Sehr viele Jugendliche mit AD(H)S haben Freude am Joggen und werden später zu Marathonläufern, andere werden dank ihres schnellen Reaktionsvermögens und ihrer hohen Einsatzbereitschaft zu besonders guten Torhütern von Ballsportarten.
Meiner Beobachtung nach gibt es viele Profisportler und sogar Weltmeister mit deutlicher AD(H)S-Symptomatik. Der Sport verhilft ihnen zu einer hohen Lebensqualität mit einem guten Selbstwertgefühl und einem angemessenen Sozialverhalten.
Exkurs: Leistungssport und Medikamenteneinnahme, geht das überhaupt?
Leistungssportler, die wegen ihrer AD(H)S-Problematik auf Methylphenidat eingestellt sind, müssen durch ihren behandelnden Arzt eine medizinische Ausnahmegenehmigung für die therapeutische Anwendung verbotener Substanzen bei der international für sie zuständigen Anti-Doping-Organisation beantragen. Obgleich strenge Kriterien bestehen, ist es nicht mehr unmöglich, auch mit medikamentös behandeltem AD(H)S Leistungssport zu treiben und an Wettkämpfen teilzunehmen.
Die Frage nach der richtigen Sportart stellt sich besonders bei Kindern und Jugendlichen mit einem ADS ohne Hyperaktivität, denn Sport ist gerade für sie von großer therapeutischer Bedeutung. Diese Kinder benötigen eine Sportart, die ihnen hilft, schneller und besser zu reagieren, um ihr Denken und Handeln zu beschleunigen. Dafür eignen sich am ehesten Tischtennis, Tischfußball, Tennis, Klettern, Reiten, alle Kampfsportarten, Schwimmen, Federball und Fechten. Über die Art und den Erfolg beim Sport entscheiden auch hier das individuelle Interesse, die Veranlagung, die Dauer und die Häufigkeit des Trainings.
Auch Schachspielen ist als Training nicht der motorischen, sondern der kognitiven Bahnen unbedingt zu empfehlen. Hier ist zudem ein Ausgleichssport erforderlich.
Kinder mit AD(H)S sollten von ihren Eltern oder Lehrern auf keinem Fall damit bestraft werden, dass sie am Nachmittag nicht zum Sport gehen dürfen oder, noch schlimmer, vom Schulsport ausgeschlossen werden. Solche Verbote nutzen in aller Regel niemandem, im Gegenteil, sie verschlimmern mittel- und langfristig letztendlich nur die Problematik. Hier sollten alle Beteiligten eine andere Lösung finden.
Sport ist ein wichtiger Bestandteil der AD(H)S-Therapie, weil er innere und äußere Unruhe reduziert, die Konzentration verbessert und hilft, Aggressivität abzureagieren.
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Erfolgreich lernen und studieren, den Lernprozess automatisieren
4.1 Sein eigener Therapeut sein
Sein eigener Therapeut sein setzt voraus, dass Sie etwas verändern wollen und genau wissen was und sich ständig darum bemühen. Auch hier noch einmal der Hinweis: Medikamente allein reichen nicht! Sie können den Lernprozess nur positiv unterstützen. Damit eine Therapie des AD(H)S gelingt, ist es notwendig, dass Sie die Motivation und den Willen zur Veränderung selbst aufbringen, für sich klare und erreichbare Ziele formulieren und an deren Erreichen täglich arbeiten.
Wenn alles Anstrengen und Üben keinen Erfolg bringt, geht letztendlich die Therapiemotivation verloren. Um das zu verhindern und damit der Leidensdruck nicht noch größer wird, sollte nun die Zugabe von Methylphenidat erwogen werden. Die medikamentöse Substanz Methylphenidat verbessert die Ergebnisse der lern- und verhaltenstherapeutischen Strategien, sollten diese trotz intensiven Bemühens keinen ausreichenden Erfolg bringen. Methylphenidat reduziert die Reizüberflutung, was ein Gefühl der inneren Ruhe auslöst, die Ablenkung reduziert und die Konzentration verbessert. Nervenbahnen können sich dann durch Üben besser entwickeln und ermöglichen die Automatisierung von Lernprozessen, so dass abgespeichertes Wissen, geübtes Verhalten, sich selbst gegebene Vorsätze und Absprachen schneller und korrekter abrufbar werden.
• Ein Verhaltenstraining wird mit geringerer Anstrengung und auf Dauer erfolgreicher, vorausgesetzt das erwünschte Verhalten wird genau eingeübt und durch Wiederholung gefestigt. Nur so kann es sich automatisieren.
