3 Abkürzungsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis ArbSchG Arbeitsschutzgesetz BAG Bundesarbeitsgericht BAT Bundesangestelltentarifvertrag BGB Bürgerliches Gesetzbuch BGH Bundesgerichtshof BVerfG Bundesverfassungsgericht LAG Landesarbeitsgericht MuSchG Mutterschutzgesetz MuSchArbV Verordnung zum Schutz Schwangerer NJW Neue Juristische Wochenschrift (Zeitschrift) Rdn. Randnummer SGB Sozialgesetzbuch StGB Strafgesetzbuch u. U. unter Umständen VO Verordnung WBVG Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz WPM Wertpapiermitteilungen (Zeitschrift)
4 I Psychologischer Teil I Psychologischer Teil
5 1 Einführung 1 Einführung Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe Aggression und Gewalt oft synonym verwendet. Bei einer genaueren Betrachtung merkt man schnell, dass es sich um sehr vielschichtige Phänomene handelt, die in den unterschiedlichsten Formen und in allen Bereichen unseres Lebens auftreten können. Gerade im Bereich der Pflege unterliegt das Thema »Gewalt« häufig einem großen Tabu. Aggressive Verhaltensweisen können sich nicht nur zwischen dem Pflegenden und dem zu Pflegenden entwickeln, sondern sie können sich zwischen allen, an dem »System Pflege« beteiligten Personen, bilden. Die jeweilige Reaktion auf das Verhalten des Anderen beeinflusst das Verhalten aller an der Pflege beteiligten Personen. So entstehen Muster in unserem zwischenmenschlichen Verhalten, die mehr oder weniger starr sind, kopiert werden oder zu festgefahrenen Verhaltensweisen führen.
6 1.1 Aggression und Gewalt 1.1 Aggression und Gewalt »Aggressivität umfasst das Spektrum von leichter Gereiztheit, Verbalaggressivität, Gewalt gegen Gegenstände, Autoaggression, Tätlichkeit und körperliche Gewaltanwendung bis hin zu unkontrolliertem Toben …« (Pajonk 2001, S. 206) Laut Steinert (Steinert T., 1995) liegt aggressives Verhalten dann vor, wenn sich eine Person bedroht, angegriffen oder verletzt fühlt. Dollard et al. (Dollard et al. 1939, S. 19) definierten Aggression »als eine Handlung, deren Zielreaktion die Verletzung eines Organismus (oder Organismus-Ersatzes) ist«. Eine Aggression kann offen (körperlich, verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der Kultur gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein (Selg 1997).
7 1.2 Formen von Gewalt im Pflegebereich 1.2 Formen von Gewalt im Pflegebereich Gewalt entsteht durch das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen. So hat Gewalt am Arbeitsplatz viele Facetten und beinhaltet neben Beleidigungen und Beschimpfungen auch sexuelle Belästigung, Nötigung, Körperverletzung, Rassendiskriminierung und Sachbeschädigung. (Eckert 2014). Auf der anderen Seite hat eine Befragung von Pflegekräften aus dem ambulanten Bereich ergeben (Rabold 2007), dass ca. 39,7 % der Befragten innerhalb der letzten 12 Monate mindestens eine Form problematischen Verhaltens gegenüber Pflegebedürftigen erlebten. Verbale Aggression und Formen psychischer Misshandlung wurden von 21,4 % der Befragten beobachtet. 18,8 % sprachen von pflegerischer Vernachlässigung, 8,5 % von körperlicher Gewaltanwendung. Finanzielle Ausbeutung, Medikamentenmissbrauch und Einschränkung des freien Willens/Freiheitsentzug sind weitere Formen der Gewalt im Pflegebereich.
8 2 Wissenschaftliche Erklärungsansätze zur Entstehung von Aggression und Gewalt 2 Wissenschaftliche Erklärungsansätze zur Entstehung von Aggression und Gewalt Um präventiv gegen die Entstehung von Aggression und Gewalt im Pflegebereich vorgehen zu können, muss man zuerst verstehen, welche Auslöser dafür verantwortlich sind. In der Aggressionsforschung gibt es drei große Theorien, die sich mit der Entstehung von Aggression und Gewalt beschäftigen.
