Es kommt tatsächlich vor, dass Gefäße zerbrechen und mit ihnen der Pakt der Treue. In diesem Fall ist es am besten, die Scherben zusammenzukehren und sie wegzuwerfen, denn das, was einmal zerbrochen ist, wird nie wieder wie vorher.
Manchmal aber fällt das Regal aus Gründen in sich zusammen, die man nicht beeinflussen kann: wegen eines Erdbebens, wegen eines Überfalls, aufgrund einer Unachtsamkeit.
Dann schieben sich alle gegenseitig die Schuld zu und sagen: ›Warum hast du nicht aufgepasst?‹ Oder: ›Mir wäre das nicht passiert.‹
Doch das stimmt nicht. Wir alle sind Gefangene der Zeit und haben keine Kontrolle über sie.
Die Zeit vergeht, das kaputte Regal wird geflickt und wieder aufgebaut.
Andere Tongefäße rücken an die Stelle der alten. Und der neue Ladenbesitzer, der weiß, dass alles vergänglich ist, lächelt und sagt sich: ›Das Unglück meines Vorgängers ist meine Chance, und ich werde sie nicht ungenutzt verstreichen lassen, sondern neue Gefäße kaufen und darunter Schätze entdecken, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte.‹ Die Schönheit eines solchen Ladens besteht in der Einzigartigkeit jedes einzelnen Gefäßes. Sieht man sie nebeneinanderstehen, strahlen sie Harmonie aus und spiegeln die Mühen des Töpfers und die Kunst des Malers wider, der sie bemalt hat.
Keines dieser Kunstwerke darf aber von sich behaupten: ›Ich bin etwas Besonderes.‹ Denn sonst wäre es nicht mehr wert als ein Haufen Scherben.
Und so wie mit den Gefäßen verhält es sich auch mit den Menschen.
Und mit den verschiedenen Völkern und mit den Schiffen und den Bäumen und den Sternen.
Haben wir das erst begriffen, können wir uns am Abend neben unseren Nachbarn setzen, respektvoll anhören, was er zu sagen hat, und ihm sagen, was wir ihm zu sagen haben. Und keiner wird dem anderen die eigenen Vorstellungen aufzwingen.
Mögen uns die Berge auch körperlich voneinander trennen, so gibt es doch die Gemeinschaft des Geistes. Wir sind Teil dieser Gemeinschaft. Und in dieser Gemeinschaft sind die Worte wie Straßen, die Fernes verbinden, und wie bei Straßen müssen gelegentlich die Schäden repariert werden, die die Zeit ihnen zugefügt hat.
So wird ein geliebter Mensch, der zurückkehrt, niemals mit Misstrauen empfangen werden, weil die Loyalität seine Schritte begleitet hat.
Und der Mensch, der gestern noch unser Gegner war, weil Krieg war, kann heute schon unser Freund sein, weil der Krieg zu Ende ist und das Leben weitergeht.
Der Sohn, der davonging, wird zurückkehren, wenn es an der Zeit ist – und er wird reich sein an Erfahrungen, die er auf seinem Weg gemacht hat. Der Vater wird ihn mit offenen Armen empfangen und seinen Dienern sagen: ›Bringt das beste Kleid, und tut es ihm an, und gebt ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße, und bringt ein gemästet Kalb her und schlachtet’s; lasset uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.‹«
Und ein Mann, dessen Stirn von
der Zeit gezeichnet und dessen Körper
voller Narben war, die von den
Schlachten erzählten, an denen er
teilgenommen hatte, bat:
»Sprich zu uns über die Waffen,
die wir benutzen müssen, wenn
alles verloren ist.«
Und der Kopte sagte:
»Wo Loyalität ist, sind Waffen überflüssig.
Denn alle Waffen sind Werkzeuge des Bösen, nicht Werkzeuge des Weisen.
Loyalität gründet auf Respekt, und der Respekt ist die Frucht der Liebe. Die Liebe vertreibt die Dämonen des Misstrauens allem und allen gegenüber und gibt dir wieder einen klaren Blick.
Will ein Weiser jemanden schwächen, wird er zuerst den anderen glauben machen, er selber wäre stark. Dann wird dieser in die Falle laufen, jemand noch Stärkeren herauszufordern und besiegt werden.
Will ein Weiser jemanden erniedrigen, wird er den anderen dazu bringen, auf den höchsten Berg zu steigen und sich, oben angelangt, für mächtig zu halten. Dann glaubt dieser, noch höher hinaufsteigen zu können, und wird in den nächsten Abgrund stürzen.
