»Heute kommt ein Schiff aus Bremen an. Es soll Kümmel und Salz geladen haben. Bennheim schlug vor, wir sollten die Ware prüfen, sobald sie vor dem Hamelner Loch abladen müssen, und dem Kaufmann einen Handel vorschlagen.«
»Ja, das ist eine gute Idee. Das sollten wir machen.«
Nun war Margarethe erwacht. Ihr Gesicht erhielt mit einem Mal die alte Strenge und Entschlossenheit zurück. Jetzt war sie nicht mehr ganz so schön und liebreizend wie zuvor, aber dafür der Base umso vertrauter und damit angenehmer. Dennoch ahnte Mechthild, dass dieser seltsame Zustand gewiss bald wieder zurückkehren würde, immerhin hielt er schon seit vier Wochen an. Hoffentlich hatte nicht der junge, düstere Mensch damit zu tun, den Mechthild auf der Erichsburg gesehen hatte. Dieser verschlagene Tunichtgut, der gewiss noch ärgere Qualitäten als die eines Herzensbrechers besaß. Auch wenn Johanna und selbst Margarethe ihn in Schutz genommen hatten, als sie der Base die gesamte Geschichte erzählten, in der vor allem Peter Hasenstock als Übeltäter übrig blieb, so traute Mechthild dem wahnsinnigen Philipp dennoch mehr zu.
»Selbst wenn er mit dem Tode unserer armen Immeke nichts zu tun hat, so glaube ich trotz allem, dass sein Teil der Geschichte noch nicht zu Ende gespielt ist«, hatte sie gegenüber Margarethe immer und immer wieder betont, worauf diese stets geantwortet hatte, dass Philipps Aufenthalt auf der Erichsburg in keinerlei Zusammenhang mit ihnen stehen könne. Es sei denn, er habe vorgehabt, die vom Gewürzhandel Gänslein gelieferten Waren zu vergiften, doch das schien ihm nicht gelungen zu sein, denn davon hätte man nach so langer Zeit sicherlich schon Kunde erhalten. Lediglich Johanna war traurig und still geworden, sobald sie auf Philipp auf der Erichsburg zu sprechen kamen. Meist hatte sie dann das Zimmer verlassen, und Margarethe hatte ihr einen mitleidigen Blick nachgeworfen.
Ja, die Liebe.
Wie froh war Mechthild, dass sie mit derlei Dingen längst nichts mehr zu tun hatte. Ein wahrer Segen war es, fest und gewappnet gegenüber solchen Gefühlen zu sein. Nicht, dass sie es ihrer Base nicht gönnte, aber die Kauffrau Margarethe, welche am Mittag zusammen mit Bennheim zur Weser ging, um den wegen des Hamelner Lochs zum Abladen seiner Waren gezwungenen Schiffer aus dem Norden aufzusuchen, gefiel ihr doch um einiges besser als diese verzauberte Margarethe mit dem sehnsüchtigen Blick.
Noch besser hätte ihr die Margarethe gefallen müssen, die es am Abend heftig und wortgewandt mit den Bütteln des Vogtes aufnahm, als nämlich diese zusammen mit einigen Mönchen urplötzlich das Haus Gänslein stürmten. Doch der Schreck über die nahezu brutale Hausdurchsuchung war so groß, dass Mechthild in dem Moment die Ruhe einer wartend aus dem Fenster starrenden Base vorgezogen hätte.
Was war geschehen?
Man schrieb bereits das Jahr 1530. Dreizehn Jahre waren seit dem Thesenanschlag des Mönches Luther vergangen. Die reformatorischen Lehren des Wittenbergers hatten sich längst im ganzen Reich, ja, in großen Teilen Europas verbreitet. Selbst der Kaiser vermochte nichts gegen diesen Mann und seine stets wachsende Anhängerschaft auszurichten. Die Ächtung des widerspenstigen Luther auf dem Reichstag zu Worms, das Verbot seiner Schriften und das Verschwinden des Totgeglaubten auf die Wartburg hatten lediglich bewirkt, dass die Begeisterung für den Reformator nur noch mehr wuchs. Selbst unter den Großen des Reiches kam es zu einer Spaltung in Altgläubige und Evangelische, und auch die blutige Niederschlagung des in Luthers Namen begonnenen, aber von diesem aufs Schärfste verurteilten Bauernkrieges tat der Beliebtheit der evangelischen Lehren keinen Abbruch. Im Jahre 1529 sprachen zahlreiche namhafte Vertreter der Reichsstände in Speyer ihre Protestation gegenüber der kaiserlichen Religionspolitik aus, und im folgenden Jahr war es den Evangelischen auf dem Reichstag in Augsburg sogar möglich gewesen, ihre eigenen Glaubensbekenntnisse vorzulegen.
