1 Geleitwort der Reihenherausgeber
2 1 Einleitung
3 2 Epidemiologie
4 2.1 Bevölkerungsrepräsentative Prävalenzschätzungen der Glücksspielstörung
5 2.1.1 Prävalenz der Glücksspielstörung im Jugendalter
6 2.1.2 Migrationshintergrund und Glücksspielstörung
7 2.2 Befunde aus Längsschnittstudien und Katamneseerhebungen
8 2.3 Gesetzliche Regelungen zur Glücksspielteilnahme
9 2.4 Versorgungsstrukturen in Deutschland
10 3 Verhaltensspezifika
11 3.1 Klassifikation und Wandel der Definition der Glücksspielstörung
12 3.2 Die Glücksspielstörung als Form einer Verhaltenssucht
13 3.3 Entwicklungsdynamiken einer Glücksspielstörung
14 3.3.1 Zwischen Leidensdruck und Hilfesuche – das Paradoxon fehlender Inanspruchnahme von Hilfen
15 3.3.2 Therapieabbrüche bei der Glücksspielstörung: Ein Erklärungsmodell
16 4 Neurobiologie
17 4.1 Eine kurze Übersicht zu neurobiologischen Korrelaten abhängigen Verhaltens
18 4.2 Neurobiologische Faktoren bei der Glücksspielstörung
19 4.3 Genetische und epigenetische Faktoren der Glücksspielstörung
20 4.4 Neuropsychologische Aspekte
21 4.5 Neuropsychologie und Neurobiologie bei der Störung durch Glücksspiele – eine zusammenfassende Perspektive
22 5 Verhaltenswirkungen
23 5.1 Ein Heterogenes Störungsbild
24 5.2 Internetbasiertes Glücksspiel
25 5.3 Bindungsmerkmale bei Glücksspielprodukten
26 5.4 Störungsspezifische kognitive Verzerrungen
27 5.5 Werbung für Glücksspielprodukte
28 6 Psychosoziale Aspekte
29 6.1 Finanzielle Auswirkungen
30 6.2 Auswirkungen auf Familie und Beruf
31 6.3 Komorbide psychische Störungen
32 6.4 Suizidalität
33 6.5 Delinquenz
34 6.6 Somatische Komplikationen
35 7 Ätiologie – ein integrativer, interdisziplinärer Ansatz
36 7.1 Allgemeine Mechanismen bei der Entstehung von Abhängigkeitserkrankungen
37 7.2 Spezifische Risikofaktoren
38 7.2.1 Soziale Einflüsse
39 7.2.2 Einflüsse des Glücksspielprodukts
40 7.2.3 Einflüsse der Persönlichkeitsmerkmale
41 7.3 Ein integrativer Erklärungsansatz
42 7.4 Einige Erweiterungen zum Pfadmodell der Glücksspielstörung
43 8 Diagnostik
44 8.1 Diagnostische Kriterien der Glücksspielstörung
45 8.1.1 Fragebogenverfahren und Screeninginstrumente zu den diagnostischen Kriterien der Glücksspielstörung
46 8.1.2 Klinische Interviews und Fremdbeurteilungsverfahren zur Glücksspielstörung
47 8.2 Weiterführende Fragebogenverfahren zur ergänzenden Diagnostik
48 9 Therapieplanung und Intervention
49 9.1 Wirksamkeit verschiedener Interventionen
50 9.2 Psychopharmakotherapie der Glücksspielstörung
51 9.3 Tiefenpsychologische und psychodynamische Ansätze zur Behandlung der Glücksspielstörung
52 9.4 Therapieplanung
53 9.4.1 Festigung der Veränderungsmotivation
54 9.5 Etablierte Behandlungsstrategien und Therapieprogramme
55 9.6 Die Expositionsbehandlung
56 9.7 Integration neuer therapeutischer Ansätze in der Behandlung
57 9.7.1 Modifikation glücksspielspezifischer kognitiver Verzerrungen
58 9.7.2 Modifikation subklinischer aufrechterhaltender Faktoren
59 9.7.3 Elemente der Dritten Welle der Verhaltenstherapie
60 9.7.4 Das alternativlose Abstinenzgebot?
61 9.8 Rückfallprophylaxe – bewährte und innovative Ansätze
62 10 Synopse und Ausblick
63 Literatur
64 Stichwortverzeichnis
Glücksspiele, frei definiert, versteht man darunter zumeist in Gesellschaft anderer Menschen stattfindende Freizeitaktivitäten, bei denen sich die Teilnehmenden miteinander oder mit einer dritten Partei in einem Spiel messen, das einen materiellen Einsatz erfordert und dessen Ausgang zu einem großen Teil vom Zufall bestimmt wird und wiederum die Aussicht auf einen materiellen Gewinn bietet.
