Eines Tages suchte Mulla Nasrudin seinen Arzt auf. Hustend ging er hinein. Der Doktor meinte: „Hört sich schon besser an.“ Nasrudin sagte: „Natürlich hört es sich schon ein bisschen besser an – ich hab schließlich die ganze Nacht geübt.“
Wenn du das Ausruhen den ganzen Tag übst, wirst du in der Nacht ruhelos. Du wälzt dich hin und her: Der Körper macht Gymnastik, damit er sich anschließend ausruhen kann. Nein, es gibt niemanden, der weniger mit dem Leben übereinstimmt als Aristoteles. Gehe zum Gegenpol: Arbeite hart am Tage und du schläfst nachts umso tiefer. Je tiefer du in den Schlaf gehst, umso mehr findest du am Morgen, dass du ungeheure Arbeitskraft hast – deine Energie ist unerschöpflich. Durch Ruhe gewinnt man Energie, durch Arbeit gewinnt man Ruhe, das ist das genaue Gegenteil.
Es kommen Leute zu mir, die sagen: „Wir leiden an Schlaflosigkeit, wir können nicht schlafen. Was sollen wir tun, um uns zu entspannen?“
Es sind Anhänger des Aristoteles.
Ich sage ihnen: „Ihr braucht nicht zu entspannen. Geht einfach spazieren, aber lange, rennt wie die Verrückten – zwei Stunden morgens, zwei abends, dann stellt sich die Ruhe von selbst ein. Sie folgt automatisch. Ihr braucht keine Entspannungstechniken; ihr braucht Techniken aktiver Meditation, nicht Entspannung. Ihr seid schon zu entspannt; eure Schlaflosigkeit beweist, dass ihr schon zu entspannt seid – ihr braucht keine Entspannung.“
Das Leben bewegt sich von einem Gegenpol zum anderen. Und Heraklit sagt: Das ist gerade das Geheimnis, das ist die verborgene Harmonie. Er ist sehr poetisch, aber anders könnte er es nicht sagen. Er kann nicht philosophisch sein, denn Philosophie bedeutet Rationalität. Nur die Dichtung kann widersprüchlich sein; ein Dichter kann Dinge sagen, die ein Philosoph nicht zu sagen wagt. Dichtung steht dem Leben näher. Und die Philosophen drehen nur Kreise um die Mitte, sie treffen nie ins Schwarze. Sie gehen rund um den heißen Brei herum. Dichter treffen direkt ins Schwarze. Wenn man irgendeine Parallele zu Heraklit im Osten sucht, dann findet man sie bei den Zen-Meistern, den Zen-Dichtern; besonders in der Dichtung, die man Haiku nennt.
Einer der großen Meister des Haiku ist Basho. Basho und Heraklit sind sich ungeheuer nah, wie in tiefer Umarmung; sie sind fast eins. Basho hat nie etwas in philosophischer Form geschrieben; er hat nur in kleinen Haikus geschrieben, nur dreizeilige Haikus von siebzehn Silben, es sind nur kleine Stücke. Heraklit hat auch nur Teilstücke geschrieben; er hat kein System aufgestellt wie Hegel oder Kant; er ist kein Systematiker – es gibt von ihm nur orakelhafte Aphorismen. Jeder Spruch ist in sich vollendet, wie ein Diamant; jeder für sich bis zur höchsten Vollendung geschliffen. Warum sollten die Einzelstücke also einen Zusammenhang ergeben? Er sprach orakelhaft. Die ganze Technik der orakelhaften Aphorismen ist im Westen vergessen worden. Erst Nietzsche schrieb wieder in diesem Stil. Sein Buch „Also sprach Zarathustra“ besteht aus orakelhaften Aphorismen. Aber seit Heraklit war Nietzsche der Einzige. Im Osten hat jeder Erleuchtete in dieser Form geschrieben. Das ist die Form der Upanishaden, der Veden, des Buddha, des Laotse, des Basho – alles reine Aphorismen.
Sie sind so knapp, dass du in sie eindringen musst, und schon dadurch, dass du in sie eindringen musst, änderst du dich – dein Intellekt wird nämlich nicht mit ihnen fertig. Basho sagt in einem Haiku:
Alter Teich
Frosch hüpft hinein
Plop
Das ist alles! Er hat alles gesagt. Erst das Bild: Du siehst einen alten Teich, einen Frosch, der am Rand sitzt, und dann: der Sprung des Frosches. Du kannst das Aufspritzen sehen und den Ton des Wassers hören. Und Basho sagt: „Alles ist damit gesagt.“ Das Leben ist nichts als das: ein alter Teich, der Sprung eines Frosches, das Aufklatschen im Wasser – und Schweigen. Das ist es, was du bist; das ist alles, was überhaupt ist – und Schweigen.