Dennoch blieb ihnen weiterhin die offizielle Anerkennung versagt, und niemand hasste sie mehr als Kaiser Karl V., der jedoch ihrer wachsenden Masse und ihrer Inbrunst machtlos gegenüberstand. Er konnte nichts ausrichten gegen diejenigen unter den Landesfürsten, welche mit der Zustimmung zu Luthers Lehren nicht nur religiös, sondern auch politisch handelten, indem sie somit die Macht des Kaisers im Reich einzudämmen trachteten. Das Reich war also in mehrere Parteien gespalten – niemand war sich sicher, was er glauben sollte, glauben durfte, glauben wollte oder glauben musste. Von der breiten Masse bis hin in die obersten Spitzen herrschte demnach maßlose Verwirrung.
Keiner konnte mit Gewissheit sagen, wohin dieser Weg führen würde, was in nächster Zukunft geschehen könnte, und so war auch in der Stadt Hameln in Glaubensdingen Ungewissheit zu verspüren. Jeder hatte seine Meinung, viele sprachen sie auch aus, aber wirklich bekennen wollte oder getraute sich noch niemand. Man wartete.
Der Rat, bestehend zumeist aus selbstbewussten, reichen Patriziern und Kaufleuten, tendierte nahezu geschlossen zu den neuen Lehren, ohne jedoch einen eindeutigen Schritt in diese Richtung zu wagen. Der Probst, die übrigen Stiftsherren, Kanoniker und Mönche der Südstadt hingegen blieben natürlich der katholischen Sache treu, und der Stadtvogt, als dritte Macht in Hameln, saß zwischen den Stühlen. Er musste sich nach seinem Herrn richten, nach dem Herzog von Calenberg, und dieser schien kein Bedürfnis zu verspüren, sich in Glaubensdingen festzulegen. Er blieb katholisch, ließ aber allen evangelischen Bestrebungen und protestantischen Wanderpredigern in seinen Landen freie Hand, verfolgte niemanden und machte es somit vor allem denjenigen seiner Untertanen, die verantwortliche Positionen innehatten, nicht einfacher. So auch dem Hamelner Stadtvogt, der sich nach langem Hin und Her schließlich doch dazu durchgerungen hatte, in dem allgemeinen Glaubensdurcheinander einen Schritt zu wagen, der ihn entweder Kopf und Kragen kosten oder ihm zu einem netten Wohlstand verhelfen könnte. Der Vogt hoffte auf Letzteres, als er beschloss, dem Vorschlag des Fremden von der Erichsburg Folge zu leisten.
Stadtrat und Probst waren bald über das Vorhaben in Kenntnis gesetzt worden. Während der Rat auf die wirtschaftlich ungünstigen Folgen hinwies, sich aber eines weiteren Kommentars enthielt, begrüßte die katholische Seite ein solches Exempel – und nachdem der Landesherr vollkommen gleichgültig reagiert hatte, fühlte der Stadtvogt sich nun abgesichert genug, um dem ihm von diesem gerissenen Burschen aufgezeigten Wink zu folgen.
Er rief also eines Tages seine Büttel zusammen und holte sich, da diese allesamt des Lesens nicht mächtig waren, geistliche Hilfe aus dem Süden der Stadt, um ohne Vorankündigung festzustellen, ob sich im Hause der Kauffrau Margarethe Gänslein tatsächlich verbotene lutherische, gar ketzerische Schriften befanden.
»Was untersteht ihr euch?« Margarethe war schon ganz heiser.
Als sie vom Weserufer zurückgekehrt war, waren sie bereits da und sogar in ihr Schlafgemach eingedrungen. Sie durchwühlten Truhen und Regale, rissen ihre Laken und Kissen auseinander, durchstöberten sogar ihre Wäsche.
Mechthild, Bennheim, Johanna und das übrige Gesinde hockten derweil in der Küche und wurden von einem der Büttel in Schach gehalten. Mechthild betete einen Rosenkranz nach dem anderen. Sie fürchtete, nun würden sie tatsächlich der Ketzerei beschuldigt. Johanna konnte sich all das nicht erklären, sie war sprachlos, und Bennheim schüttelte ebenfalls nur ungläubig den Kopf.
Von draußen war Margarethes Gekeife zu vernehmen.
»In jedem zweiten Haushalt würdet ihr diese Bücher finden. Warum sucht ihr ausgerechnet bei mir?«
»Das ist doch die Höhe, ihr Unholde. Das kann doch niemals rechtmäßig sein, was ihr hier treibt!«
Читать дальше