Mechthild nickte unter Schluchzen, dann umarmte und küsste sie ihre Base.
»Wir werden uns wiedersehen«, weinte sie.
»Das werden wir gewiss«, sagte Margarethe, stand auf, versuchte, sich zu fangen, und wandte sich nun an ihren Secretarius:
»Guter Bennheim, solch treue und untadelige Dienste über eine solch lange Zeit! Habt tausend Dank. Besonders für die Gewürzlieferung an den Herzog stehe ich in Eurer Schuld und würde sie so gern begleichen. Leider ist es mir nicht mehr möglich, sodass Ihr Euch selber behelfen müsst. Aber Ihr wisst ja bestens Bescheid.« Dabei zwinkerte sie dem alten Mann zu, und dieser verstand, auch wenn er gern protestiert hätte. Er wollte das unterschlagene Geld vom Herzog nicht annehmen, aber er wusste ebenso gut, dass Margarethe darauf bestand. Unerwarteterweise nämlich hatte der Herzog vor einigen Tagen seine Schuld bei der Gewürzhändlerin in bar entrichten lassen – eine Zahlung, von welcher der Fiskus noch keine Kenntnis hatte und die er auch nicht mehr erhalten sollte. Denn das Geld war für Bennheim bestimmt.
»Johanna, von dir muss ich mich nun verabschieden. Du hast einen weiten Weg vor dir.« Dabei blickte Margarethe auf die teure, riesige Uhr in ihrer Stube. »Morgen beim ersten Hahnenschrei wird Carnifex mich abholen.«
Sie lächelte ihrer Magd zu und streckte die Arme nach ihr aus. Johanna ging zu ihr und ließ sich gern von ihrer Herrin ans Herz drücken.
»Auf dem Weg nach Rinteln soll er sein. Ich beeile mich«, flüsterte Johanna Margarethe ins Ohr. »Wir werden rechtzeitig zurück sein.«
»Gott sei mit dir. Was wäre ich ohne dich«, flüsterte Margarethe zurück und gab ihrer Magd einen Kuss auf die Wange.
»So!« Nun klatschte sie in die Hände. »Leider ist mein restliches Gesinde aus dem Dienst ausgeschieden, aber dennoch fühle ich mich imstande, selbst ein kleines Abschiedsmahl für uns zu kochen. Die Herren Büttel werden nichts dagegen haben, denn auch sie sind herzlich eingeladen.«
Mit diesen Worten verschwand Margarethe in der Küche, während sich Johanna aus dem Hause stahl, um so schnell wie möglich in das sechzehn Meilen entfernte Rinteln zu eilen.
Mit einem Bann belegte Leute aus der Stadt zu geleiten, war eine der leichtesten Aufgaben eines Scharfrichters, und Justus Carnifex versah diese Aufgabe stets mit einem gewissen Gleichmut. Allein das Wehklagen der Angehörigen ging ihm zuweilen ein wenig ans Herz, doch immerhin kamen die Verurteilten mit dem Leben davon und waren meist auch unversehrt. Es sei denn, er hatte sie zuvor foltern oder brandmarken müssen, doch davon war im Falle Margarethe Gänsleins abgesehen worden.
An diesem Tage war es ihm jedoch keine leichte Aufgabe, seine Arbeit zu verrichten, denn er schätzte diese Frau sehr, die so aufrecht und stolz neben ihm her durch die von gaffenden Menschen gesäumten Straßen und Gassen schritt. Und als ihr eine dumme Vettel beim Vorbeigehen ins Gesicht spuckte, konnte er nicht an sich halten und versetzte dem unverschämten Weib einen gehörigen Fußtritt, sodass es hintenüberschlug und eine Weile im Dreck liegen blieb.
Erst als sie sich bereits inmitten des Landwehrrings befanden, wurden die Schaulustigen weniger. Lediglich eine Meute Kinder lief noch hinter ihnen her, doch sie hüteten sich, Schandlieder zu singen oder gar mit Steinen zu werfen, da sie gehörigen Respekt vor dem Scharfrichter hatten.
»Wohin werdet Ihr nun gehen, Frau Margarethe?«, fragte Carnifex scheu und leise, während sie dem Ende des Bannkreises, wo er sie allein lassen würde, näher kamen.
»Er muss sich nicht sorgen, mein Lieber. Aber vielleicht nimmt er mir nun die Fesseln ab. Da ist niemand mehr, der uns beobachtet.«
Carnifex kam diesem Wunsch Margarethes nach. Und so gingen sie die letzten Schritte frei nebeneinander her.
»Dort drüben sind sie ja«, meinte Margarethe plötzlich leise, und ein unglaubliches Strahlen erschien auf ihrem Gesicht.