Heraklit spricht in seinem Fragment über den Fluss auf gleiche Weise. Erst ahmt er die Geräusche eines Flusses nach – autoisi potamoisi ; bevor er etwas inhaltlich sagt, ahmt er das Plätschern eines Flusses nach und dann spricht er den Aphorismus: „Du steigst nicht zweimal in den gleichen Fluss.“ Er ist ein Dichter, aber kein gewöhnlicher Dichter. Die Hindus nennen einen Dichter Rishi . Es gibt zwei Arten von Dichtern: einer, der noch träumt und aus seinen Träumen heraus dichtet – ein Byron, ein Shelley, ein Keats. Und dann gibt es die andere Art Dichter, den Rishi , den, der nicht mehr träumt– er sieht die Wirklichkeit und aus der Wirklichkeit wird Dichtung geboren. Heraklit ist ein Rishi , ein Seher, ein Dichter, der nicht mehr träumt, der der Existenz begegnet ist. Er ist der erste Existenzialist des Westens. Versucht jetzt, in seine orakelhaften Aphorismen einzudringen.
Die verborgene Harmonie
Ist besser
Als die offensichtliche .
Warum? Warum ist die verborgene Harmonie besser als die offensichtliche? Weil das Offensichtliche an der Oberfläche ist und die Oberfläche kann täuschen. Die Oberfläche kann man manipulieren, prägen. Im Zentrum bist du existenziell und auf der Oberfläche bist du sozial. Die Ehe existiert an der Oberfläche, die Liebe im Zentrum; die Liebe hat eine versteckte Harmonie; die Ehe eine offensichtliche. Geh zu irgendeinem Freund ins Haus: Wenn du durch das Fenster blickst, streiten sich Mann und Frau, ihre Gesichter sind verzerrt; kaum bist du eingetreten, ändert sich das Bild: Wie höflich sie miteinander umgehen, wie liebevoll sie säuseln!
Das ist eine Harmonie, die offensichtlich ist, eine Harmonie an der Oberfläche. Aber tief im Inneren gibt es da keine Harmonie, es ist einfach eine hohle Form, nur ein Zurschaustellen. Ein wahrhaftiger Mensch mag an der Oberfläche unharmonisch scheinen, aber in seinem Mittelpunkt ist er immer harmonisch. Selbst wenn er sich widerspricht, ist in seinen Widersprüchen eine verborgene Harmonie. Und jemand, der sich nie widerspricht, der an der Oberfläche völlig stimmig ist, kann nicht wirklich harmonisch sein. Das sind verlässliche Leute: Wenn sie lieben, dann lieben sie; wenn sie hassen, dann hassen sie – sie gestatten den Gegensätzen nicht, sich zu mischen, sich zu treffen. Sie wissen ganz genau, wer ihr Freund und wer ihr Feind ist. Sie leben an der Oberfläche und praktizieren Beständigkeit. Ihre Beständigkeit ist keine wirkliche Beständigkeit: Tief drinnen kocht Unbeständigkeit. An der Oberfläche kommen sie irgendwie zurecht. Ihr kennt sie – denn ihr seid es selbst! Oberflächlich kommt ihr irgendwie zurecht, aber das hilft euch nicht weiter. Haltet euch nicht unnütz an der Oberfläche auf. Geht tiefer – und versucht nicht, zwischen den Gegensätzen zu wählen.
Ihr müsst beide Seiten ausleben. Und wenn du beides leben kannst und dich von keiner Seite fangen lässt, wenn du beides leben kannst – wenn du lieben kannst, ohne den Abstand zu verlieren, und hassen kannst, ohne den Abstand zu verlieren, dann liegt die verborgene Harmonie in diesem unbeteiligten Beobachter. Dann weißt du, dass es sich um Wetterlagen handelt, um wechselnde Jahreszeiten, um Stimmungen, die einfach kommen und gehen – und du kannst ihre Gestalt erkennen.
Dieses deutsche Wort „Gestalt“ ist sehr schön. Es besagt, dass es eine Harmonie gibt zwischen der Figur und ihrem Hintergrund, dass sie nicht im Gegensatz zueinander stehen, sondern nur scheinbar gegensätzlich sind. Zum Beispiel: Die Lehrerin schreibt mit weißer Kreide an die Tafel. Schwarz und Weiß sind Gegensätze. Ja, für aristotelische Köpfe sind sie Gegensätze: Schwarz ist Schwarz und Weiß ist Weiß, sie sind polar entgegengesetzt. Warum schreibt die Lehrerin Weiß auf Schwarz? Kann sie nicht Schwarz auf Schwarz schreiben? Natürlich könnte sie das, aber das wäre sinnlos. Das Schwarz muss als Hintergrund dienen und das Weiß wird zur Figur darauf. So kommt es zum Kontrast, es herrscht eine Spannung zwischen ihnen: eine verborgene Harmonie. Weiß sieht auf Schwarz weißer aus; das ist die Harmonie. Auf Weiß verschwindet Weißes einfach, denn dann gibt es keine Spannung, keinen Kontrast.
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