• Handlungsabläufe und Gefühlssteuerung können besser kontrolliert werden, wobei Selbstinstruktionen erforderlich sind.
• Sozial angepasstes Reagieren ist schneller möglich, weil sich durch die Behebung des Botenstoffmangels der Informationsfluss in den Nervenbahnen beschleunigt.
• Die Informationen gelangen schneller vom Arbeits- zum Langzeitgedächtnis, was die Entscheidungs- und Umstellungsfähigkeit erleichtert.
4.2 So gelingt bei AD(H)S das Lernen leichter
Lernen bei AD(H)S bedarf vieler Besonderheiten, damit es erfolgreich ist. Welche das sind und warum das so ist, darüber sollten sich alle Betroffenen, deren Eltern und Therapeuten ausführlich informieren.
Welche konkreten Lernstrategien haben sich in der Praxis bewährt?
Lernen erfordert Motivation: Wenn jemand AD(H)S hat, rechtzeitig individuell und intensiv behandelt wird, bei seiner Therapie aktiv mitarbeitet, über einen guten Coach und eine durchschnittliche intellektuelle Ausstattung verfügt, ist er nach einer gewissen Zeit zu der Leistung fähig, die er auch ohne AD(H)S erbringen könnte. Dazu sind Erfolge nötig, denn sie motivieren und sind der Motor einer erfolgreichen Therapie. Das erfordert bei ausgeprägter AD(H)S-Symptomatik in den meisten Fällen eine mehrdimensionale Therapie mit regelmäßiger Einnahme von Methylphenidat.
Die wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches Lernen ist die eigene Mitarbeit. Eine Tabletteneinnahme allein verbessert zu Beginn vielleicht einige Symptome des AD(H)S, reicht auf Dauer jedoch nicht aus. Im Gegenteil, viele vorhandenen, aber im Verborgenen schlummernden Fähigkeiten werden trotz medikamentöser Behandlung ohne eigenes aktives Zutun weiterhin ungenutzt bleiben, wenn eine Verbesserung von Selbstwertgefühl und sozialer Kompetenz nicht angestrebt wird.
Entscheidend für jeden Lernerfolg sind die Motivation, der Fleiß, die Intelligenz, ein förderndes und forderndes soziales Umfeld und richtige Lerntechniken.
Die für ein dauerhaft gelingendes Lernen so notwendige Motivation leidet immer, wenn Lernen nicht erfolgreich ist. Ursache für anhaltende Misserfolge sind beim AD(H)S die Überforderung durch Mangel an Konzentration und Daueraufmerksamkeit, die beide nicht über eine längere Zeit konstant gehalten werden können. Die Betroffenen schalten ab und bekommen so wichtige Informationen nicht mit oder vergessen sie sofort wieder. Monotoner und langweiliger Unterricht (Vorlesungen, Vorträge) sowie wenig interessante Routineaufgaben belasten Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit AD(H)S besonders: Es fällt ihnen schwer, solche Aufgaben zu beginnen und zu beenden.
Wie gelingt das Erledigen von Routineaufgaben besser?
Dafür kann ich einen Trick aus der AD(H)S-Praxis empfehlen, den mehrere Jugendliche unabhängig voneinander für sich entdeckten und wiederholt erfolgreich anwendeten. Einen solchen Tipp anzunehmen, setzt natürlich die Bereitschaft voraus, Neues ernsthaft auszuprobieren und nicht von vornherein als »Unsinn« abzulehnen, was für AD(H)S-bedingtes »Schwarz-Weißdenken« typisch wäre.
Wie funktioniert diese bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit auf eine zu lösende Aufgabe? Das AD(H)S-Kind setzt sich zu einer festgelegten Zeit an den Tisch und schlägt das Buch oder Heft auf. Es liest die ersten Zeilen und beginnt, einen Abschnitt lang immer wieder das gleiche Wort, den gleichen Buchstaben oder ein und dieselbe Zahl mit dem Bleistift durchzustreichen. Das lenkt die Aufmerksamkeit in Richtung der zu erledigenden Aufgabe. Nachdem dieser erste Abschnitt so »bearbeitet« wurde, gelingt es besser, mit der Lösung der eigentlichen Aufgabe zu beginnen und sie auch zu beenden.. Ich habe dieses Vorgehen schon vielen Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern weiterempfohlen und hierauf in aller Regel eine positive Resonanz erhalten. Versuchen Sie es selbst einmal!
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