1 ...6 7 8 10 11 12 ...21 Die Autofahrer, die sich auf diese Weise um den schon üblichen Fuhrlohn geprellt sahen, debattierten lange mit diesem Posten, dieser ließ sich jedoch nicht überreden, auch in seinem Fall, schreibt der Mann, sei es so gewesen, der Posten habe den Chauffeur eines Wagens gezwungen, ihn und noch andere Wartende auf seinen Lastwagen aufsteigen zu lassen. KURZ WAR ABER DIE FREUDE, DENN DER MANN SCHÜTTELTE UNS ALLE BEI KAPELLN AUF OFFENER LANDSTRASSE WIEDER AB. Er sei mit den anderen auf der Landstraße gestanden, auch Kinder seien dabeigewesen, ein Russenauto habe sie schließlich mitgenommen.)
Der Dechant von Poysdorf erzählt, wie in einer stürmischen Nacht im Spätfrühling 1945 an das Tor des Pfarrhauses geschlagen worden sei, wie er erschrokken gelaufen sei, um zu öffnen. (Poysdorf, der an der Grenze gelegene Weinort, sei mit Flüchtlingen überfüllt gewesen. Keine Kammer, kein Winkel, keine Scheune, die nicht mit Flüchtlingen VOLLGESTOPFT gewesen wären.) Draußen sei ein Russe gestanden, eine greise Frau auf dem Rücken. Etwa eine Stunde später sei er noch einmal gekommen, habe eine zweite alte Frau gebracht. Keuchend unter der Last sei er vor dem Tor des Pfarrhauses gestanden, habe nur abgewinkt, als man ihm danken wollte.
ER WAR EIN EINFACHER MANN, schreibt der Pfarrer, ER VERSTAND NICHT, DASS MAN IHM FÜR DIE HILFE DANKEN WOLLTE.
MAN MUSS IMMER DEN EINZELNEN MENSCHEN SEHEN, sagt die Mutter, immer und überall kommt es auf den einzelnen Menschen an.
Ein Eßlöffel Schmalz, ein paar Deka Mehl, ein seidenes Trachtentuch, das mit Zucker gefüllt war, einige Kartoffeln, die Heinrich heimbrachte. Wenn Valerie, nach langem Anstellen, jene Lebensmittel, die in den Zeitungen aufgerufen worden waren, ihre fünf Deka Kaffee-Ersatz, ihr Viertelkilo Brot, ihr winziges Stückchen Butter oder Fett in der Tasche hatte, wenn diese Butter nicht durch KERNFETT ersetzt worden war, dann bedeutete dies einen Anlaß zur Freude. Neunhundert Kalorien pro Tag und Normalverbraucher, das war zum Leben zuwenig, zum Sterben in manchen Fällen nicht zuviel. Kinder und alte Leute fielen auf den Straßen vor Schwäche um, eine ungewöhnlich starke Fliegenplage trug zur Verbreitung der Seuchen bei, in den Spitälern gab es zu wenige Betten, auch die als Notspitäler eingerichteten Baracken und Schulen reichten nicht aus, es gab zu wenige Krankenwagen, einige standen ohne Reifen in Schuppen, die Reifen waren gestohlen worden, neue Reifen waren nicht aufzutreiben. Am 22. August wurde die UNRRA-Hilfe für Österreich beschlossen. Untertänig und herzlich bedankte sich die österreichische Regierung. Schon in normalen Friedenszeiten, schrieben die Zeitungen, sei Österreich außerstande gewesen, sich selbst zu ernähren, geschweige denn nach den Zerstörungen und Verwüstungen des Krieges.
(Fast ein Jahr später, am 23. Juni 1946, würde sich der Bürgermeister der Stadt Wien trotzdem mit dem Hilferuf WIR KÖNNEN NICHT WEITER! an die UNRRA wenden müssen.)
Die Erinnerung hat festgehalten, daß in der kleinen Stadt B., die von Heinrich wiederholt EINE VERTRÄUMTE KLEINE LANDSTADT genannt worden ist, das trotz der vorgeschriebenen Ablieferung in großen Mengen vorhandene Obst, Kirschen, Marillen, Pfirsiche, an Besucher aus der nahen Stadt Wien verschenkt, in vielen Fällen jedoch auch verkauft worden ist. Was den Verkauf von Gänsen angeht, die es, vor allem in den umliegenden Dörfern, immer noch gab, hat die Erinnerung sogar Zahlen anzubieten: hundert bis hundertfünfzig Reichsmark für eine Gans, es kann auch mehr gewesen sein.
Jetzt galten andere Preise.
Ein paar Eier und ein halber Sack Kartoffeln für ein Klavier, sagt Bernhard, in einem burgenländischen Dorf, er sei selbst dabeigewesen, als der Handel vollzogen wurde. Ein STINGL-FLÜGEL, sagt er, und in der Familie des Bauern, der ihn eingehandelt hatte, hätte kein Familienmitglied jemals vorher die Tasten eines Klaviers AUCH NUR VON WEITEM gesehen.
