»Kommt nicht infrage!«, protestierte Curry. »Das Erste, was man im Rennstall lernt, ist, sofort wieder in die Kiste zu steigen, wenn du einen Unfall gebaut hast, um die Angst zu überwinden. Tut man das nicht, kann man die Rennfahrerei an den Nagel hängen. Morgen in aller Frühe starten wir.«
Im Morgengrauen hoben sie ab und flogen Richtung Mexiko Stadt. Nach Zwischenlandungen in Tampico und Matamoros setzten sie, kurz ehe die Sonne am Horizont versank, in der aztekischen Hauptstadt auf.
Während sie sich aus ihren schweren Fliegeruniformen quälten, sagte der einstige Kneipenwirt mit einem verschmitzten Lächeln: »Ich hätte nichts dagegen, ein paar Tage in dieser Stadt zu verbringen. Nicht aus Angst vor diesem Vogel. Das wird sich bald legen, hoffe ich. Aber es wäre eine Sünde, diese Stadt, von der ich schon so viel gehört habe, nicht richtig kennen zu lernen. Wir müssen uns unbedingt eine echte Mariachiband anhören.«
Genau das taten sie, aber sie machten auch einen Stadtrundgang, besuchten die alten Ruinen der Azteken und freundeten sich sogar mit zwei hübschen Mädchen an. Die beiden waren Schwestern und schienen großen Spaß an ihrem flüchtigen und vergnüglichen Techtelmechtel mit zwei Verrückten zu haben.
Si por mar en un buque de guerra
Si por aire en un avión militar…
Si Adelita quisiera ser mi esposa
Si Adelita fuese mi mujer…
Plötzlich spürte er, wie sein Passagier ihm auf die Schulter tippte.
»Was zum Teufel machst du?«, schrie ein aufgebrachter Curry.
»Das hörst du doch. Ich singe.«
»Du solltest lieber landen, dann kannst du obendrein dazu tanzen! Das hier gefällt mir nicht! Merkst du nicht, dass es allmählich dunkel wird?«
»Viele Flugzeuge fliegen bei Nacht«, log Jimmie frech.
»Damit niemand sieht, wo sie abstürzen, was? Wie weit ist es noch?«
»Wir sind gleich da.«
»Was heißt gleich?«
»Gleich heißt immer dasselbe: gleich.«
Was hätte er sonst sagen sollen? Die Silhouette der Küste war nur noch ein dunkler Fleck zu ihrer Linken. Wenn die Bucht, die sie vor wenigen Augenblicken hinter sich gelassen hatten, tatsächlich die von Fonseca war, dann hatten sie gerade noch genug Sprit, um bis nach Managua zu kommen. Sie konnten sogar ein paar Ehrenrunden drehen, bis das Personal auf dem Flughafen von Managua sie hörte und die Notbeleuchtung auf der Rollbahn anschaltete, damit sie sicher landen konnten.
Der Wind frischte auf.
Jetzt trieb er, wie eine Herde folgsamer Schafe, dichte Wolken vor sich her. Offensichtlich waren sie während der sengenden Mittagshitze über dem großen See von Nicaragua entstanden.
»Scheiße!«, rief Jimmie plötzlich.
»Was hast du gesagt?«
»Scheiße!«
»Kannst du sie etwa riechen?«
»Hör auf, Dick! Jetzt ist keine Zeit zum Witzemachen«, wies ihn sein Freund zurecht.
»Das ist leider kein Witz!«, gab Curry beschämt zurück. »Wie sieht es aus, Jimmie?«
»Sagte ich doch schon, beschissen! Warum soll ich dir was vormachen? Die Lage ist brenzlig, aber wir werden sie schon meistern, keine Bange!«
Einige Minuten vergingen.
Die Gipsy Moth kam kaum noch gegen den Wind an. Ihre Tragflächen aus perfekt verzapftem, feinem Eichenholz knackten so laut, als würden sie von einem riesigen Raubtier zermalmt.
Der Regen blendete sie.
Es war ein heftiger Schauer mit einem durchdringenden Geruch nach feuchter Erde und Gewürzen, den man sonst nur bei den nachmittäglichen Regengüssen der Tropen erlebt, wenn der Wind aus dem Landesinneren weht. In Wahrheit aber roch es nicht nach dem Regen, sondern nach dem Wind, der ihn auf den Armen trug.
Jimmie bückte sich und tastete nach der Taschenlampe, die er unter dem Pilotensitz aufbewahrte. Im Licht der Lampe erkannte er, dass die Nadel, die den Stand des Reservetanks anzeigte, so gut wie tot war.
