»Heute?«
»Wenn es nicht zu viel verlangt ist.«
Für die Ausfertigung der Fahrkarten benötigte er nahezu fünfzehn Minuten. Als das Meisterwerk vollendet war, warf er es lustlos vor mich hin.
»Um eins. Bahnsteig vier. Kommen Sie rechtzeitig.«
Ich zahlte und wurde, da ich mich nicht gleich zurückzog, mit einem feindseligforschenden Blick bedacht.
»Noch was?«
Lächelnd schüttelte ich den Kopf, was er nutzte, um mir das Schalterfensterchen vor der Nase zuzuknallen.
Ich ging durch die makellos glänzende Halle auf den Ausgang zu. Der Putzer grüßte mich aus der Ferne mit einem »Bon voyage«.
Der Hauptsitz der Bank Hispano Colonial in der Calle Fontanella erinnerte an einen Tempel. Ein hoher Säulengang führte zu einer statuengesäumten Halle, in der ganz hinten eine Reihe Schalter altarförmig angeordnet waren. Zu beiden Seiten, wie Kapellen und Beichtstühle, standen Eichentische mit majestätischen Sesseln, an denen eine kleine Armee tadellos gekleideter Angestellter mit herzlichem Dauerlächeln Kunden empfing. Ich hob viertausend Francs in bar ab und nahm die Anweisungen entgegen, wie ich in der Pariser Filiale der Bank, Rue de Rennes, Ecke Boulevard Raspail, in der Nähe des von Cristina erwähnten Hotels, Mittel abheben konnte. Mit diesem kleinen Vermögen in der Tasche verabschiedete ich mich, ohne der Warnung des Bevollmächtigten Beachtung zu schenken, wie unvorsichtig es sei, mit einer solchen Menge Bargeld durch die Straßen zu gehen.
Die Sonne stieg einen Himmel hinauf, der so blau war wie die Farbe des Glücks, und eine frische Brise trug den Meeresgeruch herbei. Ich ging leichten Schrittes, als hätte ich eine ungeheure Last abgeworfen, und glaubte schon, die Stadt habe beschlossen, mich ohne Groll zu entlassen. Auf dem Paseo del Born kaufte ich für Cristina weiße Rosen mit einer roten Schleife. Im Treppenhaus nahm ich zwei Stufen auf einmal, mit einem Lächeln auf den Lippen und der Gewissheit, dass dies der erste Tag eines schon für immer verloren geglaubten Lebens war. Als ich aufschließen wollte, gab die Tür nach sie war angelehnt.
Ich stieß sie ganz auf und trat hinein. In der Wohnung herrschte vollkommene Stille.
»Cristina?«
Ich legte die Blumen auf die Kommode und schaute ins Schlafzimmer hinein. Cristina war nicht da. Auch in der Veranda kein Zeichen von ihr. Am Fuß der Treppe zum Arbeitszimmer rief ich hinauf.
»Cristina?«
Nur das Echo meiner Stimme war zu hören. Mit einem Schulterzucken schaute ich auf die Uhr in einer der Vitrinen im Bücherregal der Veranda. Fast neun Uhr. Vermutlich war sie aus dem Haus gegangen, um irgendetwas zu besorgen, und verwöhnt von ihrem Leben in Pedralbes, wo es die Aufgabe der Bediensteten war, sich mit Türen und Schlössern herumzuschlagen, hatte sie die Tür offen gelassen. Ich legte mich in der Veranda aufs Sofa und wartete. Die reine, strahlende Wintersonne schien herein und lud dazu ein, sich von ihr liebkosen zu lassen. Ich schloss die Augen und versuchte, mir zu überlegen, was ich mitnehmen wollte. Ein halbes Leben lang war ich von all diesen Dingen umgeben gewesen, und jetzt, im Moment des Abschieds, war ich außerstande, eine knappe Liste derjenigen zusammenzustellen, die ich für unentbehrlich hielt. Ohne es recht zu merken, sank ich im warmen Sonnenlicht und mit zarten Hoffnungen in einen sanften Schlaf.
Als ich erwachte und auf die Uhr schaute, war es halb eins am Mittag. Nur noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt des Zuges. Ich sprang auf und lief zum Schlafzimmer.
»Cristina?«
Diesmal suchte ich in der ganzen Wohnung, Zimmer für Zimmer, bis ich zum Arbeitszimmer gelangte. Niemand war da, aber ich glaubte einen seltsamen Geruch wahrzunehmen. Phosphor. Das Licht vom Fenster fing ein schwaches Netz blauer, in der Luft hängender Rauchfasern ein. Auf dem Fußboden des Arbeitszimmers lagen zwei heruntergebrannte Streichhölzer. Ich verspürte einen Stich der Besorgnis, kniete vor der Truhe nieder und öffnete den Deckel. Ich atmete erleichtert auf — die Mappe mit dem Manuskript war noch da. Ich wollte die Truhe schon wieder schließen, als ich sah, dass die Schleife entknotet war. Ich ging die Mappe durch, vermisste aber nichts. Diesmal verschnürte ich sie mit einem doppelten Knoten und legte sie zurück. Ich klappte den Deckel zu und ging in die Wohnung hinunter. Dort setzte ich mich in die Veranda, mit Blick auf den langen Korridor, der zur Eingangstür führte, und wartete. Die Minuten zogen mit grenzenloser Grausamkeit vorüber.
