Adalbert Stifter - Witiko

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An seinem monumentalen Werk über die Gründungsgeschichte des Königreiches Böhmen im 12. Jahrhundert arbeitete Stifter zehn Jahre lang wie »ein Pflugstier«. Durch den Romanhelden Witiko, der stellvertretend für den sittlich handelnden Menschen steht, wird das grandiose Historiengemälde zum Bildungsroman, als dessen Meister sich der Autor mit seinem ›Nachsommer‹ in die Literaturgeschichte eingeschrieben hatte.

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Bruder Diepold und dem Bischofe Daniel bei dem Mittagmahle. »Witiko, Welislaw, Sezima«, rief er.

»Hoher König«, rief Witiko, eine Furt ist nicht da; aber Odolen schwimmt eben mit seinem Pferde durch den Fluß, um allen unsern Reitern zu zeigen, daß sie hinüber schwimmen können.«

»Odolen«, rief der König.

Er sprang von seinem Sitze auf, eilte aus dem Zelte und zu dem Flusse. Diepold, Daniel und die andern folgten ihm. Von den Begleitern Witikos war die Sache in dem Lager ausgerufen worden, und viele Krieger und selbst die Priester Daniels eilten herzu.

Sie sahen noch den schwimmenden Odolen und den schwimmenden Bernard. Bald war es ihnen, als sei in den Fluten das Pferd oben, bald der Mann. Aber die Schwimmer erreichten das Ufer, und ritten über dasselbe hinauf.

»Was ein Mann kann, das kann auch ein zweiter«, rief der König, »und das können viele und Tausende. Rührt die Reiterpauken zur Sammlung.«

Ein Jubelruf der Krieger antwortete dem Könige auf diese Worte.

Alle eilten in das Lager, und es ertönten die Pauken.

Witiko ritt zu den Seinigen, und ließ das Reiterhorn der Sammlung ertönen. Und als die Reiter gerüstet in Ordnung standen, sprach er: »Brüder und Freunde, es ist keine Furt in dem Flusse, Odolen, der Sohn des Striz, und Bernard, der Sohn des Sobeslaw, schwammen mit ihren Pferden durch das Wasser, und der König und seine Reiter werden hinüber schwimmen. Ich tue desgleichen, und rufe zu euch: wer es weiß, daß sein Pferd hinüber schwimmen kann, der folge mir, wenn er will.«

»Ich schwimme mit«, rief Mathias.

»Ich schwimme mit«, rief Urban.

»Ich schwimme mit«, rief Maz Albrecht.

»Ich schwimme mit«, rief Wolf, der nun im Kriegsgewande auf seinem geraubten Pferde herzu ritt.

»Unsere kleinen Rosse schwimmen oft zum Spiele über die hohe Moldau auf gute Weiden hinüber«, rief Philipp, der Steiger.

»Ich schwimme mit«, rief Augustin.

»Ich schwimme mit, ich schwimme mit«, riefen alle Männer.

»Also zu den Reitern des Königs, und mit ihnen und dem Könige durch das Wasser, und dann mit Gottes Hilfe auf die Feinde«, rief Witiko, »blaset zum Zuge.«

Und es ertönte das Horn zum Zuge, und Witiko ritt mit seinen Reitern zu dem Könige.

Dort erschollen noch immer die Pauken, und es sammelten sich die Männer. Der König ritt gerüstet zu ihnen, und rief: »Ihr wißt, was Odolen und Bernard getan haben. Mir wäre es Schmach, wenn ich hinter ihnen zurückbliebe, und wer so ist, wie Odolen, der folge mir zur Vernichtung der Feinde.«

»Heil Wladislaw«, riefen die Reiter.

Und die Pauken tönten die Zugsbereitschaft, der König stellte sich an die Spitze, und die Reiter ritten auf die Wiese. Und von der Wiese ritt der König zuerst in das Wasser, gleich nach ihm Diepold, dann Welislaw, dann Zwest, dann Beneda, Predbor sprang mit seinem Pferde hinein, daß der Schaum emporschlug, Kochan war eines Satzes drinnen, Bogdan auch, Witiko suchte eine Stelle, und ritt an der Spitze aller seiner Waldreiter hinein, so auch Rowno mit den Seinigen, Diet von Wettern, der von Prachatic, Osel mit seinen Söhnen, und so alle aus dem Walde. Sogar die älteren Führer und Lechen blieben nicht zurück, und die Reiter drängten sich nach, daß kein einziger in dem Lager war. Und bald war die weite rinnende Fläche mit schwimmenden Pferden und Männern bedeckt, die Tiere arbeiteten und strebten dem Ziele zu, die Männer suchten sich zu erhalten, und sogar die Tiere zu lenken. Sie wurden auseinander getragen, und viele trieben in den Wogen hinunter. Dann erreichten zuerst einige das Ufer, dann mehrere, dann wieder mehrere, bis der Fluß leer war. Sie ritten auf festen Grund, und ordneten sich nach dem Schalle der Pauken und Hörner zu ihren Zeichen. Die nicht da waren, auf die konnte nicht gewartet werden.

Wladislaw ließ sie an dem Wasser aufwärts reiten.