9 2.1 Triebtheorien nach Sigmund Freud und Konrad Lorenz 2.1 Triebtheorien nach Sigmund Freud und Konrad Lorenz Sowohl Freud als auch Lorenz gingen davon aus, dass Aggression ein angeborener Trieb ist, der sich in jedem Wesen aufstauen kann und spontan und unkontrolliert entladen wird. Triebe dienen der Lebens-, Art- und Selbsterhaltung. Sigmund Freud erfasste in seiner Triebtheorie (Freud 1905/1961) Kräfte, die das psychische Geschehen bestimmen, um der Selbsterhaltung zu dienen. Diese äußern sich in körperlicher Anspannung. Die Aggression staut sich auf, um sich dann spontan und unkontrolliert zu entladen. Er betrachtet Aggression als Teil des lebenszerstörenden Todestriebes (Thanatos), der in jedem Menschen wohnt. Dem gegenüber steht der lebenserhaltende Trieb (Eros). Ziel der Triebimpulse ist es, unlustvolle Reizzustände zu beenden. Konrad Lorenz betrachtet Aggression als Instinkt. Ausgehend von Tierbeobachtungen entwickelte Lorenz das psychohydraulische Energiemodell (Lorenz 1937). Aggression staut sich an und strebt ständig nach außen. Folgt ein auslösender Reiz führt dieser zu aggressiven Verhaltensweisen. Je stärker der Reiz oder die Motivation ist, desto stärker fällt die Reaktion aus. Ein sehr starker Reiz kann auch bei fehlender Motivation eine Reaktion auslösen und umgekehrt.
10 2.2 Die Frustrations-Aggressions-Hypothese 2.2 Die Frustrations-Aggressions-Hypothese Die Frustrations-Aggressions-Hypothese (Dollard 1939) besagt, dass Aggression immer ein Resultat von Frustration ist. Je größer die Frustration, desto größer die Aggression (proportionale Entwicklung). Möchte eine Person ein Ziel erreichen, und wird ihr dabei durch äußere Einflüsse ein Hindernis in den Weg gestellt, verändert die Frustration darüber den Erregungszustand der Person und es kommt zu körperlicher Anspannung. Aggression kann sie wieder zum Normalzustand zurückführen und als Erleichterung angesehen werden. Diese Hypothese wurde von Miller (Miller 1941) weiterentwickelt. Er geht davon aus, dass Frustration lediglich als Anreiz für Aggression dient. Die individuelle Frustrationstoleranz muss berücksichtigt werden. Unterbindet man die Ausübung der Aggression kommt es zu einer Verschiebung der Aggression auf andere Personen oder Dinge.
11 2.3 Lerntheoretische Erklärungsmodelle – Theorien des sozialen Lernens 2.3 Lerntheoretische Erklärungsmodelle – Theorien des sozialen Lernens 2.3.1 Modelllernen, soziales Lernen oder Lernen durch Beobachtung A. Bandura (Bandura 1976) geht davon aus, dass aggressives Verhalten erlernt wird. Das eigene Verhalten wird durch Nachahmung erfolgreicher Vorbilder erworben (Lernen am Modell). Die Person eignet sich das beobachtete »erfolgreiche« Verhalten an, speichert es ab, um es später in einer geeigneten Situation abzurufen. Das erlernte Verhalten kann auch auf völlig unterschiedliche Situationen übertragen werden. Modelle (Personen) zu denen der Beobachtende eine gute Beziehung hat, Personen die er liebt oder die einen höheren sozialen Status haben eignen sich besonders, um das Verhalten zu kopieren. Pflegende und betreuende Personen haben hier eine Vorbildfunktion. Ihr Verhalten untereinander, den Angehörigen und Patienten gegenüber ist mitverantwortlich für die Entstehung von Aggressionsmustern.
12 2.3.1 Modelllernen, soziales Lernen oder Lernen durch Beobachtung
13 2.3.2 Versuch- und Irrtum-Methode (Lernen aus Erfahrung) 2.3.2 Versuch- und Irrtum-Methode (Lernen aus Erfahrung) Geprägt wurde diese Methode von Jennings und Holmes (Musseler 2002) Um ein angestrebtes Ziel zu erreichen, »probiert« eine Person so lange verschiedene Lösungsmöglichkeiten aus, bis sich der gewünschte Erfolg einstellt. Fehlschläge werden bewusst in Kauf genommen. Erlebter Erfolg/Misserfolg führt zu einer Verstärkung/Verminderung aggressiven Verhaltens.
14 2.4 Weitere Erklärungen 2.4 Weitere Erklärungen 2.4.1 Gewaltendreieck nach Galtung Der Soziologe und Friedensforscher Johan Galtung (Galtung 2007) unterscheidet in seinem Modell drei Formen der Gewalt: Abb. 1: Gewaltendreieck nach Galtung (Galtung 2007) Alle drei Formen der Gewalt treten gemeinsam auf und beeinflussen sich gegenseitig. Indirekte (strukturelle) Gewalt geht nicht von einer bestimmten Person aus, sondern ist in unserem Gesellschaftssystem verankert und wirkt sich so indirekt auf die Handlung von Personen aus (z. B. Personalmangel in Pflegeeinrichtungen, Kosten- und Zeitdruck bei der Pflege). Direkte (personale) Gewalt wird direkt von einer Person ausgeübt, mit der Absicht der Schädigung einer anderen Person oder Sache. (z. B. Drohungen, Misshandlungen). Kulturelle Gewalt dient dazu, strukturelle und personale Gewalt zu legitimieren bzw. durch den gesellschaftlichen Hintergrund zu rechtfertigen. (z. B. Rollenbilder, Akzeptanz von Gewalt, Mentalität).
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