Wenn ein Weiser begehrt, was ein anderer besitzt, wird er ihn mit Geschenken überhäufen und so dafür sorgen, dass der andere vor lauter Besitztümern den Überblick und als Folge alles verliert, was er zu besitzen glaubte.
Wenn es einem Weisen nicht gelingt herauszufinden, was sein Gegner plant, täuscht er einen Angriff vor.
Denn wir alle leben im Wahn, nicht gemocht, und in der ständigen Angst, angegriffen zu werden.
Daher ist auch unser Gegner, so brillant er auch sein mag, unsicher und reagiert mit übermäßigem Aufwand auf jede Provokation. Tut er das, zeigt er seine Waffen, und der Weise erfährt, wo die Stärken und Schwächen seines Gegners liegen.
Erst wenn er genau weiß, welche Reaktion ihn erwartet, wird der Weise angreifen oder zurückweichen.
So besiegen jene, die verzagt und schwach wirken, die Harten und Starken.
Die Weisen besiegen oft die Krieger, aber die Krieger besiegen auch oft die Weisen. Besser ist es jedoch, einen Kampf ganz zu vermeiden und Frieden und Entspannung zu suchen.
Wer im Kampf verletzt wurde, sollte sich fragen: ›Lohnt es, mein Herz mit Hass zu füllen und diese Last mit mir herumzuschleppen?‹
Damit macht er sich eines der Wesensmerkmale der Liebe zunutze: die Fähigkeit zu vergeben. So kann er sich über die im Kampfesgetümmel ausgesprochenen Beleidigungen erheben, die bald schon von der Zeit ausgelöscht werden, so wie der Wind die Fußspuren in der Wüste verweht.
Wenn du demjenigen verzeihst, der dich beleidigt hat, wird er dir, davon beschämt, Loyalität entgegenbringen.
Wir sollten uns daher der Kräfte, die uns antreiben, bewusst sein.
Der wahre Held ist nicht derjenige, der zu großen Taten geboren wurde, sondern derjenige, dem es gelingt, mit kleinen Dingen um sich herum einen Schild aus Loyalität zu schaffen.
So wird, wenn er das Leben seines Gegners verschont, sein Handeln niemals vergessen werden.
Der wahre Liebende ist nicht derjenige, der sagt: ›Du musst an meiner Seite sein, ich muss mich um dich kümmern, denn wir sind durch Loyalität aneinandergekettet.‹
Sondern derjenige, der weiß, dass Loyalität nur Hand in Hand mit Freiheit möglich ist.
Ein wahrer Freund ist nicht derjenige, der sagt: ›Du hast mich heute verletzt, ich bin traurig.‹
Sondern derjenige, der sagt: ›Du hast mich heute aus Gründen verletzt, die ich nicht kenne und die du möglicherweise selbst nicht kennst, aber ich weiß, dass ich morgen auf deine Hilfe zählen kann, und werde deshalb nicht traurig sein.‹
Und der Freund antwortet: ›Du bist loyal, denn du hast gesagt, was du fühlst. Nichts ist schlimmer als ein Freund, der aus falsch verstandener Loyalität alle Fehler des anderen hinnimmt.‹
Die zerstörerischsten Waffen sind nicht Lanzen oder Rammböcke, die die Körper verletzen und die Mauern zerstören können. Die zerstörerischste Waffe ist das Wort, das ein Leben zunichtemacht, ohne Blutspuren zu hinterlassen, und dessen Wunden niemals heilen.
Lasst uns daher unsere Zunge im Zaum halten, damit wir nicht zu Sklaven unserer Worte werden. Auch wenn die Worte gegen uns verwendet werden, sollten wir uns nie auf einen Kampf einlassen, der keinen Sieger haben wird. In dem Augenblick, in dem wir uns dem niederträchtigen Gegner angleichen, werden wir in der Finsternis kämpfen, und der einzige Gewinner wird der Herr der Finsternis sein.
Die Loyalität ist wie eine Perle inmitten von Sandkörnern, die nur jene sehen können, die begreifen, was Loyalität wirklich bedeutet.
Wer darauf aus ist, Zwietracht zu säen, mag tausendmal daran vorbeikommen, er wird die Perle nicht sehen, die allem zum Trotz jene zueinanderstehen lässt, die nicht getrennt werden sollen.
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