„Pah“, platzte Dieter Pilgrim da heraus, „Schlägerfunktionen meinen Sie wohl, Ludwig! Das würde ich mir an Ihrer Stelle doch noch gut überlegen!“
„Aus der SA, nicht aus dem Militär, wird sich das künftige Volksheer entwickeln, Herr Pilgrim, und je früher ich dabei bin, desto besser meine Aussichten.“
Bei dem Wort Volksheer war Pilgrim, immerhin Sohn eines Generals der Reichswehr, zusammengezuckt und wollte noch eine Bemerkung dazu machen, sagte dann aber nichts mehr. Frau Bohner, die Herkommer gegenübersaß, war, nachdem sie das mit der SA erfahren hatte, ebenso verstummt und blickte mit plötzlich ausdruckslos gewordenem Gesicht an Herkommer vorbei.
Danach wollte kein rechtes Gespräch mehr aufkommen. Frau Bohner, die fast die Lebhafteste gewesen war, schluckte nur noch und brachte nicht ein Wort mehr heraus. Schon bald rüsteten sich die Gäste zum Aufbruch. Man versprach, sich wiedersehen zu wollen, und keiner ahnte, dass sie sich nie wieder zu viert treffen würden.
Herkommer ging zusammen mit den Gästen, um noch etwas zu erledigen. Frau Bohner blieb allein in der Wohnung zurück. –
Nach einer verzweifelten Nacht fuhr Violet Bohner in aller Frühe zu ihrer Tante Constanze nach München. Tante Constanze, wohlhabende Witwe ohne eigene Kinder, war die Schwester ihres Vaters und ihr immer zärtlich zugetan gewesen. Ach, sie hätte sie schon viel früher einmal besuchen sollen! Seit der letzten Begegnung sind doch Jahre vergangen, und der Anfang ihres Gespräches, ja das Gespräch überhaupt wird schwierig werden. Aber sie wüsste sonst keinen Menschen, an den sie sich wenden könnte. Sie brauchte einfach jemanden, dem sie alles erzählen, vor dem sie ihre ganze Pein ausbreiten konnte. Ob das Verrat ist an Ludwig, wenn sie nun alles mit Tante Constanze bespricht? War es nicht überhaupt schon Verrat an Norbert, ihrem Mann, dass sie sich mit Ludwig eingelassen hat? Wie viele Jahre bin ich inzwischen schon allein? Ich bin doch immer noch eine ziemlich junge Witwe, oder nicht? Stammen denn nicht meine besten Arbeiten aus der Zeit, wo ich nur für die Fotografie lebte?
Sie quälte sich mit immer neuen Fragen. Während der ganzen Fahrt hielt sie ein verknäultes Taschentuch zusammengepresst in der Hand.
Tante Constanze empfing sie strahlend und mit prallem Wohlwollen. Sie hat sich wundervoll gehalten, dachte Violet Bohner, noch immer unverkennbar eine Dame der Gesellschaft, eine Dame, die im rechten Verhältnis zu ihrem eigenen Alter steht. Ich sehe so etwas als Fotografin. Sie muss eine ausnehmend schöne Frau gewesen sein, und auch heute noch – oh, ich hätte einen Apparat mitnehmen sollen.
„Dass du zu mir kommst, Kindchen, um deine kleinen Sorgen mit mir zu besprechen, das freut mich besonders! – Ja, das ehrt mich geradezu“, fügte sie mit gut gespieltem Stolz und blitzenden Augen noch hinzu. „Ihr jungen Leute seid sonst nicht so offenherzig gegenüber uns Alten.“
Sie gingen durch eine helle Diele und – sieh da! – in einem weiten Erker hingen im Großformat, sauber aufgezogen, einige ihrer schönsten Aufnahmen an den Wänden. Sie war selbst überrascht, dass es so viele waren, die sie da im Lauf der Jahre Tante Constanze zu allen möglichen Anlässen geschickt hatte.
Trotz des herzlichen Empfangs und der überraschenden Begegnung mit ihren eigenen Bildern verspürte Violet immer noch arge Beklemmung, und das Reden über sich selbst fiel ihr schwer. Ich hätte vielleicht doch erst einmal versuchen sollen, mit mir allein ins Reine zu kommen, so suchte sie, noch ehe sie recht saßen, ihren inneren Rückzug vorzubereiten; was kann mir da Tante Constanze schon helfen.
Violet, die so Selbständige und Erfolgreiche, kam sich Tante Constanze gegenüber klein vor wie ein junges Mädchen, das von zu Hause weggelaufen war und nun beichten muss. Dabei hätte es keinen Menschen gegeben, der ihr liebevoller zugehört hätte als Tante Constanze. Violet sprach fast tonlos und in verkürzten Sätzen, als lese sie aus einem gedrängt geschriebenen Tagebuch vor.