Langsam brach über mich das Bewusstsein dessen herein, was geschehen war, und der Wunsch, zu glauben und zu vertrauen, wurde zu Calle und Bitterkeit. Bald hörte ich die Glocken von Santa María del Mar zwei Uhr schlagen. Längst war der Zug nach Paris abgefahren und Cristina nicht zurückgekommen. Ich begriff, dass sie gegangen war, dass die kurzen gemeinsamen Stunden nur eine Illusion gewesen waren. Vor den Fenstern sah ich den strahlenden Tag, nun nicht mehr in der Farbe des Glücks, und ich stellte mir vor, wie sie wieder in der Villa Helius war und in Pedro Vidals Armen Zuflucht suchte. Ich spürte, wie mir der Groll langsam das Blut vergiftete, und lachte über mich und meine absurden Erwartungen. Unfähig, einen einzigen Schritt zu tun, sah ich zu, wie die Stadt in der Dämmerung dunkler und dunkler und die Schatten auf dem Boden der Veranda länger wurden. Dann stand ich auf und trat ans Fenster. Ich öffnete es weit und schaute hinaus. Ein senkrechter Abgrund tat sich vor mir auf. Genügend, um mir die Knochen zu zerschmettern und sie in Dolche zu verwandeln, die meinen Körper durchbohrten, sodass er in einer Blutlache auf dem Hof verlöschte. Ich fragte mich, ob der Schmerz so grässlich wäre, wie ich ihn mir vorstellte, oder ob die Wucht des Aufpralls die Sinne betäuben und der Tod schnell eintreten würde.
Da hörte ich die Schläge an der Tür. Einen, zwei, drei. Ein beharrliches Klopfen. Noch von meinen Gedanken benommen, drehte ich mich um. Erneutes Klopfen. Jemand stand unten vor der Tür. Das Herz schlug mir bis zum Hals, und ich stürzte die Treppe hinunter, in der festen Überzeugung, Cristina sei zurückgekommen, unterwegs sei irgendetwas vorgefallen und habe sie aufgehalten, mein schäbiges, verwerfliches Misstrauen sei ungerechtfertigt gewesen, allem zum Trotz sei das nun der erste Tag des verheißenen Lebens. Ich lief zur Tür und riss sie auf. Da stand sie, im Halbdunkel, weiß gekleidet. Ich wollte sie umarmen, aber da sah ich ihr tränenüberströmtes Gesicht und musste begreifen, dass diese Frau nicht Cristina war.
»David«, flüsterte Isabella mit erstickter Stimme, »Señor Sempere ist gestorben.«
Dritter Akt
Das Spiel des Engels
Als wir zur Buchhandlung kamen, war es schon dunkel. Vor der Tür von Sempere und Söhne hatten sich rund hundert Menschen mit Kerzen versammelt, und ein goldener Lichtschein durchbrach das Blau der Nacht. Einige weinten still, andere schauten sich stumm an. Ein paar Gesichter kannte ich, Freunde und Kunden von Sempere, Leute, die er mit Büchern beschenkt oder zum Lesen gebracht hatte. Je weiter sich die Nachricht im Viertel verbreitete, desto mehr Kunden und Freunde erschienen, die nicht glauben konnten, dass Señor Sempere nicht mehr da war.
In der Buchhandlung brannte Licht, und man sah Don Gustavo Barceló einen jungen Mann umarmen, der sich kaum auf den Beinen halten konnte. Erst als Isabella meine Hand drückte und mich in die Buchhandlung führte, erkannte ich Semperes Sohn. Barceló empfing mich mit einem niedergeschlagenen Lächeln. Der Buchhändlersohn weinte in seinen Armen, und ich brachte nicht den Mut auf, zu ihm zu treten und ihn zu begrüßen. Isabella legte ihm die Hand auf die Schulter. Sempere junior wandte sich um, sodass ich sein verhärmtes Gesicht sehen konnte. Sie führte ihn zu einem Stuhl, auf den er sich wie eine ausgediente Puppe fallen ließ. Isabella kniete sich neben ihn und umarmte ihn. Nie war ich auf jemanden so stolz gewesen wie in diesem Augenblick auf Isabella, die nicht mehr wie ein junges Mädchen wirkte, sondern wie eine Frau, die stärker und weiser war als alle Übrigen.
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