Loyalität kann nicht erzwungen werden, weder durch Gewalt noch durch Angst oder Einschüchterung.
Sie ist das Ergebnis einer Wahl, die nur starke Geister zu treffen imstande sind.
Und da sie auf einer Wahl beruht, toleriert sie keinerlei Verrat, doch sie ist immer großzügig gegenüber Fehlern.
Und da sie auf einer Wahl beruht, widersteht sie der Zeit und vorübergehenden Konflikten.«
Einer der jungen Männer unter
den Zuhörern, der sah, dass die Sonne
hinter dem Horizont versank und
die Versammlung sich ihrem Ende
zuneigte, fragte:
»Und was ist mit den Feinden?«
Und der Kopte antwortete:
»Wahre Weise beklagen sich nicht über Leben oder Tod. Daher nimm den Kampf an, der dich morgen erwartet, denn wir sind aus dem Ewigen Geist gemacht, der uns oft vor schwierige Situationen stellt, die wir meistern müssen.
Im Augenblick des Kampfes sollten überflüssige Fragen vermieden werden, da sie das Reaktionsvermögen des Kriegers nur herabsetzen.
Ein Krieger erfüllt auf dem Schlachtfeld sein Schicksal – ihm muss er sich hingeben. Weh denen, die glauben, dass sie töten oder sterben könnten! Denn die göttliche Kraft kann nicht zerstört werden, sie kann allenfalls ihre Form verändern. Die Weisen der Antike sagten:
Nimm dies als einen von höherer Seite bestimmten Plan hin, und schreite voran. Nicht die irdischen Schlachten entscheiden, was ein Mensch ist – denn so wie der Wind seine Richtung wechselt, wehen auch das Glück und der Sieg aus allen Richtungen. Der Besiegte von heute ist der Sieger von morgen, aber, damit dies so ist, muss man sich ehrenhaft auf den Kampf einlassen.
So wie wir neue Kleider anziehen und die alten aufgeben, schlüpft die Seele in neue Körper und gibt die alten, nutzlosen auf. Weißt du das, musst du um deinen Körper nicht fürchten.
Heute Nacht oder morgen früh steht uns ein schwerer Kampf bevor. Die Geschichtsschreibung wird über seinen Ausgang berichten.
Doch da sich unsere Versammlung ihrem Ende zuneigt, sollten wir keine Zeit mit Vermutungen darüber verlieren.
Ich möchte deshalb über andere Feinde sprechen: jene, die sich an unserer Seite befinden.
Wir alle müssen uns in unserem Leben vielen Feinden stellen, denn schwerer ist der zu besiegen, den wir fürchten.
Wir alle treffen bei dem, was wir tun, immer wieder auf Rivalen, aber die gefährlichsten sind jene, die wir für unsere Freunde halten.
Wir leiden alle, wenn wir in unserer Ehre angegriffen und verletzt werden, aber der größte Schmerz wird von jenen hervorgerufen, die wir für ein Vorbild für unser Leben hielten.
Niemand kann verhindern, dass er jemandem begegnet, der ihn verraten und verleumden wird. Aber wir können alle das Böse abwenden, bevor es sein wahres Gesicht zeigt – denn hinter einem Übermaß an Freundlichkeit verbirgt sich oft ein gezückter Dolch.
Loyale Männer und Frauen haben kein Problem damit zu zeigen, wer sie sind, denn andere loyale Menschen erkennen deren gute und schlechte Eigenschaften auch so.
Doch halte dich fern von jenen, die dir die ganze Zeit gefallen wollen.
Pass auf, dass du dir nicht selber Schmerz zufügst, indem du zulässt, dass ein feiges, bösartiges Herz Teil deiner Welt wird. Denn ist das Böse erst einmal geschehen, nützt es nichts, jemand anderem dafür die Schuld zu geben: Schließlich wurde ihm die Tür vom Hausherrn eigenhändig geöffnet.
Je schwächer jemand ist, der andere verleumdet, desto gefährlicher sind seine Taten. Biete schwachen Geistern, die keinen starken Geist neben sich ertragen können, keine Angriffsfläche.
Wenn jemand mit dir über Ideen oder Ideale streiten will, dann tritt vor, und nimm den Kampf an – denn in jedem Augenblick des Lebens ist der Konflikt gegenwärtig, und manchmal muss er zutage treten.
