»Wie dumm das ist«, fing plötzlich Natascha wieder an, »was man da immer von den Flitterwochen sagt, daß die erste Zeit der Ehe die glücklichste sei. Im Gegenteil, jetzt ist es am allerschönsten. Wenn du bloß nicht immer verreisen wolltest. Weißt du noch, wie wir uns manchmal gezankt haben? Und immer war nur ich schuld daran. Immer nur ich. Und worüber wir uns eigentlich gezankt haben, das weiß ich nicht einmal mehr.«
»Das war immer das gleiche«, sagte Pierre lächelnd. »Du warst immer eifer…«
»Sprich es nicht aus, ich kann es nicht hören«, rief Natascha aus und ein kalter, böser Glanz leuchtete in ihren Augen auf. »Hast du sie gesehen?« fügte sie nach kurzem Schweigen hinzu.
»Nein, und wenn ich sie auch gesehen hätte, hätte ich sie nicht gekannt.«
Beide schwiegen.
»Ach, weißt du? Als du heute im Arbeitszimmer so sprachst, mußte ich dich nur immer ansehen«, fuhr dann Natascha fort, sichtlich bemüht, die herangezogene Wolke zu verscheuchen. »Wie ein Ei dem andern gleicht ihr einander, du und der Junge.« So nannte sie ihr Söhnchen. »Ach, es ist auch Zeit, zu ihm zu gehen … Es ist soweit … Schade, daß ich gehen muß.«
Sie schwiegen ein paar Augenblicke. Dann wandten sie sich plötzlich gleichzeitig einander zu und fingen beide wieder zu reden an. Pierre selbstzufrieden und begeistert, Natascha mit stillem, seligem Lächeln. Als ihre Worte aufeinanderprallten, hielten sie beide inne und wollten jedes dem andern den Vortritt lassen.
»Nein, was wolltest du sagen? Sag’s doch, sag!«
»Nein, sprich du, ich fing nur so an, dummes Zeug«, erwiderte Natascha.
Pierre sprach das aus, was er angefangen hatte. Es war die Fortsetzung seiner selbstzufriedenen Erwägungen über seine Erfolge in Petersburg. Er glaubte in diesem Augenblick, dazu berufen zu sein, der ganzen russischen Gesellschaft, ja der ganzen Welt eine neue Richtung zu geben.
»Ich wollte nur sagen, daß alle Gedanken, die große Folgen gehabt haben, immer höchst einfach gewesen sind. Meine ganze Idee ist ja nur die: wenn die verdorbenen Elemente zusammenhalten und dadurch eine Macht bilden, so brauchen die ehrenhaften Menschen ja nur dasselbe zu tun. Das ist doch höchst einfach.«
»Ja.«
»Und was wolltest du sagen?«
»Ich? Nichts weiter, dummes Zeug.«
»Nein, sag es nur.«
»Es war nicht weiter von Bedeutung«, antwortete Natascha und lächelte noch strahlender. »Ich wollte dir nur von Petja erzählen. Heute, als die Wärterin kam und ihn mir abnahm, lachte er, kniff die Augen zu und schmiegte sich an mich, sicher glaubte er, er habe sich versteckt. Er war furchtbar niedlich. Doch halt, jetzt schreit er ja. Also leb wohl!« Und sie lief aus dem Zimmer.
Zu derselben Zeit brannte unten, in Nikolenka Bolkonskijs Seitenflügel, in seinem Schlafzimmer, das Nachtlämpchen. Der Knabe fürchtete sich im Dunkeln, und man konnte ihm diesen Fehler nicht abgewöhnen. Dessalles thronte hoch auf seinen vier Kissen und schlief, und aus seiner römischen Nase drangen gleichmäßige Schnarchlaute. Nikolenka war soeben aufgewacht, saß ganz in kalten Schweiß gebadet auf seinem Bett und starrte mit weit geöffneten Augen vor sich hin.
Ein furchtbarer Traum hatte ihn geweckt. Er hatte sich und Onkel Pierre in Helmen gesehen, in solchen Helmen, wie sie in seinem Plutarch abgebildet waren. Er und Onkel Pierre zogen einem gewaltigen Heer voran. Dieses Heer bestand aus weißen, schrägen Strichen, die die Luft erfüllten wie jene Spinnenfäden, die im Herbst umherfliegen und die Dessalles fil de la Vierge nannte. Ihnen voran eilte der Ruhm, der ebenso war wie diese Fäden, nur etwas kräftiger. Sie beide, er und Pierre, schwebten leicht und froh immer näher und näher dem Ziel zu. Plötzlich wurden die Fäden, die sie vorwärts bewegten, schwächer, kamen in Verwirrung, und beiden wurde mit einemmal ganz schwer zumute. Und plötzlich versperrte ihnen Onkel Nikolaj mit drohender und strenger Gebärde den Weg.