Bereits 3.000 Jahre vor Christus waren Glücksspiele der Menschheit bekannt, dies zumindest lässt sich aus den Funden sechsseitiger Würfel in Teilen Chinas und Mesopotamiens schließen. Auch frühe Niederschriften, etwa aus der Indischen Hochkultur weisen bereits auf das Glücksspiel, bzw. dessen negative Seiten, hin, wenn da von Menschen zu lesen ist, die beim Spiel ihr gesamtes Hab und Gut eingebüßt haben. Entsprechend waren schon rund 500 Jahre vor Christus erste Bemühungen dessen, was wir heute als »Responsible Gambling« (verantwortungsbewusstes Spielen) bezeichnen, zu verzeichnen, als Themistokles für ein Spielverbot für Staatsbeamte plädierte. Auch der Römische Kaiser Justinian verbot im Römischen Reich etwa 500 nach Christus jedwede Teilnahme am Glücksspiel und die Folgejahrhunderte waren geprägt durch wechselnde Einstellungen innerhalb verschiedener Gesellschaftsschichten und abhängig vom jeweiligen Kulturkreis, schwankend zwischen moralischen Bedenken, gesellschaftlichem »Must-have«, harmlosem Freizeitvergnügen und gern gesehener staatlicher Einnahmequelle.
Der Überlieferung zu Folge wurde 1762 das Sandwich erfunden, als sich John Montagu, 4. Earl of Sandwich, nicht von einer stundenlangen Partie des Glücksspiels Cribbage lösen konnte, trotzdem Hunger verspürte und sich Fleisch zwischen zwei Brotscheiben servieren ließ, um es bequem während des Spiels verzehren zu können. Im 17. Jahrhundert wurde schließlich das Roulette populär, Lotterien hatte es zuvor schon gegeben und 1866 erschien Fjodor Dostojewskis »Der Spieler«. Zwei Jahre später schloss der Norddeutsche Bund alle Spielbanken, 1933 hoben dies die Nationalsozialisten wieder auf. Im Jahre 2008 trat der Glücksspielstaatsvertrag in Kraft und mit ihm mehr oder weniger klar geregelte oder durchsetzbare Bemühungen, das Spielverhalten der Bevölkerung, das gesamtgesellschaftlich nun irgendwo zwischen Vergnügen, Zwielicht und Glücksrittertum angesiedelt wird, in kontrollierte Bahnen zu lenken.
Als klinisch relevantes Phänomen wurde die Spielsucht übrigens erstmalig im Jahre 1561 in der Abhandlung »Über das Würfelspiel oder die Heilung der Leidenschaft, um Geld zu spielen« des Arztes und Philosophen Paquier Joostens thematisiert. Ein damals schon großer Titel für ein fraglos großes Phänomen, das ebenso fraglos noch größeres Leiden als die Leidenschaft selbst zu verursachen vermag.
Was die Heilung dieses Phänomens angeht, so stehen Medizin und Psychotherapie auch mehr als 400 Jahre später noch immer vor mehr Rätseln als dass sie klare Antworten hätten. Es scheint, als sei die Behandlung des pathologischen Glücksspiels an ihre Grenzen gestoßen, nachdem in den frühen 1980er Jahren, kurz nachdem das pathologische Glücksspiel erstmals als eigenständige Diagnose in das DSM-III aufgenommen worden war, die Forschung hierzu einen kleinen Boom erleben durfte. 40 Jahre später müssen wir festhalten, dass das, was damals beachtenswert und vielversprechend war, heute zwar noch immer gerne und oft therapeutische Anwendung findet, gleichzeitig aber dringend notwendige therapeutische Innnovationen zwar vielerorts schwer vermisst, aber nur selten umgesetzt werden.
In diesem Band möchten wir Interessierten von daher nicht nur einen aktuellen Überblick zu verschiedenen Aspekten jener Störung, die seit Veröffentlichung des DSM-5 den Namen »Glücksspielstörung« trägt, bieten, sondern insbesondere auch Denkanstöße für eine neue therapeutische Herangehensweise bei der Behandlung dieses Störungsbildes geben. Eine Heilung dessen, was Leiden schafft, sei an dieser Stelle nicht versprochen, wohl aber ein Fingerzeig zu einem innovativeren therapeutischen Umgang.
Fallbeispiel 1: Patientin, 32 Jahre, Glücksspielstörung in Bezug auf Geldspielautomaten
In einer Fachberatungsstelle mit einem Schwerpunkt auf Verhaltenssüchte stellt sich eine 32-jährige Angestellte vor. Die Mutter einer siebenjährigen Tochter berichtet, dass sie vor neun Jahren bereits eine stationäre Rehabilitation wegen einer Automatensucht absolviert habe. Damals habe sie mitten in ihrer Ausbildung zur Köchin gesteckt und sei nach der Arbeit mit anderen Auszubildenden des Restaurants in Spielotheken gegangen, um wenigstens nach Feierabend »noch etwas Spaß und Ablenkung« zu haben. Die Gruppe hätte das als harmloses Vergnügen erlebt, sie hätten nur um kleine Beträge gespielt und sich über die Wutausbrüche und die Versunkenheit anderer Gäste, die »stur vor ihren Automaten hockten« amüsiert.
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