Doch kämpfe nicht, um zu beweisen, dass du recht hast, oder um anderen deine Ideen oder Ideale aufzuzwingen. Nimm den Kampf an, um deinen Geist rein und deinen Willen untadelig zu erhalten. Wenn der Kampf zu Ende ist, werden beide als Sieger daraus hervorgehen, weil sie ihre Fähigkeiten und Grenzen auf die Probe gestellt haben.
Auch wenn im ersten Augenblick einer von beiden sagen mag: ›Ich habe gesiegt.‹
Und der andere traurig denkt: ›Ich bin besiegt worden.‹
Da beide den Mut und die Entschlossenheit des anderen achten, wird eine Zeit kommen, in der aus einstigen Gegnern Freunde werden, auch wenn bis dahin möglicherweise tausend Jahre vergehen müssen.
Wenn aber jemand zu dir kommt, um dich zu reizen, dann schüttle den Staub von deinen Schuhen, und geh einfach weiter. Kämpfe nur mit jemandem, der es wert ist – und nicht mit jemandem, der hinterlistig versucht, einen Krieg, der bereits zu Ende ist, zu verlängern, so wie es in allen Kriegen geschieht.
Diese Barbarei kann nicht den Kriegern auf dem Schlachtfeld angelastet werden, sondern jene sind dafür verantwortlich, die Sieg und Niederlage ihren Interessen entsprechend manipulieren.
Dein wahrer Feind ist nicht der, der mit dem Schwert in der Hand vor dir steht. Es ist der, der mit dem Dolch hinter dem Rücken an deiner Seite steht.
Der wichtigste Krieg ist nicht der, der mit hehrem Geist und einer in ihr Schicksal ergebenen Seele auf dem Schlachtfeld ausgefochten wird, sondern der Kampf, der sich in unserem Inneren auf der geistigen Ebene abspielt. Er wird auch jetzt, während wir miteinander reden, zwischen Gut und Böse, Mut und Feigheit, Liebe und Angst ausgefochten.
Vergelte Hass nicht mit Hass, sondern mit Gerechtigkeit.
Die Welt teilt sich nicht in Feinde und Freunde auf, sondern in Schwache und Starke.
Die Starken sind großmütig im Sieg. Die Schwachen rotten sich zusammen und greifen jene an, die verloren haben, ohne zu wissen, dass die Niederlage etwas Vorübergehendes ist. Unter den Verlierern suchen sie sich jene heraus, die am verletzlichsten wirken.
Geschieht dies mit dir, frage dich, ob du die Opferrolle annehmen willst.
Ist deine Antwort ja, wirst du dich in deinem Leben nie mehr von ihr befreien können. Und wenn du vor einer Entscheidung stehst, die Mut verlangt, hast du von vornherein verloren. Dein Mund mag dann von Sieg reden, doch deine Augen sprechen von Niederlage, und jeder wird es bemerken.
Ist deine Antwort jedoch nein, so halte dagegen. Es ist besser zu reagieren, solange die Wunden noch leicht zu heilen sind – selbst wenn die Heilung Zeit und Geduld verlangt.
Du wirst ein paar schlaflose Nächte verbringen und denken: ›Ich verdiene das nicht.‹
Oder du wirst die Welt für ungerecht halten, weil sie dir nicht den Empfang bereitet, den du erwartet hast. Oft wirst du dich wegen der Demütigung schämen, die du vor deinen Gefährten, deiner Liebsten, deinen Eltern erlitten hast.
Doch wenn du nicht aufgibst, wird sich das Rudel Hyänen entfernen und sich andere für die Opferrolle suchen. Sie müssen diese Lektion selber lernen, denn niemand wird ihnen helfen können.
Deine Feinde sind also nicht Gegner, die dir geschickt wurden, um deinen Mut auf die Probe zu stellen.
Es sind Feiglinge, die dir geschickt wurden, um deine Schwäche auf die Probe zu stellen.«
Es war inzwischen vollkommen
dunkel geworden.
Der Kopte wandte sich an die
Gottesmänner, die alles gehört
und gesehen hatten, und fragte,
ob sie etwas sagen wollten.
Alle drei nickten.
Der Rabbi sagte:
»Als ein großer jüdischer Geistlicher sah, wie die Juden misshandelt wurden, ging er in den Wald. Er entzündete ein heiliges Feuer und sprach ein besonderes Gebet, in dem er Gott bat, sein Volk zu beschützen. Und Gott schickte ein Wunder.
Später ging sein Schüler, den Schritten des Rabbis folgend, an dieselbe Stelle im Wald und sagte:
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