Sie erzählte zögernd, manchmal auch stockend, wie sie Ludwig Herkommer kennengelernt hat, wie unbefangen und frisch er damals das Zimmer besichtigt hatte, wie sie sich allmählich freundschaftlich näher gekommen sind – „er war mir einfach sympathisch, verstehst du, so grenzenlos sympathisch“ –, wie sich alles weiterentwickelt hat, ohne ihr Zutun, und welche Zweifel sie manchmal überkamen.
„Weißt du, ich bin immerhin fast 16 Jahre älter, er könnte mein Sohn sein.“
„Nun ja, fast“, korrigierte Tante Constanze trocken. „Du kannst ganz frei und unbefangen zu mir reden, mein liebes Kind. Ich weiß doch selbst, wie das ist. Nach Carls Tod, wirklich, erst ein paar Jahre nach seinem Tod“, Violet kannte Onkel Carl nur dem Namen nach, „da hatte ich auch einen guten Freund. Fast bis zu dessen Tod. Das war ein wunderbarer Mann. So unternehmenslustig, dabei so zärtlich und viel vergnügter und ausgelassener als mein würdiger Carl gewesen war. Und viel Lebensfreude heißt immer auch viel Lebenskraft! Oh, die hatte er!“
Tante Constanze schien noch immer begeistert von dieser Verbindung, und man sah ihr an, wie gern sie an diese Zeiten zurückdachte.
„Eines Tages aber kam unser Rabbiner zu mir – eigentlich ein lieber und herzlicher Mensch. Mein guter Carl war mit ihm fast befreundet gewesen, kann man sagen, aber ich hatte ihn schon seit vielen Jahren, ich glaube seit Carls Beerdigung, nicht mehr gesehen – und der machte mir arge Vorhaltungen, das war ganz schlimm. Ich war fassungslos und den Tränen nahe. Er komme im Rahmen seiner allgemeinen Verpflichtung zur Seelsorge bei allen Gemeindemitgliedern, meinte er fast entschuldigend. Carl war ja sehr gläubig gewesen, er zählte wohl zur Gruppe der Konservativen, die aber immer noch viel moderner sind als die Orthodoxen, und meine Gleichgültigkeit hat ihn sicherlich geschmerzt, obwohl wir immer wieder gute Gespräche über Glaubensfragen geführt haben. – Aber wie die in der jüdischen Gemeinde doch sofort alles erfahren, was man macht! Selbst in einer so großen Stadt wie München! Und wie sie sich auch um das Leben von Leuten kümmern, die sie im Grunde gar nichts mehr angehen!“
Violet fühlte sich erleichtert. Sie berichtete nun freier über den Wandel ihrer Gefühle, und erzählte von Gaski, diesem merkwürdig begabten Hund.
„– genauso, wie er Gaski sich zum Gefährten gemacht hatte – ohne ihn zu knechten –, genauso mühelos unterwarf er auch mich. Ohne Anstrengung oder gar Gewalt, abwartend nur – einfach indem er da war.“
Sie stockte wieder und fuhr dann fort:
„Er ist für mich die Kraft und das Leben, ich möchte ihn in mich – hereinsaugen geradezu.“
„Vergiss nicht, mein Kind“, fügte Tante Constanze hinzu, und da klang Kenntnis auf, „ein Liebhaber ist umso besser, je mehr er auch dem Partner Lust bereiten will. Das gilt für beide, und gleichzeitig.“
Violet berichtete, wie sich später dann ihr Verhältnis immer mehr stabilisierte, aber eben auf einer schmalen Basis – „wir trafen uns nur zu Hause, nirgends sonst und mit niemandem sonst“ – und sie beklagte die langen Unterbrechungen, weil er wochenlang dienstlich unterwegs sein musste, bis er dann in einer Nacht plötzlich und ungestüm wieder erschien.
„Aber gestern kam der totale Absturz. Obwohl man ihm eine besondere Karriere bei der Oberfränkischen Eisenbahn versprochen hat, will er dort weg. Wahrscheinlich gerade deshalb, weil er sich so bewährt hat, wollen ihn die Neuen haben – da scheint es irgendwelche Verbindungen zu geben! Er hat einen festen Posten angeboten bekommen, also hauptberuflich, bei der SA, das sind die mit den Braunhemden in der Hitlerpartei.“
„Ja, ich weiß, aber um Gottes willen, was verspricht er sich denn da davon?“
„Ich weiß noch nichts Genaueres. Ich weiß nur, dass es jetzt aus ist, aus sein muss! Aber meine Leidenschaft“, und sie sagte tatsächlich Leidenschaft, „hat sich ja nicht geändert. Das macht alles so schlimm.“
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