»Mist!«
Zehn Minuten, bestenfalls eine Viertelstunde, würden sie sich noch in der Luft halten können.
Er drehte nach links ab, um sich der Küste zu nähern, auch wenn er dabei einen Umweg riskierte. Kurz darauf erkannte er in der Ferne das Flackern eines Lichtes, konnte jedoch nicht sagen, ob es von einem Haus oder einem Schiff kam.
Er warf einen Blick auf den Kompass und beschloss, sich lieber auf seinen sechsten Sinn zu verlassen.
Er hielt den Kurs, Süd-Südost, komme, was wolle.
Am Horizont tauchte ein neues Licht auf, dorthin richtete er die Maschine.
Noch eins.
Später ein Dorf.
Jetzt flogen sie über festen Boden.
Der Motor begann zu stottern.
»Verdammte Scheiße!«
Endlich erschienen am verregneten windgepeitschten Horizont die Lichter einer großen Stadt.
»Managua! Gott sei Dank! Das ist bestimmt Managua!«, rief Jimmie.
Doch es konnte genauso gut León sein. Und soweit er wusste, besaß León keine Landepiste und lag mehr als siebzig Kilometer von der Hauptstadt Managua entfernt.
Mein Gott, hoffentlich ist es Managua.
Einen Augenblick schloss er die Augen und versuchte, sich zu erinnern.
Managua liegt unterhalb des gleichnamigen Sees, am Ende einer Bucht, die von einer Halbinsel beherrscht wird.
Er ließ die Maschine so weit wie möglich herunter trotz der Gefahr, auf ein Hindernis zu stoßen. Dann sah er die Lichter der Stadt, die sich auf dem See spiegelten, und seufzte erleichtert.
Sein Schutzengel hatte ihn geradewegs an sein Ziel geführt. Nach Managua.
Wenn ihm seine Erinnerung keinen Streich spielte, lag der Flughafen im Osten der Stadt, direkt am See. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte kein einziges Licht erkennen, das die Landebahn markierte.
Er überflog die Gegend.
Einmal, zweimal, dreimal.
Irgendwer musste doch Bereitschaftsdienst haben.
Irgendwer musste den Lärm des Motors hören und verstehen, dass sie in Not waren.
Irgendwer… aber wer?
Wieder stotterte der Motor.
Noch eine Runde?
Plötzlich flammten nacheinander die Lampen der Rollbahn neben dem See auf.
Man hatte sie gehört!
Jemand versuchte, ihnen zu helfen. Doch dann fiel Jimmie auf, dass ihn entweder sein Gedächtnis betrog oder diese Lampen nicht die richtige Richtung wiesen.
Doch für solche Überlegungen war jetzt keine Zeit.
Es gab nicht genügend Sprit, um sich sinnlose Fragen zu stellen.
»Halt dich gut fest!«, rief er und ließ die Maschine auf die unsichtbare Piste heruntersacken.
Knapp über der Wasseroberfläche des Sees flog er an und setzte dann nur drei Meter von der einzigen Lichterkette entfernt auf die asphaltierte Landebahn auf.
Einige der Gaslampen waren bereits von Regen und Wind gelöscht worden.
Er konnte so gut wie nichts sehen.
Dann schaltete er den Motor aus und schlug drei Kreuze.
Ziemlich ruppige Landung!
Einige Sekunden, die ihnen wie eine Ewigkeit vorkamen, rollte die Maschine ziellos weiter, machte noch einen Satz und setzte erneut auf. Dann holperten sie weiter, bis die Piste abrupt abbrach, die Maschine sich überschlug und der Bug sich in die Erde bohrte.
Der Propeller brach ab wie ein Zahnstocher.
Dann folgte Stille.
Eine Stille, die einzig durch das Trommeln des Regens auf den Rumpf der Gipsy Moth unterbrochen wurde.
Ein Stich fuhr Jimmie durch die Brust.
Seine Beine taten weh.
Am meisten aber schmerzte ihn seine Seele, als ihm klar wurde, dass alles zu Bruch gegangen war, was er auf Erden besaß.
Als er wieder zu sich kam, fragte er ängstlich: »Dick? Alles in Ordnung? Sag was!«
»Ich lebe noch!«, antwortete der andere heiser. »Was zum Teufel willst du hören? Dass ich die Fliegerei zum Kotzen finde?«
Man brachte sie in einem alten Schuppen unter, der gleichzeitig als Hangar diente. In der Nacht mussten sie ihn mit einem Dutzend Kühen teilen.
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