»Man holt Euch ab, da bin ich erleichtert«, versicherte nun auch der Henker. »Seid nämlich gewiss, dass man uns durchaus verfolgt hat.«
»Tatsächlich?«, fragte Margarethe.
»Mindestens zwei oder drei Halunken sind uns auf den Fersen. Immerhin seid ihr vogelfrei und zudem eine schöne Frau. Man kann ungestraft mit Euch tun und lassen, was man will. Allein würdet Ihr hier draußen nicht lange sicher sein.«
»Welch beruhigende Worte, Carnifex.« Etwas irritiert blickte Margarethe sich nun um – und wahrhaftig, in diesem Augenblick huschte eine Gestalt rasch hinter einen Busch, um sich dort zu verbergen.
Nicht mehr lang, und sie hatten die Weggabelung erreicht, an welcher der Bannkreis zu Ende war und an welcher der bunte und überladene Wagen des Heilers Gugelmann wartete.
Etwas verschämt begrüßte Margarethe den Mann, der, obwohl sie sich ihm gegenüber so schlecht betragen hatte und nun zu allem Überfluss auch noch eine verstoßene Obdachlose war, erschienen war, um sie zu begrüßen.
»Verzeih mir meinen Starrsinn«, flüsterte sie, als sie sich von ihm auf den Kutschbock helfen ließ.
»Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!«, gab er schelmisch, die berühmten Worte Luthers in Worms zitierend, zurück, woraufhin er einen glücklich erleichterten Seitenblick Margarethes erntete.
Johanna, die zusammen mit dem Knecht Gugelmanns ebenfalls neben dem Wagen gewartet hatte, zögerte noch, zu ihrer Herrin auf den Bock zu steigen. Sie schritt langsam auf Carnifex zu und gab ihm die Hand.
»Auf Wiedersehen, Justus«, sagte sie.
»Du kannst doch bleiben, Johanna. Du bist nicht gebannt. Du kannst bei mir bleiben. Ich werde für dich sorgen.« Die Stimme des Henkers klang verzweifelt, und das, was er da sagte, überrumpelte Johanna vollkommen.
»Leb wohl«, erwiderte sie nun mit schwacher Stimme. »Leb wohl. Wir werden uns gewiss wiedersehen. Ich habe dir versprochen, dich zum Grabe deines Bruders zu führen, und dieses Versprechen werde ich halten.«
»Ja, leb wohl, Carnifex«, rief nun auch Margarethe. »Du bist eine gute Seele, eine der besten Seelen der Stadt.«
Nun stieg auch Johanna auf die Kutsche. Der Knecht war längst unter der Plane der Ladefläche verschwunden. Götz Gugelmann gab seinen Rössern mit einem Schnalzen zu verstehen, dass sie wieder laufen durften. Und das taten sie dann auch in einem schnellen Trab.
Carnifex blickte ihnen lange nach.
Da ging er hin, sein Traum.
Wenige Wochen später kehrte Johanna nach Hameln zurück. Sie hatten sich mit ihrer kleinen fahrenden Gruppe für eine Weile in Höxter niedergelassen, was sich offenbar bis nach Hameln herumgesprochen hatte, denn von dort erreichte Margarethe alsbald eine Nachricht ihrer Base Mechthild. Der Stadtvogt, als neuer Eigentümer des Gänslein-Hauses, erwies sich als großmütig genug, der verbannten Margarethe am Tage vor seinem Einzug zu gestatten, eine Magd ins Haus zu lassen, um letzte persönliche Dinge ihrer Herrin herauszuholen.
»Es gibt da einige Bücher über die Heilkraft von Gewürzen, die ich nun gut gebrauchen könnte. Und einige wollene Decken für den nahenden Winter wären auch vonnöten. Das ist alles«, sagte Margarethe, nachdem sich Johanna angeboten hatte, in die Stadt zurückzukehren. »Ansonsten ist es mir lediglich wichtig, Gewissheit darüber zu erhalten, dass es den wenigen mir teuren Menschen dort gut ergeht.«
Johanna nickte, sie erledigte diese Aufgabe gern. Zwar fühlte sie sich im Grunde wohl in ihrem neuen Zigeunerleben, in dem ihr Verhältnis zu Margarethe ein freundschaftlicheres, freieres geworden war. Es gab viel zu tun, man begegnete zahllosen Menschen, half ihnen und lernte täglich bislang unbekannte, interessante Dinge hinzu. Aber dennoch: Bei aller Liebe zu Margarethe Gänslein und aller Sympathie für Götz Gugelmann war es mitunter mühselig, dem Glück der beiden Tag und Nacht ausgesetzt zu sein, während Johanna selbst noch immer an ihren enttäuschten Hoffnungen zu nagen hatte. Es würde ihr guttun, allein nach Hameln zu gehen und einige Tage auf sich gestellt zu sein.
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