Bald waren sie bei den Feinden. Diese waren nicht in Kampfesbereitschaft. Die Reiter stürzten gegen sie, umringten sie von allen Seiten, tobten mit ihren Waffen gegen sie, und töteten eine große Zahl, und nahmen viele gefangen. Von beiden Teilen stieg das Geschrei gegen den Himmel, von den Böhmen ein freudiges über den Sieg, von den Mailändern ein jammerndes über das unvermutete Unheil.

Die Krieger in dem Lager des Kaisers hörten das Getümmel und das Rufen, und eilten an das Wasser. Sie meinten, es seien Hilfsscharen zu den Mailändern gekommen; als sie aber den Schall der Reiterpauken der Böhmen erkannten, und sahen, wie diese ihre Gegner niederstürzten, erhoben sie ein Jubeljauchzen über einen solchen Sieg und über das Wunder, wie man durch das reißende Wasser habe gelangen können. Der Kaiser kam selber an den Fluß, und sah, was auf dem Ufer der Feinde geschah. Und die Nachricht ging in alle andern Lager, und von allen Seiten kamen Krieger herzu.

Als die Mailänder sich in die Flucht wendeten, befahl Wladislaw seinem Bruder Diepold, sie mit einer großen Zahl erlesener Reiter zu verfolgen. Er begab sich mit den übrigen Männern zu der Brücke, und sie begannen eifrig zu arbeiten, um die Brücke wieder herzustellen. Der Kaiser ließ auf seiner Seite auch mit allem Nötigen an das Werk gehen. Aber es kam die Finsternis der Nacht, und die Brücke war noch nicht fertig. Diepold kehrte mit seinen Reitern zurück. Nun arbeiteten die Männer, ein Lager mit Gräben und Wällen zu befestigen. Die Reiter des Waldes, welche mit Witiko an dem Zuge Diepolds Teil genommen hatten, gruben nun eifrig mit Schaufeln in den Gräben, daß das Lager bald fertig werde. Dann stärkten sie sich durch Speise und Trank, und brachten die Nacht unter dem freien Himmel zu.

In der Finsternis sah man Dörfer, Häuser und Schlösser brennen.

Bei dem ersten Lichte des Morgens begannen sie und die Männer des Kaisers wieder an der Brücke zu arbeiten. Da kam die Nachricht, daß das Heer der Mailänder, welches von Gorgonzola zur Verteidigung der Brücke abgeschickt worden war, heranziehe. Der König berief einen Rat, und es wurde beschlossen, daß man den Feinden, so weit man könnte, entgegen gehen wolle. Eine erlesene Schar von Reitern wurde vorausgesendet, um die Lage und die Zahl der Feinde zu erkunden. Sie stießen auf ein großes Heer der Mailänder, und begannen sogleich den Kampf, die Mailänder stritten sehr tapfer.

Zwest, ein sehr geehrter Mann, der Zupan von Melnik, sank zum Tode getroffen von seinem Pferde. Gegen den edlen Lechen Diwa sprengte ein starker Mailänder an, und schlug ihn an der Stirne zu Tode; aber sein Schwestersohn Bernard stürmte an den Mailänder, und spaltete ihm das Haupt. Und wie Odolen gestern durch die Fluten gedrängt hatte, so drängte er heute in die Feinde. Welislaw ging mit seinen Männern vorwärts, Predbor mit den seinigen auch, Bozebor kämpfte, als wollte er sich die Hoheit der Krone erkämpfen, Kochan und Bogdan taten, was sie in der Versammlung in Prag gesagt hatten. Die Reiter des mittäglichen Waldes waren wie in den früheren Kriegen an der rechten Seite der Scharen, und wie die Fußgänger des Waldes auf dem Wysoka geschlossen vorwärts gegangen waren, so gingen jetzt die Reiter auf ihren kleinen Rossen dicht nach vorn, und wie Sifrid von Milnet gesagt hatte, daß sie den Scharen Wratislaws keinen Grashalm gelassen hätten, so ließen sie jetzt den Mailändern keinen. Witiko war an ihrer Spitze, und gab mit seiner hellen Stimme die Befehle, und die Männer sahen öfter auf seine blauen Augen. Und Rowno und die andern gingen gleichmäßig mit Witiko vorwärts. An der linken Seite der Waldreiter war nicht mehr der alte Bolemil in seiner Sänfte, zu der einst kein Krieger einen Feind hatte nahen lassen; aber es waren seine Enkel und Urenkel da, und sie ließen wie die auf dem Wysoka ihren Platz den Mailändern nicht. Links von ihnen waren Moyslaw und Radosta, die Söhne Lubomirs, und es waren ihre Söhne und Sippen und die Sippen und Männer von Daudleb. Links von diesen waren die Sippen Wšebors, und kämpften, als ob die Augen ihres uralten Wladyken bei ihnen wären. Und diejenigen Reiter Wladislaws, welche zurückgeblieben waren, kamen nun herzu, und das an der Zahl der Männer so ungemein überlegene Heer der tapferen Mailänder begann zu wanken, und geriet endlich in die Flucht. Die Reiter Wladislaws verfolgten sie, so weit sie konnten, und die Mailänder erlitten eine Niederlage, wie sie wenige erlitten hatten. Als die Reiter zurückkehrten, führten sie viele Gefangene mit sich, darunter siebenzig sehr vornehme Männer.

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