchenmesser mit der langen Klinge. Der Brauch fordert, dass das Schaf die Klinge nicht sehen darf. Ali füttert das Tier mit einem Zuckerstückchen — ein weiterer Brauch, den Tod zu versüßen. Das Schaf schlägt aus, aber nicht besonders heftig. Der Mullah packt es unter dem Kiefer und hält ihm die Klinge an den Hals. Eine Sekunde lang, bevor er ihm die Kehle mit einer einzigen, fachmännischen Bewegung durchschneidet, sehe ich die Augen des Schafs. Es liegt ein Ausdruck darin, der mich noch wochenlang in meinen Träumen verfolgen wird. Ich weiß nicht, warum ich mir dieses jährliche Ritual in unserem Garten anschaue: Meine Albträume halten noch lange, nachdem die Blutflecken im Gras verblasst sind, an. Absurderweise stelle ich mir vor, dass das Tier begreift, was vor sich geht. Ich stelle mir vor, dass es erkennt, dass sein nahe bevorstehender Tod einem höheren Zweck dient. Und genau dieser Ausdruck ist es…
Ich schaute weg, wandte mich von der Gasse ab. Etwas Warmes lief mir über das Handgelenk. Ich blinzelte, bemerkte, dass ich mir immer noch in die Faust biss, und das fest genug, um die Knöchel zum Bluten zu bringen. Ich bemerkte noch etwas anderes. Ich weinte. Hinter der Ecke konnte ich Assefs schnelles, rhythmisches Stöhnen hören.
Ich hatte noch eine letzte Chance, eine Entscheidung zu treffen. Eine letzte Gelegenheit, um zu entscheiden, was für ein Mensch ich werden würde. Ich konnte in die Gasse treten und für Hassan einstehen — wie er all die unzähligen Male in der Vergangenheit für mich eingestanden war — und das in Kauf nehmen, was mit mir geschehen würde. Oder ich konnte davonlaufen.
Am Ende lief ich davon.
Ich lief davon, weil ich ein Feigling war. Ich fürchtete mich vor Assef und dem, was er mir antun würde. Ich hatte Angst davor, dass er mir wehtat. Das versuchte ich mir einzureden, als ich der Gasse und Hassan den Rücken kehrte. Ich redete es mir so lange ein, bis ich davon überzeugt war. Ich wollte geradezu ein Feigling sein, weil die Alternative, der wahre Grund, warum ich davonlief, Assef Recht gab: Auf dieser Welt gab es nichts umsonst. Vielleicht war Hassan der Preis, den ich zu zahlen hatte, das Lamm, das ich opfern musste, um Baba zu gewinnen. War es ein angemessener Preis? Die Antwort drang in mein Bewusstsein, ehe ich es verhindern konnte: Er ist ja nur ein Hazara, oder?
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