»Habt ihr das getan?« fragte er und wies auf die zerbrochenen Siegellackstangen und Federn hin. »Ich habe euch zwar lieb gehabt, aber Araktschejew hat es mir so befohlen, und deshalb werde ich den ersten, der sich noch einen Schritt weiter wagt, totschlagen.« Nikolenka sah sich nach Pierre um, doch Pierre war nun nicht mehr da. Er war nun auf einmal sein Vater, der Fürst Andrej. Sein Vater hatte weder Gestalt noch Form, aber er war da, und als Nikolenka ihn sah, fühlte er sich schwach aus Liebe, fühlte sich kraftlos, knochenlos, zerrinnend. Der Vater liebkoste und bedauerte ihn. Aber Onkel Nikolaj Iljitsch kam ihnen immer näher und näher. Da packte Nikolenka ein Grauen, und er erwachte.
Der Vater, dachte er, der Vater – obgleich zwei ähnliche Bilder im Hause waren, stellte sich Nikolenka den Vater doch nie in Menschengestalt vor –, der Vater war bei mir und hat mich geliebkost. Er hat mich gelobt, hat Onkel Pierre gelobt. Was er mir auch sagen mag, das tue ich. Mucius Scävola [252]hat seine Hand verbrennen lassen. Warum sollte ich nicht etwas Ähnliches erleben? Ich weiß, sie wollen, daß ich lernen soll. Und ich werde lernen. Aber einmal muß ich doch damit fertig sein, und dann tu ich es. Und um eines bitte ich Gott, daß ich auch so etwas erlebe wie die Männer im Plutarch, dann werde ich es ebenso machen, werde es noch besser machen. Alle müssen mich kennen, mich lieben, mich verehren … Und plötzlich fühlte Nikolenka, wie ein Schluchzen seine Brust erschütterte, und er fing an zu weinen.
»Etes-vous indisposé?« ließ sich Dessalles Stimme hören.
»Non«, erwiderte Nikolenka und legte sich wieder aufs Kissen.
Er ist lieb und gut, und ich habe ihn gern, dachte er über Dessalles.
Aber Onkel Pierre? Was ist das doch für ein wundervoller Mensch! Und mein Vater? Mein Vater! Mein Vater! Ja, ich will alles so machen, daß sogar er mit mir zufrieden sein soll …
Vorweg einige alte russische Maßeinheiten:
Desjatine – 1,09 Hektar
Tschetwert – (Getreidemaß) 2,099 hl
Werst – 1,06 km
Genua und Lucca: Napoleon erklärte nach dem 1. italienischen Feldzug 1797 Genua zur Ligurischen Republik und vereinigte sie 1805 mit Frankreich. Das 1799 von den Franzosen eroberte Lucca gab er 1805 seiner Schwester Elisa Baciocchi als Fürstentum.
dieses Antichristen: Weissagungen vom nahenden Weltende, wie sie im ausgehenden 18. Jahrhundert weit verbreitet waren, ließen im Volk, vor allem in Altgläubigen-Kreisen, aber auch bei den Freimaurern den Glauben aufkommen, Napoleon sei der Antichrist. Hatte man doch aus dem (verballhornten) Namen Napoleons die apokalyptische Zahl 666 errechnet (Offenbarung Johannis 13, 18). Vgl. die entsprechenden Zahlenspiele Pierre Besuchows.
Kaiserin: seit 1718 ist aufgrund eines Erlasses von Peter dem Großen der offizielle Titel der russischen Zaren Imperator-Kaiser.
Maria Fjodorowna: (1759-1828) Gemahlin Pauls I. (1754-1801) und Mutter Alexanders I. (1777-1825).
Depesche Nowosilzews: N. N. Nowosilzew (1761—1836), russischer Staatsmann, war 1805 in diplomatischer Mission in Paris und teilte Alexander I. in einer Depesche die Einnahme Genuas und Luccas durch die Franzosen mit.
Lavater würde sagen: J. K. Lavater (1741—1801), Theologe in Zürich, versuchte in seinen Physiognomischen Fragmenten den Charakter des Menschen als göttliches Gleichnis aus seinen Gesichtszügen zu deuten.
den Spitznamen ›König von Preußen‹: der alte Fürst wurde vermutlich nicht nur wegen seiner gepuderten Perücke mit Zopf und dem Rock à la Friedrich II. so genannt, sondern seines Charakters wegen. Tolstoi kennzeichnet ihn damit als Repräsentanten des 18. Jahrhunderts.
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