Pelzmäntel für einen Sack Kartoffeln, glücklich, wer Stoffe, Pullover, Strickwesten anzubieten hatte, wem die Bomben während der allerletzten Kriegsmonate nicht noch die Kristallschüssel, die Teekanne aus Meißen, das kostbare Speiseservice zertrümmert hatten. Glücklich, wer noch besaß, was von einigem Wert war, Kleider, Schuhe, Seidenstrümpfe, den Sonntagsanzug des gefallenen Bruders, Ehemannes, die goldene Taschenuhr des Vaters, die eigene Firmungsuhr.
Strafandrohungen, Aufrufe an die Bevölkerung, sich diszipliniert zu verhalten, der Beschluß, Schieber und Schwarzhändler mit astronomischen Geldstrafen, sogar mit Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren zu ahnden, ihre Namen öffentlich in den Zeitungen zu nennen, anzuprangern, Straßenkontrollen. Gegen den furchtbaren, Gesundheit und Leben bedrohenden Hunger nützte dies alles nichts.
Bernhard erzählt Geschichten: Wie sie immer wieder ins Burgenland gefahren sind, der Vater und er, wie sie alles eintauschten, was tauschbar gewesen sei. Einmal sei auch seine Tante Gusti mitgefahren, sie hätten alles mitgenommen, was daheim an entbehrlichen Wollsachen zu finden gewesen sei, sie hätten dafür einen Korb Marillen, Kartoffeln, sogar zwei Gänse eingehandelt. Wie die Tante Gusti auf der Rückfahrt (hundert Kilometer hin, noch einmal hundert zurück!) vor Müdigkeit beinahe vom Fahrrad gefallen sei, wie sie, knapp vor der Stadtgrenze, von einer Polizeistreife angehalten worden seien, wie man ihnen alles wieder weggenommen habe. Die Tante habe nicht aufhören können, vor Zorn und Enttäuschung zu weinen.
Was man für Feuersteine alles bekommen hat.
Wie kostbar eine einzige Rasierklinge gewesen ist.
Und Salz habe es auch keines gegeben.
DER GOLDENE WESTEN, sagten die Leute, wenn sie von den amerikanisch besetzten Bundesländern, vor allem von Oberösterreich, sprachen. Dort gab es zum Beispiel Salz genug, lange Verhandlungen mit den Besatzungsmächten waren nötig, um die Bewilligung zu erhalten, in gewissen Abständen einen SALZZUG nach Wien bringen zu dürfen. Immer wieder wurden die Bauern ermahnt, die landwirtschaftlichen Produkte ordnungsgemäß abzuliefern.
JEDER LITER MILCH MUSS IN DIE MOLKEREI.
Selbst die Kaiserin Maria Theresia wurde zitiert: IN DER PFLICHTERFÜLLUNG LIEGT DAS GLÜCK!
SCHÖNE STARKE EICHEN SIND GEGEN SCHWEINDL EINZUTAUSCHEN, las Valerie in der Lokalzeitung, einem dünnen Blättchen, das in der Hauptsache aus Tauschanzeigen bestand, sie hoffte, unter den eingeschobenen Suchmeldungen den Namen eines ihrer vermißten Angehörigen zu entdecken. GEBE EHEBETTEN FÜR GUTE HERRENSTOFFHOSE, TAUSCHE SPRUNGEBER GEGEN STEIRERWAGERL.
Man bot Wein für Kleeheu, Kinderwagen für Hobelbänke, eine Melkkuh für ein Ackerpferd, das den Pflug über die verwüsteten Felder ziehen konnte. Die Gemeinde Pullendorf suchte ihre während der Kriegshandlungen abhanden gekommene Feuerspritze.
Valerie hatte nichts, was eintauschbar gewesen wäre, in zwei Rucksäcken und einem Koffer hat nichts Überflüssiges Platz, sie besaß keine Schweine oder Ackerpferde, sie brauchte kein Eichenholz. Aber wäre es nicht möglich gewesen, daß jemand, der über den Aufenthaltsort ihrer Tochter, ihres verschollenen Schwagers Richard, über den Fluchtweg anderer naher Verwandter, Bekannter, Freunde Bescheid geben konnte, auf dem Weg über den Annoncenteil einer Zeitung nach ihr und Heinrich suchte? In solchen Zeiten klammert man sich an Strohhalme, sagt die Mutter.
Zur Pflichterfüllung im Sinne Maria Theresias mußte Heinrich nicht ermahnt werden, er tat in jenen Monaten mehr, als seine Pflicht gewesen wäre. Ob das den Leuten, die er betreute, wenn sie ihn brauchten, aufgefallen ist?
Eines Tages gab es für die Bewohner von W. Sonderrationen an Zucker, irgendwo war ein Lagerraum entdeckt worden, man brach ihn auf, der Zucker wurde verteilt. Als Valerie sich auch etwas davon holen wollte, schickte man sie mit der Bemerkung weg, für Flüchtlinge gäbe es nichts. Valerie kam weinend nach Hause.
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